Monatsarchiv: Juli 2013

MACH MAL LIEBE IM SCHLEUDERGANG

Waschmaschine

Riesengroß ist er. Prall gefüllt. Ein wandelnder Stoffhaufen.

Der Typ vor mir trägt einen gewaltigen Wäschesack über der Schulter, wie ein goldgieriger, wahnwitziger Zwerg, der gerade in einem Stollen alle Schätze geplündert hat. Im Vorbeigehen sehe ich, dass es Hartmut ist. Ich habe ihn seit ein paar Wochen nicht mehr gesehen. Er ist leichenblass. Und verschwitzt. Er beglotzt mich aus traumatisierten  Augen.

„Na, Alter?“, sagt er erschöpft.

Ich hasse es, wenn man mich so begrüßt. Es ist eine widerliche 80´er Jahre Formel für pseudo-coole Kids mit Kippe im Mund. Hartmut hat Physik studiert. Er sieht auch genauso aus. Eben wie ein ewiger Physikstudent. Er ist lang. So lang, dass sein Oberkörper  wie ein widernatürlich in die Länge gezerrtes Stück Kaugummi wirkt. Spindeldürre Armen klappern aus seinem verwaschenen Superman-T-Shirt.

„Bin auf´em Weg in den Waschsalon. Lena hat mit mir Schluss gemacht. Letzte Nacht…“

Lena ist fort. So, so. Sie war ja auch viel zu hübsch für Hartmut, den Nerd. Klar, dass das nicht hält, würden jetzt die meisten sagen. Ich auch. Aber ich behalte es für mich.

„Willste mitkommen? Könnt jetzt jemand zum Quatschen gebrauchen…“

Ich habe gerade noch ein Ein-Euro-Stück in meiner rechten Hosentasche gefunden, das ich in ein sanft-schmelziges Vanille-Eis investieren wollte. Dann eben nicht. Statt Eis Waschsalon. Toll.

Es ist leer da drinnen. Bis auf Paule. Eigentlich liegt  unser Kiez-Obdachloser lieber im Vorraum der Bank. Da wirkt er auch würdevoller. Heute also im Waschsalon.  Er schnarcht still vor sich hin. Hartmut packt seine Bettwäsche in eine Waschmaschine und feuert die rotierende Trommel mit geballten Fäusten an.

„Ja, genau… alles muss raus da… alles raus…“, brummelt er vor sich hin, „ich will nicht, dass die Bettwäsche nach ihr riecht. Ich will den Geruch da raus haben. Der muss da weg“, er blickt mich traurig an, „ist besser so.“

Erschöpft lässt er sich auf die Bank fallen, entzündet mit der größten Selbstverständlichleit ein monströses Haschisch-Hörnchen und pustet den Rauch in die Luft.

„Auch mal?“,  Hartmut hält mir die Riesentüte unter die Nase.

„Nein. Danke.“ Eine Tüte Eis wär mir lieber.

Hartmut drückt das Rückgrat durch und trommelt auf seinen dünnen Ärmchen herum. Seine Stimme zittert.

„Gemeckert hat sie die ganze Zeit. Weil ich nur vorm Computer hänge. Meine Lieblings- T-Shirts hat sie weggeworfen. Und meine Action Figuren. Die hab ich seit zwanzig Jahren gesammelt. Aber jetzt ist sie zu weit gegangen .“

„Was hat sie gemacht?“

„Das ist unfassbar, echt.“

„Na, was denn nun?“

„Die hat meine  Spider-Man Statur  in alle Einzelteile zerlegt. Wie eine Irre. Den Kopf hat sie abgerissen.  Und die Arme. Und dann hat sie Schluss gemacht. Weil ich zu kindisch bin, sagt sie. „

Hartmut wackelt mit seinen großen Zehen in den Sandalen herum.

„Ich bin fertig mit der. Fertig.“

Ich lege ihm einen Arm auf die Schulter. Ich bin tief betroffen.

„Konntest du Spider-Man denn nicht mehr zusammenkleben?“

„Na, wie denn? Die hat die Teile auf alle Mülltonnen verteilt. So ein raffiniertes Biest. So war sie schon immer. Und immer diese Meckereien. Kennst du das nicht? Meckern. Meckern. Meckern.“

„Doch. Schon. Von einer Ex-Freundin.“

„Und was hast du gemacht?“

„Wenn es schlimm war, habe ich ihr eine Schlaftablette in den Tee gemacht.“

Hartmut guckt mich erschrocken an.

„Echt?“

„Klar.“

„Das wirkt?“

„Natürlich.“

„Genial.“

Tatsächlich war dies ein besonderer Fall. Ich erkläre ihn gerne vor dem Hohen Blogger-Gericht. Meine damalige Freundin war erklärte Veganerin, die schon beim Anblick eines Teewurstzipfels in meiner Küche von hysterischen Anfällen durchschüttelt wurde und meine Zigarillos in der Mitte mit einer Schere durchschnitt. Es war der pure Furien-Terror.  Nach dem Verzehr meines Baldrianbomben-Spezialtees aber erstickte ihre schrille Stimme in einem wohligen und vor allem müden Blubbern.  Selbstverteidung. Nicht weniger.  In der kleinen Apotheke an der Ecke war ich jedenfalls ein gern gesehener Kunde. Hilft Hartmut jetzt aber auch nicht. Er legt den Kopf in den Nacken und lacht sein blechernes Physikstudent-Lachen.

