Monatsarchiv: Mai 2013

WIE SICH FRAUEN RÄCHEN …

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Der Mai ist ein furchtbarer Monat. Dreckig. Eiskalt. Windig. Und dann hat auch noch die Mehrheit meiner Freunde genau dann Geburtstag, sicher nur, um mich zu ärgern. In der Regel  laufe ich mit aufgestelltem Mantelkragen durch Berlins zugematschte Straßen, auf der Jagd nach Geburtstagsgeschenken.

Jahr für Jahr. Es ist grausam.

Diesmal suche ich zusammen mit Claudine ein Geschenk für meine  Uralt-Freundin M. . Wir waren schon in diversen Geschäften. Nichts, aber auch gar nichts erscheint passend.

Zu klein. Zu groß. Zu hässlich. Zu billig. Zu langweilig.

Claudine redet mit riesigen Augen auf mich ein, wie in einem hypnotischen Experiment:

„Konzentrier dich mal. M. ist ein häuslicher Mensch. Du musst so denken wie sie. Versuch´s mal. Stell´s dir vor. Gib dir doch mal Mühe.“

Ich versuche es. Mir fällt nur Unsinn ein. Zottelige Hausschuhe. Kochlöffel mit Chromegriff. Samtkissen mit Fransen.

Irgendwann (nachdem weitere Bilder von Plüschmäusen und bemalten Tontöpfen an meiner Großhirnrinde rütteln)  zerrt Claudine an meinem Arm und schleppt mich  in so einen „Ich-habe-schon-alles–kauf-trotzdem-noch-mehr-davon-Laden“.  Beim Öffnen der Tür summt die Melodie von Rocky. Schrecklich originell.  Very eighties. Drinnen, zwischen krimskramsigen  Artikeln, sitzt die Verkäuferin mit dem dazu passenden T-Shirt eines attackierenden Helikopters. Darunter prangt in  blutroter Schrift: Der will doch nur spielen. Sie lächelt nicht. Sie blickt nach unten auf den Tisch, wo sie ein Puzzle zusammensetzt. Tatsächlich. Sie puzzelt. Das hat meine Oma auch immer gerne gemacht.

Eierwärmer aus Wolle. Schlüsselhäuschen aus Nussholz.  Mannshohe Windlichter.  Das ist alles furchtbar. M. wird es lieben. Claudine wirft mir einen erfolgsheischenden Blick zu und verschwindet weiter hinten im Laden.

Nach einer Weile, in der ich die Artikel nach „scheußlich“, „weniger scheußlich“ und „halbwegs o.k.“ einteile, höre ich ein Schluchzen. Claudine ist es nicht. Sie nimmt gerade eine Pfeffermühle in Form des Berliner Fernsehturms auseinander. Neben ihr bin ich der einzige Kunde im Laden. Und ich schluchze nicht. Sie tut es. Die Verkäuferin. Sie starrt apathisch  auf ihre Puzzleteile, ahnt aber wohl, dass sie meine Aufmerksamkeit hat und schluchzt gleich noch lauter. Man hört deutlich wie ihre Sekrete durch die Nase plätschern.

Einen Moment später stehe ich vor der Kasse. Ich habe mich für eine Schürze mit dem Aufdruck Küchen-Königin entschieden. Darunter ist eine tanzende Himbeere abgebildet, die mit ihrer Freundin (einer nachdenklich wirkenden Banane) Hand in Hand über den Stoff tanzt. Wunderbar. Selbst das Erhitzen eines Fertiggerichts in der Mikrowelle treibt M. an die Grenzen ihrer kochtechnischen Fertigkeiten.  Nie wurde Häme kunstvoller in Szene gesetzt.

Das alles interessiert die Verkäuferin nicht.  Sie senkt den Kopf.  Ihr Puzzle ist fast vollendet. Ich erkenne die fröhliche Judy Garland aus  The Wizard of Oz. Und ein paar Zentimeter darüber schwebt das verquollene Gesicht hinter der Kasse – nach Mitleid und Verständnis heischend. Das macht sie gut. Man muss sie ansprechen, wenn man bezahlen will. Blöd,  aber unausweichlich.

