Monatsarchiv: Oktober 2013

HAPPY HIPPIE HALLOWEEN

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„Sieht gut aus, was. Ist mal was ganz anderes, oder? Irre, was? „

Bernd steht vor mir. Mit weißgeschminktem Gesicht und rot umrandeten Augen. Über seinem Kopf hat er eine metallische Ritterhaube gezogen und darunter klappert eine Eisenrüstung.

Es sind  Vorbereitungen für die große Halloween Party in irgend so einer Neureichen-Villa, auf die Petra, Claudine, Bernd und ich eingeladen sind. Und wie immer nimmt es Bernd ernst. Sehr, sehr ernst. Selbst wenn er nur eine Mülltüte herunterbringt, erstellt er dafür einen ausführlichen Plan, der alle Eventualitäten berücksichtigt. Man weiß ja nie …

In dem Kostüm-Laden in Prenzlauer Berg ist einiges los. Eine rundliche Blonde läuft mit einem grünen Elfenkostüm zwischen den Ständern lang und zupft immer wieder an ihren spitzen Ohren, die sie sich angepappt hat.  Ihre Pausbäckchen sind vor Aufregung ganz rot. Atemlos betrachtet sie sich im Spiegel. Sie ist bestimmt über fünfzig und sehr zufrieden. Ich zähle etwa sieben Stellen, an denen das Kostüm dramatisch spannt und sich wie vor einer Explosion verzweifelt aufbäumt. Ihr Freund trägt ein Metzgerkostüm mit Blutspritzern und dem Aufdruck The Family Butcher. Er nickt ihr immer wieder aufmunternd zu. Ein tolles Paar.

Und vor mir steht Bernd in seinem absurden Aufzug. Ich piekse ihm mit dem Zeigefinger in seinen Brustpanzer.

„Warum trägst du eine Ritterrüstung und schminkst dir das Gesicht weiß? Was soll das sein?“

„Na, ein Zombie-Ritter.“

„Kapier ich nicht.“

„Na,  ein Zombie in einer Ritterrüstung.“

„Ein Zombie zieht sich keine Rüstung an, nachdem er gebissen wurde. Und außerdem …“  Ich überlege laut und betrachte die tiefen Sorgenfalten auf Bernds Stirn.  „… vorher konnte er ja nicht gebissen werden, weil er die Rüstung anhatte, oder?“

Bernd senkt betreten den Kopf. Das Visier seines Helms klappert laut.  Er zuckt mit den Schultern. „Ist logisch. Mist.“

Er setzt sich scheppernd und mit gebeugtem Oberkörper auf einen Stuhl und überlegt. Wunderbar. Ich habe weder Lust, mir ein Kostüm anzuziehen, und mein Gesicht will ich auch nicht bemalen. Ich bin ein Halloween-Party-Pooper. Ich verderbe den anderen die Stimmung – aber so richtig.

Bernds Freundin Petra tanzt aus der Umkleidekabine. Ja. Genau. Sie tanzt mit Trippelschritten durch den Raum und  hat ein Freddy Krüger Kostüm mit  blutigen Scherenhänden an. Schauspielerisch eine glatte Sechs. Sie  strahlt mich an.

„Schrööööckkklllichhh, was?“

Nein, ist es nicht. Einfach nur doof und peinlich. Und viel schlimmer als das: Völlig unlogisch. Sie hat natürlich nicht mit dem Halloween-Enttarner gerechnet, der in einer dunklen Ecke auf sie gewartet hat. Ich hole tief Luft.

„Erstens: Freddy Krüger ist ein Mann.  Verstehst du ?  Er hat keine Brüste.  Nichts da.  Und zweitens … “  Ich lasse mir betont viel Zeit und genieße den tieftraurigen Zug, der um ihre Augen liegt.  „Und zweitens ist er ein Schlitzer, der seine Opfer nachts in ihren Träumen überfällt. Er tanzt nicht leichtfüßig hin und her. Freddy ist kein alberner Rumhopser.“

Bernd klappert aus seiner Ecke. „Da hat er recht. Das passt nicht.  Passt gar nicht“, und dabei freut er sich so richtig, dass er nicht der einzige Loser im Raum ist.

