HÄSSLICH UND GEMEIN: DIE SCHEUSSLICHSTEN BERLINER EVER

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Die Tür des Restaurants klappt auf. Drei junge Frauen, behangen mit Goldkettchen und Hermès-Täschchen laufen über das Parkett. Sie rammen ihre nachgemachten Louboutin-Stilettos mit freudvoller Leidenschaft an der Zerstörung in das Holz. Klack. Klack. Klack. Wir sind es, die tollen drei Hübschies, die hier jetzt essen gehen. Bewundert uns bitte. Im Takt der Schritte recken sie ihre Hälse wie gierige Schwäne nach oben zur Decke, als würden von dort Brotkrumen in ihre Schnäbel fallen. Blond, brünett und rothaarig wackeln sie durch das Restaurant – für jeden Geschmack ist etwas dabei in diesem Sortiment aus verstörender Selbstverliebtheit.

Ich sitze mit Petra und Bernd an einem Tisch. Die vorbeiziehende Parfumwolke, dieses Mischmasch aus Flieder und orientalischer Süße, erlebe ich als Nahtoderfahrung. Petra und Bernd rümpfen nur kurz die Nase. Sie sind verständnisvoll. Oder abgestumpft. Vielleicht auch beides.

Und selbstverständlich nehmen Blondie, Black Fury und Feuerlocke am Nachbartisch Platz. Das muss so sein. Ich darf mein Essen nicht genießen. Auf gar keinen Fall. Sofort plappern die drei in einer Lautstärke los, die den entspannten 130 Dezibel eines vorbeirauschenden Düsenflugzeugs entspricht. Ich höre alles. Jedes Wort und jede Silbe. Ich sehne mich nach einem erlösenden Tinnitus, diesem alles übertönenden und friedfertigen Rauschen. Aber da kommt nichts.

In der nächsten Stunde nehme ich Teil an einer Reise durch das Leben von drei ca. 25jährigen jungen Damen, die ganz genau wissen, wie die Welt da draußen funktioniert – aus kichernden Kehlen vorgetragen und in den schrillen Tönen  kreischender Lachmöwen intoniert:

Blondie hat sich von ihrem Freund getrennt, weil er die anvisierten 130.000 Euro jährliches Brutto-Einkommen nicht gepackt hat. Klar. So ein antriebsloser Loser, der im Vertrieb arbeitet. Weg mit ihm. Ganz recht. 130.000 sind das Ziel, und wenn er das nicht liefert, muss eben der Nächste ran. Ist doch wirklich nicht zuviel verlangt.

Feuerlocke wurde beim Friseur am Ohrläppchen geritzt. Sie hat den Ladeninhaber angezeigt und erhofft sich nun einen Batzen Geld. Denen muss man es aber auch mal zeigen, diesen Berliner Aggro-Coiffeuren. Sie modelt ja nebenbei, da ist das berufsgefährdend. Ich betrachte ihre Hinterfront, prüfe beide Ohren auf die erwähnte Scherenattacke – und sehe nichts. Ihrer Erzählung nach müsste die Hälfte ihrer linken Ohrmuschel zerfetzt am Schädel hängen. Aber nein. Nichts. Schade.

Blackie ist die heimliche Chefin am Tisch. Wenn sie spricht,  schweigen ihre Freundinnen mit offenem Mund. Die Brünette hat eine Affäre mit ihrem Professor. Der fährt sie abends immer nach Hause und macht ihr ganz tolle Geschenke. Während ihrer Ausführungen tippt sie auf eine geschmacklose Golduhr am Handgelenk, die so aussieht, als ob man sie beim Chinesen an der Ecke beim Kauf von zehn Wassersuppen gratis dazu bekommt. Wenn ich ihre Ausführungen richtig deute, sieht sie in der Ehefrau ihres Profs nur noch ein verlebtes Frettchen, das kurz vor dem Abschuss steht. Mann muss  abwarten im Leben. Geduld. Irgendwann wird Blackies ergrauter Mäzen sie sicher in eine wirtschaftliche Spitzenposition hieven. Ich kann es kaum erwarten.

Es könnte eine Soap  mit den Dialogen eines müden Autoren sein. Ist es aber nicht. Die drei sind echt – so echt, dass ich gerne Ziegelsteine aus meinem Risotto basteln und sie auf den Nachbartisch werfen möchte. Stattdessen verwandele ich mein Gesicht in eine steinerne Maske. Das muss reichen. Erst mal.