„Eigentlich… ist  das jetzt gar nicht so schlecht… dann mach ich eben wieder, was ich will. Genau…“, nickt er sich selbst zu.

Wir starren beide in die rotierende Trommel. Das Brummen der Maschine vermengt sich mit Paules Röcheln. Die Haschischdämpfe steigen in meine Nase. Mir wird schwindelig.  Alles ist auf einmal irgendwie komisch und bunt. Vielleicht sehe ich die Frau am Fenster des Waschsalons deswegen auch so spät. Sie starrt mit riesigen Augen durch das Glas und geht zur Tür. Es ist Lena. Sie sagt nur ein Wort.

„Hartmut…“

Mehr nicht. Aber es reicht. Hartmut zuckt zusammen, steht  wie ein ferngesteuerter Untoter auf, und einen Moment später liegen sie sich in den Armen und küssen sich. Als sie gehen, lächelt mir Hartmut zu. Mit den Schultern zuckt er dabei noch einmal, als wolle er sich bei mir entschuldigen.

So einfach ist das manchmal.

Schade, dass es draußen nicht regnet. Es hätte zu dieser Szene gepasst. Stattdessen dringt von irgendwo da unten eine Stimme an mein Ohr.

„Maaannnn… endlich isser weg… das Gequatsche ging mir voll auf ´n  Zeiger …“, Paule rollt sich über den Boden. Müde Augen blinzeln umher.

„Du, Paul, kannst du ein bisschen auf die Wäsche aufpassen?“

„Sicher doch. Macht aber ´nen Euro, Meister“, brummelt er.

Ich lege ihm die Münze in die ausgestreckte, schwarze Kralle. Mist. Da gehen meine Träume vom Vanille-Eis endgültig dahin. Paule gluckst zufrieden.

„Danke. Und noch wat,  ick war zwanzich Jahre verheiratet, so ´ne Faxen wie bei euch jabs bei uns nich…mein ja nur…“

Nein. Wahrscheinlich gab es die nicht. Aber schön ist die Geschichte von Lena und Hartmut trotzdem.

Oder?

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DIE BÖSE, BÖSE CURRYWURST

Foto-12

„Da. Da drüben ist eine. Genau dieeeee… da will ich eine haben. Genau da…“

Claudine durchsticht mit ihren Händen aufgeregt die Luft. Die Finger klappen  scherenartig auf und zu, so aufgeregt ist sie. Sie fixiert die Würstchenbude neben der S-Bahn wie ein hungriger Gepard in der Steppe von Namibia. Und genauso schnell läuft sie auch über die Straße.

Man muss es verstehen.

Wenn sich Claudine eine kalorienträchtige Currywurst gönnt, isst sie den ganzen Tag nichts mehr. Es ist eines ihrer vielen Rituale. In der Regel trainiert sie sich mit ihren Hanteln die fettige Wurst noch am selben Tag ab. Eine Sünde, für die sich stundenlang geißelt. Deswegen muss die Wurst auch besonders gut sein. Wer quält sich schon für ein durchschnittliches Würstchen?

Heute geht die Angelegenheit schief. Aber so richtig.

Nur, Claudine weiß es noch nicht.

Aber gleich.

„Mit Darm, scharfer Soße und keine Mayo bitte“, haucht sie mit Heißhunger über die Glastheke der Bude.

Die dicke Wurstverkäuferin patscht einen Moment später alles in die Pappschale. Ihre Oberarme sprengen fast die Nähte ihrer Schürze. Sie wirkt auf mich wie ein gastronomisches Michelin-Männchen. Ihre Sauerkrautfrisur, ihr angeschlagener Schneidezahn und ihre rabenschwarzen Fingernägel, unter denen sich das Elend der Jahrzehnte angesammelt hat, machen sie zu einem formvollendeten Bildnis meiner Albträume.

„Woll´n se auch eene?“, schnauzt sie mich an.

„Nein. Danke.“

„Wat steh´n se denn dann in der Schlange?“

„Wieso Schlange? Ich stehe nur neben meiner Freundin.“

„Für mich sind zwee Leute ´ne Schlange. Also keene Wurst, nee?“

„Nein.“

Claudine kriegt von der Unterhaltung nichts mit. Der Plastikspieß mit den Wurstbrocken wandert so schnell in ihren Mund, dass alle anderen Sinnesorgane praktisch ausgeschaltet sind. Wie in Trance läuft sie über die Straße.

Noch drei Schritte. Noch zwei. Und jetzt passiert es.

„Auuuuuu…. uhhh….was isch dasch denn? Ahhhh…“

Mit zwei Fingern angelt sie in ihrem Mund herum. Anklagend hält sie mir einen Weißen Brocken vor die Nase.

„Ist das… eine Plombe…?“, frage ich.

Sie nickt und angelt weiter. Erfolglos. Aber ich sehe es. Zwischen ihren Zähnen klemmt etwas Metallisches.

„Und das ist eine… Schraube???“, flüstere ich.

Das Ding sieht aus, wie frisch aus dem Handwerkskasten. Es hat wirklich nichts in Claudines Mund verloren. Und dennoch  fasziniert es mich irgendwie.

