Monatsarchiv: März 2013

MUTTI SIEHT ALLES

Mother sees it all

Die beiden Mädchen im Café in der Hufelandstraße  kreischen.

Sie albern herum. Sie gackern. Sie nerven.

Ihr strohiges, totgefärbtes und hyperblondes Haar wackelt dabei ganz aufgeregt hin und her.  Die Füße stecken in zerlatschten  Chucks, angeknabberte Kippen liegen auf dem Tisch, und ihre Fingernägel sind im Kollektiv schwarz lackiert. Sie sind beide vielleicht 15 Jahre alt, und Coolness ist für sie nur ein Anzug, den man sich mal einfach so überstülpt.

Muss ja nicht perfekt sitzen. Geht schon irgendwie.

Mit ihren Augen (angemalt wie für den Auftritt in einem Stummfilm)  fixieren sie starr die Oberfläche ihrer Iphones,  unheimlich roboterhaft und synchron – und plötzlich zeichnet sich auf dem einen Gesicht so etwas wie Schrecken ab. Nicht einfach nur so ein plumper, kleiner Schock – schon mehr Entsetzen, garniert mit Unglauben. Und als Sahnehäubchen obendrauf gibt es auch noch eine kleine Welle Wut.

Blondie 1: „So ein Kack. Jetzt hat die meinen Facebook Eintrag schon wieder kommentiert.“

Blondie 2: „Wer?“

Blondie 1: „Na, meine Mutti.“

Blondie 2: (so entsetzt, als würde sie eine stinkende, durchlöcherte Socke kommentieren)  „Du hast deine Mutter als Freundin bei Facebook?“

Blondie  1: (beschämt und sehr leise) „Ja, hab ich.  Ich hatte doch am Anfang keine Freunde. Sah blöd aus.“

Blondie 2: (viel zu laut) „Und da hast du deine Mutter genommen? Mann, das ist doch wirklich bescheuert.“

Die beiden schweigen. Blondie 1 grübelt. Man kann ihr ansehen, dass sie vor einem schwerwiegenden Geständnis steht, das ihre  gesamte, heile Teenager-Welt zum Einsturz bringen könnte.

Dann lässt sie die Bombe platzen.

Blondie 1: „Meinen Vater hab ich auch drin.“

Blondie 2: (kann es nicht fassen) „Mann, wie blöd bist du denn? Das kannst du doch nicht bringen, so was. Die fummeln dir doch dauernd dazwischen, mit den Typen und so… also echt…“

Blondie 1: „Das Schlimmste ist, meine Eltern haben sich schon in Facebook gestritten. So richtig doll. Total peinlich. Da hab ich meine Mutter aus der Freundesliste gelöscht.“

Blondie 2: „Hätt ich auch gemacht. Warum hast du sie jetzt wieder drin?“

Blondie1: „Na, Mann, die hat mir dann mein Taschengeld gestrichen. Da musste ich sie doch wieder reinnehmen.“

Ich muss lachen. So laut, dass der Kakao vor mir durch meinen Atem in ungestüme Wellenbewegungen versetzt wird –  die Facebook-Mom erheitert mich grenzenlos.  Freunde mal eben kaufen.  Auch – und vor allem- wenn es die eigene Tochter ist. Und spionieren lässt es sich so auch noch ganz vortrefflich. Diese Mutter hat den Dreh wirklich raus. Respekt.

Als die Blondies mit  schlenderndem Gang rausgehen,  wirft mir Nummer Eins noch einen ihrer durchtrainiert- cool-düsteren Blicke zu.

Sie formt mit ihren Lippen zwei Wörter.

Ganz sanft. Und nur für mich.

„Fuck you.“.

Macht nichts.

Das war es wert.

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DER NACKTE FEIND IM DRITTEN STOCK

Foto

Hinter dieser Tür haust das Unaussprechliche. Ich habe sie fotografiert, als ich absolut sicher war, dass SIE nicht da ist. Ich weiß. Ich weiß. Es sieht wie eine harmlose, rot angestrichene Berliner Altbautür aus. In Wirklichkeit aber ist es eine Pforte, die direkt von dieser Prenzlauer Berg Wohnung  in den siebten Kreis der Hölle führt. Und ich weiß, wovon ich spreche.

