WOVOR AUTOREN WIRKLICH ZITTERN – DAS GEHEIMNIS DES GRAUEN GREIFERS

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Tatsächlich hat sich bei mir eine befreundete Autorin über ihr Publikum bei Lesungen beschwert. „Die haben die Aldi-Tüten noch unterm Arm und hängen sich dann bei mir zum Dösen ab. Bei meiner Lesung. Das glaubst du nicht. Und gekauft haben die auch nichts. Und nur blöde Fragen gestellt. Einer hat sogar ’ne Thunfischdose aufgemacht und mit einer Plastikgabel in der Dose rumgestochert.“

Ich mag ja solche Geschichten. In Berlin, und darum geht es hier, ist alles immer ein bisschen anders – und von mir aus darf ein Zuhörer auch mitten in der Lesung sein Bierchen zischen. Stört mich nicht. Ist echt, und muss vielleicht auch so sein. Tatsächlich aber sind mir seit meinen “Federspiel-Lesungen”, so unterhaltsame Charaktere begegnet, dass ich von Berlin über Braunschweig und von Leipzig bis nach Linz ein ganz eigenes Kuriositätenkabinett habe. Anschnallen. Da sind sie: Zuhörer, die Autoren zum Zittern bringen:

Der graue Greifer: Er ist mindestens achtzig, kommt nach der Lesung zu mir und packt beide meiner Hände: “Sie haben zu viele Gedanken da oben drin. (deutet auf meinen Kopf) Da müssen Sie aufpassen.”

Klingt wie eine Drohung. Meine Hände hält er immer noch. Stahlgraue Augen kleben an mir.

“’n guter Freund von mir ist auch so wie Sie. Jetzt hat er Alzheimer.”

“Tut mir leid.”

Er presst meine Hände noch stärker. “Im Rollstuhl sitzt er auch.”

Ich knirsche mit den Zähnen. Meine Finger kriege ich immer noch nicht frei.

“Und er ist inkontinent. Hat so ein Beutelchen am Rollstuhl. Muss er überall mit hinnehmen.” Er lässt meine Hände wie ein ungeliebtes Kuscheltier fallen, knöpft sich seine Weste zu und schreitet zur Tür hinaus. “Schönen Abend wünsche ich Ihnen noch.”

“Danke.”

Er lässt mich zurück. Einfach so. In meinem Kopf trudeln die Bilder von meinem zerfallenen Körper in einem Rollstuhl auf und ab. Keiner will mich schieben. Und ja, natürlich … auch dieses verdammte Beutelchen. Widerlich und prall gefüllt schaukelt es vor meinem inneren Auge herum. Erst nach zwei Stunden in einer Bar verliert die Vorstellung ihre unangenehme Schärfe. Und manchmal, nur noch manchmal … denke ich daran. Immer noch viel zu oft. Der graue Greifer kann überall lauern.

Die tierische Traumtänzerin:  Bücher zu signieren kann Spaß machen. Ich freue mich, wenn jemand irgendeine besondere Auffälligkeit hat, die ich in einer Widmung unterbringen kann. Die Rentnerin mit ihren silberfarbenen Sportschuhen, die sie wie eine pensionierte Astronautin wirken lassen. Oder das Mädchen, das ihre Haare zu einer kunstvollen Bananenfrisur aufgetürmt hat, die ich am liebsten zum Einsturz bringen möchte.

Und dann kommt sie: Eine ernst wirkende Dame, mit dem Hauch einer Oberstudienrätin. Sie beugt sich vor und flüstert: “Können Sie mir bitte in die Widmung eine Eule reinmalen?” Ganz ernst meint sie es. Als ob ich mein ganzes Leben lang nachts in raschelnden Wäldern verbracht hätte, um die Gewohnheiten nächtlicher Raubtiere auszuspitzeln.

“Geht nicht auch eine Ente? Die kriege ich vielleicht noch hin.”

“Also … nein, es muss schon eine Eule sein. Ich lasse mir immer eine Eule reinmalen.”
Wie machen die anderen das denn? Haben die Schablonen? Oder üben sie das Eulen- Malen vorher, weil die Dame in der Szene berüchtigt ist?

Ich male. Ich schwitze. Die Schlange hinter der Dame wird immer länger.

Der Schnabel meiner Eule ähnelt einem verbogenen Kleiderbügel. Die Krallen hängen wie freudlos fallendes Lametta herab. Das überambitionierte Gekritzel eines Kleinkinds: Eine Eule wie aus dem Labor für besonders abscheuliche Mutationen, geboren aus einem lecken Atommeiler. Aber, bitte – fertig.

Die Dame betrachtet die Zeichnung und lächelt. “Schön.” Sie nimmt das Buch und schlägt die blanken Seiten am Ende auf. “Und hier hinten dann bitte die Ente.”

Kurzum: Ich bin nunmehr in der Lage, auf Befehl Giraffen, Eulen, Nilpferde und Wasserbüffel zu zeichnen. Ganze Zoos, wenn es sein muss. Ich bin da sehr folgsam.

Das gute Gothic-Girl: Sie sitzt in der zweiten Reihe und schluchzt. Ganz leise. Ich höre es trotzdem. Sie ist weiß geschminkt. Ihr Blechschmuck klirrt bei jedem Wort – an Nase, Mund und Ohr. Einmal senkt sie sogar den Kopf und holt ganz tief Luft, dabei wischt sie sich mit der Hand über beide Augen.

Es irritiert mich. Während ich den Text wie ein Sprachroboter weiterlese, rast mein Hirn zurück über die Textpassagen und sucht die Stellen, die theoretisch einen Weinkrampf auslösen können. Ich finde nichts, blinzel aber über meinen Buchrand. Da – ihre Unterlippe zittert. Ganz leicht nur. Aber ich sehe es.

Nach der Lesung kommt sie zu mir und drückt mich. Dabei versenkt sie ihr Gesicht in mein weißes Hemd und schluchzt noch einmal mit Nachdruck.

“Tschuldigung, ich musste immer an meine Schwester denken, als du die Stellen von der Henriette vorgelesen hast. Wir haben uns mal gestritten. Is ’n paar Jahre her. Ich ruf sie vielleicht doch mal an.”

Dann geht sie fort. Klirrend, mit flatterndem schwarzen Haar, und hohen Stiefeln.

Meine alte Freundin Claudine steht neben mir und tippt mir gegen die Brust:

“Guck mal, die hat dir mit ihrer Wimperntusche ein richtiges Kunstwerk ins Hemd geflennt. Sieht aus wie ein Rohrschachmuster.” Sie klopft noch einmal dagegen. “War ja klar, dass du solche Leute anziehst. Passt.”

Passt. Klar. Warum auch nicht?

Selbst nach dreimaliger Reinigung sind die schwarzen Schlieren im Hemd geblieben. Sieht aus, wie der in Heimarbeit entstandene Batik-Druck irgendeines Psychedelic-Freaks.

Aber das ist in Ordnung. Sehr sogar.

Am 10. und am 14. November werfe ich noch einmal meine Federn. Es sind die letzten “Federspiel-Lesungen” vor Band II – wer mich in Berlin besuchen möchte: Bitte sehr.

Ich bin hier und  dort  und sehr gespannt, wer diesmal durch die Tür kommt.

Irgendwie passt das schon.

Ganz sicher.

 

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FEDERSPIEL: DER ALBTRAUM EINER HAUSMEISTERIN

„Sie glauben wohl, dass ich ihre persönliche Putzfrau bin, oder was?” Meine Hausmeisterin hat diesen empört verkrampften Zug um ihre Lippen, der ihr den Charme eines stiernackigen Türstehers verpasst. “Bin ich aber nicht. Damit das mal klar ist.”

Ihre Kittelschürze ist komplett durchgeschwitzt. Dunkle Flecken sind vom Rocksaum bis hoch zu ihrem Halsausschnitt gewandert. Das verspielte Blumenmuster im Stoff ist durch die Nässe kaum noch erkennbar. Auf ihren nackten Oberarmen glänzt der Schweiß.  Es tröpfelt. Sie beugt sich vor und stützt den Oberkörper auf ihren Schrubber. “Ständig laufen Sie mit ihren  Energy-Drinks durchs Treppenhaus und verkleistern mir  das ganze  Linoleum.” Sie blickt über den Rand ihrer Brille. “Ständig. Das Zeug pappt wie Teer. Und Sie patschen auch immer noch mit Ihren Pfoten gegen die Glasscheibe an der Haustür. Meinen Sie, ich krieg das nicht mit?”

“Schon, aber …”

“Aber … aber … Immer dieses Aber. Das ist schon schlimm genug, und jetzt auch noch …”

“Tschuldigung.”  Ich möchte dieses Gespräch im Treppenhaus verkürzen. Mir ist viel zu heiß. Außerdem höre ich hinter den geschlossenen Wohnungstüren dieses verdächtige Rascheln, wie es nur entsteht, wenn ein neugieriger Nachbar sich leidenschaftsvoll mit seinem Körper gegen die Tür presst und durch den Spion linst. Ich bemühe mich um ein möglichst schuldbewusstes Gesicht: Blick senken, Augenbrauen runter ziehen und dabei auch noch die Schultern fallen lassen. Alles nach unten – und fertig.

Dieses schauspielerische Meisterstück hat schon während meiner Schulzeit eine unglaubliche Wirkung entfacht: Etwa, wenn mich meine knallharte Mathelehrerin dabei erwischt hatte, wie ich mit meinem Taschenmesser heiße Liebesschwüre in die Holzbank ritzte – dann einfach umschalten auf Betroffenheit. Die Experten garnieren diese Gestik noch mit einem treudoofen Augenaufschlag und einem angedeuteten Schluchzen. Meist war meine Lehrerin dann so gerührt, dass sie mir auch noch die Hälfte von ihren selbstgeschmierten Teewurst-Stullen angeboten hat. Die Betroffenheits-Nummer klappt immer. Eigentlich.