Ein Fan von James Bond Filmen aus den 70´ern würde sofort die Ähnlichkeit zwischen Claudine und dem Beißer erkennen. Die kleine Schraube hängt zwischen zwei Zähnen in der unteren Reihe kurz vor den Backenzähnen. Claudine bekommt sie nicht heraus.

„Soll ich mal…?“

Sie nickt.

„Mann, schei blosch vorsüüchhtich…“

Ach was. Keine Sorge. Ich bin beherzter Pflaster-mit-einem-Ruck-Abreißer. Ein schneller Griff, und das Problem ist gelöst. Na gut. Ich habe mich ein wenig überschätzt. Es sind ungefähr vier Griffe, und einer rutscht auch noch versehentlich ins Zahnfleisch meiner Uralt-Freundin ab. Aber am Ende halte ich die Schraube in den Händen. Claudine betrachtet sie mit hasserfüllten Augen.

„Sind die irre in der Bude? Na warte. Das gibt Ärger.“

Einen Moment später knallt sie das metallische Mini-Monstrum auf den Tisch der Theke.

„Raten Sie mal, was das ist“, schreit sie die Wurstfrau an.

„Na, ne Schraube… wat´n sonst?“

„Die war in der Wurst. Mir hat`s eine Plombe zerschossen.“

„Meinen se, ick hab die da mit Absicht reinjepackt?“, ungerührt wendet sie sich ihren brutzelnden Würstchen zu.

„Wenn ich die runtergeschluckt hätte… dann… dann… hätte es mich von innen zerfetzen können.“

Die Wurstfrau wischt sich ihr filziges Haar aus dem Gesicht.

„Na, is ja nüscht weiter passiert, wa? Ham wa Glück gehabt, wa?“

Claudine explodiert in einem fantastischen Funkenregen aus Wut und Unglauben.

„Sind sie irre? Ich zeige sie an. A… N… Z… E…I…G…E…N, verstehen  Sie?“

Wurstie stemmt sich die Arme in die Hüften und meckert zurück.

„Anzeigen, anzeigen…“, äfft sie Claudine nach, „beweisen se doch ma, dass die Schraube von hier is…“, sie verpasst ihrem Gesicht einen überheblichen Ausdruck.

Fein. Toll. Jetzt wird es spannend. Endlich. Der Sherlock in mir führt vor Freude einen wilden Tanz auf. Ich setze mir die Glencheckkappe auf und ziehe an meiner Meerschaumpfeife. Den Fall werde ich lösen. Wär doch gelacht. Ich untersuche die Einrichtung der Bude. Es ist eine kleine, messingfarbene Schraube. Die kann nicht überall reinpassen. Logisch. Ich prüfe die Beschläge an der Theke, linse in Richtung Grill und grübel. In der Zwischenzeit lacht uns die Wurstfrau zwischen ihren Rauchschwaden wie ein Dämon in der Hölle aus.

„Da sieht mans ma wieda, wa? Beschuldigungen und nüscht dahinter. Nee, so wat hab ick gern…“

Bevor Claudine mit einem Satz über die Theke springt und die Wurstfrau mit einem gezielten Kopfstoß erledigt, sehe ich es. Ganz nah. Direkt vor mir. Da steht so ein auf antik getrimmter Saucenspender, aus dem der Ketchup tropft. Der kleine Hahn hängt irgendwie schief. Nur ganz leicht. Und tatsächlich ist in der Fassung nur noch eine der zwei Schrauben. Und auch noch messingfarben. Ich schiebe den Plombenkiller in die Fassung. Passt. Der Fall ist gelöst. Ich erwarte ein aufbrausendes Orchester, das einen triumphalen Schlussakkord spielt, bekomme aber nur ein dumpfes Grollen hinter der Theke spendiert.

„Na jut, jetze sind se zufrieden, wa?“, sie betrachtet mich angewidert aus  eng geschlitzten Augen, „so ne Klugscheißerei kommt ja bei mir überhaupt nich jut an.“

„Wie wär es dann mal mit einer Entschuldigung?“, zischelt Claudine.

„Tschuldigung. Sind se jetze zufrieden?“

Claudine ist sprachlos. So habe ich sie noch nie erlebt. Ich hätte Lust, ein Foto zu machen, um es mir in den stillen Stunden immer und immer wieder anzusehen. Sie krallt sich an der Theke fest.

„Für so was verlieren Leute ihren Job. Ist ihnen egal, was?“

Die Wurstzange der Angeklagten schwebt wie ein Taktstock durch die Luft. Jedes einzelne Wort wird damit nachhaltig unterstrichen.

„Soll ick ihnen ma wat sagen? Da drüben is `ne Bude und da. Und `n Restaurant und noch eens. Wenn ick hier nich mehr arbeite, dann eben da oder da. Is mir völlig schnuppe. So, da kieken se jetze, wa?“

Ja. Da guckt Claudine. Mit der Plombe in der Hand wandert sie durch die Straßen. Und ich an ihrer Seite. Sie ist noch immer zornig. Ich nicht. Die warmen Wellen der Zufriedenheit in mir sind unbeschreiblich.

„Cool, wie ich das gelöst habe, oder? Da wärst du nicht drauf gekommen.  Gib`s ruhig zu. Gut, was?“

Sie presst die Faust ganz fest um ihre Plombe und hält sie mir drohend unter die Nase.