Die Bewohnerin traf ich am Freitag vormittag. Frau B.  stand im dritten Stock des Treppenhauses, quetschte ihre Nase gegen das antike Fenster mit dem Mosaikglas und starrte in den Hinterhof. Sie verbarg sich ein wenig hinter dem Vorsprung der Mauer. Das fiel ihr nicht leicht. Ihre graue, turmartige Ma Simpson-Frisur musste sie mit einigem Geschick hin und her balancieren. Sie trug einen schweren dunkelgrauen Rollkragenpullover, darunter kam ihre Kittelschürze zum Vorschein. Ihr Körper war so wuchtig, dass er eine beträchtliche Menge des Sonnenlichtes , das ins Treppenhaus fiel , einfach aufschluckte. Neben ihr stand ein Wischmob und ein Eimer mit dunklem, verlebtem Wasser.

Da war sie nun.

Sie starrte. Sie glotzte. Sie schnaufte empört.

Meine Hausmeisterin war in Lauerstellung.

Als ich die Treppe hochkam, gab sie mir ein Zeichen.

„Pssst. Es geht wieder los da drüben.“

Keine Ahnung, was sie meinen könnte. Sie presste den Kopf so dicht an das Fenster, dass das Plastik ihrer Brille über das Glas schabte.
Ich riskierte auch einen Blick.
Das Haus am anderen Ende des Hofes war vor einer Weile saniert worden. Altbaukrams raus, Galerie-Luxuswohnung rein. Dazu schöne, große, offenherzige Fenster, die uns am Leben der Mieter auf der anderen Seite teilhaben ließen.
Ob wir es wollten oder nicht.

„Da, da ist er ja endlich. Da… jetzt kommt er die Treppen runter…“, flüsterte sie aufgeregt.

Jetzt sah ich es auch. Ein Mann kam die Treppen in der Galeriewohnung herunter. Ganz langsam. Betont langsam. Fast schon provozierend „zeitlupig“.

Er war nackt.

„Der ist vor ein paar Wochen mit seinem schwulen Freund hier eingezogen. Der hat wohl keine Arbeit, neee… der nicht… jeden Tag um elf steht der erst auf, und dann läuft er erst einmal splitternackt durch die Bude. Gibt´s doch nicht, so was…“

Ihre grau-blauen Augen rasterten den Feind auf der anderen Seite mit inbrünstiger Wut.

„Gleich reißt der wieder die Arme nach oben, wenn er unten angekommen ist. Macht der immer.“

Er tat es wirklich.
Meine Hausmeisterin blickte mich mit zusammengekniffenen Augen an.

„Die Show macht der nur für uns. Der will, dass wir das sehen. Wir sollen uns das angucken. Jeden Tag… widerlich…“

„Wieso? Ich hab doch heute das erste Mal geguckt.“

„Ach, psttt… Ruhe… jetzt geht’s weiter. Der hat da hinten so `ne Espresso Maschine. Jetzt dreht er sich gleich um.“

Er tat es, als würde er von Frau B. ferngesteuert werden. Er präsentierte uns nun sein nacktes Hinterteil und hantierte mit einer kleinen Tasse herum.
Dann verließ er den Raum.

Die Bühne war leer. Der Vorhang fiel. Das Publikum blickte sich an.

Meine Hausmeisterin nahm die Brille ab. Sie hing an einer goldenen Kette um ihren Hals, wie sie in den Siebzigern gerne Karstadt-Verkäuferinnen in der Nähwarenabteilung trugen.

„Ich mag so `ne Schamlosigkeit nicht. Gab´s hier früher im Osten auch nicht. Können wir nicht gebrauchen, so was, oder?“

Ich nickte schnell und gleich noch einmal, um meine West-Vergangenheit zu vertuschen.
Sie musterte mich und grunzte zufrieden.
Für einen Moment war ich euphorisch. Sie hatte mich an ihrem Geheimnis teilhaben lassen. Ein Verbündeter, das war ich ab heute für sie, fast schon so was wie ein Treppenhaus-Buddie.
Konnte nicht schaden.
Mit einem Hausmeister auf der Seite ist das Leben leichter.
Weiß man ja.
Ich wollte mich umdrehen und die Treppe hinab huschen, da hörte ich noch einmal ihre Stimme. Sie war unerwartet anklagend.