Meine Hausmeisterin atmet tief aus. Es klingt, wie die entweichende Luft aus einem Schlauchboot. “Jetzt machen Sie hier mal nicht auf unschuldiges Lamm. Können Sie sich sparen, das. Ich weiß doch, wie durchtrieben Sie sind” (Diese ungeheure Beschuldigung lässt sich übrigens  hier  ganz leicht überprüfen.)

Na gut. Dann eben nicht. War einen Versuch wert.

Sie greift in die rechte Tasche ihrer Kittelschürze und wühlt darin herum. Ein Schlüssel klappert. Das Papier eines zerfetzten Kinderriegels wird sichtbar und … drei weiße Federn. “Was ist das hier? Rupfen Sie Hühner in Ihrer Wohnung, oder was?”

Die Federn liegen ausgebreitet in ihrer schwieligen Hand. “Ich hab das Zeugs vor Ihrer Haustür gefunden, unten am Briefkasten, vorm Keller und an den Mülltonnen. Das ist doch nicht normal, so was!”

Natürlich könnte ich ihr jetzt erklären, dass ich einen Trailer für mein Buch “Federspiel” produziert habe. Die Federn sind die letzten Überbleibsel meines Drehs – und sie liegen überall in meiner Wohnung herum, zwischen Büchern, im Kühlschrank, auf dem Sofa – wirklich überall. Manchmal, wenn die Balkontür offen ist, treibt eine laue Sommerbrise die Federn in die Höhe und lässt sie durch die Wohnung fliegen. Aber nein, das behalte ich für mich. Sie würde meine Erklärung  nur als die bemühte Ausrede eines bereits Verurteilten abstempeln. In den Augen meiner Hausmeisterin bin ich ohnehin schon auf das Niveau eines Wilddiebs geschrumpft.

“Hm, muss irgendwas aus meinem Kissen sein.” Ich tippe mit dem Zeigefinger gegen meine Unterlippe. “Ja, das muss vom Kissen sein, ich bin mir sicher.”

“Sie pennen jetzt im Hausflur, oder wie?”

“Nein, natürlich nicht.  Tut mir leid. Aber wenigstens  pappen die Federn ja nicht am Boden.”

„Ach, dann is ja alles prima, was?“  Sie lacht ihr durchgeröstetes Nikotin-Gelächter, heiser im Abgang, mit diesem unverschämt klebrigen Timbre, wie es nur ein echter Raucher zustande bringt.  „Dann versuchen Sie doch mal selbst das Zeugs aufzusammeln.“  Sie streckt die Arme weit von sich und wiegt den Oberkörper hin und her. Sieht aus wie die perfekte Simulation einer Cessna im Landeanflug.  „Wenn ich da ranschrubbe, fliegen die hoch.  Die kann ich alle einzeln aufsammeln.“

Aber ist ja nun alles auch nicht sooo schlimm, oder?

Vor Empörung schaukelt  ihr grauer Dutt hin und her,  als würde er kurz vor dem Einsturz stehen.  “Nee, ist nicht schlimm. Klar. Für Sie is alles schön easy, was? Ich sag immer: Wer trübe Fenster hat, für den ist sowieso alles grau. Sie müssen mal Ihre Grundsätze überprüfen, junger Mann.” Sie stampft ihren Wischmopp in den Plastikeimer. Unser philosophischer Disput ist beendet.

Drei Tage später schickt mir der Verlag das erste Exemplar des Vorabdrucks meines Buches. “One of the very rarest things” heißt es in dem Begleitschreiben. Supernett. So ein Buch, das verschenkt man an die besten Freunde, an seine Eltern, an seine Frau, oder an … seine Hausmeisterin. Sie hat es sich irgendwie verdient. Unsere jahrelange Beziehung, all die vielen Höhen und Tiefen – Sie ist eine treue Begleiterin meines staubigen Alltags, und ohne sie hätte ich bedeutend weniger Spaß beim Treppenklettern im Hausflur.

Am Abend presse ich das Buch in ihren Briefkasten.

Die Tage vergehen. Einer. Noch einer. Und da ist die Woche plötzlich komplett, und wieder höre ich das satte Klatschen des Wischmopps im Hausflur. Ich gehe die Treppen hinab. Meine Hausmeisterin setzt ihre Brille auf, die wie üblich an ihrer klirrenden 70er-Jahre-Goldkette hängt.

“Und war es spannend?”, frage ich sie.

“Ja.” Dabei blickt sie mich an, als würden wir uns zum ersten Mal begegnen.

“Haben Ihnen die Figuren gefallen?”

“Ja.”

Ich bin fassungslos.  Das könnte der Beginn eines wundervollen Streitgesprächs sein, und nun versaut sie mir den Spaß. Irgendwie frech. “Und das Ende war auch in Ordnung?”  Komm schon, das kann dir doch nicht alles gefallen haben. Sei ehrlich. Fast möchte ich sie durchschütteln.

“Ja”, sagt sie mit gefestigter Stimme.

Was ist nur los mit ihr? Sicher haben die hohen Temperaturen ihre hausmeisterlichen Sinne ins Trudeln gebracht.

Sie lehnt den Wischmopp gegen die Wand und stemmt die Arme in die Hüften. “War ganz schön viel Sex drin.”  Sie beugt sich vor.  “Und ordentlich Gewalt.” Sie kommt noch ein Stückchen näher. “Aber das sage ich Ihnen: Ich möchte nicht in Ihren Kopf reingucken.” Sie tippt sich gegen die Stirn. Mehrmals sogar. “Da muss ja sonst was los sein, da oben bei Ihnen.” Sie wackelt mit ihren großen Zehen, die über den Rand ihrer Gesundheitsschuhe hervorlugen –  ganz so, als ob sie  meinem einstmals gesunden Geist bei seinem Sturz in den Irrsinn zum Abschied zuwinkt.

“Schön, dass es Ihnen gefallen hat.”

„Mmmm …“ Sie brummt wie ein übellauniger Bär, der aus dem Winterschlaf gerissen wird.  “Aber glauben Sie mal bloß nicht, dass Sie jetzt ’nen Freibrief haben und mir hier weiter mein Haus einsauen können. Klar? Keine Federn mehr.”

“Klar.”

Als ich im Erdgeschoss ankomme, höre ich zwischen dem Platschen des Wischmopps ihre verstreuten Wortfetzen durchs Haus hallen: “Federn … auf was für Ideen Leute kommen … was hier so wohnt … demnächst schmeißt der noch Knochen in den Hausflur … Nee … ein Dreck hier heute …”

Ich öffne die Haustür. Draußen scheint die Sonne. Die Weide auf der Straße wiegt sich sanft im Wind. Vögel zwitschern.  Knochen … blitzblanke Knochen. Gräulich schimmernd .  Herausgerissen aus einem menschlichen Körper. Verstreut im Hausflur.  Hm … klingt irgendwie … richtig gut …  daraus lässt sich doch was machen …

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HÄSSLICH UND GEMEIN: DIE SCHEUSSLICHSTEN BERLINER EVER

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Die Tür des Restaurants klappt auf. Drei junge Frauen, behangen mit Goldkettchen und Hermès-Täschchen laufen über das Parkett. Sie rammen ihre nachgemachten Louboutin-Stilettos mit freudvoller Leidenschaft an der Zerstörung in das Holz. Klack. Klack. Klack. Wir sind es, die tollen drei Hübschies, die hier jetzt essen gehen. Bewundert uns bitte. Im Takt der Schritte recken sie ihre Hälse wie gierige Schwäne nach oben zur Decke, als würden von dort Brotkrumen in ihre Schnäbel fallen. Blond, brünett und rothaarig wackeln sie durch das Restaurant – für jeden Geschmack ist etwas dabei in diesem Sortiment aus verstörender Selbstverliebtheit.

Ich sitze mit Petra und Bernd an einem Tisch. Die vorbeiziehende Parfumwolke, dieses Mischmasch aus Flieder und orientalischer Süße, erlebe ich als Nahtoderfahrung. Petra und Bernd rümpfen nur kurz die Nase. Sie sind verständnisvoll. Oder abgestumpft. Vielleicht auch beides.

Und selbstverständlich nehmen Blondie, Black Fury und Feuerlocke am Nachbartisch Platz. Das muss so sein. Ich darf mein Essen nicht genießen. Auf gar keinen Fall. Sofort plappern die drei in einer Lautstärke los, die den entspannten 130 Dezibel eines vorbeirauschenden Düsenflugzeugs entspricht. Ich höre alles. Jedes Wort und jede Silbe. Ich sehne mich nach einem erlösenden Tinnitus, diesem alles übertönenden und friedfertigen Rauschen. Aber da kommt nichts.

In der nächsten Stunde nehme ich Teil an einer Reise durch das Leben von drei ca. 25jährigen jungen Damen, die ganz genau wissen, wie die Welt da draußen funktioniert – aus kichernden Kehlen vorgetragen und in den schrillen Tönen  kreischender Lachmöwen intoniert:

Blondie hat sich von ihrem Freund getrennt, weil er die anvisierten 130.000 Euro jährliches Brutto-Einkommen nicht gepackt hat. Klar. So ein antriebsloser Loser, der im Vertrieb arbeitet. Weg mit ihm. Ganz recht. 130.000 sind das Ziel, und wenn er das nicht liefert, muss eben der Nächste ran. Ist doch wirklich nicht zuviel verlangt.

