Monatsarchiv: April 2013

SCHWULE SCHUHE

flamingo Schuh

„Also, wenn Sie die nicht nehmen, dann sind Sie selbst schuld.“

Die Verkäuferin in dem Sportgeschäft schiebt mir den Pappkarton über die Ladentheke – und da liegen sie. Ein paar Laufschuhe. Eine Special-Edition. In Pink. Als hätte man einen Flamingo gehäutet, und ihn zum Schuh umgebaut.

„So was kann ich nicht anziehen. Das geht nicht. Das bring ich nicht. Die sind pink. PINK…“

Sie hat das Kreuz eines Bierkutschers, ist einen Kopf größer als ich und wenn man genau hinschaut, sieht man auch noch den Schatten eines Damenbartes, ähnlich dem, den Douglas Fairbanks in seiner Paraderolle als Zorro einst trug. Es ist beängstigend. Mit so einem Menschen legt man sich besser nicht an. Sie beugt sich über den Tisch. Ihre gewaltigen Oberarme wirken wie gespenstische Presswürste. Ihr enganliegendes Sportshirt verrät eine Bauchmuskulatur, in die man gerne hineinboxen möchte, sich aber dennoch nicht traut. Sie spricht mit mir, als würde ein Fünfjähriger vor ihr stehen.

„Jetzt mal gaaaaanz ruhig, ja? Alsoooo, Die Schuhe sind rot. In meiner Liste steht das genau so drin. Rot. Und einem echten Läufer wäre das völlig egal. Sie wollen doch ihre Laufleistung steigern. Da ist die Farbe doch egal.“

Ich starre in den Karton. Pink. Meine Hände zittern. Der Schweißfilm auf meiner Stirn löst sich auf und tropft mir in die Augen, als ich in den Widerstand gehe.

„Die sind totzdem pink. Sie wollen mich doch nur beruhigen.“

„Ach was,  jetzt ziehen Sie die doch mal an. Nur Mut. Einfach mal probieren. Sie werden ihre Meinung gleich ändern. Glauben Sie mir.“

Sie muss es mit Hypnose versucht haben. Ihre Worte kleistern mein Hirn zu. Nur so ist erklärbar, dass ich fünf Minuten später tatsächlich mit diesen Schuhen im Laden stehe. Beim Blick in den Spiegel wird mir kurz übel.

„Mein Gott, mein Gott… pink… „

„Ach was… Gleich werden Sie sich besser fühlen. Jetzt laufen Sie mal vor dem Laden auf und ab. Krempeln Sie Ihre Hose hoch. Ich guck mir mal Ihre Beinstellung an.“

Es ist ein Albtraum. Ich krempel die Hose hoch. Ich taste mich vorsichtig aus dem Laden. Keine Menschen zu sehen. Nur irgendwo da hinten ist eine kleine Gruppe Jugendlicher. Weit entfernt.

„Sie müssen die Hose noch höher krempeln. Bis über die Knie. Ich gucke mir das ganz, ganz genau an.“

Die Reflektion im Fensterglas des Ladens ist erschütternd. Es ist ein völlig idiotisches Bild. Ich trage eine dunkelblaue Anzughose und ein Weißes Hemd. In Kombination mit den pinkfarbenen Schuhen sehe ich aus wie ein größenwahnsinniger Clown.

„Jetzt laufen Sie mal“, muntert sie mich auf.

Ich biege nach links ab, dort wo keine Menschen sind.

„Nein, nein, nein. Nach rechts. Da ist die Strecke länger. Ich brauch da schon ein paar Momente, um sicher zu sein.“

Nach rechts also. In Richtung der Jugendlichen. Natürlich.

Es sind vier  Jungs, die gelangweilt an einem Baum stehen, an Bierdosen nuckeln und die Kippen in ihren Händen hin und herschwenken. Sie nehmen mich sofort ins Visier.