„Ich mag Klugscheißer auch nicht.“

Na und?

Mein erster Fall.

Und auch noch erfolgreich abgeschlossen.

Wow. Wow. Wow.

DIE KNISTERZICKE IM KINO

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World War Z. Ein Zombiefilm. Herrlich. Darauf haben wir uns seit Wochen gefreut. Claudine will den Film wegen Brad Pitt sehen. Nur deswegen. Ist mir aber recht. Hauptsache auf der Leinwand wird ordentlich gefetzt, gebissen und gemeuchelt.

Das Prenzlauer Berg -Kino ist an diesem warmen Sommertag fast leer. Der Sitz neben mir auch. Natürlich darf das so nicht bleiben. Es ist nie so. Ich habe den Gedanken nicht einmal vollendet, da stapft so ein Wollmonster in unsere Reihe. Die Frau wirkt fast maskiert mit ihrem dicken Pullover, der Wollmütze und den halbhohen Stiefeln.

„Hoffentlich setzt die sich nicht neben mich“, flüstert mir Claudine zu.

Nein, nein. Keine Sorge. Sie setzt sich genau neben mich. Es ist so wie immer, einem geheimen Gesetz folgend. Ein fast leeres Kino, aber der einzige Freak im Saal sitzt neben mir. Bewaffnet mit einer Cola in der Größe eines Öltanks und einem Popcorn-Container, der sicher für Lieferengpässe in der Fast Food Produktion sorgen wird. In der anderen Hand hält sie die Packung obligatorischer, stinkender Nachos.  Schon im Gehen schlürft sie an dem Strohhalm. Ihre  hasenartigen Zähne haben sich regelrecht in das Plastik gebohrt. Sie plumpst in den Sessel. Da sitzt sie nun. Das kann nicht gut gehen. Niemals.

Und tatsächlich. Der Film läuft vielleicht fünfzehn Minuten, da zeigt sie ihre hässlische Kino-Nerv-Fratze.

Als Brad Pitt mit seiner Familie vor einer Horde Zombies flüchtet, klingelt ihr Handy. Es ist eine kindische Eiswagenmelodie, die durch den Saal hallt. Sie durchwühlt ihre riesige Ledertasche. Sie sucht. Sie findet. Sie klappt auf. Und sie brabbelt.

„Was… echt… ach du Scheiße…“

Ich schnaufe sie von der Seite zornig an.

„So `ne Scheiße… Scheiße… echt…?“, ungerührt macht sie weiter.

Sie klappt das Handy zu.

„Können Sie das mal lassen?“

„War wichtig. Meine Freundin hat sich gerade im Sale die total falschen Klamotten gekauft.“

„Interessiert mich nicht. Ich will nur den Film sehen, verstehen Sie?“

Sie starrt mich im Dunkeln nachdenklich an.

„Ach, wir können uns ruhig duzen.“

„Ich will Sie nicht duzen. Ich will den Film sehen, klar?“

Ich schweige. Sie auch. Dafür schiebt sie sich in den nächsten Minuten ihr knisterndes Popcorn in den Mund. Ihre Hände sind geformt wie menschliche Schaufelbagger, mit denen mechanisch das Popcorn auf ihre Zunge befördert wird. Besonders hartnäckige Maiskörner zerhackt sie mit den Backenzähnen. Lautstark und unermüdlich. Dann spüre ich ihren Ellenbogen an meinem. Stück für Stück schiebt sie meinen Arm von der Lehne. Das lasse ich mir nicht gefallen. Ruckartig schiebe ich meinen Ellenbogen zurück. Der Popcornbecher knallt auf den Boden. Sie guckt mich energielos an. Zwei Drittel der Knisterkörner liegen zwischen den Sitzreihen. Ich triumphiere innerlich. Gleich ist Schluss mit dem Geknacke. Habe ich zumindest gedacht.

„Ist nich schlimm“ murmelt sie, „nich schlimm…“

Ach so.  Warum eigentlich nicht?  Sie geht in die Hocke,  krabbelt auf dem Boden herum, sammelt das Popcorn auf und schiebt es sich im selben Moment in den Mund. Die Geräusche erinnern in ihrer Intensität an ein russisches Maschinengewehr mit niemals endender Munition. Es macht mich fertig

„Wollen wir nicht andere Plätze nehmen?“, raunt mir Claudine zu, die mir mein unendliches Leid ansieht.

„Nein“, fauche ich zurück, „ich lass mich nicht so einfach vertreiben,  kommt gar nicht in Frage. Das sind die besten Plätze. Ich bleibe.“

Ich verkralle mich in meinem Sitz. Sie wird nicht gewinnen. Auf keinen Fall. Nach einigen dümmlichen Lachern, die meine Sitznachbarin grundsätzlich an den falschen Stellen loslässt, spüre ich meine dahin gehenden Nerven.  Das Popcorn ist wenigstens alle. Dafür sind jetzt die Nachos dran. Hauptsache es macht Krach. Mein Unterkiefer zittert vor Wut, als ein paar dünne Pepperonischeiben auf meinem Knie landen. Ich fege sie kommentarlos fort.

„Tschuldigung…“, blubbert es von nebenan.

Der Höhepunkt des Films nähert sich. Im Saal auch. Es ist die letzte Attacke auf der Leinwand und davor.