Feuerlocke wurde beim Friseur am Ohrläppchen geritzt. Sie hat den Ladeninhaber angezeigt und erhofft sich nun einen Batzen Geld. Denen muss man es aber auch mal zeigen, diesen Berliner Aggro-Coiffeuren. Sie modelt ja nebenbei, da ist das berufsgefährdend. Ich betrachte ihre Hinterfront, prüfe beide Ohren auf die erwähnte Scherenattacke – und sehe nichts. Ihrer Erzählung nach müsste die Hälfte ihrer linken Ohrmuschel zerfetzt am Schädel hängen. Aber nein. Nichts. Schade.

Blackie ist die heimliche Chefin am Tisch. Wenn sie spricht,  schweigen ihre Freundinnen mit offenem Mund. Die Brünette hat eine Affäre mit ihrem Professor. Der fährt sie abends immer nach Hause und macht ihr ganz tolle Geschenke. Während ihrer Ausführungen tippt sie auf eine geschmacklose Golduhr am Handgelenk, die so aussieht, als ob man sie beim Chinesen an der Ecke beim Kauf von zehn Wassersuppen gratis dazu bekommt. Wenn ich ihre Ausführungen richtig deute, sieht sie in der Ehefrau ihres Profs nur noch ein verlebtes Frettchen, das kurz vor dem Abschuss steht. Mann muss  abwarten im Leben. Geduld. Irgendwann wird Blackies ergrauter Mäzen sie sicher in eine wirtschaftliche Spitzenposition hieven. Ich kann es kaum erwarten.

Es könnte eine Soap  mit den Dialogen eines müden Autoren sein. Ist es aber nicht. Die drei sind echt – so echt, dass ich gerne Ziegelsteine aus meinem Risotto basteln und sie auf den Nachbartisch werfen möchte. Stattdessen verwandele ich mein Gesicht in eine steinerne Maske. Das muss reichen. Erst mal.

“Was hast du denn?”, fragt mich Petra in ihrer sozialpädagogisch verständnisvollen Art – als ob ein Fünftklässler in kurzen Hosen vor ihr sitzen würde. “Du warst auch mal so jung.”

Nein. War ich nicht. Ich war schon immer wie ein achtzigjähriger, griesgrämiger Höhlenbewohner, der fellbehangen und zornig ins Tageslicht blinzelt. Jedenfalls verfügte ich nie über die charakterlichen Qualitäten einer der drei Damen vom Nachbartisch.

“Ach, die wollen doch nur ein bisschen Spass”, pflichtet ihr Bernd in seiner gewohnt devoten Art bei.

Mag sein. Aber ich gönne den Biestern nun mal kein Vergnügen. Zumindest nicht in meiner Nähe. Es ist Donnerstag und aus nicht nachvollziehbaren Gründen mag ich diesen Tag der Woche noch weniger als seine Freunde Mittwoch  und Freitag – da will ich mich nicht auch noch mit der Erlebniswelt von drei Berliner Rotzgören auseinandersetzen. Wirklich nicht.

Irgendetwas stimmt in dem Restaurant ohnehin nicht. Der Koch beugt sich schon seit zehn Minuten über seine Theke aus gebürstetem Aluminium und beobachtet die drei Damen. Die Augenbrauen unter seiner Kochmütze haben diese buschig-besorgte Schwingung, die man in Erwartung vollendeten Grauens vermuten mag. Auch unsere Kellnerin beobachtet den Nachbartisch. Selbst im Gehen wirft sie Blicke aus zusammengekniffenen Augen in die Damenrunde.

Über dem Restaurant schwebt ein Moment vollendeter Anspannung. Nicht wirklich greifbar, aber doch spürbar, wie eine rabenschwarze Gewitterwolke, die sich gleich über den Köpfen aller Gäste entlädt. Und dann fallen die ersten Tropfen.

Feuerlocke bestellt die Rechnung und beschwert sich auch gleich über das Essen. “Ich habe das Steak well done bestellt. Habe ich extra zweimal gesagt.” Sie tippt auf den nahezu leeren Teller. “Das war nicht mal Medium. Nicht mal das.” 


Beide Nasenlöcher der Kellnerin blähen sich auf.  “Ich werde es weitergeben.”


“Das Essen bezahle ich nicht. Muss ich auch nicht, wenn es nicht schmeckt”, zischelt die Rothaarige.

Die Brünette nickt nur. “War bei mir das gleiche.” Sie stochert mit der Gabel in einem kleinen Rest Fleisch herum. „Ungenießbar.“

“Meine Pasta hat auch nicht geschmeckt”, tönt es aus Blondies Mund. “Weiß der Koch nicht, was al dente ist?”

Die Bedienung starrt auf ihren Notizblock und dreht sich zu dem dürren Mann mit der weißen Haube herum. Der Koch huscht aus seiner Nische hervor und baut sich vor dem Tisch der drei auf: “Und jetzt wollen Sie alle nicht bezahlen, ja?” Er knetet seine Finger. “Stimmt doch, oder?”

Blondie tippt auf die Speisekarte. “Verzeihung. Hier steht, die Speisen müssen nur bei vollster Zufriedenheit bezahlt werden.  Sie machen doch Werbung damit, oder?”


Der Koch fletscht die Zähne. “Wenn Ihnen das Essen nicht schmeckt, warum kommen sie dann hierher?“ Er streckt sein Kinn vor. ”Letzten Freitag haben Sie auch schon nicht bezahlt, weil es angeblich nicht geschmeckt hat.“

Nun bäumt sich die Rothaarige auf. “Werden Sie mal nicht frech. Ich habe mal Jura studiert.  Ich und meine Freundinnen, wir halten uns nur an die Geschäftsbedingungen, die ihr Laden hier selbst formuliert hat.”

Black Fury zeigt ihr Gebiss: “Also kundenfreundlich sind sie ja nicht. Weiter empfehlen werde ich Sie bestimmt nicht.”

Blondie guckt triumphierend in die Runde.  „Ich schlage jetzt mal vor, wir zahlen nur die Getränke.“ Ihre Freundinnen nicken wie einstudiert.

In eisiger Starre steht der Koch vor dem Tisch. In seinem Kopf tobt mit Sicherheit ein Funkenregen der Gewalt. Die Luft um ihn herum wirkt elektrisiert. Ich rechne mit einer Schrei-Attacke.  Mindestens. Und dann … passiert nichts. Er dreht sich in einer erhabenen Geste um und verschwindet in seiner Kochnische. Er hat seine Gegnerinnen  als unwürdig eingestuft, ähnlich den sabbernden Hyänen in der Wüste Tansanias, die  in der Tierwelt von den Löwen nur müde belächelt werden. Dieser Mann ist ein Held in Weiß – es gibt sie noch. Respekt.

„Was dem einfällt …“, trötet Blondie.

„Dem schreibe ich online eine miese Restaurant-Kritik“, zischelt Feuerlocke und zerhackt das letzte Stück Fleisch mit ihren Schneidezähnen.

„Gesetz ist Gesetz. Da kann er nichts machen“ , tönt es aus Blackies Mund.

Und damit ist wirklich alles gesagt.

Die drei Biester verlassen das Restaurant in Hochstimmung und mit klackenden Absätzen. Bevor die Tür hinter ihnen zufällt,  springt mich ein ungeheuerlicher Gedanke aus der hintersten Ecke meines Hirns an:

Was, wenn sie nächste Woche wieder kommen?  Und immer  wieder?  And ever, ever, ever … Wie lange wird der ehrvolle Koch das Spiel aushalten, bevor er es mit einer grausigen Tat auf die erste Seite aller Boulevardblätter schafft?  Wird ihm der Staatsanwalt in seiner flatternden Robe Verständnis entgegenbringen? Und Gott. Was wird Gott tun, wenn der Koch mit seinem blutroten Hackebeilchen vor der Himmelspforte steht und um Einlass begehrt?

Es sind schwerwiegende philosophische Theorien, innerlich aufwühlend und existenziell, als meine gedankliche Parade von Bernd gestört wird.

„Also, in meiner Fanta war auch kaum Sprudel drin …“

Ich werfe ihm meinen jahrzehntelang erprobten Blick des kalten Zorns zu. „Bernd!“

„Ja, ja , ist ja schon gut.“

ALS DER POSTMANN NICHT MEHR KLINGELTE …

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Claudines Gesicht ist eine starre Maske. Ausgebreitet auf dem Küchentisch liegt eine weiße Samtbluse, die zweifelsfrei als Oberteil für ein  verwöhntes Prenzlauer Berg-Kleinkind durchgehen könnte. Claudine streichelt den Stoff und flüstert mit zitternden Lidern:  „Das will ich nicht glauben. Das kann ich einfach nicht glauben.“  Im Takt der Worte bröckelt der Lippenstift in kleinen Krümeln von ihrer Unterlippe ab. „Das ist ein Tiefschlag vor dem Fest. Das Ende …“

Ihre Trauer ist nur vergleichbar mit der Beisetzung einer Urne. Darunter gibt es keine Entsprechung. „Was hast du denn?  Ist das ein Geschenk für deine kleine Nichte?“ Es erscheint mir im Angesicht der babyartigen Ausmaße des Kleidungsstückes plausibel. Mit dem tosenden Orkan aus Claudines Rachen habe ich nicht gerechnet. Ihr Gaumensegel flattert vor Empörung:

„Spinnst du? Das ist meine Lieblingsbluse. Diese blonde  Zicke in der Reinigung hat sie einfach eingehen lassen.“ Sie schwenkt den weißen Stoff wie eine Fahne über ihren Kopf. „Das hat die mit Absicht gemacht. Die ist richtig böse. Ein  schlechter Mensch ist das. Richtig, richtig schlecht …“ Fast steigen Tränen in ihren riesigen Augen auf. „Das war… meine Lieblingsbluse. Mir ist ganz übel vor Aufregung.“

„Die passt wirklich nicht mehr?“

Claudine wirft mir die Bluse gegen die Brust. „Klar, wenn ich vierzig Kilo leichter wäre und in einem Schrumpfstrahl gefangen wäre – dann schon.“ Sie kreuzt die Arme über ihrer Brust. „Wenn ich nicht so wütend wäre, dann würde ich jetzt heulen. Aber ich habe ja Würde.“

Die hat sie. Tränen wären mir allerdings lieber als die hochoktavigen Kreischtöne aus ihrem Mund. Ein friedvolles Schluchzen – die Weihnachtszeit würde es durchaus festlicher machen. Aber da ist nichts zu machen.