„Ach…, und noch was, wenn ich Sie jetzt schon mal hier hab. Da sind Klinken dran, unten an der Haustür. Ist Ihnen noch nicht aufgefallen, was?“

Der Blick, den ich ihr über meine Schulter zuwarf, war sicher nicht besonders geistvoll.

„Natürlich weiß ich das.“

„Ach nee, und warum patschen Sie dann immer mit ihren Fingern auf das Glas, wenn Sie die Tür aufstoßen? Ich putz die Scheiben nicht zum Spaß.“  

Und als wolle sie die Ernsthaftigkeit ihrer Frage untermauern, klatschte sie den Wischmob mit einer überraschend schnellen Bewegung in ihren Eimer. Sie hielt das tropfende Ungetüm wie eine geladene Waffe drohend in meine Richtung.

„Aber vielleicht war ich das doch gar nicht.“

Natürlich war ich es. Aber warum sollte ich es zugeben?

„Ich weiß, dass das ihre Handabdrücke sind. Und Sie wissen es auch. Verkaufen Sie mich nicht für doof. Klinke greifen…“, sie machte mit ihren wurstigen Fingern eine hebelnde Bewegung, „… und runterdrücken, klar?“

„Ja, klar.“

Da wurde unsere neue Freundschaft nun mit einer solchen Kleinigkeit gleich so schwerwiegend belastet. Im Heruntergehen beschloss ich, das Glas nur noch mit Handschuhen anzufassen.

Ich würde mir gleich ein neues, unbeflecktes Paar kaufen.

Und am besten zwei Nummern größer.

Sicher ist sicher.

BABY, ICH VERMISS DICH SO SEHR…

wand Liebe

„Diese Tage machen mich fertig. Echt fertig. So was von fertig.“

P. lehnt trotz der Kälte an einer Hauswand vor seinem kleinen Obstladen in Prenzlauer Berg. Es ist früh am Nachmittag, und er hat eine Bierflasche in der Hand. Er starrt in den Himmel und ist traurig.

Ich hingegen habe zwei Einkaufstüten im Arm. In der Regel trage ich sie nie an den Schlaufen. Immer im Arm. Es verschafft mir einen strategischen Vorteil. Wenn ich in meinem Kiez die Straße herunterlaufe,  kann ich immer die Tüte geschickt vor meinem Gesicht manövrieren, um von nervigen Nachbarn, gemeinen Hausmeistern oder anstrengenden Prenzlauer Berg Muttis nicht erkannt zu werden. Funktioniert eigentlich immer. Nur diesmal war ich zu langsam, und P. guckt mich aus trieftraurigen Augen  an.

Gefangen.

Eigentlich erstaunlich. So kenne ich P. nicht. Wo ist mein fröhlicher Obstmann mit den derben Scherzchen abgeblieben? Der da kann es nicht sein.
Egal. Jetzt ist es zu spät, abzutauchen.

„Was hast du denn?“

„Ach, ist immer das gleiche in dieser Jahreszeit. Ich vermiss mein Baby einfach.“

Natürlich. Jetzt hat er auch noch etwas so Schwerwiegendes gesagt, dass es mir unmöglich ist, einfach weiterzugehen. Passt mir ganz und gar nicht in den Kram. Überhaupt nicht.
Er nippt an seinem Bier und nickt mir dabei auch noch besonders schwermütig zu.
Wirkt wie einstudiert, die Masche.

Ich kenne P. nun wirklich eine Weile. Aber ich habe keine Ahnung, wer „Baby“ sein könnte. Womöglich ein Kind? Oder seine Freundin? Hat sie ihn verlassen? Sehr wahrscheinlich.  Hat er mir jemals von ihr erzählt?
Es ist mir peinlich,  mich womöglich nicht an ein so privates Detail erinnern zu können.
Vorsichtig nachfragen. So, dass er es nicht merkt. Erscheint mir schlau.

„Also…, warum rufst du dein Baby, denn nicht einfach an?

„Wie denn? Sie ist doch tot.“

Betroffenheit. Schweigen. Stille.