„Boah, ist das heiß hier…“, sagt sie zu sich selbst.

Zwei Reißverschlüsse ratschen. Sie zieht die Stiefel aus. Beide. Eine Welle warmer, muffiger Luft, die sich mit dem Chiligestank aus der Plastikschale mischt, bohrt sich in meine Nase. Meine rechte Hand zittert. Dann auch noch die linke. Claudine packt ihre Sachen.

„Ich setze mich zwei Reihen nach hinten. Mir reicht das jetzt.“

Im Aufstehen zischelt sie der fast Barfüßigen zu, “ heute Abend duschen wir aber mal wieder, was?“

Die Knisterkuh kontert auf meisterhafte Weise.

„Hä…?“

Claudine ist fort. Ich bin allein. Neben mir ein  übermächtiger Gegner.  Trotzig zieht die Knisterzicke  auch noch ihren Pullover aus. Diesmal erreicht meine Nasenlöcher ein exquisiter Kellergeruch. Kommt mir bekannt vor aus den Siebzigern, einer Zeit, in der die Leute noch Kohlen hinter ihren Holzverschlägen stapelten.

Schlürfen. Knacken. Muffelfüße.

Infam. Perfide. Gemein.

Der Film ist vorbei. Das Licht geht an. Ich werfe meiner Sitznachbarin einen hasserfüllten Blick zu. Interessiert sie nicht. Sie zieht sich die Schuhe an. Auf ihrem hennaroten Haar thront wieder die Wollmütze.

„Geiler Film, was? Find ja Vampire eigentlich besser… trotzdem geil…“

Ja, sie sieht sehr zufrieden aus. Für sie war es ein gelungener Kinobesuch. Claudine winkt mir zu.

„Komm, wir gehen nach nebenan in die Bar.“

Die Knisterzicke horcht auf. Die Spitzen ihrer  Ohren vibrieren leicht.

„Ach, geht ihr noch was trinken?“, fragt sie, als ob sie hier mit ihren besten Freunden unterwegs wäre. Die Schübe von Wut in mir werden von einer Welle der Fassungslosigkeit weggespült.

„Nein, wir trinken nichts. Ich mache jetzt genau das Gegenteil. Ich gehe auf  die Toilette“, und dann husche ich durch die Sitzreihen zum Ausgang.

„Ich auch. Ich auch“, ruft im Claudine im Gehen. Hinter mir höre ich ihre erstaunlich schnellen Trippelschritte.

Als die Toilettentür hinter mir zufällt, atme ich auf. Ich spüle meine Pulsadern mit kaltem Wasser ab. Minutenlang. Im Spiegel sehe ich mein Gesicht. Die leichten Züge von Panik, die sich da abzeichnen, sind womöglich nur eingebildet. Ich öffne die Toilettentür. Ganz leise und nur einen Spalt breit. Von Claudine keine Spur. Der Schock , den ich nun spüre,  ist wie ein brutzelnder, kleiner Stromschlag.

Die Knisterzicke läuft durch das Kinofoyer. Irgendwie steif. Und suchend. Als würde sie die Luft durchschnuppern, um unsere Fährte aufzunehmen.  Wie eine leichenblasse Untote mit klapperndem Kiefer. Ich schließe die Toilettentür. Geräuschlos. Mit stockendem Atem.

Für einen Moment denke ich darüber nach, ob ich Claudine mit Klopfzeichen an der Wand zur Damentoilette warnen soll. Ich lasse es. In einer solchen Krise ist sich jeder selbst überlassen.

Und nächstes Mal versuchen wir es einfach mit einer romantischen Komödie.

Irgendwas mit Meg Ryan.

Wird auch irgendwie gehen.

Irgendwie…

VERDAMMT, ICH WILL EIN HÜBSCHES TATTOO…

Tattoo

Was für ein herrlich warmer und friedlicher Nachmittag. Ich sitze vor meinem Lieblingscafé und betrachte die vorbeiziehenden Menschen. Meine Hausmeisterin wackelt in einem grauen, viel zu engen Leinenkostümchen vorbei, das sie wohl schon als Teenager trug. Heute ist es eher ein Korsett. Mad Thomas, unser Kiezirrer, schleppt einen ausgehöhlten, kaputten Röhren-Fernseher durch die Straße. Durch die Schlitze im Gehäuse steckt er kleine Steine. Kennt man von Kindern mit ihren Spardosen. Er rüttelt an dem Ding und lacht blechern. Da drüben auf der anderen Straßenseite sehe ich die Amerikanerin Shirley, die wie wahnsinnig mit ihrem Stofftaschentuch einen Apfel blank poliert.  Weg mit den Keimen. Pfui. Pfui. Weg. Weg.

Alles ist friedlich an diesem sonnigen Tag. –  dann  kommt G..

Mein Videothekenmann sieht mich sofort. Er stolpert auf meinen Tisch zu, schiebt den Kakao zur Seite und flüstert, „tach, tach, mann, mann… bin ich aufgeregt. Guck ma, meine Hand zittert schon fast…“

Er hält mir seine behaarte Pranke unter die Nase. Sie vibriert wie eine elektrische Zahnbürste.