Ihr zischelndes Gemurmel ignoriere ich. Auf der Küchenspüle entdecke ich die Post des Tages – und ganz oben liegt ein zerknitterter Zettel:  Zustellversuch gescheitert.  Schon wieder. Eigentlich so, wie immer. „Warst du  gestern den ganzen Tag hier?“

Claudine blickt mich aus seelenlosen  Augen an. „Klar. Und ich werde deine Wohnung nie wieder verlassen, so fertig bin ich.“

„Das heißt, der Postmann hat wieder nicht geklingelt?“

„Nö, hat er nicht.“

Natürlich nicht. Warum auch die ganzen Treppen hochlaufen? Warum klingeln? Es geht doch auch viel einfacher.  Sollen die Leute doch selbst ihre Päckchen jagen und bei Nachbarn klingeln, die grundsätzlich ihre Tür nach 18 Uhr nicht mehr aufmachen. Oder besser noch: In der Dunkelheit zu einer ominösen Packstation wandern, vor der sich hunderte verlorene Seelen versammeln und in einem wimmernden Chor um ihre Päckchen flehen – ungehört.

Erst vor fünf Tagen habe ich an einer Ecke einen Paketzusteller gesehen, der feist und fröhlich hinter seinem Lenkrad saß. Auf dem Beifahrersitz lagen  aufgerissene Schokoriegel. Aus dem Radio dudelte ein Rock´n Roll Sender. Der Kerl klammerte sich an seinem Lenkrad fest, zerkaute seine Haselnusswaffeln und wippte den rockigen Takt mit seinem prallen Gesäß mit. Kurz darauf füllte er mit einem Kuli seine Zettelchen aus, die er mit beschwingtem Gang in den Briefkästen versenkte. Treppen mit Päckchen hochlaufen? Nein. Und so einer ist meiner womöglich auch:

„Das geht mir echt auf die Nerven. Ich habe mir ein Amazing Spider-Man No 3 bestellt. Aus den Sechzigern. Ich will das Comic jetzt haben. Jetzt – auf der Stelle. Ich kann nicht mehr warten. Ich brauch das sofort.“  In meiner Nase spüre ich den Duft des vergilbten Recyclingpapiers. Vor Ärger wird mir ganz warm.

Claudine betrachtet meine Aufregung mit seltsamen Interesse. Sie erhebt sich aus dem knirschenden Ledersessel und kommt ganz nah auf mich zu. Fast berühren sich unsere Nasen. „Wetten, dass ich den Postmann dazu bringen kann, die Päckchen künftig hier oben abzuliefern?“

Fast muss ich lachen. „Ohne Waffen?“

Klar. Ohne Waffen.“ Sie sagt es so selbstverständlich, dass es wie eine reine Provokation klingt.

„Bitte, dann mach mal.“

„Und was machst du für mich?“

Ich verstehe ihre Frage nicht. Was soll ich tun? Ihre Bluse auf eine Streckbank legen oder mir Wolle besorgen und ihr ein hübsches neues Jäckchen stricken? Eingelaufen ist nun mal eingelaufen. Zum Glück liefert sie die Antwort selbst.

„Du verkaufst meine alten Klamotten auf dem Flohmarkt, und von dem Geld hole ich mir eine neue Bluse. Wenn ich verliere, sortiere ich alle deine Comics.“

Alle Comics.Wirklich alle. Das würde Tage dauern. Der Nerd in mir jubelt. Dann aber jagen hässliche Bilder durch mein Hirn: Ich stehe in der winterlichen Kälte auf einem Flohmarkt. Feuchtigkeit kriecht durch meine Klamotten. Vor mir, auf einem alten Tapeziertisch,  liegen Röcke, kaputt gelaufene Stiefel und freizügige, durchgelebte Oberteile. Ich rede auf Prenzlauer Berg-Muttis ein, um ihnen auch noch das letzte durchgeschwitzte Hemdchen aus Claudines Schrank zu verhökern. Mir ist übel. Das kann ich nicht bringen. Es geht einfach nicht.

„Also … nein…“

„Nein?“

„Auf keinen Fall.“

„Feigling. Los jetzt, wir wetten.“

EIN KURZER INFORMELLER BREAK

Der Nachteil bei alten, langjährigen Freundschaften liegt in der mathematisch absolut exakten Berechenbarkeit des Gegenübers – fast so zuverlässig wie ein binäres Zahlensystem. Ich lasse mich nicht einen Feigling nennen, und Claudine weiß es. In der Vergangenheit hat das zwischen uns zu Wetten geführt,  die uns körperlich ausgelaugt und um Jahre gealtert zurückgelassen haben.  Ich hätte hart bleiben sollen – und was nun folgt, ist mein letzter Ratschlag in diesem ausklingenden Jahr: Lasst die Finger von blöden Wetten mit Frauen, die um jeden Preis gewinnen wollen.

UND WEITER GEHT ES

Claudine streckt mir ihre Klaue entgegen. Ihre French Nails zerfetzen mir fast die Haut im Innern meiner Hand,  so fest drückt sie zu, als ich einschlage.

In den nächsten sechs Tagen habe ich die Wette fast vergessen. Die Aufregung um Bluse und Postmann ist nur noch ein grauer Schatten der Erinnerung im stressigen Weihnachtstrubel. Eine Woche später aber sitze ich in meinem Arbeitszimmer. Es klingelt an der Tür.  Ich höre, wie Claudine öffnet. Womöglich ist es eine ihrer Freundinnen.  Nach einer Weile vernehme ich Stimmen aus der Küche. Da ist das freudvolle Lachen  eines Mannes. Er sitzt  an meinem Küchentisch.  In seiner Glatze spiegeln sich die Lichter der Weihnachtsdeko. Über seinem kugelrunden Bauch hängt eine abgetragene Daunenweste. Vor ihm steht mein zwanzig Jahre alter Rum, den er sich wie Milch ins Glas kippt. Er hat schon ganz rote Bäckchen. Claudine sitzt ihm gegenüber in einem T-Shirt mit V-Neck Ausschnitt, das ihr fast bis zum Bauchnabel reicht. Sie klatscht ihre Handflächen ineinander, als würde sie mich wie einen stumpfsinnigen Hund anlocken wollen.

„Das ist der Rudolf. Er ist extra die ganzen Treppen mit den Päckchen hochgekommen.“ Ihr Gesicht hat einen triumphierenden Ausdruck. Ihre dunklen Augenbrauen tanzen vor Freude wie Strichmännchen über ihre Stirn. „Neulich war er auch schon hier.“  Rudolf nickt. Claudine nickt – so synchron, als hätten sie es abgesprochen. Aber tatsächlich liegen dort zwei Päckchen neben der Spüle. Da sind sie wieder, die scheußlichen Bilder vom kalten Flohmarkt.

Rudolf kippt sich das Glas in den Rachen. Mit seiner übergroßen Zunge leckt er auch noch den Rand ab. Wie eine wohlgefällige, dicke Monsterspinne hat er sich in meiner Küche ein kunstvolles Netz gebaut.  In mein Schweigen nistest sich die eisige Kälte des Nordpols ein. Es stört Rudolfs Besinnlichkeit.

„Na, ich muss jetzt mal langsam los…“ sagt er.

Klar. Langsam. Ganz langsam.  Bloß keine übermäßige Hektik. Als er die Treppen herunterschleicht, denke ich darüber nach, wie er jetzt womöglich mit einem Packen Zustellzetteln in den Hauseingängen verschwindet. Schwuppdiwupp – rein in die Briefkästen, und weiter geht es.  Die verloren gegangene Zeit muss ja wieder reingeholt werden – und Rudi ist sicher ein Meister dieses vorweihnachtlichen Kunststückchens. Ich bin so wütend, da interessieren mich die Fakten ohnehin nicht mehr.

Claudine jubelt.  Sie klatscht in die Hände und brüllt wie in einer Fernsehshow, die wir alle mal alle kannten :  „Wette gewonnen … GEWONNEN!“ 

„Das ist eine Riesensauerei. Du hast es mit Sex provoziert und auch noch meinen Rum verschwendet. Und außerdem kriegen jetzt noch weniger Leute ihre Päckchen, weil dein Rudi  jetzt erst recht keine Zeit mehr hat.

„Na und?“ Auf ihren High Heels stakst Claudine auf mich zu. „Freundchen, gewonnen ist gewonnen. Klar? Bitte sehr, mein Kleiderschrank wartet schon auf dich.“

Vollmundig und töricht. Die Liste meiner Unzulänglichkeiten ließe sich noch um unbelehrbar, starrsinnig und unverbesserlich ergänzen.  Mein Kopf war so riesig und von sich selbst eingenommen, dass ich nicht für eine Sekunde mit einer Niederlage gerechnet habe. In der Nacht kann ich vor Wut nicht einschlafen. Die beruhigende Wirkung meiner original  Anti-Stress-Wachskerze versagt. Mit der flachen Hand schlage ich das Licht aus.  Wenigstens bekomme ich jetzt meine Päckchen häufiger in die Wohnung geliefert. Wenigstens das. Es ist nicht viel, aber es macht die Flohmarkt-Demütigung etwas erträglicher. Aber natürlich ist auch das nur ein Selbstbetrug, den ich in meiner Selbstnachsichtigkeit  zulasse.