„Willst du auch ´nen Bier?“

„äh… ja…“

Ich trinke kein Bier. Habe ich noch  nie gemocht. Aber die Situation ist so bedrückend, dass ich es nicht ausschlagen möchte. P. kommt zurück und drückt mir die Flasche in die Hand. Die braune Pulle in meinen Fingern erscheint mir ungewohnt. Ich packe sie am Flaschenhals und schwenke sie lässig ein wenig hin und her. P. macht das auch so.

„Weißt du, das ist alles schon drei Jahre her. Aber immer im März kommt das alles zurück, diese Gefühle… und… Wummsss  (er haut mit der flachen Hand auf die Bierflasche) … holt´s mich wieder ein. Ist eine gnadenlose Angelegenheit, verstehste…?“

„Verstehe.“

Ich nicke betont betroffen und denke einen Moment besorgt an den Schwarzwälder Kirsch Eisbecher in meiner Einkaufstüte. Die Tiefkühlkette ist bestimmt schon längst unterbrochen. Das wird ein Fest der Mikroorganismen, und P. redet immer weiter.

„Willst du mal ein Foto von ihr sehen?“

Die Antwort wartet er erst gar nicht ab. Er greift in seine hintere Hosentasche, zerrt das Portemonnaie heraus, klappt es auf und dort, hinter einer durchsichtigen Plastikfolie, sehe ich „Baby“.

Es ist das Bild eines sabbernden Kampfhundes, der sich schwerfällig über ein zottiges Fell rollt. Vor ihm liegt ein brutal zerkautes Gummitier. Die Zunge schlappt zwischen scharfen Zähnen heraus, und die engen, schlitzigen Augen erinnern an die Höllenbestien diverser Horrorfilme der ausklingenden 80´er Jahre.

„War´n ganz besonderes Mädchen. Verstehste mich jetzt?“

„Klar.“

Ich atme erleichtert auf. Es hätte schlimmer, sogar viel schlimmer kommen können.
Ein langer Zug aus der Bierflasche, dann lehne ich mich an die Hauswand und spreche mit trockener Stimme.

„Dieser verdammte März.“

P. nickt.

„Da sagst du was.“

DAS WEISSE GRAUEN AUS DER TUBE

Zähne 1

Claudine mag Facebook nicht – und keine weichen Eier. Dafür schätzt sie Schuhe, die so spitze Absätze haben, dass man damit  problemlos Vampire pfählen könnte. Sie ist eine fanatische Gummi-Entensammlerin, und sie verlässt niemals das Haus, ohne sich die Lippen blutrot zu schminken.
Das ist Claudine.
Und genau diese Claudine steht vor meinem Badezimmerspiegel. Seit Stunden. Sie bearbeitet ihr Gesicht mit Pinseln und Schminktöpfen. Ich sehe Farben, von denen ich nicht einmal wusste, dass sie existieren. Das muss auch so sein. Wir sind zu einer Party bei alten Freunden eingeladen,  und Claudine gibt wirklich alles. Nach einer ermüdenden Ewigkeit sind die Zähne dran. Sie schrubbt engagiert mit einer Zahnbürste in ihrem Mund herum, und dann kommen die seltsamen Geräusche dazu.

„Mischt… mischt… scheische… scheische…“

Sie starrt in den Spiegel und zerrt ihre Oberlippe bis fast über die Nase.

„Scho ein Scheisch…  gibtsch do nüsch…“

Sie tippt mit dem Zeigefinger auf ihr Zahnfleisch.

„Guck mal. Weia…“

Ihr Zahnfleisch ist ein flammendes Lavameer. Eine brutale Kraterlandschaft. Knallrot und Entzündet. Auf dem Waschbecken liegt eine riesige, weiße Tube.

 „Was ist das für ein Zeug? Das ist nicht von mir. Was sind das überhaupt für Zeichen auf dem Teil?“

„Die hab ich mir da hinten (sie wedelt mit einer Hand in Richtung Westen) in so einem Billigladen hinter der Greifswalder gekauft. Nur 99 Cent und das soll die Zähne richtig weiß machen. RICHTIG WEIß, nicht nur so ein bisschen. Strahlend eben, verstehst, du? Das ist ein Superschnäppchen.“

Natürlich verstehe ich. Womöglich ein heimlicher Exportschlager aus Nordkorea, der auf verschlungenen Wegen direkt in meinem Badezimmer gelandet ist. Die Tube hat durchaus etwas Faszinierendes.