„Ist ´n wichtiger Tag für mich, heute. Wichtig, wichtig… gleich geht es los… Gott, meine Nerven.“

Jemand, der sich so verhält, erwartet Großes. Vielleicht heiratet er bald. Oder er wartet auf die Diagnose seines Arztes. Oder, oder… Schlimmeres?

„Du kannst es mir ruhig sagen „, flüstere ich mit der vertrauensvollen  Stimme eines Gottesmannes.

„Ich lass mir gleich ein Tattoo machen.“

Er sagt es mit so viel Stolz, als hätte er Amerika gleich zweimal hintereinander entdeckt. Meine Begeisterung ähnelt in ihrer Überschaubarkeit einem Teller, auf dem eine kleine Mohrrübe liegt. Es enttäuscht ihn.

„EIN TATTOO, MANN…“, ruft er noch einmal, “ und das Schönste, ich mach es für meine Freundin. ´n hübsches Motiv und ihren Namen drunter. Is was für die Ewigkeit, kapierste…? Willste mitkommen? „

Es nimmt kein Ende. G. ist über vierzig. Seit er seine junge Freundin kennt, trägt er clowneske Klamotten, hat blondiertes Haar und einen Bauch-Weg-Gürtel. Jetzt also auch noch ein Tattoo.  Die Situtation ist bizarr. Und das Schlimmste, ich häng mitten drin. Aber so richtig.  Ein teuflischer Strudel, der mich auf den Grund reißt und wieder ausspuckt – mitten in einem verranzten Tattoostudio in Prenzlauer Berg. Und da stehe ich nun mit G..

An den Wänden hängen die Meisterwerke bemalter Hautfetzen. Biker mit Totenschädeln. Gekreuzigte, lachende Skelette. Nonnen mit Zombieköpfen. Hübsch. Der Ladeninhaber heißt nur Ben. Big Ben. So steht es auf einem Foto neben der Kasse, draufgekritzelt mit einem schwarzen Kuli. Er betrachtet uns und rubbelt die Pfoten über seine Lederweste. Drunter trägt er nichts. Nur die nackte Haut. Dunkle Ringe sind um seine Augen tätowiert. Alice Cooper ist nichts dagegen.

„Du willst was auf die Haut, ja?“, er durchleuchtet mich mit seinen umkringelten Augen.

„Nein, er will was. Für seine Freundin.“

„Ja, ja, will ich…“, G. nickt wie ein kleiner Junge.

„Dacht ja eher, dass du eins willst. Bist eher der Typ dafür.“

Big Ben betrachtet den blondierten G. mit dem größten Argwohn und schiebt sich ein Streichhölzchen in den Mund, auf dem er herum knabbert. Er krümmt seine wulstigen Lippen so unnatürlich, dass sein ganzes Gesicht zu einer Maske  aus Abscheu und Widerwillen wird. Leidenschaftslos knallt er einen riesigen Plastikordner auf den Tisch und schiebt ihn G. herüber.

„Such dir mal was Hübsches aus. Sachste bescheid, wenn de fertig bist, klar?“

G. setzt sich aufgeregt an ein kleines, staubiges Tischchen und blättert den Ordner durch. Big Ben guckt mich wieder aus seinen toten Augen an.

„Ich würd dir ja lieber eins verpassen. Denk mal drüber nach.“

„Was würdest du mir denn empfehlen?“, meine Frage klingt so dämlich als würde ich  an der Wurst-Theke im Supermarkt einem besonders fleischigen Schnäppchen nachjagen. Big Ben ist Experte. Ein Menschenkenner. Ganz sicher.

Er greift unter seinen Tisch. Aus einer Folie zieht er ein besonders großes Bild heraus. Ich rechne mit dem Konterfei von Jean-Paul Sartre . Oder die strahlende Gestalt des Philosophen Emile Cioran. Serviert bekomme ich aber einen Henker, der im untergehenden Abendlicht einer üppigen Rothaarigen den Kopf abgeschlagen hat und ihn triumphierend über seinen Kopf schwenkt. Mein Mund ist trocken.

„Ist ´n Meisterwerk. Mittelalter, Hexenjagd und so, klar?“, raunt er mir zu.

„Verstehe… verstehe…“, heuchel ich zurück.

„Ich hab was, ich hab was…“,  G.´s aufgeregte Stimme rauscht durch den Laden und befreit mich aus dieser abstrusen Situation. Mit dem Finger tippt G. auf ein Bild in dem Ordner. Immer wieder. Tap. Tap. Tap.

Dann sehe ich es. Ich bin fassungslos. Big Ben auch. Er spuckt sein Streichholz auf den Boden. Hätte ich auch eines im Mund, würde ich mitspucken. Ich rede auf G. ein.

„Sag mal, das ist ein Einhorn. Ein rosafarbenes Einhorn… totaler Kitsch…“

„Ja, weiß ich. Ich will das“, wieder tippt er drauf. Tap. Tap. Tap.

„Aber das ist doch Mädchenkram, jetzt mal im Ernst. Das haben Fünfjährige auf ihren Regenmänteln“,  flüstere ich ihm zu.

„Ich will das und darunter ihren Namen. Ich bin nun mal ´n Romantiker.“

„Wie heißt sie eigentlich?“

„Sara.“

„Sara. Sara… oder Sarah? Also mit oder ohne „H“ am Ende ?