Am nächsten Morgen prüfe ich den Tapeziertisch in meinem Keller. Das alte Ding  ist an den Scharnieren eingerostet und alles andere als flohmarkttauglich. Auch das noch. Ich verlasse meinen Keller in einer Welle der Übellaunigkeit und komme an den Briefkästen vorbei. Eine blonde, dürre Frau mit militärisch kurzem Haar klebt ein mir wohl bekanntes Zettelchen unter einen Briefschlitz.

„Aber … aber… wo ist denn der Rudi?“

Sie stoppt in der Bewegung. Ihr Blick über die Schulter ist kurz, empört und mit einem schwermütigen Seufzen garniert.

„Na, wo soll er schon sein? Zusammenjeklappt isser. Umjehauen hat’s  den. Bis in die Nacht hat er malocht.  Der  janze Stress, is doch keen Wunder. Der jeht im neuen Jahr in ’nen anderen Bezirk.  Is och besser so. Schönet Fest noch.“

Der Gang hinauf zu meiner Wohnung kommt mir endlos vor. Dort, auf dem Stuhl vor dem Küchentisch, hat er mal gesessen. Ich hätte Rudi besser pflegen sollen. Ein Postmann will auch mal in den Arm genommen werden in dieser kalten Zeit. Und mal ein Gläschen Rum,  wer will ihm das schon vorwerfen? Jetzt ist es zu spät. Rudi wird neue Freunde finden, denen er gerne die Päckchen zu kunstvollen, pisa-esken Gebilden in der Wohnung aufstapelt. Kinder werden ihm lachend zuwinken und Hausfrauen seine Ankunft mit bebendem Herzen erwarten. Auf Rudi ist Verlass.

Mit gebeugtem Rücken ziehe ich an meiner Wohnungstür vorbei.  Ein Zettel mit krakeliger Handschrift hängt dort: „Habe schon sieben Kartons mit Klamotten zusammen. Wahnsinn, was ich  noch alles gefunden habe. C.“

Das wird ein tolles neues Jahr. Die Zeichen sind eindeutig.

Und falls ihr im Januar einen schlotternden Typen auf einem Berliner Flohmarkt seht –  umgeben von Kleidern, kaputt getanzten Lederstiefeln und absonderlichen Hüten –  sicher würde er sich über ein Deckchen oder ein Heißgetränk  freuen.

Frohes Fest !!!

 

 

 

GLEICH HEUL ICH – ACH, ICH FANG SCHON MAL AN …

Iron

„Ach nee, nee, nee, nee…  dass das mal so zuende geht.“ Mirko der Maler stützt sich auf den kleinen Tresen in der Videothek und streicht mit seinen beklecksten Fingern immer wieder über seinen Bauch. Dann nimmt er einen langen Zug aus seiner Bierpulle. „Traurig ist das, richtig traurig. Zum Heulen.“ Daraufhin entleert er die Pulle in einem einzigen Zug  und stellt sie mit einem dumpfen Geräusch und glasigen, starren  Augen auf den Tisch.

Der Herr der Videothek, G., zieht seine buschigen Augenbrauen zu zornigen, pelzigen Bögen hoch. „Ja, jetzt jammert ihr hier rum. Hättet ihr mal mehr Filme ausleihen müssen und nich immer nur zum Dummrumquatschen hier reinkommen. Jetzt ist es vorbei. „ Er schmeißt die Lade seiner Kasse zu. „So!“ In die Auslage des kleinen Schmuddelladens stellt er ein  handgemaltes Schild: .Alle Filme werden heute verschenkt.

„Jetzt können die Geier kommen und sich ihr Futter holen.“ Sein blondiertes  Haar hängt trübselig über den Augen.

Ich kann es einfach nicht fassen. Es ist wirklich das Ende. Jahrelang habe ich hier in Prenzlauer Berg meine Filme ausgeliehen. Sogar mehr als das: G. war mein Lebensberater, mein Freund und Vertrauter. Für die meisten im Kiez. Jedesmal, wenn ich eine neue Freundin im Schlepptau hatte, folgte der Gang zum Videothekenmann. Er war das gnadenlose Beziehungsorakel. Jede Frau musste über den verfilzten Teppich mit den gelblich-braunen Brandlöchern laufen, eine Runde durch den Laden drehen und sich seinem prüfenden Blick stellen. Seine Urteile unter vier Augen waren gnadenlos:

Nummer 1 – LISA: Also, die hat so´n hektisches Zucken auf´m linken Augenlid. Lass die mal sein. Haste nur Stress mit. Kannste glauben.

Nummer 2 – JANIN: Boah, also nee, mach jetzt bloß keinen Mist. Haste nich gesehen, wie die das Kleingeld gezählt hat? Die ganzen Cent-Stücke? Ist´n echter Geizknochen. So ´ne Abzockerbraut. Vorrrsiicchhhttt!

Nummer 3 – PETRA: Also, ich sach mal so. Body is supi. Hat ne Mähne wie´n Rassepferd. Aber die lispelt doch. Haste nich gemerkt? Tsch-Tsch-Tsch- macht die dauernd. Stört doch auf Dauer.

Nummer 4 – CORDULA: … (Schweigen) … (noch mehr Schweigen) …  Also mal ehrlich. Wenn eine so gut aussieht und so lustig ist, dann stimmt doch da was nicht. ( Intensives Nachdenken) Da gibt es einen Haken. Kannste glauben. Das sind die gefährlichsten Frauen. Gefääähhrrrlich. Ich rate ab. Ganz entschieden rate ich mal ab.

Die Jahre galoppierten, die Frauen kamen und gingen. Aber G. war immer für mich da. Inmitten seiner alten Röhrenfernseher, die er wie einen sakralen Tempel um sich aufgebaut hatte, war er der König der Straße. Umgeben von verrotteten VHS-Cassetten trotzte er dem digitalen Zeitalter wie ein starrsinniger Brontosaurus. Erst in der letzten Sekunde kamen die DVDs dazu, denen er grundsätzlich wie ungeliebten Verwandten begegnete.

Der heimliche Höhepunkt meiner Videothekenbesuche aber war immer das Schälchen mit den verklebten, schalen Erdnüssen auf der Theke.  Ganze Tonnen muss ich davon über die Jahre weggeknabbert haben. Zu Weihnachten gab es sogar Bananenchips für die Kunden – genauso klebrig, aber noch galliger im Geschmack.

Und jetzt soll das alles futsch sein? Ja, sieht so aus. Aber wenigstens kommen die alten Kunden noch einmal zu einer ordentlichen Abgreif-Tour vorbei. Das Glöckchen an der Tür bimmelt ohne Unterbrechung.  Opa Bernd steht im Lodenmantel vor der Theke und blinzelt über seinen Brillenrand: „Sie verschenken die Filme? Wirklich?“

„Ja.“ G. starrt zur Decke als würde er dort seinen umfangreichen Text ablesen.

„Alle?“

„Jahhaaaaa.“ Er wirft uns einen genervten Blick zu. „Ich mach den Laden zu.“

Opa Bernd zuckt nur mit den Schultern und schlurft in den hinteren Bereich der Videothek, dort, wo explizites Material für 18jährige steht – so selbstverständlich und nebensächlich, wie man sich eine Tüte Milch im Supermarkt holt. Fünf Minuten später hat er einen Stapel VHS-Videobänder in seinen zittrigen Händen so hoch aufgetürmt, dass er damit problemlos ins Himmelsreich vordringen könnte. Die Titel auf den Rückseiten der Bänder sprechen für einen Experten mit scheußlichem Fachwissen. Ich möchte sie nicht wiedergeben, aber ganz sicher kommen auf Opa Bernd ein paar ruhelose Nächte zu. Das Glöckchen bimmelt wieder, der Alte leckt sich einmal über die furchigen Lippen und wankt  freudvoll mit seiner  Beute durch die Dunkelheit.

Mirko schüttelt den Kopf. „So ein … Lustgreis … so ein … ein …“

„Sabber-Opa?“

„Genau.“ Und dabei blickt Mirko starr ins Leere. Vielleicht hat er erst jetzt verstanden, dass er sein wirkliches Zuhause verlieren wird. Das aufrechte Herz eines Berliner Malers ist eben auch nur ein umherflatterndes Blättchen im Herbstwind. „Ach, Mann …“,  flüstert er.

„Eyyy, ich hab den Film zuerst gehabt.“

„Hast du nicht.“

„Wohl.“

Vor dem Actionfilm-Regal tobt ein Zweikampf zwischen zwei vielleicht 16jährigen Blondinen. Ihre Röcke baumeln geschätzte sieben Zentimeter unter den Bauchnäbeln. Die Fingernägel sind mit Strasssteinchen besetzt. Sie reflektieren das funzelige Licht im Laden wie Discokugeln. Eine der beiden trägt einen Zopf, der bei jedem Wort wie ein fuchtelnder Schweif durch die Luft saust. Dafür hat die andere wundersam wulstige Lippen, die jedes Wort wirken lassen, als würde es aus einer zerquetschten Tube kommen. Bei einer körperlichen Auseinandersetzung sind die stelzigen Stiefelchen der Beiden sicher ein Handycap – oder man benutzt sie gleich als Schlagwaffen –  ich hätte dazu geraten.  Aber die Beiden vertrauen in ihrer Auseinandersetzung lieber auf ihre verbale Raffinesse.

„Lass den Scheiß, jetzt. Das ist mein Film.“

„Is er nich.“

G. trommelt sich auf den Bauch und schlendert um den Tresen herum. Er baut seine imposanten 165 Zentimeter  vor den beiden Kids auf. „Mädels, was habt ihr denn hier? Warum der Streit? Guckt mal, da sind doch genug Filme für alle da.“ Er nickt den beiden zu.