“Was hast du denn?”, fragt mich Petra in ihrer sozialpädagogisch verständnisvollen Art – als ob ein Fünftklässler in kurzen Hosen vor ihr sitzen würde. “Du warst auch mal so jung.”

Nein. War ich nicht. Ich war schon immer wie ein achtzigjähriger, griesgrämiger Höhlenbewohner, der fellbehangen und zornig ins Tageslicht blinzelt. Jedenfalls verfügte ich nie über die charakterlichen Qualitäten einer der drei Damen vom Nachbartisch.

“Ach, die wollen doch nur ein bisschen Spass”, pflichtet ihr Bernd in seiner gewohnt devoten Art bei.

Mag sein. Aber ich gönne den Biestern nun mal kein Vergnügen. Zumindest nicht in meiner Nähe. Es ist Donnerstag und aus nicht nachvollziehbaren Gründen mag ich diesen Tag der Woche noch weniger als seine Freunde Mittwoch  und Freitag – da will ich mich nicht auch noch mit der Erlebniswelt von drei Berliner Rotzgören auseinandersetzen. Wirklich nicht.

Irgendetwas stimmt in dem Restaurant ohnehin nicht. Der Koch beugt sich schon seit zehn Minuten über seine Theke aus gebürstetem Aluminium und beobachtet die drei Damen. Die Augenbrauen unter seiner Kochmütze haben diese buschig-besorgte Schwingung, die man in Erwartung vollendeten Grauens vermuten mag. Auch unsere Kellnerin beobachtet den Nachbartisch. Selbst im Gehen wirft sie Blicke aus zusammengekniffenen Augen in die Damenrunde.

Über dem Restaurant schwebt ein Moment vollendeter Anspannung. Nicht wirklich greifbar, aber doch spürbar, wie eine rabenschwarze Gewitterwolke, die sich gleich über den Köpfen aller Gäste entlädt. Und dann fallen die ersten Tropfen.

Feuerlocke bestellt die Rechnung und beschwert sich auch gleich über das Essen. “Ich habe das Steak well done bestellt. Habe ich extra zweimal gesagt.” Sie tippt auf den nahezu leeren Teller. “Das war nicht mal Medium. Nicht mal das.” 


Beide Nasenlöcher der Kellnerin blähen sich auf.  “Ich werde es weitergeben.”


“Das Essen bezahle ich nicht. Muss ich auch nicht, wenn es nicht schmeckt”, zischelt die Rothaarige.

Die Brünette nickt nur. “War bei mir das gleiche.” Sie stochert mit der Gabel in einem kleinen Rest Fleisch herum. „Ungenießbar.“

“Meine Pasta hat auch nicht geschmeckt”, tönt es aus Blondies Mund. “Weiß der Koch nicht, was al dente ist?”

Die Bedienung starrt auf ihren Notizblock und dreht sich zu dem dürren Mann mit der weißen Haube herum. Der Koch huscht aus seiner Nische hervor und baut sich vor dem Tisch der drei auf: “Und jetzt wollen Sie alle nicht bezahlen, ja?” Er knetet seine Finger. “Stimmt doch, oder?”

Blondie tippt auf die Speisekarte. “Verzeihung. Hier steht, die Speisen müssen nur bei vollster Zufriedenheit bezahlt werden.  Sie machen doch Werbung damit, oder?”


Der Koch fletscht die Zähne. “Wenn Ihnen das Essen nicht schmeckt, warum kommen sie dann hierher?“ Er streckt sein Kinn vor. ”Letzten Freitag haben Sie auch schon nicht bezahlt, weil es angeblich nicht geschmeckt hat.“

Nun bäumt sich die Rothaarige auf. “Werden Sie mal nicht frech. Ich habe mal Jura studiert.  Ich und meine Freundinnen, wir halten uns nur an die Geschäftsbedingungen, die ihr Laden hier selbst formuliert hat.”

Black Fury zeigt ihr Gebiss: “Also kundenfreundlich sind sie ja nicht. Weiter empfehlen werde ich Sie bestimmt nicht.”

Blondie guckt triumphierend in die Runde.  „Ich schlage jetzt mal vor, wir zahlen nur die Getränke.“ Ihre Freundinnen nicken wie einstudiert.