Ich: „Was ist denn los?“

Sie: (starrt mich aus traumatisierten Augen an) „Ach… nichts.“

Ich: (mit unterschwelliger Gereiztheit) „Du sitzt hier und heulst. Jetzt sag doch, was los ist.“

Sie: (hört mit dem Puzzeln auf) „Mein Freund hat mit mir Schluss gemacht. Gestern…“

Ich: (als würde ich es nicht ahnen)  „Warum?“

Sie: (blickt wieder nach unten) „Weil ich so energielos bin, sagt er. Und langweilig bin ich auch …“

Da sitzt sie nun. Eingefallene Schultern. Blass. Die blonden Haare fallen zottelig ins Gesicht. Inmitten ihrer mit Strass besetzten Holzschatullen, hippen Topflappen und bestickten Kissen mit Peace-Zeichen ergibt sich irgendwie ein komisches Bild.

„Ach, was, der kommt schon wieder zurück. Keine Sorge.“

Sie durchschaut mein lieblos gebasteltes Werk der Heuchelei und schluchzt noch lauter. Ich möchte eigentlich nur noch die Küchenschürze bezahlen und schnell aus dem Laden laufen. Dann donnert Claudines Stimme durch das Geschäft.

„Ach, sitzen gelassen hat er dich?  Hat er noch Sachen bei dir?“

Sie starrt Claudine  an und flüstert, „ja, seine Gitarre, damit hat er mir immer Lieder vorgespielt (sie schluchzt noch lauter).“

„Was noch?“

„Seine Lieblingslederjacke. Die hat er schon ganz lange…“

Claudine fletscht die Zähne.

„Raus damit. Das muss alles raus aus deiner Bude, verstehst du? Nichts darf übrig bleiben. Gar nichts.“

Nein. Nichts darf überleben. Die Reste dieser Beziehung müssen wie eine lästige Bakterienkultur getötet werden. Da ist sich Claudine sicher. Und plötzlich glüht so ein kleiner Funke im bleichen Gesicht der Verlassenen auf. Sie umkrallt ein Puzzle-Teilchen so hart, dass das Weiße in ihren Fingerknöcheln sichtbar wird.

„Meinst du, das hilft?

„Und wieeeee…“, lacht Claudine über die Theke, „stell das Zeug einfach auf die Straße, soll doch irgendeiner mitnehmen, die klauen hier in Berlin doch sowieso alles. Neulich erst wollte ich zwei Paar alte Schuhe wegwerfen. Die Hacken waren komplett runtergelaufen… Ich lass die kurz neben der Haustür stehen, laufe zum Auto… und dann…“

„Und dann?“, ein hoffnungsfrohes Knistern begleitet die Frage der Verlassenen.

„Na, weg waren die. Futsch.  Einfach weggeklaut. So machen wir das jetzt mit den Klamotten von deinem Freund. Und dann machst du auch noch gleich ein schönes Foto davon. Oder ´nen hübschen Youtube-Clip.  Den Kerl kriegst du klein. Klitzeklein, sag ich dir. Sooo klein…“

Die beiden lächeln sich an. Die Stimmung ist gut. Wenn sie könnten, würden sie wohl auch noch mit Prosecco-Gläsern anstoßen. So toll ist der Plan.

Ich lege wortlos das Geld auf den Tisch und stelle mich mit meiner Küchenschürze vor den Laden. Es regnet. Immer noch. Der Himmel weint, aber wenigstens im Geschäft sind die Tränen versiegt.

Durch die Scheiben sehe ich Claudine, die die Luft mit Handkantenschlägen zerteilt, als würde sie ihre Gesprächspartnerin mit militärischen Gesten förmlich anheizen. Es funktioniert. Aus der Heulsuse wird plötzlich ein entschlossener Racheengel mit geballten Fäusten.