„Aber Iron Man 3 gibts hier nur einmal. Der is für meinen Freund.“ Und wieder saust der blonde Zopf einem empörten Aufschrei gleich durch die Luft.

„Eyy, ich hab  meinen Freund im Kino bei dem Film kennengelernt. Is doch wohl wichtiger, oder nich?“ Die wulstigen Lippen vibrieren vor Wut.

„Quatsch nich rum. Du hast doch gesagt, du hast deinen Freund bei Expendables 2 kennengelernt.“

„Hab ich nich.“  Wulstis Augen füllen sich mit Tränen.

„Haste wohl.“ 

G. schüttelt nur den Kopf und geht zu seinem Tresen zurück. Er greift in eines der Regale und legt eine DVD auf den Tisch.  Dann zeigt er auf die Zopfträgerin. „Hier.  Das ist der Avengers-Film. Da mischt Iron Man auch mit. Dann gibste deinem Freund eben den. Ist auch schickes Bonusmaterial dabei.“

Zopfis verkrampftes Gesicht entspannt sich. Wulsti blickt zufrieden drein.

An die Zopfträgerin gewandt sagt G. nur: „Mann muss seine Erinnerungen ehren, kapierste? Manchmal ist das alles, was einem bleibt. Gönn doch deiner Freundin mal später so `nen Moment.“

Ich bin stolz auf meinen Freund G.. So kenne ich ihn seit vielen Jahren – ein Sartre des 21. Jahrhunderts. Ein weiser  Salomon, der gerechte Urteile fällt und sein Videothekenreich wie ein sanftmütiger Fürst regiert.

An diesem Abend waren sie alle da. Die nervigen Mütter mit ihren quietschenden Edel-Kinderwagen, die gehetzten Anzugträger mit flatterndem Seitenscheitel, die veganen Aussteiger, die mit Stolz die Reste ihrer  zerkauten Möhrchen zwischen ihren  Schneidezähnen präsentieren , die kippenverschlingenden Kids … eben alle – und vor allem, zum letzten Mal.

Als G. kurz vor Mitternacht seinen Laden schließt, habe ich einen Kloß im Hals, der in seinen Ausmaßen einer Kanonenkugel ähnelt. „Was willst du jetzt eigentlich machen?“

„Weiß nicht. Vielleicht werde ich Busfahrer.“ Er winkt uns zu. „Bis denne.“ Dann läuft er langsam und ganz allein die Straße herunter. “

„Jetzt kriegt der auch noch Allmachtsphantasien.“ Mirko schüttelt den Kopf und stellt seine fünfte Bierflasche auf das schmutzige Kopsteinpflaster. „Was machen wir denn jetzt nur?“ Er kratzt sich kleine blaue Farbspritzer von den Fingerspitzen.

„Weiß ich auch nicht.“

„Mist“

„Riesenmist.“

Als ich drei  Tage später  an der geschlossenen Videothek vorbeikomme, blicken mich leere Regale durch die staubigen Fenster an. Irgendwie sieht die Bude nun viel kleiner aus. In ein paar Monaten ist hier womöglich  ein Bioladen drin. Oder der vierzigste Coffee-Shop mit rasselnden braunen Bohnen. Vielleicht wird es auch ein Geschäft für Kindermode – so ein Laden, in dem sich aufsässige Prenzlauer Berg-Gören in kleine Lords verwandeln. Zumindest äußerlich.

Und irgendwann wird sich niemand mehr an G. und die vielen unglaublichen Geschichten, die wir hier erlebt haben, erinnern. Die Bilder werden in unseren Gedanken kleiner, und nach einer Weile sind sie nur noch Schatten, die kopflos vor der Sonne fliehen. Verdammt.

Über dem Knauf an der Tür klebt noch eine kleine, vergilbte Postkarte. Uma Thurman in ihrem gelben Kill Bill- Anzug ist darauf abgebildet. Ich reiße sie ab und stecke sie in mein Sakko. Erinnerungen muss man ehren.

Mann, was für ein Megamist.

 

(In Gedenken an meinen aufrechten Videothekenmann empfehle ich die gesammelten Werke „The true life of G“. – die gibt es hier,   hier , hier  und vor allem hier.) Danke G.  – für die außergewöhnliche Zeit.

HALBNACKTE NACHBARN VERSTEHEN KEINEN SPASS

Mr.Peppi

Erst riecht es ein bisschen wie Schinken, der geräuchert wird. Fast schon  lecker. Dann wie verbrannte Milch  und am Schluss  einfach nur wie schnöder Rauch. An der Wohnungstür wummert eine fremde Faust und dazu röhrt eine Männer-Stimme durch den Hausflur: „Feuer.  Alle raus hier. Feuerrrr…“ Dann geht das Geklopfe an der Wohnungstür nebenan weiter. „Feuerrrr …“ Über mir trappeln Schritte, Türen werden aufgerissen, im Hausflur poltert es.

Die Vintage-Uhr mit den riesigen Ziffern auf Petras Nachttisch behauptet, dass  es 5 nach 12 ist.  Passt dramaturgisch durchaus zur Feuer-Szene.  Ich liege in einem fremden Bett,  eingewickelt in buntfröhlicher Herr der Ringe-Bettwäsche, von der mich ein mürrischer Gandalf anstarrt. Auf Petras Peppi, den intriganten Jack Russel Terrier, soll ich aufpassen. Der mag dich doch so. Ich aber kann den hechelnden Stinker mit dem verschlagenen Blick nicht ausstehen. Wäre meine Wohnung nicht mit nervengiftfreundlicher Farbe frisch gestrichen worden und hätte ich danach nicht das Gefühl gehabt, durch einen lecken Atomreaktor zu  wanken – ich würde jetzt nicht in diesem fremden Bett liegen. Zu spät. Jetzt sitzen wir beide in der Feuerhölle,  Peppi und ich.

Ein Blick in den Hinterhof: Überall sind die Lichter an. Feine Rauchschwaden ziehen in den Nachthimmel. Wenigstens sehe ich keine züngelnden Flammen. Aber von allen Seiten sind aufgeregte Stimmen zu hören: „Hast du die Unterlagen? Die Kinder… die Kinder …“

Ich kenne praktisch alle 70er Jahre-Katastrophenfilme – wenn einer die Mieter  in Sicherheit bringen kann, dann bin ich es mit meinem unheimlichen Fachwissen.  Das Superhelden-Gen in mir pulsiert. Peppi, mein hündischer Sidekick,  wird sich durch die Flammenhölle schnüffeln, und wir werden ihm folgen. Kein Zweifel.  Eine kleine Gemeinschaft von Menschen, die im 72. Stock eines Wolkenkratzers umgeben von lodernden Flammen, um ihr Leben kämpft –  so was habe ich hunderte Male gesehen. Genau mein Ding.  Und als echter Katastrophen-Fan weiß ich, dass es nur um eines geht: Lässig und entspannt bleiben. Gut Aussehen in der Flammenhölle, nachher ärgert man sich ja doch nur, wenn man hysterisch war.

Jeans an, Hemd drüber, Schuhe schnüren. Peppis Leine ist verschwunden. Macht nichts. Den Ledergürtel aus der Hose ziehen, ran ans Halsband und los. Peppis irritiertem Blick weiche ich aus. Im Gehen kommen mir Zweifel. Müsste ich nicht die liebsten Stücke aus Petras Wohnung retten? Aber was nur? Die Farb-Fotos von ihrer Hochzeit mit dem Bassisten einer schwedischen Band? Die Ehe hielt sieben Monate,  bevor  Lasse fremde Liebesschwüre hauchend und an seinen Saiten zupfend mit einer 17jährigen in nördlichen Gefilden untertauchte. Bringt nichts.  Vielleicht aber die selbstgestrickten Lampenschirme, die lustlos von der Decke baumeln. Oder Petras roter Lieblingsmantel, den sie schon seit 15 Jahren trägt und aus dem sie kummerspecktechnisch doch langsam herausgewachsen ist. Nein, Peppi muss reichen.

Nach dem Öffnen der Wohnungstür zeigt sich mir der Blick in ein unwirkliches Paralleluniversum. Menschen in Bademänteln ziehen wie eine Geisterarmee durch das Treppenhaus.  Ein dicklicher Typ mit  weißem Unterhemd  schleppt einen riesigen Kontrabass durchs Haus und sieht dabei einfach nur dämlich aus. Seit dem Untergang der Titanic müsste er doch wissen, dass die Musiker bis zum Schluss bleiben. Tut er aber nicht.  Zwei Kinder werden in Schlafanzügen mit dem Aufdruck nagender Igel an mir vorbeigezerrt. Peppi starrt mich an, als erwarte er von mir eine umfassende Analyse der Situation. Am Gürtel gezerrt und runter. Jetzt ist nicht die Zeit für Worte.