Kid 1: “ Eyyyy, Alder… wo wilst´n du hin?“

Kid 2: (lacht blöd)

Kid 3: „Der trainiert, damit er im Büro schneller zum Kaffeeautomaten kommt. Mehr Saft, Alder… mehr Saft…“

Kid 4: „Und die Müüülch nich vergessen. Hoppa. Hoppa.“

In meinem Kopf entwickeln sich Gewaltfantasien. Sie sind nur schwer beherrschbar. Ich lege meine Energie in die Beine und laufe noch schneller. Zurück zur Verkäuferin. Sie steht nachdenklich vor dem Laden.

„Ich bin mir nicht sicher, ob Sie ein SSP-Typ sind. Ich müsste es noch einmal sehen.“

„Was zur Hölle ist ein SSP-Typ?“

„Na, Senk-, Spreiz-, Plattfuß. Sie müssten schon noch einmal…“

„Nein. Das mache ich nicht. Ich will auch mit dieser SSP-Nummer nichts zu tun haben.“

„Ach kommen Sie, wir wollen es doch wissen. Sie brauchen doch gute Schuhe“, auf einmal ist sie eine gutmütige, besorgte Mutter.
Sie will doch nur mein Bestes.

Ich laufe.

Die Jungs begrüßen mich wie einen alten, heimkehrenden Freund.

Kid 1: „Eyyy Alder, üch weiß ja nich, irgendwie voll krass schwul die Treter.“

Kid 2: (lacht schon wieder blöde, diesmal aber lauter)

Kid 3: „Bischte der Held auf´m Chrischtopher Street Day…“

Kid 4:  „Voll die Mädchenschuhe…“

Ich laufe mit gefletschen Zähnen zurück zur Verkäuferin. Sie jubelt mir zu, als hätte ich gerade erfolgreich einen Marathon hinter mich gebracht.

„Perfekt. Ganz Perfekt. Kein SSP. Sie sind ganz gerade aufgetreten. Die müssen sie nehmen.“

Einen Moment später stehen wir wieder in dem Laden. Die Schuhe liegen in dem geöffneten Karton.  Bösartige Laufmaschinen, die mich durchtrieben anglotzen. Es verunsichert mich. Die Verkäuferin streicht mit der Hand über ihr kurzgeraspeltes Haar als wolle sie sich einen Scheitel legen, den sie gar nicht hat. Sie starrt mir in die Augen.

„Die kosten doch nur 120,- Euro. Es ist eine gute Entscheidung. Wirklich“

Wieder die Hypnose-Masche. Ich bin gewarnt, senke den Blick und nuschel meine Frage aus zusammengepressten Lippen heraus.

„Sind Sie sicher, dass es die nicht in einer anderen Farbe gibt? Ganz sicher?“

Sie schüttelt wie auf Knopfdruck den Kopf.

Aha.

Viel zu schnell. So reagiert nur ein Schwindler. Jetzt starre ich Sie an. Direkt in die grauen Augen.  Die volle Ladung.  Ich erhöhe den Druck. Und da… ein Lidreflex . Ein unangemeldetes Zwinkern. Eindeutiger Indikator einer Lüge.

„Warten Sie mal einen Moment“, ich ziehe mein Handy aus der Tasche.

Der Barcode der Schuhe. Scannen. Sechs Sekunden warten. Die Wahrheit wird auf dem Display ausgeworfen. Die bittere, böse, ungeschönte Wahrheit.

„Also, die Schuhe gibt es auch in Grau und in Schwarz.“

Die Amazone schweigt. Ihr Blut wird schnell durch den Brustkorb gepumpt. Ihre Lider flattern. Ich ramme ihr meine Klinge in das Herz.

„Und die kosten hier bei einem Online Anbieter auch nur 75,- Euro.“

Sie schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch. Mehrmals. Als würde sie das Holz versohlen wollen.

„Aber die Beratung bekommen sie da nicht, bei ihrer Online-Bude. Die kriegen sie hier.“

„Stimmt. Na dann, vielen Dank für Ihre Beratung.“

Als ich den Laden verlasse, sehe ich ihr zornrotes Gesicht durch die Scheibe. Und ich sehe meine Beine. Ich habe in meinem Triumphgeheul vergessen, die Hose herunterzukrempeln. Meine neuen Freunde am Baum erinnern mich zum Glück daran.

