Monatsarchiv: November 2013

DER SCHWABE RASTET AUS

Ausgang

Das war ein gutes Frühstück. Ein Schinken-Käse Croissant. Ein sehr heißer Kakao und ein Muffin. Ich stehe in meinem Lieblingscafé an der Kasse. Die Bedienung, die immer ein bisschen wie die junge Sophie Marceau aussieht, hetzt zwischen Kunden und Tresen in Lichtgeschwindigkeit hin und her.

Dann geht die Tür auf und ein eisiger Windhauch streift meinen Nacken. Neben mir taucht ein fünfzigjähriger Typ auf. Sein brauner Trenchcoat raschelt. Über seinen Kopf hat er eine Glencheckmütze gezogen. Die Kanten der Kappe klemmen seine Ohren ab. Dafür ragt seine riesige Nase frei schwebend über den Tresen. Aus den Nasenlöchern quellen dunkle Haarbüschel wie bei einem Rasierpinsel mit echtem Biberhaar.

„Sie haben mir zu wenig Wechselgeld rausgegeben. Gerade eben“, zischelt es aus seinen schmalen Lippen.

Sophie, die ja gar nicht Sophie heißt, zieht beide Augenbrauen hoch.

„Moment, gleich … Ich muss nur den anderen Kunden abkassieren.“

Sie lächelt mir zu. Der Mützenmann knirscht mit den Zähnen. „Nein, ich habe ja vorher bezahlt, und Sie haben mir zu wenig zurückgegeben. Deshalb bin ich vor ihm dran.“

Der Kerl kennt mich nicht. An diesem Morgen, eigentlich an jedem Morgen,  bin ich besonders aggressiv. Da könnte ich im Vorbeigehen Rauhhaardackeln die Köpfe abbeißen und Kinderwagen umkippen  – einfach nur so, aus frühmorgendlicher Übellaunigkeit.

„Ich stehe vor Ihnen an der Kasse, und sie stehen hinter mir. Verstehen Sie? Ich vorne, Sie hinten.“

Der Mann starrt mich aus riesigen Augen an. Sicher, vielleicht hätte ich jetzt eine Horde knallbunter Monster aus der Sesamstraße gebraucht, die ihm singend und tanzend den Unterschied zwischen „Vorne“ und „Hinten“ erklären – es muss jetzt aber auch mal so gehen.

Er reißt sich die Mütze vom Kopf und schlägt sie gegen seinen Oberschenkel, als würde er einen Gaul beim Ritt durch die Prärie anfeuern. Über seiner Stirn klebt ein Rest Haare – ein Büschelchen dunkler Strähnen, die sich verloren und vereinsamt aneinander klammern. Sonst nichts. Kahlschlag. Eine glänzende Glatze wie eine fleischfarbene Christbaumkugel – und weiter unten zwei mausgraue böse Augen.

„Blödr Seckl, blödr !“, brüllt er mich an.

Aha. Enttarnt. Ein Schwabe, mitten in meinem Kiez. Natürlich. Ich nicke Sophie hinter dem Tresen zu, und sie nickt zurück. Keine Ahnung, was ein „Seckl“ ist. Klingt aber irgendwie ganz niedlich. Da wollte er mit seinem Hochdeutsch wohl schön in der anonymen Masse abtauchen , aber nur ein kleiner Schuss Zorn und die kunstvoll geschmiedete Maske fällt polternd zu Boden.

„Das ist Betrug, was hier läuft“, ruft er durch das Café. „Das lasse ich mir nicht gefallen.“

Sophie beugt sich ein wenig vor. „Können Sie das Brüllen mal lassen?“

Könnte er vielleicht. Tut er aber nicht.

„Ich habe Ihnen vorhin zehn Euro gegeben, und Sie haben mir nur auf fünf  rausgegeben. Das ist Betrug. Das ist wohl Ihre Masche. Das kann ruhig jeder hören.“

Die Gabeln auf den Kuchentellern klappern nicht mehr. Gespräche verstummen. Sogar der ungewaschene Nerd in der Ecke linst über seinen Laptop. Zwischen Käsekuchen und Marzipanhörnchen ist Stille eingekehrt.