Unten angekommen, zähle ich ich 16 Menschen. Es ist hochspannend. 16 Menschen, die um diese Uhrzeit üblicherweise verborgen und sicher hinter ihrer Wohnungstür leben. Von Petra weiß ich, dass es in ihrem Haus einen Lehrerüberschuss gibt. Und tatsächlich, eine dürre Kreischerin  mit Goldrandbrille kommandiert ihre Kinder herum wie ein routinierter General: „Sei still, Jan. Gib Ruhe, Lisa. Schluss jetzt. Stellt euch an die Wand.“

Weiter hinten steht ein glatzköpfiger Herr in einem dunkelblauen Bademantel, auf dem ich die weiße Stickerei eines Hotels erkennen kann. Derselbe Name ist auf seinen Pantoffeln zu entziffern. Aha, wieder einer dieser Kleinkriminellen, der heimlich Tonnen von Seifestückchen aus den Hotels schleppt, aber diesmal hat er bei dem flauschigen Mäntelchen richtig zugeschlagen, ein echter Supercoup, lange vorbereitet von einem kriminellen Mastermind.  Neben ihm nestelt  seine Frau an einem metallischen Kasten herum. Weil es mich interessiert, trete ich einen Schritt näher an sie heran. Eine hellgraue Geldkassette mit Haltegriff. Tatsächlich. So eine hatte meine Oma mal. Ich hätte nicht gedacht, dass es die Dinger noch gibt. Die Frau bemerkt meinen Blick, also frage ich nach: „Da ist nicht wirklich ihr Geld, drin oder?“

„Na, was glauben Sie denn. Meinen Sie, ich traue `ner Bank?“  Sie hängt ein meckerndes Lachen an ihre Frage. „Nee, nee… die sperren die Konten sowieso bald, dann ist alles futsch.“ Sie beugt sich vor. „Eurokrise, verstehen Sie?“

Das verstehe ich. Trotz des Katastrophenszenarios gibt es hier noch echte Insidertips von einem Wirtschaftsweisen in Baumwoll-Nachthemd und plüschigen Hausschuhen. Sowas  merke ich mir. Kann nicht schaden.

Weiter hinten läuft ein Rentner mit einem monströsen Hörgerät im Ohr herum. Immer wieder schlägt er mit der flachen Hand auf seine Ohrmuschel, als würde er eine Bongotrommel bearbeiten. Knisterknisterrauschrausch. In so einer Situation braucht man alle Sinne. Kann ich gut verstehen.  Je älter man wird, desto eher hängt man zäh wie Teer am Leben.

Hinter mir drängelt sich eine junge blonde Frau im überlangen weißen T-Shirt  (ein  moderner Nachthemd-Ersatz für hippe Studentinnen)  und grünen Asics-Sportschuhen durch die Menge. „So´n Scheiß. Ich hab morgen Prüfung und jetzt steh ich hier rum. Scheiße ist das.“ Ich nicke ihr zu. „Welcher Assi, war das denn?“, schimpft sie in die Runde.

Darauf hat die “ Lehrerin“ nur gewartet. Sie wird flankiert von einem ebenso dürren Mann mit Seitenscheitel, wahrscheinlich auch Lehrer. Sie zeigt auf die Hausfassade: „Das ist der Haschischraucher im Dritten. Das sehe ich doch.“

Ich zerre meine Zigarillos aus der Hosentasche, stecke mir eine an und betrachte die Fassade. „Woher wollen Sie das wissen? Ich kann den Rauch nicht zuordnen.“

„Weil ich das eben weiß. Das war der Haschischraucher.“  Sie nickt sich selbst zu, und der dürre Seitenscheitelträger macht mit.  „Definitiv der Haschischraucher.“  Synchron wie zwei Trinkvögel heben und senken sie ihre Köpfe und tuscheln sich etwas zu. „Wer sind Sie denn überhaupt?“, fragt der Dürre, ruckelt an seiner Brille herum –  und ganz nebenbei wirft er der Blonden im weißen T-Shirt einen dieser verborgen lustvollen Blicke zu, wie ihn nur Oberstudienräte im zwanzigsten Ehejahr zustande bringen.

„Ich bin ein Gast.“ Die zwei betrachten mich wie Inquisitoren, die gleich zupacken werden, um mich auf ihren Scheiterhaufen  zu werfen – angeheizt ist er ja schon. Durchaus praktisch. Zwischenzeitlich kaut Peppi vor Langeweile auf meinem Gürtel herum und uriniert eine ordentliche Lache auf den Bürgersteig, die sich wie ein unüberwindbarer Fluss zwischen mir und der Kreischerin auftut. Danke, Peppi.

„Ein Gast sind sie, ja? Aber sie kennen doch hier niemanden, da können sie doch gar nicht urteilen.“ Zufrieden blicken sich die beiden an.

„Muss ich auch nicht. Aber der Rauch ist  für mich trotzdem nicht zuzuordnen.“

„Finden Sie das nicht geschmacklos, dass Sie hier unten stehen und eine Zigarette rauchen, wenn es da oben brennt“, brüllt mich die Kreischerin an, und  ihre Hammerzehen wackeln in den Gesundheitsschuhen ganz aufgeregt hin und her.

„Es ist ein Zigarillo,  und ich kann keinen Zusammenhang erkennen.“

Nun quetscht sich auch noch ihr speckiger Sohn durch die Menge, so ein ca. 12jähriger Klugscheißer, der noch Chipskrümel am Mund hat. Mamis kleiner Helfer streckt seinen gut gepolsterten Finger aus und zeigt auf mein Zigarillo: „Da kann man von sterben.“ Mutti tätschelt seinen Kopf. „Ja, ganz genau, Jan.“

 „Warum legen Sie sich nicht in ihr brennendes Bettchen und überlegen, wie sie die Welt retten können? „ Ich zeige auf das rauchende Haus. „Würde mir gut gefallen. Sehr gut sogar.“

Die Augenbrauen der Kreischerin verwandeln sich in empörte Rundbögen, die ihr fast bis zum Haaransatz reichen.  Ihr zartes Spitzennachthemd wiegt sich im Wind.  Der Dürre stößt pfeifend die Luft aus. Bevor sie antworten können, ist die Feuerwehr da. Funkgeräte knistern. Blaulichter rotieren, und ein grauhaariger Mann mit Helm löst das Rätsel dieser Nacht: „Schwelbrand im 4. OG rechts.“

„Was? das ist doch die Wohnung vom Frank.“ „Der raucht doch gar nicht.“  „Der Frank, ach … das kann ich gar nicht glauben.“ „Also, nein … der Frank.“

Die Kreischerin und der Dürre blicken sich mit traurigen Augen an.  Die hübschen Vorurteile, sauber sortiert und durchaus gefällig vorgetragen – alles für die Katz. Ärgerlich.

„Sicher steckt der Frank mit dem Haschischraucher unter einer Decke. Ich  habe da so ein Gefühl  …“  Der sachliche Klang meiner Stimme erstaunt mich selbst – er entfacht eine herrliche Wirkung.

Der Dürre presst die Lippen aufeinander. Die Kreischerin ballt die Fäuste bis ihre Knöchel knirschen. Beide wenden sich wortlos ab und verschwinden tuschelnd in der Menge.  Irgendwann werden sie den Haschischraucher schon erwischen.  In dieser Nacht hat es nicht geklappt. Schade. Dann eben morgen.

Zusammen mit Peppi setze ich mich vor einen Hauseingang auf der anderen Seite der Straße.  Das Gewusel dort drüben erinnert mich an Flammendes Inferno mit Paul Newman – nur eben mit fünfklassiger Besetzung – und wir beide spielen sowieso nicht mehr mit.

„Bin ich froh, dass ich hier nicht wohnen muss.“

Empört und mit großen traurigen Augen schaut mich Peppi an.

„Sorry, Kumpel. Tut mir leid. Aber manchmal reicht das Glück eben nur für einen.“

Wär ja auch noch schöner.

WIE MAN SICH SEIN GEKLAUTES FAHRRAD ZURÜCKHOLT …

Fahrrad

„Da.  Genau da stand es.  An dem Baum. Genau da …“

Claudine fuchtelt wie eine Windmühle mit ihrem Armen herum. Die Zähne gefletscht, die Finger verkrampft, stampft sie mit ihren roten Pumps auf dem Bürgersteig herum, als wollte sie ihn persönlich für den gemeinen Diebstahl bestrafen. Jetzt fallen ihr auch noch die Haare vors Gesicht – ein buschiger Theatervorhang in blond. Sie läuft um die Kastanie herum und hält mir einen Fahrradreifen entgegen, der an einem Schloss hängt.

„Das ist alles. Der Rest ist futsch.“
„Du hast das Schloss am Hinterreifen befestigt?“
„Ja, natürlich.“
„Nicht am Rahmen?“
„Nein … na und?“
„Also, mir hat schon mein Großvater erklärt, dass …“
„Mir egal. Ich will jetzt keine Kriegsgeschichten von deinem Opa hören.“ Mit zusammengekniffenen Augen tastet sie die umliegenden Häuserfassaden ab. „Irgendwo hier hockt ein Dieb mit meinem Fahrrad.“ Sie ballt ihre linke Faust und hebt sie an – ähnlich einer Scarlett O’Hara in Vom Winde verweht – und stößt einen Schwur aus: „Wer immer mein Rad hat. Das hat er nicht umsonst gemacht. Das hol ich mir wieder.“ Als sie mein Lächeln sieht, zischelt sie, „das kannst du mir glauben.“

Wer Claudine kennt, weiß, dass das Wort „glauben“ eine mehr als unzureichende Beschreibung ist. Es ist ein Fakt, eingemeißelt als elftes Gebot in allen Steintafeln, die jemals in der christlichen Glaubenslehre verbreitet wurden.

Die Suche nach dem Rad wird zur Hetzjagd: In den nächsten Tagen kontrolliert sie die Kleinanzeigen sämtlicher Berliner Tageszeitungen. Ihre Fingerkuppen zeigen durch das ständige Hoch- und Runterscrollen von Ebay-Angeboten einen deutlichen Hautabrieb, und auch ihre täglichen Rundgänge in Prenzlauer Berg ähneln eher den routinierten Bespitzelungstechniken  eines verdeckten Ermittlers. Nach einer Weile ermüden mich die Versuche, in fremde Treppenhäuser und Hinterhöfe einzudringen, weil das Rad ja vielleicht dort stehen könnte –  aber am Ende fehlt auch nach einer Woche jede Spur – und mir fehlt das Verständnis für den empfundenen Verlustschmerz.