„Eyyy Alder, machste jetzt auf Hawai…?“

Ja, das mache ich wohl.

Aloha, Jungs.

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DUELL IM SUPERMARKT

 

Duell„Sammeln Sie Treueherzen?“

„Sehe ich aus, wie jemand, der Treueherzen sammelt, die Rückseite bespeichelt und sie in ein Album klebt?“

Die dürre Kassiererin mit der feuerrot gefärbten Matte guckt mich prüfend an. Sie balanciert ihren Körper elegant auf dem knarrenden Drehstuhl und schiebt sich ein Stückchen näher an mich heran.

„Neeee, eigentlich nich. Aber vielleich interessiert se unsere Pfannenaktion?“

„Ich habe keinen Herd.“

Sie guckt mich ungläubig an.

„Ach neee, Sie sind mir ja eener…die Tiersammelbilder sind dann ooch nüscht für sie, wa?“

„Doch, die nehm ich, sogar sehr gerne.“

„Ach Quatsch, neee, wirklich?“

Ja, da starrt sie mich mit ihren aufgerissenen Monsterpupillen an – sie ahnt natürlich nichts von meinem großartigen Plan. Aus den Augenwinkeln habe ich längst die beiden Kinder beobachtet, die wie kleine Aasgeier von Kasse zu Kasse schwärmen, um die Tiersammelbildchen der Supermarkt-Kunden abzugreifen. Es ist die nackte Gier,  die sie in Hektik versetzt. Ganz artig und brav kreuzen sie die Arme hinter ihren Rücken und setzen für die Erwachsenen einen betont treu-lieben Blick auf. Es ist ein beschämend billiges Schauspiel. Aber es funktionert.

„Dürfen wir die Bilder haben, bitte, bitteeee…?“

Einen Moment später ziehen sie sich in eine Ecke zurück, fetzen die Packungen hämisch lachend auf und prüfen ihre Beute. Und schwupps, geht es weiter zur nächsten Kasse. Die gleiche Show noch mal. Immer wieder.

Die beiden Jungs sind vieleicht neun Jahre alt. Zwei  Prenzlauer Berg Rotzgören mit Designerschuhen und Hilfiger Pullis, die schon jetzt die komplexen Gesetze sozialer Erpressung durchschaut haben.

Und plötzlich stehen sie vor mir.

Das wird nicht leicht, Kinder. Gar nicht leicht.

„Können wir die Bilder da haben?“, der eine, etwas dicklichere der Beiden, fährt seinen speckigen Finger aus und zeigt auf die Bildchen. Ein „Bitte“ ist in seinem Vokabular plötzlich auch nicht mehr enthalten. Passt mir gar nicht.

„Die Bilder…“, der Neunjährige wiederholt seine Forderung und  klingt auf einmal  wie ein Pistolero  in einem Italo-Western.

Warum denn?“, frage ich.

Zwei irritierte Gesichter.

„Na, weil wir die doch sammeln…“, rhetorisch ein eher unterdurchschnittlicher Argumentationsversuch. Kommt bei mir nicht gut an.

„Die könnt ihr euch erarbeiten. Einfach so gibt es die nicht.“

Die beiden zuppeln an ihren teuren Pullis herum und blicken sich ratlos an.

Ich wedel mit dem Packen.

„Die Einkaufstüten zum Auto tragen. Sauber einräumen, und dann gibts die Bildchen.“

Die Kassiererin lacht laut.

„Jenau… nich immer hier rumbetteln. Ich muss ooch den janzen Tach hier buckeln und ick krich ooch nüscht umsonst.“

Die Kids sind genervt, zucken kurz mit den Schultern und akzeptieren den Deal.  Sie greifen nach meinen Tüten, da betritt SIE den Supermarkt. Es ist der Auftritt einer echten Prenzlauer Berg Mutti. Sie gleitet mit ihren doppelseitig gebunden Gesundheitsschuhen in den Supermarkt, unter ihrem Arm eine zusammengerollte Yogamatte. Wenn man genau hinsieht, entdeckt man auch noch ein paar Karamellkekskrümel in ihren Mundwinkeln. Ganz sicher die Überbleibsel der mehrstündigen Nachmittags-Plausch-Arie mit gleichgesinnten Freundinnen. Sie ist fassungslos.