In eisiger Starre steht der Koch vor dem Tisch. In seinem Kopf tobt mit Sicherheit ein Funkenregen der Gewalt. Die Luft um ihn herum wirkt elektrisiert. Ich rechne mit einer Schrei-Attacke.  Mindestens. Und dann … passiert nichts. Er dreht sich in einer erhabenen Geste um und verschwindet in seiner Kochnische. Er hat seine Gegnerinnen  als unwürdig eingestuft, ähnlich den sabbernden Hyänen in der Wüste Tansanias, die  in der Tierwelt von den Löwen nur müde belächelt werden. Dieser Mann ist ein Held in Weiß – es gibt sie noch. Respekt.

„Was dem einfällt …“, trötet Blondie.

„Dem schreibe ich online eine miese Restaurant-Kritik“, zischelt Feuerlocke und zerhackt das letzte Stück Fleisch mit ihren Schneidezähnen.

„Gesetz ist Gesetz. Da kann er nichts machen“ , tönt es aus Blackies Mund.

Und damit ist wirklich alles gesagt.

Die drei Biester verlassen das Restaurant in Hochstimmung und mit klackenden Absätzen. Bevor die Tür hinter ihnen zufällt,  springt mich ein ungeheuerlicher Gedanke aus der hintersten Ecke meines Hirns an:

Was, wenn sie nächste Woche wieder kommen?  Und immer  wieder?  And ever, ever, ever … Wie lange wird der ehrvolle Koch das Spiel aushalten, bevor er es mit einer grausigen Tat auf die erste Seite aller Boulevardblätter schafft?  Wird ihm der Staatsanwalt in seiner flatternden Robe Verständnis entgegenbringen? Und Gott. Was wird Gott tun, wenn der Koch mit seinem blutroten Hackebeilchen vor der Himmelspforte steht und um Einlass begehrt?

Es sind schwerwiegende philosophische Theorien, innerlich aufwühlend und existenziell, als meine gedankliche Parade von Bernd gestört wird.

„Also, in meiner Fanta war auch kaum Sprudel drin …“

Ich werfe ihm meinen jahrzehntelang erprobten Blick des kalten Zorns zu. „Bernd!“

„Ja, ja , ist ja schon gut.“

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36 Antworten zu “HÄSSLICH UND GEMEIN: DIE SCHEUSSLICHSTEN BERLINER EVER

  1. Damit hast du mich jetzt gleich am Morgen sprachlos gemacht. Gibt es solche ‚Biester‘ wirklich – bitte sag „Nein“, und dass das nur deiner grenzenlosen Kreativität/ Phantasie zu zuschreiben ist.

    • Nein, nein …solche Biester gibt es doch nicht wirklich. Sie sind meiner grenzenlosen Kreativität/Phantasie zuzuschreiben. Bitte erfüllt. Wunsch entsprochen. Du wirst dich jetzt besser fühlen. Und daran liegt mir wirklich ganz viel, Martina…;-)) (Vielleicht sollte ich dir einen Trip-Guide für das Berliner Nachtleben zusammenstellen.)

      • Ich danke dir für deine Ehrlichkeit – da schlafe ich jetzt wieder beruhigt heute Nacht besser. 😉
        Danke. Jedoch…ohne jetzt gemein sein zu wollen, aber wenn in Berlin solche Hühner herum laufen, bleib ich lieber im kleinen, feinen Wien.

  2. „Aber können könnte es, Bert!“
    Bin begeistert von der Szenenbeschreibung, die den Vorgang miterleben läßt, als hätte man neben dir am Sozialschwammerl-Tisch gesessen und hätte den langsam aus deinen Ohren kräuselnden Rauchfähnchen beim Steigen zugesehen.

  3. Biester gibt es auf der ganzen Welt.
    Auch in Wien.
    Es ist eine bestimmter Typus Mensch. Aufgrund dieses Typus gehe ich nicht gerne zu Ausstellungseröffnungen, obwohl es ein Teil meiner Arbeit ist. Da findet man noch andere „entzückende“ Typen….

    • Nun, den besten perfiden Trick des Abends, belauscht und gespeichert, habe ich noch gar nicht verraten: Die Masche, wie man in Berliner Nobelrestaurants gratis Champagner erhält. Funktioniert leider nur bei Frauen – aber ich werde den Aufbau an mein Experimental-Labor weitergeben und berichten.