„Mann, du kannst einem alles verderben. Ich gehe trotzdem als Miss Freddy Krüger, so“,  Petra stapft mit dem Fuß wie ein fünfjähriges Kleinkind auf und dabei klirren ihre Scherenhände im Takt.

„Mach doch.  Mach doch. Aber es passt nicht, und unsexy ist es auch noch. Ich habe es dir vorher gesagt …  Du warst gewarnt.“

Klasse. Schon zwei Halloweenies erledigt. Fehlt nur noch Caudine. Und dann sehe ich sie. Es macht mich sprachlos. Es ist absurd. Komplett daneben. Eine Frechheit.

Sie ist barfuß, hat Blumen im Haar und trägt ein knalliges Hippiekostüm mit Stirnband. Sie strahlt über das ganze Gesicht. Woodstock im Horror-Shop. Das passt mir gar nicht. Sie streckt vor dem Spiegel die Arme aus, als würde sie im Scheinwerferlicht vor einem Millionenpublikum auftreten.

„Ist das nicht toll? Ganz groß ist das. Das wollt ich immer schon mal anziehen. Mann … so schön …“

„Wir gehen auf eine Halloweenparty, nicht auf einen Kindergeburtstag. Was ist jetzt an deinem Outfit gruselig, wenn ich mal fragen darf?“

Sie betrachtet sich im Spiegel. „Weiß nicht. Ich find es einfach schön.“

„Ganz klar, das Thema verfehlt. Das ist so, als ob ein Schüler eine Klassenarbeit über die Folgen des zweiten Weltkriegs schreiben soll und dann eine Arbeit über gesellschaftliche Strukturen in Entenhausen abliefert. Verstehst du? Thema verfehlt. „

Sie richtet die Blumen in ihrem Haar und lächelt sich sebst zu. „Was sollte ich denn sonst nehmen? Es muss ja auch ein bisschen zu meinem Charakter passen, oder?“

„Ich empfehle dir das Bluthexenkostüm auf Ständer drei, oder vielleicht die Verkleidung als Mörderpuppe.  Damit liegst du eher richtig.“

Sie wirft mir eine Plastikblume ins Gesicht und dreht sich eingeschnappt weg. Na also. Nummer drei auch erledigt. Ich betrachte die Früchte meines zähen Kampfes. Herrlich. Schachmatt, Herrschaften. Das Spiel ist aus. Es geht mir richtig gut, aber Miss Freddy Krüger lässt einfach nicht locker.

„Setz dich mal da drüben hin“ , zischelt sie und klirrt mit den Scherenhänden. Sie zeigt in eine Ecke, in der ein unrasierter Kerl in einem Werwolfkostüm sitzt. „Jetzt suchen wir dir mal was raus.“

Als ich Platz nehme, murmelt mir der Mann im Wolfkostüm zu: „Voll Scheiße, wa?  Jedet Jahr der gleiche Mist. Ick hab so richtich die Schnauze voll davon.“

„Dann lass es doch einfach.“

Er blickt mich mit großen Augen an. „Wie denn? Dit da drüben is meene Freundin.“ Er zeigt auf eine kleine Frau, die in einem Teufelin-Kostüm mit schwarzen Schwingen durch die Ständer huscht. „Hab echt keenen Bock uff  Stress mit der.  Ick bin eijentlich Busfahrer.“

Na und, hätte ich fast ausgerufen. Als ob ein Berliner Busfahrer die höchste moralische Instanz in Deutschland wäre, den man auf gar keinen Fall in ein Werwolfkostüm stecken darf.  Er streicht mit der Hand traurig über sein Fell, und ich schlucke meinen Kommentar herunter. Wir sind verzweifelte Brüder. Da lernt man, sich gegenseitig zu respektieren.

Claudine, Petra und Bernd sind zurück. Jeder hat ein Kostüm über den Arm. Claudine streckt mir einen schmutzig-braunen Lappen entgegen.