Und die Touristen, die werden sich bald darüber freuen, was für tolle Sachen man auf den Straßen Berlins finden kann.

 

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LIEBE DEINEN MÜLL

Supermüll

„Ich hab`s gesehen. Glauben Sie mal bloß nicht, dass ich´s nicht gesehn hab. So was entgeht mir nicht.“

Die beiden Mülltüten fallen mir vor Schreck fast aus der Hand . Ich drehe mich um, wie ein Fünfjähriger, der beim Griff in die Bonbondose erwischt wird.

Sie ist es. Meine Hausmeisterin. Wie ein Phantom aus der Nebelwand taucht sie hinter mir auf. Sie bedeckt ihren gewaltigen Körper mit einer gelben Kittelschürze, darauf kindische Sonnenblumenmotive. Ganz sicher der Ausdruck all ihrer gesammelten Frühlingsgefühle. Sie ist eine dicke Biene. Und Bienen können verdammt gefährlich werden. Vor allem die hier.

„Ihr Müll gehört nicht in die Papiertonne,  sondern in die Restmülltonne. Ist das so schwer? Sie können doch lesen, oder habt ihr das im Westen nicht gelernt?“

„Aber die Restmülltonne  ist doch jetzt voll. Da geht nichts mehr rein. Wo soll ich denn hin mit meinem Müll?“

„Dann müssen se eben früher aufstehen, dann sind se auch der Erste an der Tonne. Bis in die Puppen schlafen und sich dann auch noch beschweren, wenn die anderen Mieter schneller sind. Nee, neee. .. so was hab ich gern.“

Sie lacht hoch, schrill und empört. Ein Wind fährt durch den Hinterhof. Ihr grauer, steil hochfrisierter Dutt schaukelt sanft in der Brise wie eine Fichte. So kenne ich sie. Sie wartet auf meinen nächsten Zug.

Ich wähle die Masche Mitleid.

„Soll ich den Müll jetzt da oben in meiner Wohnung horten, bis in drei Tagen die Müllabfuhr kommt?“

„Mir doch egal. Hier packen se den jedenfalls nicht rein. Gesetz ist Gesetz.“

Wie sie da so selbstherrlich steht, mit ihren dicken Zehen, die aus den Gesundheitsschuhen rausquellen, die Arme in die Hüften gestemmt und die Augen zu kleinen Schlitzen zusammen gepresst – sie ist eine moderne Inquisitorin. Sie hat mich auf ihren hausmeisterlichen Scheiterhaufen gebunden und hält das Feuer mit prallen Pustebäckchen schön am Laufen. Und jetzt legt sie gleich noch einen Holzscheit nach.

„Und noch `ne Kleinigkeit. `n guter Rat von mir. Ich an Ihrer Stelle würde hier keine Kontoauszüge in den Müll werfen.“

„Wieso nicht? Ich zerreiß die doch vorher.“

„Ja, aber nur dreimal. Die kann man ganz leicht wieder zusammensetzen. Is überhaupt kein Problem. Gar kein Problem. Ich mein ja nur… „

Natürlich. Nach Einbruch der Dunkelheit puzzelt sie mit ihrem Mann im Lichte einer Kerze meine Kontoauszüge zusammen. Und wenn das Bild fertig ist, schlagen sie jubelnd die Arme über den Kopf zusammen. Wieder  haben sie das Gehalt eines Mieters enttarnt. Eine brauchbare Information mehr, die man auf dem Prenzlauer Berg-Tratschmarkt einsetzen kann. Macht ja auch viel mehr Spaß als historische Gebäude zu puzzeln. Kann man ja verstehen.

Sie beugt sich ein Stück vor.