  4. Um es mit Kurtz‘ Worten auszudrücken: „The horror!“ Ich habe danach den restaurant-Sketch von Monty Python gebraucht, um mich wieder halbwegs aufzubauen http://youtu.be/Z9VLwV48OHs

  5. So rein von den Gesetzen kann ein Essen als „zu bezahlen“ verstanden werden, wenn sich aus der Nutzung der Speisen konkludent eine Akzeptanz des Geschmacks ableiten lässt. Wobei sogar das egal ist, wenn man nur genug davon isst. Sie Hälfte gilt da als Grenze ca.
    Wie das mithahnebüchenen Abmachungen auf der Karte ist… weiß ich jetzt nicht;-) genau so klug wie „zahl was du willst“ Läden. Die wird bestimmt auch niemand jemals ausnutzen. Doch nicht in Berlin…

  6. Deine Texte kommen mir immer vor wie Filmsequenzen auf einer großen Leinwand. Supercool geschrieben und einfach furchtbar unterhaltsam!

  7. Das ist ja gruselig! Sowas gibt’s? Dafür gibt es doch Hausverbot. Oder ich würde denen die Reste der anderen Gäste auf die Teller drapieren, dann kommen die auch nicht wieder.

  8. Ich fühlte mit dir beim Lesen. Ehrlich.

  9. Es lässt sich sicher dran arbeiten 🙂

    • Die Idee mit der Karte ist herrlich. Wenn es um das Ruhigstellen von Plappermäulern an Restauranttischen geht, fallen mir nur Mafiamethoden ein – die umfassen Plastiktüten und schwere Stricke…;-) Deine Technik ist zweifelsohne subtiler.

      • schau.. und du hast sogar die Möglichkeit zusätzlich Wörter einzubauen. Die würden dann den Grad deiner Bösheit quasi vehement unterstreichen. Also ein „Einfach mal die hässliche Klappe halten“, oder „Einfach mal die zauberhafte Klappe halten“ beschert dir ganz unterschiedliche Reaktionen 🙂

      • Ganz genau. Adjektive, wir brauchen viel mehr Platz für abscheuliche Adjektive. Ich würde annehmen, mit dieser Idee hast du dein künstlerisches Leben bis zur Rente gesichert. Sehr smart…;-)

      • Glaub mir, wenn es für einen neuen Malkasten reicht, wäre ich erfreut 😀 Haha, aber bei der Adjektiven Findung wäre ich gern dabei ^^ (unter uns, ich bin mit der Weltbestenoberpöblerin befreundet. Sie wird sicher gern unterstützend aushelfen. Im Notfall dann 🙂

      • Die weltbeste Pöblerin ist meine Uraltfreundin Claudine. Deine Anwärterin schafft es höchstens auf Platz zwei. Und mal im Ernst: Einen Malkasten für Fingerfarben gibt es schon ab drei Euro. Den kannst du mit Flaschenpfand bezahlen.

      • Fingerfarben.. pft.. das ist jetzt nicht dein Ernst 😀 Eines Tages wird es ne Pöbelchallange geben. So. 🙂

      • Claudine bereitet sich gerade vor. Sie gurgelt im Bad mit medizinischem Mundwasser. Das macht ihre Zunge besonders spitz und gemein.

      • Ich empfehle mich deiner Claudine und werd meinem Pöbelherzblatt die frohe Botschaft flugs überbringen.

  10. Also, ich werde jetzt noch aufmerksamer als sonst die täglichen Nachrichten aus Berlin verfolgen. Vielleicht erscheint ja dann eines Tages die Schlagzeile, dass ein völlig durchgeknallter Koch drei junge Frauen den Garaus gemacht hat (ich hoffe, er lässt die Schnepfen seeeehr, seeeehr lange leiden)… Huh! Du hast mit deinen Bekannten vielleicht am zukünftigen Ort eines grausigen Verbrechens gespeist!… Wow! :mrgreen:

  11. Da hilft nur Beinchen stellen.

  12. 12. Februar. Erst dachte ich, dass Du ein bisschen relaxen willst, so von all dem … aber fehlgedacht ! Du jagst einem Mörder nach- ich bin gespannt auf September…Ich wünsche Dir viel Resonanz und Hals-und Federbruch.:-)

    • Nun … hier kommt wieder was im Blog. Ich bin am Abarbeiten und Bewältigen … 😉 Und es kommt ja noch viel schlimmer … Lesungen in der Republik … ich klopfe dann an deine Tür. Mehrmals. Zweimal kurz. Einmal lang. Aufmachen!

  13. Lesungen gehören dazu. Und sie bieten genug Input für neue Impulse, weiter zu schreiben. Zuhörer und Käufer werden Dir gewiss sein 🙂

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