„Ist eine Moorleichen-Verkleidung. Ich wollt schon erst das Zwangsjacken-Kostüm nehmen … aber das ist auch in Ordnung.“

„Oder willst du lieber den Zombie-Matrosen?“ Petra wedelt mit einem gestreiften Stofffetzen hin und her. Es ist zum Heulen. Dann tritt Bernd einen Schritt vor.

„Ich dachte, das würde dir vielleicht gefallen …“

Es ist ein schwarzes Gummikostüm. Dann sehe ich die goldene Gürtelschnalle und die Maske. Mein Herz macht einen Riesensprung.

„Ist das … ist das etwa … ?“

Ja. Es ist ein Diabolik-Kostüm. Der König der Verbrecher. Der coolste Kriminelle ever. Diabolik –  der Traum meiner Kindheit. Wow. Ich bin gerührt.  Fast hätte ich Bernd umarmt. Ich brauche gefühlte dreißig Minuten um das Kostüm anzuziehen. Es sitzt so eng, dass man seinen Körper vorher mit Butter einreiben müsste. Gehen kann ich darin eigentlich nicht. Es knirscht bei jedem Schritt, und das Gummi über dem Mund ist auch unerträglich.  Ich bekomme praktisch keine Luft. Aber egal.  Damen und Herren: Hier kommt Diabolik.

Als ich vor die Umkleidekabine trete, nickt mir Bernd zu und streckt beide Daumen nach oben.

Claudine zuckt nur mit den Schultern.  „Sieht aus wie ein Tauchanzug.“

„Oder wie ein Fahrradschlauch …“, platzt es aus Petra heraus. „Aber wenigstens kann er mit dem Gummi über dem Mund nicht richtig sprechen. Da haben wir alle was von.“

Mir egal. Ich finde es super. Beim Herausgehen begegnet mir noch einmal der Busfahrer-Werwolf. Er hält zwei Plastiktüten in der Hand und sieht todunglücklich aus.

„Jetz hat mir meene Freundin ooch noch  dit Kostüm fürt nächste Jahr jekooft. Da bin ick `n  Horror-Harlekin.  Ick flipp noch aus.  Richtich Scheiße, wa?“

Das kann man wohl sagen.

Happy Halloween.

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WIE MAN EINE HÜBSCHE WOHNUNG BEKOMMT …

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Die Schlange vor mir ist mindestens achtzig Meter lang. Alle stehen an:  Das Paar aus Bamberg (sie mit echtem Biberpelz, er mit grünem Filzhut), die zwei Studenten, die sich hastig die Nasenringe aus den Löchern ziehen und die Dame aus Frankfurt, deren Stirn so unnatürlich glatt ist, dass sie wahrscheinlich irgendwo auf ihrem Rücken einen Botox-Tank verbirgt – zum minütlichen Nachsprühen.

So sieht eine ganz normale Wohnungsbesichtigung an einem herbstlichen Tag in Prenzlauer Berg aus. Ein bisschen wie ein Faschingsumzug – nur in Ernst.

Und neben mir steht Claudine in ihren High Heels, aufgetusst, als wolle sie im Blitzlichtgewitter über einen roten Läufer stelzen und dabei Handküsse ins Publikum werfen. Wir erreichen das Treppenhaus. Ich bin genervt.

„Ich habe auf so was keine Lust. Warum muss ich mitkommen, wenn du eine Wohnung suchst.“

„Damit wir als Paar ohne Kinder auftreten können. Double income – no kids. Da weinen die Makler vor Glück, kannst du mir glauben“,  flüstert sie mir zu und guckt dabei über ihre Schulter, „die Studenten hier haben wir damit schon mal ausgeschaltet. Das wird ein harter Fight. Und sei bloß charmant, wenn der Makler kommt, hörst du?“

Missbraucht, gedemütigt und wie ein Tanzbär am Nasenring in die Arena der Wohnungssuchenden gezerrt. Es ist ein Albtraum. Claudine ist meine älteste Freundin, aber als sie auch noch mein Sakko gerade zieht, ihren Finger bespeichelt und mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht zerrt und irgendwo anpappt, spüre ich einen Hauch archaischer Wildheit  in mir aufsteigen. Nur ein Hauch – aber er ist da.