„Diese Zeichen…  könnten koreanisch oder  chinesisch sein… oder vielleicht eher kantonesisch… oder…“

Es lohnt nicht, die Sorgenfalte auf Claudines Gesicht detailliert zu beschreiben, aber, sie ist gewaltig, mit vielen kleinen, eleganten Verästelungen.

„Meinst du, das ist keine Zahnpasta? Der Verkäufer hat das doch gesagt.“

 „Das könnte sonst was sein. Der Verschluss ist doch viel zu groß für eine Zahnpastatube. Und überhaupt… die Zeichen hier kann ich nicht mal googlen… könnte auch ein Chromreiniger sein… oder sonst was…“

Claudine ist trotz üppiger Gesichtsbemalung mittlerweile leichenblass.
„Oh Gott, oh gott… was jetzt… tu was… mir ist ganz schlecht“

Der beste Freund tut also was. Der Laden macht um 19 Uhr zu. Sieben Minuten habe ich noch. Eine Hetzjagd durch eisige Straßen, in der rechten Hand die schneeweiß strahlende und womöglich teuflische Tube. Ich schiebe sie dem Dickerchen in dem Laden über den Tisch. Er hat auf mich keine Lust. Da liegt ein angebissenes Cremehörnchen auf dem Tisch, Krümel kleben in seinen Mundwinkeln und eigentlich wollte er gerade die Rollos runterlassen.

Ich: „Was ist das?“
Er: „Na, Zahnpasta.“
Ich: „Steht aber nicht drauf.“
Er: „Wollen se jetzt auch noch nen medizinischen Beipackzettel für ne 99 Cent Zahnpasta?“
Er lacht blöde. Sein Doppelkinn freut sich gleich mit.
Ich: (gereizt) „Ich will wissen, was das hier ist. Jetzt.“

Er wackelt übellaunig  und O-beinig nach hinten in den Laden, holt einen alten Pappordner, prüft, vergleicht und freut sich.

„Das ist wirklich Zahnpasta. Ich hab die Nummern verglichen. Kommt irgendwo aus Asien her. Läuft gut. Ich hab noch keine Beschwerden gehört. (mit anklagender Stimme) Sie sind der Erste, der hier Stunk macht. Was kann ich dafür, wenn Ihre Freundin nich weiß, wie man ne Zahnpasta benutzt? Die hat wohl in der ersten Klasse nicht aufgepasst. Is jedenfalls nicht mein Problem.“

Thema erledigt. Hinter mir knallen die Rollos des Ladens runter. Der Kerl dreht das Licht aus. Wahrscheinlich rammt er jetzt seine Zähne triumphierend in das Kuchenteilchen.

Eine halbe Stunde später laufe ich mit Claudine die Bötzowstraße herunter. Sie wirkt entspannt und auf merkwürdige Weise auch sehr selbstzufrieden.
Es provoziert mich.
Grenzenlos sogar.

Tut´s noch weh? Es muss doch weh tun. Wenigstens ein bisschen.“
Ist ein fieses Kribbeln. Geht aber. Wo hast du eigentlich die Tube gelassen?“
Na, weggeworfen.“
Waaaaas? Mach keinen Quatsch. Wieso denn?“
„Weil es gefährlich ist? Vorhin warst du doch noch panisch.“

Sie lacht hysterisch.

„Mann, 99 Cent. Guck dir doch mal an, wie weiß meine Zähne sind. (Sie reißt theatralisch den Mund auf) Nur 99 Cent!!! P. hat sich für dreihundert Euro die Zähne bleachen lassen, und die sind immer noch verkalkt und gelb. Die wird sich gleich wundern, wenn die das hier sieht. Aber so richtig… das verspreche ich dir… gleich morgen  hole ich mir noch ein paar Tuben von dem Zeugs.“

Wir stapfen schweigend durch die Straße. Ab und zu lächelt sie prüfend in die dunklen, aber dennoch spiegelnden Fensterscheiben und nickt sich selbst zu.

Und die Claudine in der Scheibe lächelt strahlend zurück.