„Nein, also, nein. Das kommt gar nicht in Frage, dass meine Kinder hier Ihre Tüten tragen. Was fällt Ihnen denn ein?“

„Wieso? Wir haben einen Deal. Tierbildchen gegen Tüten schleppen. Was gibt es da nicht zu verstehen?“

Ihre fusseligen Haare wirken vor Empörung wie statisch aufgeladen.

„Na hören Sie mal.  In was für einer Welt leben Sie denn?“

„Na, in einer marktwirtschaftlich orientierten. Genau wie Sie, dachte ich…“

Sie reißt ihrem Sohn die Bilder aus der Hand und reicht sie mir mit ihren spinnenartigen Fingern. In der gleichen Sekunde bricht ein kleiner Staudamm in den Augen des Jungen. Tränen kullern. Dazu noch ein asymmetrisch wirkendes Schluchzen, unterbrochen nur durch das schnappartige Luftholen dazwischen. Er kann nicht fassen, was sich da vor seinen Augen abspielt. Das Gesicht seines Bruders steht ebenfalls vor einer ordentlichen Tränendurchflutung. Die Mutter sieht es. Sie sucht krampfhaft nach einer Lösung. Sie beugt sich über das Rollband zur Kassiererin.

„Verkaufen Sie mir ein paar von den Bildern?“

„Kann ich nich machen. Da müssen se erst hier einkaufen. Je mehr se kaufen, desto mehr Bildchen jibts ooch. Der Herr da hat ja für siebzich Euro eingekauft.“

Von hinten brüllt ein genervter Brillenträger.

„Mann, jetzt halten Sie doch nicht den ganzen Laden hier auf.

„Genau. Ganz genau“, ruft aufgeregt eine schmallippige Rentnerin vom Ende der Schlange.

Die Mutter guckt erst die Kassiererin wütend an. Dann mich. Ein weiterer Blick auf ihre heulenden Kinder.  Dann wieder zu mir, diesmal gepaart mit einem Zähnefletschen. In ihrem Kopf greifen wohl Millionen kleiner Zahnrädchen ineinander, auf der Suche nach einer Lösung.

Die ganze Szene erinnert in ihrer Dramatik an das brennende Römische Reich.

Irgendwie finde ich es ganz spannend.

Das kleine Mädchen an der Kasse nebenan fällt mir erst jetzt auf. Sie hat auch ein paar der Bildchen in der Hand. Sie traut sich aber nicht zu fragen. Obwohl sie es doch so gerne möchte. Sie guckt nur aus großen Augen umher und zuppelt schüchtern an ihren Zöpfen herum. Ich nehme meine Tüten, wandere in Richtung Ausgang und drücke ihr den Bilderpacken in die Hand. Sie kann es gar nicht fassen.

„Ohhhh… die sind für mich? Die kann ich alle behalten…??? Echt?“

„Klar.“

Von hinten brüllt die verkekste Prenzlberg-Mutter, „was soll das denn jetzt? Die trägt die Tüten doch auch nicht.“

„Verzeihung, in was für einer Welt leben Sie denn?“

Als ich den Supermarkt verlasse, blicke ich noch einmal über meine Schulter. Eine tobende Mutter. Zwei heulende Jungs. Genervte Supermarkt-Kunden. Ein glückliches Mädchen und eine Kassiererin, die mir breit lächelnd zunickt und dabei ihren erhobenen Daumen in meine Richtung schwenkt, als hätte ich ein Fußballmatch gewonnen.

Ich richte meinen Stetson, überprüfe den Sitz meiner Waffe im Holster und reite auf meinem treuen Gaul in die Abendsonne.

Lief doch ganz gut, der Tag.