Ich betrachte die Frankfurterin in ihrem blauen Kostüm. Das wird nicht leicht. „Darf ich mal fragen, wie du das Botox-Biest besiegen willst? Ihre Schuhe sind bestimmt noch ein paar Zentimeter höher als deine.  B.B. ist auch kein Dummerchen.“

Claudine schaut ihre Kontrahentin mit dem Ausdruck höchster Missbilligung an. „Ich bin aber bestimmt fünf Jahre jünger. Mindestens …“ , und dabei gibt sie sich nicht mal die Mühe, leise zu sprechen. Sicher ein psychologischer Trick, um den Gegner zu zermürben.

B.B. dreht sich um und blickt Claudine ins Gesicht. Die beiden mustern sich mit stahlharten Augen. Die Falten zwischen Claudines Augenbrauen vertiefen sich. Sie sieht gefährlich aus. Das Frankfurter Früchtchen möchte vielleicht mitrunzeln, aber es geht ja nicht. Dafür zieht sie einen Lippenstift aus der Tasche  und bepinselt sich mit einem blutigen Rot die Lippen. Claudine zieht nach, aber ihr Lippenstift ist einen Touch heller. Ich würde sagen, unentschieden.

Wir erreichen die Wohnung. In kleinen Gruppen beginnt der Rundgang. Der Makler stellt sich vor. Er ist mir unsympathisch. Es ist so ein Typ, der mal eben zum Spielen eine halbe Stunde lang mit seinen Haifischen durch das Becken planscht. Sein blondiertes, flattriges  Haar hat er sich zum Mittelscheitel frisiert, ein bisschen wie Howard Carpendale – aber der ist entschieden cooler. Seine burgunderrote Krawatte quält sich über das blaue Hemd, und die Schuhe haben den Touch von Ballerinas. Man möchte ihn wie eine mexikanische Boxbirne bearbeiten. Vorbeugend sozusagen. Aber ich darf ja nicht.

B.B. lächelt ihn mit ihren prachtvollen Zähnen an, schüttelt seine Hand, und dabei untermalen ihre zahlreichen klappernden 24 Karat-Goldreifen die außerordentliche Symphonie des Heuchelns. Claudine greift in ihre Handtasche und holt einen Schlüsselbund hervor. Ein Porsche-Enblem baumelt zwischen den silbrig-grauen Schlüsseln.

„Was soll das denn? Du fährst einen zwölf Jahre alten Golf. Wo hast du den Anhänger  überhaupt her?“

„E-Bay. Drei Euro. Stör mich jetzt nicht.“ Sie stakst auf den Makler zu. Fast hätte ich applaudiert: Ihr Auftritt  gleicht in seiner Eleganz  einer Marlene Dietrich garniert mit der rotzfrechen Attitüde einer  Miley Cyrus.  Ich hätte nicht gedacht, dass ein solcher Mix möglich ist – aber da ist er. Direkt vor mir.

Während die anderen Interessenten die Wohnung begutachten, bearbeiten die beiden, B.B. auf der rechten, Claudine auf der linken Seite, den Makler. Es wird gescherzt, gelacht – mit allen Mitteln um die Bude gebuhlt.

Ich muss mich abwenden. Es geht nicht anders.

Bei meinem Rundgang durch die Drei-Zimmerwohnung fällt mir ein riesiger gelber Wasserfleck an der Decke auf. Er erinnert mich in seiner  Form an die Umrisse Italiens.  Die undichten Fenster dürften den mediterranen Touch unterstreichen, und nahezu nahtlos reiht sich das bröcklige Mauerwerk in das naturbelassene Toskana-Feeling ein. Ein Traum für  nur 1400,- Euro warm.

Da drüben, in der Maklerecke,  bahnt sich wohl auch eine Entscheidung an. Claudines enttäuschte Züge entgehen mir nicht, während B.B. strahlt. Es ist ein sattes, selbstzufriedenes Lächeln, wie es nur der Sieger nach einem Boxkampf zustande bringen würde. Claudine tritt neben mir in den Türrahmen.

