Monatsarchiv: Februar 2013

BIO, BIO, BIOLAY

Mikro
Benjamin Biolay klopft theatralisch auf sein Herz. Er trinkt Wein, Er pafft. Er singt französisch. Er brüllt. Er ist melancholisch. Er wirkt aber auch übermüdet. Bewegungsfaul. Kleinäugig.
Solche Konzerte sind sowieso nur spannend wegen ihrer Besucher.
Sorry, Benjamin.
Ich habe mich ernsthaft gefragt, wer überhaupt  zu einem Biolay Konzert geht.
Antworten gibt es genug.
Neben mir steht ein hageres, glatzköpfiges Männlein mit Riesenbrille, dafür aber mindestens zwei Meter groß. Er zerrt im Takt der Musik an den Schultern seiner Freundin herum, als würde er einen Brummkreisel in Bewegung halten wollen. Soll er doch.
Weiter vorne steht eine kleine Gruppe weiblicher Wollpulliträgerinnen. Sicher Französischlehrerinnen, die es mal so richtig krachen lassen wollen. Danach steigen sie in ihren rostigen Citroen und fahren beschwingt nach Hause. Die sind so. Garantiert.
Das Exemplar zu meiner rechten aber ist etwas ganz Besonderes. Blonde Kurzhaarfrisur. Grüne Lederjacke. Lilafarbenes Tuch – einfach mal drüber geworfen, für den besonderen Pfiff. Sie reicht mir bis zum Kinn. Eigentlich verhält sie sich ganz still. Hier und da ein Lächeln bei einem langsamen Song. Dann mal ein leichtes Wippen ihrer Hüfte, wenn die Musik etwas härter wird. Und auf dem Höhepunkt, etwa, wenn sich Biolay völlig unerwartet bewegt, zwei schnelle Trippelschritte macht, steckt sie sich beide Hände in den Mund, verzieht das Gesicht wie ein Bierkutscher und pfeift sich die Seele aus dem Leib. Es überrascht mich. Es war ein markerschütterndes Geräusch. Ich kann Pfiffe aus ordinär aufgerissenen Mündern sowieso nicht ausstehen. Beim dritten Mal, wieder sind ihre ausgestreckten Finger im Mund komplett verschwunden, hustet sie plötzlich, reißt den Kopf hin und her und spuckt irgendetwas aus. Was ist da schiefgegangen?
Sie starrt auf ihre rechte Hand. Ein Fingernagel fehlt. Natürlich. Mal eben ins vietnamesische Nagelstudio gehen und sich Hochglanzfingerkuppen auf die durchgeknabberten Nägel setzen lassen. Und dann auch noch erstaunt sein, wenn sie nicht pfifffest sind.
Sie bückt sich. Sie sucht. Sie ist übellaunig. Sie geht.
Sie geht tatsächlich.
Es irritiert mich.
Welchen Wert hat ein Konzert, wenn man es wegen eines abgebrochenen Plastik-Fingernagels verlässt?
Das feine Knacken unter meinem Schuh ignoriere ich.
Sorry, Benjamin.
Advertisements