WARUM MÄNNER PAPPFIGUREN SIND …

 

Männer aus Pappe

Claudine war einkaufen. In ihrem liebsten schwedischen Möbelhaus. Nun tänzelt sie auf ihren Stilettos  die Stufen zu meiner Wohnung hoch. Ihre Hände sind leer. Das kann nicht sein. Es ist ausgeschlossen. Sie kann kein Geschäft betreten, ohne etwas zu kaufen. Es ist eine verlässliche mathematische Regel. Und erst jetzt sehe ich den Kerl, der sich hinter ihr schwer keuchend die Treppen hochschleppt, mit braunen Pappkartons beladen wie ein treuer Esel. Es ist eine Szene, wie man sie aus vorchristlichen Darstellungen kennt, etwa, wenn die Königin von Saba stolz durch die Lande streift und ihre Gefolgschaft durch Schlamm und Moder watet und ihren gesamten Hausrat auf den Schultern gebuckelt hat.

Da bin ich wieder„, sagt sie strahlend, und das Dickerchen hinter ihr folgt ihr  mit der größtmöglichen Selbstverständlichkeit durch meinen Flur.

„Tach“, raunt er mir zu.

Es ist so ein untersetzter Kerl, der sich aufgrund seiner ausgeprägten Körperfülle sicher von Frauen gerne als Bärchen bezeichnen lässt. Dicke Männer machen so was. Je mehr Körperfülle, desto mehr Bärchen.  Irritierenderweise trägt dieser hier eine gelbe Pannenhelferuniform. Ich versuche, mir die Geschichte zu dieser Szene vorzustellen. Es gelingt mir nicht.

Die Pakete werden in meiner Küche abgeladen. Claudine fetzt mit rasiermesserscharfen Fingernägeln die Kartons auf. Sie hat es jahrelang studiert. Es ist ihr spezielles Talent. Jeder sollte eines haben.

Sie bemerkt mein ratloses Gesicht.

„Nun guck doch nicht so. Wird Zeit, dass sich hier mal was ändert. Überall liegen deine Kippen rum. Da gibt´s jetzt einen schönen Aschenbecher für dich, mit Sonnenblumenmotiven. Der wird dir gefallen. Dann noch ein neues Besteck. Man kann doch nicht mit drei Gabeln und zwei Messern über die Runden kommen, oder?“

Das Bärchen lacht meckernd und anbiedernd mit.

„Nein, das geht doch nicht“, brubbelt er aus seinem unrasierten Gesicht heraus.

„Und neue Handtücher habe ich auch gleich besorgt. Die Lappen in deinem Bad waren ja eine Zumutung.“

Bärchen nickt zustimmend.

Claudine rast ins Bad, um die neuen Handtücher aufzuhängen. Sie sind gelb. Ich hasse diese Farbe. Der Dicke beugt sich etwas zu mir herüber. Darauf hat er die ganze Zeit gewartet.

„Sind sie verheiratet?“, fragt er mit unverschämter Neugierde.

„Nein. Wir sind Freunde.“

„Ach, aber sie sind nicht DER Freund?“

Nein“, ich bemühe mich, möglichst viel Kälte in meine Stimme zu legen und bedauere das Nichtvorhandensein stahlblauer Augen.

Claudine prescht aus dem Bad. Zu ihrem großen Glück gibt es immer noch Kartons, die aufgerissen werden müssen. Sie winkt dem Pannenhelfer-Bärchen zum Abschied zu.

Und es winkt zurück.

„Ich meld mich dann mal bei Gelegenheit“, ruft er ihr fröhlich zu.

„Jahaaa, geht klaaahharr…“, säuselt sie.

Der Bär schiebt seinen wuchtigen Schädel über die Schwelle, zieht die Tür zu und verschwindet.

Endlich.

„Kannst du mir mal sagen, was das war?“

Claudine guckt unwillig von einer funkelnden Brotbox auf, die sie brutal aus der Pappe reißt.

„Na was denn wohl? Ich bin mit meinem Auto am Alex liegengeblieben. Ich war auf dem Weg zum Einkaufen und dann…“

„Der Pannenhelfer-Heini hat dich hingefahren?“

„Ja, klar. Hat er.“

„Wirklich?“

„Ja, und er hat mir auch beim Einkaufen und beim Schleppen geholfen. Du hast ja auf so was keine Lust.“

„Und dann hat er dich zurückgefahren und die Sachen nach oben getragen?“

„Hast du doch gesehen. Hat er. Ja. Ja…“, mittlerweile mit genervtem Unterton.