G. guckt mich an. Viel zu lange. Er weiß es nicht. Erschrocken knetet er seine Stirn.

„Ich glaube mit „H“.“

„Du weißt es nicht sicher?“

„Doch… also… ja, doch mit „H“.

„Ruf sie doch an. Ich würde da kein Risiko eingehen.“

„Ich kann sie doch nicht fragen, wie sie richtig heißt.  Wie sieht´n das aus, hä?  Geht doch nicht. Ich hab ihr heute eine Überraschung versprochen. HEUTE, verstehste…?.“

„Aber wenn du dir nicht sicher bist, dann lass den Namen erst mal ohne „H“ tätowieren. Wenn er falsch ist, hängst du den Buchstaben  später einfach ran. Logisch, oder?“

„Nein. Sarah mit „H“. Ich bin mir sicher.“

Big Ben schnauft verächtlich die Luft aus seinen wulstigen Lippen. Er klatscht die Hände zusammen. Aus seinen toten Augen tropft Missbilligung.

„Jungs, seid ihr mal fertig hier?“, er starrt G. bedrohlich an ,“willst du das Pony mit dem Namen nun oder lässt du´s bleiben. Was is jetzt?“

G. blickt mich hilflos an. Ich gucke weg. Ich will damit nichts zu tun haben.

„Na gut. Ich will´s. Wir machen´s.“

Als ich das Tattostudio verlasse, sehe ich noch wie G.´s  Hemdsärmel hochgerollt wird und die Nadel rotiert. Alles für die Liebe. Nur dafür.

Ein paar Stunden später sitze ich wieder in meinem Café.  Die Sonne geht bald unter. Mein Handy vibriert. Die SMS auf dem Display  ist kurz und eindeutig.

„War doch ohne „H“. Mist. Totaler Zoff . Beziehung kurz vorm Aus.“

Erschütternd. Ich lächel und schäme mich dafür. Aber nur ein bisschen.

Mad  Thomas, mein Lieblingsirrer, schleppt noch immer den kaputten Röhrenfernseher durch die Straße. Mittlerweile prall gefüllt mit Steinchen. Er stöhnt laut, zerrt seine Hochwassserhose noch höher  und nickt mir zu.

„Habe ich für meine Freundin gesammelt. Schön, ne…?“

Er hat eine Freundin? Ja. Sehr, sehr schön. Toll. Die wird sich freuen.

Alles ist friedlich an diesem Tag.

Theoretisch.

DIE GROSSEN SORGEN DER KLEINEN AMERIKANERIN

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Sie reicht mir  bis zum Kinn. Und das auch nur, weil sich ihre hochtoupierten, wasserstoffblonden Haare wie eine wundersame Schlingpflanze nach oben strecken und meine Mundwinkel kitzeln. Sie hat den Körperbau eines Pandabären und die erschrockenen Augen einer Meerkatze.

So sieht er aus, der Besuch aus Amerika.

Ich darf ihn in Empfang nehmen. Und das nur, weil eine Freundin, Carla,  für ein Jahr ihre Wohnung untervermietet hat und bei der Gelegenheit gleich abgetaucht ist. Kein Wunder.  Sie ahnte wohl, wer da kommt.

Sie heißt Shirley, ein Direktimport aus North Dakota. Sie ist Deutschlehrerin. Das erste Mal in Europa. Eigentlich verwunderlich für eine Deutschlehrerin. Sie schiebt ihren mannshohen  Koffer durch den Flur der Wohnung. Vor einer eidottergelb gestrichenen Wand bleibt sie stehen.

„Oh… nice… it´s so nice, so very, very nice…“

Eine knallgelb gestrichene Wand. Mehr nicht. Sie tastet sie mit den Fingerspitzen vorsichtig wie ein Neugeborenes ab.

„Beautiful… „

Natürlich könnte Farbe in den USA rationiert sein. Vielleicht darf ein US-Bürger nur einen Liter Malerfarbe im Jahr für private Spielereien verbrauchen. Oder die Farbe Gelb ist einfach grundsätzlich nicht erlaubt. Es ist mir neu. Aber wer weiß?

Wir gehen ins Schlafzimmer. Ich öffne ein Fenster. Sie blickt heraus. Ihre Riesenaugen sind noch größer.  Fast fallen sie aus den Höhlen. Sie schaut in den Hof. Dann hoch zum Dach. Voller Sorge dreht sie sich zu mir um.

„Ist… das hier safe… sicher?“

Ich verstehe die Frage nicht. Wir sind im vierten Stock eines Altbauhauses. Was könnte hier nicht sicher sein?

„Kann… man hier einbrechen… nachts…?“, sie blickt wieder hoch zum Dach. Ich auch.

Ich sehe osteuropäische Banden, die sich mit ihren Enterhaken von der Dachrinne abseilen, in ihren Händen die schweren Stemmeisen. Böse, unrasierte Gesichter werfen sich Kommandos in einer Sprache zu, die hinter dem Kaukasus üblich ist. Sie sind hier, um Shirley, die Deutschlehrerin aus Dakota auszuplündern. Absurd.