„Stell dir mal vor, die will sechs Monatskautionen bezahlen und auch noch die gesamte Instandsetzung . Und noch was drauf auf die Maklerprovision. Mist.“

„Und dann noch die höheren High Heels“, fast hätte ich laut gelacht.

„Der Kerl hat mir auch noch seine Karte mit  so einem dreckigen Vielleicht-sieht-man-sich mal-Zwinkern gegeben.“

Die Rostbraune Karte mit den verschnörkelten Buchstaben liegt in ihrer ausgestreckten Hand. Sie betrachtet sie und für einen Moment habe ich das Gefühl, dass jemand in ihrem Kopf eine Lampe anschaltet.

„Moment mal“, flüstert sie und kramt aus ihrer Tasche das Handy hervor und prüft etwas – und zehn Sekunden später „Aha.“

Sie marschiert auf den Makler zu, diesmal aber eher im militärischen Stechschritt. Bye bye, Marlene, Ciao Miley.  Ich höre aus der Entfernung nur ein, „darf ich Sie noch mal kurz persönlich sprechen?“, dann verschwindet sie im Nebenraum mit dem Herrn.

Nach fünf Minuten geht die Tür wieder auf.

Claudine ist euphorisch. Im Hintergrund steht der Makler mit knallrotem Kopf. Die Krawatte baumelt unlustig über seinem Bauch. Mit herrisch ausgestrecktem Kinn läuft Claudine am Botox-Biest vorbei und wirft ihr von der Seite ihren jahrelang erprobten Blick fürs Fußvolk zu.

„So, das hätten wir geklärt.“

Als wir im Treppenhaus stehen,  platze ich fast vor Neugierde. „Was denn? Na, sag schon. Ich will es wissen. Raus damit. Los, los ….“

„Der Typ ist kein echter Makler. Der tut nur so. Dem gehört die Wohnung. Der wollte nur die Maklerprovision einstreichen. Das ist in Deutschland strafbar.“

Sie steht drei Stufen über mir und blickt auf mich wie ein Winzwürmchen herab. „Habe ich vor zwei Tagen recherchiert. Ich versuch doch immer direkt an den Eigentümer ranzukommen. Warum soll ich ein paar Tausend Euro Provision dafür bezahlen, dass mir jemand nur die Tür aufschließt?  Und der Name und die Telefonnummer auf der Karte sind identisch . Nein, nein … so nicht… Soooo nicht …“

„Und nun?“

„Der ruft mich nächste Woche an.“

„Du willst die Wohnung? Und diesen blassen Molch als Vermieter?“

„Neihhheeeinnn. Will ich nicht.“ Sie tritt ganz nah an mich heran. Ich spüre ihren Atem in meinem Gesicht. „Aber diese Tussi aus Frankfurt darf die Wohnung auch nicht bekommen. Auf gar keinen Fall. Verstehst du? Darum geht es doch.“

Das habe ich verstanden. Während sich Männer bei Meinungsverschiedenheiten in ehrliche Kneipenprügeleien begeben und sich die Fäuste ins Gesicht schlagen, wird hier ein ausgebufftes Netz der Intrige gesponnen, um den weiblichen Gegner hinterrücks zu erlegen. Erstaunlich.

Als wir vor das Haus treten, atmet Claudine ganz tief ein.

„Ist ein schöner Herbsttag, was?“

Sie stakst durch die Straßen und spießt mit ihren Absätzen die harmlosen gold-gelben Blätter auf dem Kopfsteinpflaster auf – und der Oktoberwind umsäuselt voller Ehrfurcht ihr wehendes Haar.

VERRAT AN DER TIEFKÜHLTRUHE

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Ich gebe es zu. Vieles lässt mich kalt:  Beinlose Bettler, wimmernde Waisenkinder, humpelnde Hunde –  damit muss mir keiner kommen. Aber bei alten Leuten in Not zieht sich mir der Magen zusammen. Keine Ahnung, warum. Und ausgerechnet heute begegnet mir diese Greisin in meinem  Supermarkt.