WARUM FIESER REGEN GUT IST

Rain

Das Joggen im Volkspark Friedrichshain ist viel mehr als schlichter Sport, der die Gelenke ölt. Es ist in gewissem Sinne ein Krieg mit dem Läufer, der einem von der anderen Seite entgegen kommt. Ich zum Beispiel laufe grundsätzlich acht große Runden um die Skaterbahn. Das sind etwa 10,4 Kilometer. Ich laufe durch Büsche. Ich springe über Äste, die in meinem Weg liegen und ich registriere alles, wirklich alles, was mir auf meinem Lauf begegnet. Ein Vater der seinen achtjährigen Sohn anbrüllt, weil der versucht, einem Hund die Augen mit einem Stock auszupieksen. Zack. Gespeichert. Die Gang der zerflederten Grungepeople, die mal wieder ein Seil zwischen den Bäumen gespannt hat, auf dem sie unbeholfen balancieren. Abgespeichert. In der nächsten Runde kommt es womöglich zu Knochenbrüchen. Das steigert die Erwartung und motiviert zum Weiterlaufen.
Heute hat sich der Himmel zusammengezogen. Es tröpfelt. Wie immer an diesem Sonntag kommt mir von der anderen Seite eine Läuferin mit wackelndem Zopf entgegen. Sie lächelt nie. Sie mustert mich mit mürrischem Blick. Warum auch immer. Ihre dunklen Augenbrauen kleben  wie verklemmte Sicheln an ihrer Haut. Nun ist es so, dass wir uns bei jeder Runde begegnen, sie läuft mit dem Uhrzeigersinn, ich dagegen. Bei jeder Runde kontrollieren wir ohne Worte, wer schneller gelaufen ist. Sie tut es. Und ich tue es auch. Schon seit anderthalb Jahren. Kommt sie mir auch nur in einer Runde bei unseren Begegnungen näher, laufe ich die nächste Runde schneller. Ist doch klar. Wer verliert schon gerne? Heute ist es anders. Aus ein paar Regentropfen ist in der dritten Runde ein handfester Wolkenbruch geworden. Am liebsten würde ich nach Hause laufen. Aber sie läuft weiter. Also laufe ich auch weiter. Und weil ich weiter laufe tut sie es wahrscheinlich auch. In der fünften Runde klebt mein Longsleeveshirt am Körper und meine Hose macht dumpf klatschende Geräusche beim Laufen. So sehr ist sie mit Wasser vollgesogen. Bei ihr sieht es nicht besser aus. Ihre Haare hängen in Strähnen vor den Augen. Ihr graues Oberteil sieht wie ein Schwamm aus. Weiter.
Irgendwo am Rand steht ein dürrer 25jähriger Typ, der wie Jesus  oder auch Sebastien Tellier aussieht. Er riecht ungewaschen. In seiner Plastiktüte schleppt er wahrscheinlich sein ganzes Hab und Gut mit sich herum. Er grinst mich an. Weiter. Bloß weiter. Runde für Runde.
Mittlerweile ist der Boden aufgeweicht und ich muss über Pfützen springen, wenn ich nicht auch noch nasse Füße bekommen möchte. Da ist sie wieder. Diesmal, und das irritiert mich wirklich, grinst sie mich an. Ich habe es mir nicht eingebildet. Sie lächelt. Warum? Weil ich mit nassem Haar völlig idiotisch aussehe? Oder weil sie an mir eine Schwäche entdeckt hat, die sie glauben lässt, sie würde unseren Wettbewerb gewinnen? Das macht mich wütend, und ich laufe noch schneller. Jesus steht in der Zwischenzeit unter einem Baum. Er hat sein T-Shirt ausgezogen und starrt in den Himmel.
In der achten Runden passiert es dann. Ich sehe sie schon aus der Entfernung. Der graue Punkt kommt immer näher. Und diesmal starrt sie mir ins Gesicht und bewegt ihre Lippen: „Jetzt gib doch endlich auf“, ruft sie mir zu.
Ich habe es mir nicht eingebildet. Sie hat gesprochen. Das erste Mal seit anderthalb Jahren. Sie hat den heimlichen Pakt gebrochen. Wie konnte sie nur? Ich drehe mich nach ihr um. Sie läuft noch eine halbe Runde weiter und verschwindet dann irgendwo auf der kleinen asphaltierten Anhöhe. Sie gibt auf. Tatsächlich. Der Regen stört mich nicht mehr. Ganz im Gegenteil. Er ist mein Freund. Wenn wir uns nächste Woche wieder begegnen, wie wird es dann sein? Anders? Werden wir so tun, als wäre nichts passiert? Keine Ahnung. Ich laufe zum Ausgang des Parks. Jesus steht auf dem ausgetrampelten Pfad. Er trägt nur noch seine Unterhose. Er steht mitten im Regen und jongliert mit leeren Pfandgutflaschen und sieht dabei so schrecklich glücklich aus.
Diesmal lächele ich zurück.
Und irgendwo da oben bohrt sich die Sonne durch die Wolkendecke.