Claudines Fahrrad war ein lila-farbenes Ungetüm mit einem grünen Ledersattel. An den Griffen hingen rote Bändchen wie sie Kleinkinder bevorzugen, die ihre ersten Fahrversuche mit Stützrädern absolvieren. Die Felgen hatten neonfarbene Streifen. Kurzum: Es war das hässlichste Rad, das ich in diesem und aller meiner vorherigen Leben jemals gesehen habe.

Nach einem heißen Sommertag wage ich einen Versuch, geboren aus Mitleid und Wagemut: „Du, pass auf. Wir gehen morgen los, und ich schenke dir ein neues Rad. Wie gefällt dir das?“

Claudine blickt mit dunklen Ringen unter den Augen von ihrem Handy auf. „Ich kann jetzt nicht. Ich simse gerade mit einer anderen Beklauten.“ Sie zeigt mit dem Finger nach Süden. „Die wohnt da hinten zwei Straßen weiter.“ Das blaue Licht des Handys wirft ein gespenstisches Licht auf ihr Gesicht. „Wir organisieren uns. Den kriegen wir noch. Der entgeht uns nicht. Nein, nein … der hat sich mit der Falschen angelegt.“

Na gut. Dann nicht. Ich bin entspannt. In Berlin werden am Tag hunderte Räder geklaut. Die Wahrscheinlichkeit, dass ausgerechnet Claudines lila Rad wieder auftaucht, ist so wahrscheinlich wie von einem Meteoriten während einer Qigong-Massage  getroffen zu werden.

Lächerlich. Absurd. Völlig ausgeschlossen.

Und genau darum muss es auch passieren.

Als wir ein paar Tage später in der Nähe der Kottbusser Brücke ein Eis essen, bemerke ich das Knirschen der Eiswaffel neben mir. Claudine presst ihre Finger so heftig in die Waffel, dass sie zerbröselt. „Ich fass es nicht.“ Und ein wenig leiser mit bedrohlichem Unterton: „Freundchen, das wird dir wehtun.“

Angelehnt an einem Brückengeländer auf der anderen Seite der Straße steht ein vielleicht 1 Meter 90 großer Typ um die dreißig, der ein aromatisiertes Wasser trinkt. Ich erkenne eine lachende Himbeere auf seiner Flasche. Neben ihm stehen drei Fahrräder, die er offenbar zum Verkauf anbietet. Eines davon, das Hässlichste, steht ganz unbeteiligt dazwischen, wie ein alter Bekannter, den man zufällig im Urlaub an einem fernen Ort in der Welt wiedertrifft.

Claudine wirft das Eis auf den Boden. Die Vanillekugel schmaddert auf meine Schuhspitze. Sie setzt sich mit geballten Fäusten in Bewegung. Ich packe sie am Arm.

„Wir brauchen einen Plan.“
„Mein Plan heißt: Ich will mein Rad zurück.“
„Willst du ihn verprügeln?“
Sie wischt sich mit der flachen Hand unter ihrer Nase entlang, wie es Rocky vor seinem Kampf gegen Apollo Creed gemacht hat. „Warum nicht?“

Der Typ auf der anderen Seite der Straße ist nicht nur größer als wir beide. Er ist eine dicke und unförmige Masse. Ein menschlicher Fleischberg. Ein richtiger Brocken. Sein blaues T-Shirt mit dem Aufdruck eines gesenkten Facebook-Daumens und dem Schriftzug Gefällt mir nicht hat mindestens  die Größe XXXXXL. Mindestens.

Bei einer körperlichen Auseinandersetzung müsste man theoretisch  erst einmal mit dem ganzen Körper in seine Fettmassen eintauchen, um an seine Knochen zu gelangen, und erst dann könnte man sie ihm zerbrechen – wenn man es denn wirklich will.  Sein Hals scheint am verletzlichsten zu sein. Ein gezielter Handkantenschlag gegen seinen Adamsapfel  (gesehen in Karate Kid II) könnte durchaus das gewünschte Resultat eines Knock Outs bringen. Aber dann zähle ich an seinem Hals vier Fettringe, die mich an  aufgetürmte Donuts auf einer senkrechten Holzstange erinnern. Der Kerl ist gepanzert bis über beide Ohren. Unbesiegbar. Bevor Claudine einen rachsüchtigen Versuch unternimmt, rufe ich die Polizei an. „Hast du die Gestellnummer?“, flüstere ich ihr  zu.

„Natürlich“, faucht sie zurück.

Schön. Mir ein paar Polizisten wie eine Pizza zu bestellen – das wollte ich immer schon mal machen. Die Beamten versprechen, in zehn Minuten an der Brücke zu sein – bis dahin ist auch die Rahmennummer geprüft. Claudine wird nervös.

„Und wenn der Typ abhaut?“
„Der steht da doch ganz entspannt.“
„Und wenn er mein Rad verkauft?“
„Unwahrscheinlich.“ Fast hätte ich laut gelacht.
„Ich will wissen, was mein Rad kostet. Nur so …“

Einen Moment später stehen wir neben einem jungen Paar mit Kind, das sich auch für die Räder interessiert. Claudine setzt ihre wölfische Maske auf und lächelt den Dicken an: „Was kostet denn das lila Rad da?“

Dickie überlegt kurz. Seine wulstigen Lider schlappen über die Augen, verschließen sie,  als würde er in der Dunkelheit den Preis erfühlen können. „Hundertfuffzich.“ Er beißt in ein krümeliges Salami-Brötchen.
„Nicht für hundert?“, fragt Claudine.
„Nö. Is gut erhalten“
„Ach so?“
„Naja, hundertvierzich wär auch drinne. „
„Die linke Handbremse geht nicht.“
„Hä?“ Dickie blinzelt blöd.
„Der Fahrradständer hat einen Knick.“
„Wie jetze?
„Und das verdammte Licht ist nicht einmal gegangen, so lange ich das Fahrrad hatte.“

Dafür geht in  Dickies Kopf das Licht an. Er erstarrt. Wie ein Revolver liegt das angekaute Brötchen in seiner Hand.

An diesem Sonntag verstummen die Vögel. Eine leichte Brise umstreicht mein Haar. Hinter mir höre ich Kinder lachen. Es ist ein Tag, an dem Menschen Enten füttern und Wolken zählen – während ich mich auf einen Faustkampf mit einem Zwei bis Drei-Zentner-Mann vorbereite.

Den Polizeiwagen hinter mir sehe ich nicht. Nur Claudines aufgeregtes Winken und den unglaublich behenden Sprung des Dicken auf eines seiner Fahrräder. Selbst in dieser von höchstem Stress geprägten Notsituation verzichtet er auf das lila Rad, das ihm am nächsten ist. Guter Geschmack . Keine Frage.  Und weg ist er.

Die beiden Beamten sind durchgeschwitzt. Der eine trägt einen zackigen Kinnbart wie der Sänger von Unheilig.  Der andere hat dafür diverse Schnittwunden am Kinn.  Während Claudine den Lenker ihres Rades umarmt und den Sattel streichelt, gleichen die Beamten die Rahmennummer mit ihren Notizen  ab und nicken sich zu.

„Wir haben die Nummer gecheckt. Sie sind Frau Wienert, ja?“

Claudine blickt mich aus riesigen glupschigen Augen an. „Also, nein … bin ich nicht… wieso …“

„Kann ich mal Ihren Ausweis sehen?“

Sie braucht vierzig Sekunden, um den Ausweis aus ihrer überfüllten Handtasche zu kramen. Ein Pfefferspray, vier Lippenstifte und ein Deoroller mit dem Konterfei eines irritiert herumflatternden Schmetterlings landen vor meinen Füßen. Weitere dreißig Sekunden später fragt der Beamte: „Wie lange hatten sie das Rad?“

„Na, ein Dreivierteljahr. „

Die Polizisten nicken sich wieder wie in einem geheimnisvollen Aha-Moment zu. „Das Rad ist als gestohlen gemeldet. Seit anderthalb Jahren. Haben Sie es gebraucht gekauft?“

Claudine nickt artig wie ein dressiertes Äffchen.

„Eine Quittung haben Sie nicht?“

Sie schüttelt den Kopf, diesmal ähnelt sie einem traurigen Clown, der das Unvermeidliche ahnt.

„Tut uns leid. Das Rad muss sichergestellt werden. Als Sie es gekauft haben, war es schon gestohlen.“

Und so endet ein sonniger, viel zu heißer Sommertag in Berlin. Es ist eine rührende Szene: Claudine streicht noch einmal über den Lenker des Rades, klopft  einmal auf den giftgrünen Sattel und scheint in den wundersamen Erinnerungen und Momenten zu baden, die sie mit ihrem Rad in Verbindung bringt. Die Polizisten sind fast ein wenig gerührt.  Dann wendet sie sich ab. Jetzt tut sie mir doch ein wenig leid. Nur ein kleines bisschen. Aber immerhin.

„Wo hast du das Rad eigentlich gekauft?“

„Hinter dem Planetarium, auf der Wiese. Für siebzig Euro.“

„Und es kam dir nicht komisch vor?“

„Wieso denn? Es gab da auch Räder für fünfzig Euro“

Es ist die typische Claudine-Logik. Unverbesserlich. Auf ihrem Gesicht liegt ein entschlossener Zug inklusive zusammengekniffener Lippen. „Und weißt du was, gleich morgen gucke ich mal, ob da wieder einer Räder verkauft.“  Sie nickt sich selbst zu. „Gleich morgen.“

Und so geht es mit dieser unheimlichen Berliner Formel weiter:  Kaufen + Klauen = Klaufen. Verlässlicher als jede mathematische Grundsätzlichkeit von Pi.

Über diesen Gedanken kann einem schwindelig werden.

Da hilft nur Enten füttern und Wolken zählen.