Sie ist klein. So klein, dass sie sich fast an der Tiefkühltruhe vor ihr wie in einer Turnübung hochziehen muss.  Die Brille rutscht ihr immer wieder über die Nase. Und dabei will sie doch nur an die Fischstäbchen ran, von fiesen Supermarktmitarbeitern fein säuberlich in der letzten Reihe aufgestapelt.  Es war sicher eine Anweisung des Chefs. Fischstäbchen für Berliner Rentner? Brauchen die nicht. Die sollen doch trockenes Brot futtern.  Sind das doch aus`m Krieg gewohnt.

Nein, diese Oma hier hat keine Chance. Ihre Muskeln sind sicher vom vielen Rollatorfahren ganz aufgeweicht. Ich muss eingreifen. Die Fischstäbchen geangelt und der alten Dame überreicht. Ihre knochigen Hände zittern, als sie die Packung schnappt und sie sich wie ein Kleinkind gegen die Brust presst.

„Danke, das ist sehr freundlich. Vielen Dank, das hätte ich nie alleine geschafft.“

Erst jetzt fällt mir der violett-rote Stich in ihrem grauen Haar auf, wie sie bösartige Friseure gerne halbblinden Seniorinnen verpassen. Auf ihrem Kopf sieht es aus wie nach einer Malstunde für Erstklässler. Altwerden ist wirklich eine unangenehme Angelegenheit.

Eine Mitarbeiterin des Supermarktes nickt uns zu. Sie rauscht in ihrem roten Kittel vorbei und verschwindet in der Wurstabteilung.

„Sagen Sie mal“, frage ich die Seniorin an meiner Seite, „warum haben Sie die denn nicht um Hilfe gebeten?

Die Alte beugt sich ein Stück vor und kneift die Lippen zusammen. „Die? Ach, die doch nicht. Um Gotteswillen. Die hat zwei Jahre da hinten in der Flaschenannahme gearbeitet. Und wissen Sie, was die gemacht hat?“

Keine Ahnung. Vielleicht hat sie Wasser in die leeren Flaschen gefüllt und mit einem Löffelchen drauf rumgeschlagen. Ich weiß es wirklich nicht. Die Alte beugt sich noch ein Stückchen vor.

„Geklaut hat die, wie ein Rabe. Das Flaschenpfand hat sie sich schön in die eigene Tasche gesteckt. Und dann ist sie immer mit schicken neuen Klamotten hier rumgelaufen, bis es rauskam.“

„Warum ist sie nicht geflogen?“

„Na, weil die Bande hier zusammenhält. Die hat schön auf Mitleid gemacht, von wegen ihrer Kinder, und dann haben sie die in die Wurstabteilung versetzt, weil sie da nichts mit Geld zu tun hat.“

Ich blicke den Gang hinab. Das Gesicht mit der weißen Haube zwischen all den baumelnden Würsten wirkt eigentlich harmlos. Aber das könnte ihr Trick sein. Womöglich ist sie nun von Kleingeld auf Wurstzipfel umgestiegen, die sie sich kurz vor Schichtende in die Taschen ihrer Jeans klemmt. Die Fingerspitzen leckt sie sich bestimmt ab. Man will ja keine Spuren hinterlassen.

„Und die da hinten ist noch schlimmer.“ Die Alte zeigt nach hinten zu Kasse Nummer drei. Eine dickliche Vierzigjährige mit knallroten Lippen sitzt da am Laufband. „Die quatscht die Kerle hier immer an. Die angelt die sich hier richtig weg, und dann sitzt sie mit den Typen nach der Arbeit beim Italiener nebenan. Und ich muss Ihnen ja nicht sagen, was dann danach passiert, oder? Das wissen sie doch,  ja?“ 

Ich ahne es. Bilder von ekstatischen Verkäuferinnen mit zerrissenen roten Supermarktkitteln flimmern durch mein Hirn. Irgendwie muss ich die da wieder rausbekommen,  aber die Zunge der Alten ist wie eine geladene, scharfe Waffe, aus der immer neue Enthüllungen abgefeuert werden.