„Und dann hast du ihm deine Telefonnummer gegeben.“

Nun blickt mich Claudine völlig entgeistert an. Sie stemmt empört die Hände in die Hüften und lächelt wölfisch.

„Quatsch. Das war die Nummer von meiner Mutter. Die ist fast Siebzig. Die freut sich, wenn mal jemand anruft. Was dachtest du denn?“

Gar nichts.

Ich dachte gar nichts mehr und streifte meine Kippe in dem neuen Sonnenblumen-Aschenbecher ab.

Ganz langsam.

Und grübelnd.

SEX AND FOOD AND HAPPINESS

Gabelmund

„Da biste ja endlich… gut, dass du kommst… Mensch… gut, gut… ein Glück… komm, komm…“

Mein Videothekenmann ist ganz aufgeregt. So habe ich ihn nur einmal erlebt, als ihm jemand auf dem Parkplatz hinter dem Supermarkt die Hinterreifen geklaut hatte. Damals schwenkte er wütend einen Schraubenschlüssel über seinem Kopf. Heute sind seine Hände leer. Kein Werkzeug zu sehen.

„Was hast du denn? Wir sind doch gar nicht verabredet.“

„Ja, aber das is doch immer deine Zeit… jetzt quatsch nicht rum… komm… schnell“

Ich habe keine Ahnung, was meine Zeit ist. Aber offensichtlich habe ich Rituale, die nicht einmal mir selbst bekannt sind.  G. zerrt mich in seine kleine Prenzlberg-Schmuddelvideothek , huscht hinter seinen Tresen, baut sich da auf und lächelt mich glücksselig an. Mirko der Maler steht mit seinem bunt beklecksten Anzug neben der Theke. Er schlürft Bier aus seiner Flasche und hebt sie mir zum Gruß entgegen. Die Videothek ist sowieso mehr wie ein Stammtisch. Kunden gibts hier selten.

G. blickt mich ernst an.

„Fällt dir was auf?“, er sagt es mit ungeheuerlichem Stolz in der Stimme.

„Ich weiß nicht… du siehst irgendwie anders aus… aber ich weiß nicht…“

„Besser?“

„Nur anders.“

„Aber auch besser. Richtig?“

„Na gut, vielleicht ein bisschen…“

Er schlägt lachend die Hände ineiander.

„Ich wusste doch dass das funktioniert… ich hab´s gewusst. Ich hab mir ´n  kleines Podest hinter dem Tresen einbauen lassen. Das ist sieben Zentimeter hoch. Da wirke ich gleich anders, größer … ein bisschen beeindruckender, richtig? Bisschen mehr businessmäßig, oder?“

Ich laufe um die Theke herum. Er hat Recht. Er steht mit seinen kleinen Füßchen auf einem Holzplateau. Zum ersten Mal, seit wir uns kennen, blicken wir uns so richtig Aug in Aug an. Jetzt fällt mir auch sein frisches, weißes Hemd auf.  Und dazu diese dunkelbraunen Mokassins mit Bömmelchen. Das macht mich misstrauisch.

„Was ist da los bei dir?“

Er läuft beschwingt über sein Holztreppchen.

„Tja, hat geklappt mit der Kleinen, neulich. Du weißt schon… „

„Ach, wirklich?“

Es überrascht mich wirklich. Ich hätte es G. nicht zugetraut. Aber ich erinnere mich an eine hübsche, sogar sehr hübsche, blonde Frau mit Kurzhaarschnitt, die er vor ein paar Tagen ausführlich über romantische Komödien aufgeklärt hat. Das ist gar nicht sein Ding. Üblicherweise hält er sich lieber in der Kettensägen-Abteilung auf, um sein unheimliches Videotheken-Fachwissen zu präsentieren. Nun strahlt mich ein völlig neuer G. an.
Nur für einen kurzen Moment wandert ein Schatten über sein Gesicht.

„Ich brauch da mal euren  Rat. Wisst ihr… ich sag´s mal so… es ist gleich am ersten Abend passiert bei uns… also… so richtig… mit allem drum und dran, versteht ihr…?“

Ich nicke mechanisch. Der Maler auch.