„Bei uns in Dakota… sind die Fenster besser gesichert… „

Sie nickt sich selbst zu. Ich will sie beruhigen, aber sie hat schon wieder etwas Neues entdeckt. Das Bett. Ich sehe ihre Turmfrisur knapp über dem Boden. Auf den Knien robbt sie vor der Matratze herum. Sie inspiziert die Oberfläche so konzentriert wie ein Chemiker vor seinem entscheidenden Experiment.  Ihre feingliedrige Brille rückt sie gerade und kneift die Augen zusammen.

„Ich checke nur wegen bedbugs… noch einen Moment…“

Bettwanzen. Kein Scherz. Die Legenden sind wahr. In den USA soll es ja sogar Selbsthilfeverbände für Bettwanzengeschädigte geben. Diese 4 Milimeter-Monster sind aber auch teuflisch. Am Kopfende entdeckt Shirley einen schwarzen Punkt. Sie holt ganz tief Luft und streckt ihren Finger anklagend aus.

„Da… was ist das??? Ist das ….?“

Ich betrachte den Punkt. Es ist ein Kekskrümel. Meine Freundin Carla ist ja bekannt dafür, dass sie sich gerne bis zur Besinnungslosigkeit in den Schlaf futtert. Ich schnipse den Krümel mit dem Finger weg. Die Angst in Shirleys Gesicht will dennoch nicht weichen.

„Nachher… koche ich die Laken, just to be sure…“, wieder nickt sie sich selbst zu.

Die kleine Amerikanerin wackelt weiter durch die Wohnung, bleibt vor einer Schwarz-Weiß-Fotografie stehen, die eine nackte Frau zeigt und wendet sich hastig mit zusammengekniffenen Lippen ab.  Als ich mir ein Zigarillo anstecken will, kommentiert sie es mit nacktem Ensetzen.

„Bitte nicht. No way… please…“

„Ach, das habe ich in zwei Minuten weggepafft, wirklich…“

Ich halte das Zigarillo hoch. Sie weicht davor zurück, als halte ich glühenden, atomaren Abfall in der Hand. Vorsichtshalber hüstelt sie noch ein bisschen.

„Bei uns in Dakota ist das nicht erlaubt… no smoking, pleeeeeeasssse…“

Na gut. Dann eben nicht. Im Sinne der internationalen Völkerverständigung muss man diplomatisch vorgehen. Wir sitzen einen Moment später in der Küche und schweigen uns hochkonzentriert an. Ich habe keine Ahnung, worüber ich mich mit Shirley unterhalten könnte. Wetter? Filme? Politik? Besser nicht. Viel zu riskant. Aus Langeweile öffne ich eine Flasche Weißwein. Vielleicht wird sie lockerer, wenn sie ein Gläschen getrunken hat. Sie nimmt mir die Flasche aus der Hand und prüft das Etikett.

„Ist… das deutscher Wein…?“

„Der kommt aus Hessen. Ja.“

Sie wirkt beruhigt. Erst mal. Sie sitzt in dem braunen Ledersessel. Ihre kurzen Beine berühren den Boden kaum. Hartnäckig inspiziert sie das Etikett.

„Weißt du, ob die Leute, die die Trauben pflücken… ich meine, weißt du…“

Nein. Weiß ich nicht. Was meint sie? Ich kann mir die Frage einfach nicht vorstellen. In meinem Kopf rattern tausend Möglichkeiten für die Vollendung ihres Satzes durch mein Großhirn. Ich komme einfach nicht drauf. Keine Ahnung. Shirley löst es auf.

„Weißt du, ob die bei der Arbeit Handschuhe tragen? Also… wenn die die Trauben pflücken? Mit Handschuhen,  ja… ?

Ich bin perplex. Sie meint es wirklich ernst.

„Na, also einige werden sicher Handschuhe tragen. Andere aber wohl nicht.“

Sie verzieht das Gesicht zu einem gewaltigen Iiiieeeehhhhhh. Der Wein in dem Glas hat sich gerade eben vor ihr in eine stinkende Jauchebrühe verwandelt. Trauben, die von den schmutzigen Fingern gebeugter, altersschwacher Arbeiter berührt werden. Ekelerregend.  Einem ersten animalischen und besonders gemeinen Instinkt folgend,  hätte ich Lust, ihr auch noch von behaarten Beinen und schwieligen Füßen zu berichten, die die Trauben zerstampfen. Es ist wie ein böser Drang in mir. Aber ich lasse es. Für Shirley ist die erste Stunde in Prenzlauer Berg ohnehin  zu einer Geisterbahnfahrt geworden. Warum sollten wir den ganzen Spaß schon jetzt aufbrauchen?

Als sie mich zur Tür bringt, wirkt sie angespannt. Ich reiche ihr zum Abschied die Hand. In ihrer Innenfläche spüre ich den feinen Schweißfilm. Wir verabschieden uns. Sachlich. Unterkühlt.

Die Tür fällt zu. Nur einen Moment später höre ich die dumpfen Geräusche. Knirschend und rumpelnd.  Natürlich. Wahrscheinlich verbarrikadiert sie jetzt die Tür von innen mit der Wohnungseinrichtung. Tische, Stühle und ihr gewaltiger Monster-Koffer werden zur Barrikade. Sicher ist sicher. Wer kann es ihr verdenken? Sie lebt  ja jetzt schließlich unter Wilden.

Das werden spannende zwölf Monate. Irgendwie freue ich mich darauf. Ehrlich.

Welcome in good old Europe.

Welcome, Shirley.