„Und einmal, da ist die viel zu weit gegangen. Da musste sie abtreiben lassen. Da hat sie hier die den ganzen Tag heulend gesessen. Aber das war die Strafe. So was macht man ja auch nicht, oder?“, und noch einmal mit Nachdruck, „oder?“

Ich schüttel den Kopf fast wie automatisch.  „Warum gehen Sie denn nicht in einen anderen Supermarkt?“

Sie lacht auf, schrill und laut – und gar nicht omahaft. „Na, jetzt wo ich hier meine Pappenheimer kenne? Nee, nee, nee … In seinem Revier muss man sich immer auskennen. Da muss man gewappnet sein. Ist besser so.“ Dann wackelt sie den Gang hinab in Richtung Waschpulver.

Tolle Enthüllungen.

Ich habe mir erst mal Hundert Gramm Salami an der Wursttheke bestellt. Nicht, weil ich Appetit darauf habe, sondern weil ich mir die Flaschenpfand-Gaunerin noch mal genauer anschauen wollte. Es hat einen gewissen Kitzel, etwas aus dem Leben eines Menschen zu wissen, wenn der nicht ahnt,  dass sein schrecklichstes Geheimnis längst in Umlauf ist. Natürlich habe ich auch überprüft, ob sie beim Abwiegen den Finger auf die Waage legt. Nur so. Sicher ist Sicher.

Zum Bezahlen geht es natürlich an Kasse Nummer drei – wo ich schon mal so richtig in Stimmung bin. Vielleicht habe ich es mir eingebildet, aber hat mir die dicke Kassiererin mit ihren zugespitzten Lippen nicht eben zugezwinkert? Hat sie bestimmt. Das bilde ich mir doch nicht ein. So ein Biest.

Als ich meine Tüten einpacke, bemerke ich die Alte noch einmal. Sie steht in der Blumenecke hinter einem Holzgerüst, vertieft in ein Gespräch mit dem kahlköpfigen Händler. Sie besäuselt ihn mit ihren Familiengeschichten und irgendwann sagt der: „Ich habe vorhin schon gedacht, dass das ihr Enkelsohn war, mit dem sie sich da unterhalten haben.“

„Was? Der? Nee, nee … Haben Sie gesehen was der für abgewetzte Schuhe anhatte? So was trägt mein Enkelsohn doch nicht. Und das Hemd war auch zu weit aufgeknöpft. Viel zu weit. Da konnt man ja schon das Brusthaar sehen. So läuft man doch nicht rum.“

„Vielleicht hat er gedacht, dass er Burt Reynolds ist“, lacht der Blumenhändler und legt den Kopf so weit in den Nacken, dass ich vier fleischige Ringe an seinem Hals zählen kann.

Ich blicke auf meine Schuhe hinab. Das ist ein verdammter Vintage-Style, hätte ich am liebsten in die Blumenecke gerufen. Das trägt man heute so.  Und Burt Reynolds, nun … so übel fand ich ihn gar nicht. Gut, der Schnauzer war schon etwas übertrieben und als er sich dann in späteren Jahren auch noch ein rabenschwarzes Toupet auf den Kopf gepappt hat, war es aus mit dem Zauber.

Die Einkaufstüten liegen wie Kanonenkugeln in meinen Händen, als ich an der verräterischen Alten vorbeiziehe.  Aber ich bin viel zu beleidigt, um sie abzufeuern. Sie winkt mir noch einmal zu und setzt ihr bestes Greisinnen-Lächeln auf, so, als wolle sie mir hinterherrufen:  Freundchen, ein Supermarkt ist ein Kriegsgebiet – und hier überleben nur die Besten. Ab nach Hause mit dir.

Ich gehe – aber ich werde wiedergekommen. Die Schlacht hat eben erst begonnen.

Als ich draußen auf der Straße bin, schließe ich den obersten Knopf meines Hemdes. Man sollte es seinem Gegner nie zu leicht machen.

Grundsätzlich nicht.