„Eine Sache hat mich nur ´n bisschen irritiert… also… gleich danach… ihr wisst schon… da isse  in meine Küche gelaufen, und dann hat sie sich so´n Fertiggericht in die Mikrowelle gehauen, und dann gleich wieder zurück mit der heißen Plastikschale  ins Bett.“

„Und dann?“

Ich rechne mit einer außergewöhnlichen Wendung. Einem Phänomen. Einem modernen Wunder.

G. zuckt die schmalen Schultern

„Wie – und dann? Na,  gegessen hat sie´s dann…“

Nun beugt sich Mirko der Maler ein Stück vor.  Seine wässrig-blauen Augen sind empört und groß wie PingPong-Bälle.

„Wie,  nich mal gekuschelt habt ihr danach … ?“

G. winkt ab.

„Darum geht ´s doch nicht. Jedenfalls war ich gerade im Supermarkt und hab mal für Nachschub gesorgt. Guckt mal hier… da haben wir… Kassler mit Sauerkraut. Lamm mit Kartöffelchen. Und dann noch das hier… was Asiatisches… welches soll ich nehmen, heut Abend? Jetzt sagt mal…“

„Stell ihr doch alle hin“, den beeindruckenden Mangel an Leidenschaft für das Thema versuche ich nicht einmal zu verbergen.

„Neeee, das wirkt doch voll inszeniert… neeee, neee… nur eins.“

„Dann nimm Kassler“, sagt Mirko.

„Ist das nicht zu normal?“, grübelt G.

„Na, dann bleibt dir doch nur das Asiatische“, sage ich mit sachlichem Unterton.

Mirko linst über meine Schulter.

„Aber die Verpackung vom Kassler ist hübscher.“

„Aber dann kann er doch gleich das Lamm nehmen. Da ist ein goldener Schriftzug drauf.“

G. schlägt sich die Hände vor den Kopf.

„Wenn man euch mal braucht. Nix läuft da. Gar nix… Kapiert ihr das denn nicht? Ich will einmal alles richtig machen…“

In dieser Sekunde blickt die Blonde in den Laden rein.

„Kommst du, wir wollten doch los.“

G. drückt hinter der Theke wie auf Knopfdruck sein Kreuz durch, dabei reißt er uns die Fertiggerichte aus den Händen. Er stopft sie in die blickdichte Plastiktüte, huscht durch den Laden  (nun aber wieder sieben Zentimeter kleiner) und schiebt uns durch die Tür.

„Heute mach ich mal früher Schluss. Muss auch mal sein“, zwinkert er uns zu.

Dann läuft er mit der Blonden die Straße runter. Die Tüte schaukelt im Takt seiner sehr kurzen Schritte mit.

Wir bleiben auf dem Kopfsteinpflaster zurück. Mirko grübelt angestrengt.

„Meinst du, der versemmelt das?

„Kann schon sein.“

Er kratzt sich mit seinen farbverschmierten Fingern am Kopf.

„Also, ich hätt Kassler genommen.“

„Ich auch.“

WIR WOLLEN SCHÖN UND KNUSPRIG SEIN

Sonnenliege

„Das gibt es doch nicht… also echt… Wahnsinn…“

Ich stapfe mit Claudine und Petra durch Prenzlauer Berg. Die beiden tragen ihre dicksten Mäntel, zottelige Handschuhe und gewaltige Fellmützen, mit denen sie problemlos als  Palastwachen beim Buckingham Palace anheuern könnten.

Claudine hat es zuerst gesehen. Kurz darauf Petra. Die beiden huschen hektisch und atemlos über die Straße, bleiben vor einem Solarium stehen und beglotzen das riesige, weiße Ungetüm, das vor dem Laden auf dem Kopfsteinpflaster steht.

Eine Sonnenbank. Ein Zettel klebt dran. 70 Euro.