DER FRAUENSAUGER IN DER STRASSENBAHN

M2

„Mann, hörst du mal auf, mich so dämlich anzuglotzen? Hey… hallo? Ja, ich mein dich…“

Die rothaarige Frau mit dem erschütternd kurzen Rock ist sauer.
Nicht so ein normales Sauer – mehr stinkesauer oder auch sauersauer.
Richtig sauer eben.
Die gut gefüllte Straßenbahn ruckelt Richtung Alexanderplatz und da, auf dem Sitz ihr gegenüber, hockt ein Mann im dunkelbraunen Anzug mit Goldrandbrille, so ein schüchterner Ingenieurstyp mit schmalen Lippen, der vorsichtig über seine Zeitung linst und starrt.
Er fixiert.
Er saugt die Bilder der fremden Frau in sich hinein.
Er kriegt nicht genug.
Kostet ja auch nichts. Nimmt man gerne mit.

„Ey, Typ, du willst mich nicht verstehen, oder was?“, die Rothaarige beugt sich provozierend nach vorne.

Ertappt und mit einem Anflug von Beschämung hebt das dürre Männlein die Zeitung ein Stück höher bis seine Augen hinter dem Papier verschwinden.
Und dann linst er schon wieder. Nur ein kleines Blickchen. Klitzeklein nur.

Die Rothaarige springt auf (ich bewundere ihren raspelkurz rasierten Nacken und die eintätowierte grüne Fee hinter ihrem rechten Ohr), haut im Vorbeigehen mit der flachen Hand auf die Zeitung des Männchens, zischelt ein boshaftes „Arschloch“ in seine Richtung und steigt an der nächsten Haltestelle aus.
Stille.
Die Gemeinschaft der Straßenbahn M2 schweigt betreten. Nur einer nicht. Der dicke Kerl mit dem Maleranzug und der schweren Lederjacke ein paar Sitze weiter erbarmt sich und erlöst uns.

„Mann, was bist´n du für´n Trottel. Ich hab auch geguckt, aber doch nicht so direkt. Voll frontal war das, was de da eben abgezogen hast. Hier, so, von der Seite kannste gucken… (er wirft verschlagene Seitenblicke um sich) … aber nicht so direkt. Kapierste?“

Der Mann im dunkelbraunen Anzug guckt ihn fassungslos an. Für einen Moment sieht es so aus, als würde er etwas Bedeutsames sagen wollen. Dann aber doch nicht. Er zerknüllt stattdessen lieber seine Zeitung, presst sie in seine kleine Aktentasche und hechtet aus der noch wartenden Straßenbahn.

„Boah, was für´n Trottel“, kommt es laut aus dem Mund des Malers – und hier und da kassiert er ein fröhlich bejahendes Kopfnicken der anderen Fahrgäste.

Schön. Die M2 ist irgendwie meine ganz eigene Disneyland-Bimmelbahn. Immer was los hier. Als sich die Tram wieder ruckelnd in Bewegung setzt, sehe ich den Kerl im dunkelbraunen Anzug noch einmal. Er wartet, verborgen hinter einem Wartehäuschen, auf die nächste Bahn.

Was für ein Trottel.

ISS ODER STIRB – ODER AM BESTEN BEIDES

Wurst 1

Nachmittags in der kleinen Bäckerei in Prenzlauer Berg.

Die Salamibrötchen gucken übermüdet aus dem Glaskasten. Auch altersschwach. Man erkennt es an dem dunklen, ausgetrockneten Rand. Dem Käse, der sich eine Reihe weiter unten aufhält und sich verzweifelt an die Butter klammert, geht es auch nicht besser.
Es ist nicht wirklich mein Fall.
Eigentlich sogar ganz und gar nicht.
Die Bedienung mit dem dunkelbraunen, raspelkurzen Haar beäugt mich so kritisch wie ich ihre Brötchen.

Ich: „Die liegen hier schon ein Weilchen, was?“
Sie: „Seit achte.“
Ich: „So wirken die auch auf mich.“
Sie: „Iss doch wurscht. Im Magen sehen die doch sowie wieder ganz anders aus.“

Ich habe großen Respekt vor der Berliner Logik.

Einfach einmalig und immer folgerichtig.