Sophie zuckt mit den Schultern. „Ich bin eigentlich gut im Rechnen. Können Sie es irgendwie beweisen?“

Der Schwabe lacht laut. „Meinen Sie, ich mach hier Fotos? Ich hatte nur einen Zehn Euro Schein in der Tasche und jetzt ist er weg. Da ist ja wohl klar, was hier passiert ist.“

Spannend. Zwei Personen und eine lügt. Da steht der überkorrekte (aber höchst unsympathische) Schwabe und auf der anderen Seite die freundliche (aber womöglich fiese Trickdiebin) Sophie. In einem Krimi würde aus dramaturgischen Gründen sicher Sophie überführt werden. Macht sich für die Story einfach besser. Sie ist eine Studentin und Berlin nicht billig. Ein ganz klares Motiv. Sie zeigt auf ein Glas mit Kleingeld, das auf dem Tresen steht.

„Ich könnte Ihnen vielleicht die Differenz aus unserem Trinkgeld geben. Aber dann bezahlen wir hier alle für etwas, nur weil Sie es behaupten.“

Hmm. War das ein Teilgeständnis? Sie senkt den Kopf ein wenig, wie man es bei einem ertappten Kind vermuten würde. Und wenn das alles nur ein Trick des Schwaben ist? Hinter seiner Seriosität und der womöglich gespielten Empörung könnte ein besonders raffinierter Plan stecken. Mal eben die Bedienung in einem Café diskreditieren und zackizacki eincashen. So ein Häusle im Ländle ist sicher nicht billig – da zählt jeder Cent.

Der Schwabe reckt sein Kinn empor und klopft mit einer Hand auf seine Brust. „Wie soll ich es Ihnen denn beweisen?“, schnauzt er über die Theke. „Soll ich vor Ihnen meine Tasche leeren? Ja, wollen Sie das? Das können Sie haben.“

Überhastet, fast hysterisch,  reißt er das Innenfutter seiner Taschen heraus, stülpt sie nach außen und sieht dabei wie ein Clochard an der Seine aus, der vor den Touristen ein kleines Schauspiel aufführt, nur um ein paar Euro zu erhaschen. Vier Taschen später ist er fertig – und dann, in einem Moment, in dem die Zeit gefroren scheint, gleitet ein Zehn Euro Schein durch die Luft,  frei fliegend zieht er seine Bahnen und landet ganz leise auf dem Holzboden des Cafés.

Ich sehe es. Sophie sieht es. Der Nerd glotzt voller Unglauben hinter dem Laptop hervor, streckt seinen Zeigefinger aus und piekst so hektisch mit ihm in der Luft herum, als sei gerade Godzilla an seinem Tisch vorbei gestapft.  Hastig bückt sich der Schwabe nach dem Geld.  Schnell, schnell, bevor noch jemand anders zugreift.

„Na … also … da muss wohl …“ Er fingert an einer Tasche herum. “ Da muss wohl… hier … mein Innenfutter … ein bisschen aufgerissen sein. Und der Schein war wohl… also … ja … na gut …“

Keine Entschuldigung, kein bemühtes Lächeln. Nur seine dunkle Haarsträhne kippt erschlafft in sich zusammen – sicher der höchstmögliche Ausdruck seiner Beschämung. Er stülpt sich die Mütze über den Kopf, dreht sich um und huscht mit flatterndem Trenchcoat aus dem Laden. Nicht einmal die Taschen hat er nach innen gekrempelt. Bloß keine Zeit verlieren. Nichts wie weg hier. Ab durch den rettenden Ausgang.

Die Prenzlauer Berg- Muttis an den Tischen müssen diesen Fall erst mal analysieren. Hier und da wird getuschelt. Ein leises Kichern ist zu hören. Die Gabeln klappern wieder. Der Nerd hämmert auf den Tasten seines Laptops herum.

Ich schüttel den Kopf. „Mann, diese Schwaben. Nervend.“

„Du …?“ Sophie beugt sich ein Stück vor.

„Ja?“ Ich lausche ganz angestrengt.

„Weißt du …?“

„Was?“

„Na … Ich komme aus Stuttgart.“

Ich habe keine Mütze, die ich mir über meinen feuerroten Kopf stülpen könnte, auch keine Plastiktüte mit Sehschlitzen. Dafür flattert aber wenigstens auch mein Mantel , als ich das Café verlasse und dem erprobten Fluchtweg des Schwaben folge.

Prenzlauer Berg im Herbst und auch noch am frühen Morgen – nichts ist so, wie es scheint. Wirklich gar nichts.

Nur meine morgendliche Übellaunigkeit ist stabil. Auf die ist Verlass.

Immer.

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