Claudine kombiniert messerscharf, „das ist ja wie ein Fingerzeig von oben. Wir schlottern uns tot in diesem Mistwetter, und dann verkaufen die hier eine echte Sonnenbank für ein paar Euro. Ich fass es ja nicht.“

Petra zieht hastig die Handschuhe aus . Sie tastet das schlafende Monstrum ganz vorsichtig ab. Ihre Fingerspitzen gleiten zärtlich und behutsam über die Plastikverkleidung . Fast schon liebevoll.

„Meinst du das funktioniert noch?“

Claudine kann weder einen Schraubenzieher bedienen, noch die Motorhaube eines Autos öffnen.  Aber hier, mitten auf der Straße, verwandelt sie sich plötzlich in einen routinierten Elektriker.

„Klar, sonst würden die es ja nicht verkaufen, oder? Da ist der Anschluss, sieht doch ganz ordentlich aus. Die Lüftungsschlitze sind auch ganz sauber.“

Petra liegt mittlerweile wie ein Automechaniker rücklings auf der Straße.

„Sieht von hier auch ganz gut aus“, tönt es von unten.

Die beiden blicken sich an. Claudine nickt entschlossen.

„Das können wir uns nicht entgehen lassen.  Sonne, wann immer man sie braucht. Und ich brauch die schon seit fast einem halben Jahr. Aber wo packen wir das Ding hin?“

Sie wenden ihre Köpfe wie auf ein geheimes Kommando hin in meine Richtung. Natürlich.

„Vergesst es. Meint ihr, ich will eine Sonnenbank in meiner Wohnung haben? Nein. Da mach ich nicht mit. Auf gar keinen Fall.“

„Aber du hast doch die größte Wohnung. Wir könnten es doch erst mal ins Bücherzimmer packen.“

„Und während ich lese, rollt ihr euch nackt über die Liege? Und dann darf ich euch nach dem Bräunen auch noch die Handtücher reichen?“

Petra grübelt. Es ist eigentlich mehr als das. Man sieht, wie ihre Gedanken voller Verzweiflung rotieren und gegen die Schädeldecke prasseln.

„Vielleicht kann ich das Ding in unserem Kinderzimmer unterbringen. Der Kleine braucht ja nun wirklich nicht den ganzen Platz.  Ich rufe Bernd an. Wir müssen es ja auch irgendwie abtransportieren.“

Bernd kommt. Ein Blick auf die Situation genügt ihm, und sein Gesicht verwandelt sich in eine einzige, riesige Sorgenfalte.

„Also, Petra… das geht doch nicht. Das kriegen wir doch nie unter. Nein, also wirklich nicht…“

Er sieht das enttäuschte Gesicht seiner Freundin, dann dreht er den Kopf  in meine Richtung. Ich wittere Verrat. Und Bernd liefert.

„Und bei dir geht es nicht? Ich meine, du hast doch die größte…“

„Nein. Nein. Nein. Schluss jetzt mit diesem Unsinn. Außerdem hat der Laden doch längst zu. Wenn ihr die Liege mitnehmt ist es Diebstahl.“

Eine teuflisch gut durchdachte Argumentation. Gewürzt mit ein wenig Angst. So was funktioniert immer. Dann pfuscht mir Bernd schon wieder dazwischen.

„Zur Not könnte man das Geld ja unter der Tür durchschieben. Sieht nicht abgedichtet aus. Ich denk, das würde gehen…“

Sie glotzen mich an. Es sind drei schon fast kindlich, bettelnde Gesichter, die auf meinen Mund starren, in der Hoffnung, dass da womöglich eine positive Antwort herauskullert.

Nein, ich werde nicht weich.

„Wir können gerne in eine Bar gehen, und ich bezahle alle Getränke bis ihr heiß und durchgeschwitzt seid. Mehr ist nicht drin.“

„Na gut, besser als nichts“, Claudine sagt es mit einem Unterton der bittersten Enttäuschung und zieht mit ihrer geschlagenen Armee die Straße herunter.

Am nächsten Tag fahre ich mit ihr an dem Solarium vorbei.

Die Sonnenbank steht noch immer dort.

Lauernd, wie ein bösartiges Raubtier vor dem Sprung.

Claudine wirft noch einmal einen Blick durch die Scheibe des Autos und seufzt ganz schwermütig.

„Mann, wär das schön gewesen.“