„Und noch was.  Sie sollten nicht so viel von den Chips essen. Und vor allem weniger von diesen Energie-Drinks. Das is kein guter Lebenswandel. Kann ich nur von  abraten“, sie dreht sich um und watschelt über den Hinterhof fort. Im Gehen wirft sie mir noch einen Blick über die Schulter zu.

„Und nich vergessen.  Keine krummen Dinger mit dem Müll. Ich seh das.“

 Verzweiflung macht kreativ.

Ich habe bis nach Sonnenuntergang gewartet. Der Schulturm in meiner Straße bimmelt elf mal. 23 Uhr. Von meinem Küchenfenster aus kann ich die Wohnung der Hausmeisterin observieren. Vor einer halben Stunde hat sie das Licht ausgemacht. Alles läuft nach Plan. Die anonymisierende Baseballkappe sitzt. Die Mülltüten liegen locker in der Hand. Ich schleiche durch das Treppenhaus. Ich  kenne hier jede Stufe und weiß darum auch ganz genau, wie ich wo auftreten muss, um knarrende Geräusche zu vermeiden. Der Hinterhof ist still. Kein Mensch zu sehen. Das Licht da oben ist noch immer aus. Sehr gut. Ich werde den Müll gleichmäßig verteilen, dann fällt es nicht so auf. Noch mal ein Blick nach oben, zu ihrem Fenster. Nein. Nichts. Ich stemme die prallen Tüten mit heimlicher Schadenfreude über meine Schulter, will die Müllklappe aufreißen und stelle fest, dass es nicht geht.

Wirklich nicht.

Über den Deckeln ruht eine schwere Eisenstange, die in zwei eingelassenen, metallischen Ringen endet. Abgeschlossen. Verriegelt. Es ist unfassbar. Ich rüttel verzweifelt an der Stange. Es klirrt. Es scheppert. Und fast zeitgleich geht da oben das Licht an. Ein Fenster wird aufgerissen. Einen Moment später stehe ich im Strahl einer Handtaschenlampe. Mir ist übel.

„Müll entleeren zwischen 22 Uhr abends und fünf Uhr morgens ist nicht erlaubt.“

Ich schweige.

„Ich hab´s Ihnen doch gesagt. Keine krummen Dinger. Ich mach den Job nich erst seit gestern. Meine Pappenheimer kenn ich. Können se glauben.“

Ich glaube es. Wie könnte ich es nicht glauben?

„Trinken se nicht so viel von dem Energie-Zeugs, dann können se auch nachts besser schlafen und müssen hier nich im Dunkeln ihre Faxen machen. Und ausgeruhter sind se dann auch, dann können se früher aufstehen und morgens als Erster an die Tonnen gehen.“

Das Fenster knallt wieder zu. Der Strahl der Taschenlampe verlischt.

Die Schlacht  ist verloren.

Am nächsten Morgen begegnet mir eine Nachbarin. Sie blickt sich verschwörerisch um und flüstert mir ins rechte Ohr.

„Ich habe das gestern mitgekriegt.  Ich wollte es auch schon versuchen. Was machen wir denn jetzt bloß mit unserem Müll? Wo hin damit?“,  jammert sie vor sich hin.

Ich zeige auf das gelbe Haus auf der anderen Straßenseite.

„Vielleicht einfach da drüben in die Tonnen packen? Die Tür ist immer offen.“

Meine Nachbarin schlägt hysterisch die Hände vors Gesicht.

„Oh Gott. Bloß nicht. Der Hausmeister hat zwei Dobermänner. Das ist ein ganz harter Kerl.“

Fast hätten wir uns vor Verzweiflung umarmt. Dann trennen sich unsere Wege.

Am Abend betrachte ich in meiner Küche die durchsichtigen Mülltüten. Zwei lästige Verwandte, die einfach nicht gehen wollen. Regelrecht eingenistet haben sie sich. Zerfetzte Chipstüten, leere Dosen und kaputt gebissene Äpfel starren mich sinnentleert durch die Folien an.

Irgendwann ertrage ich es nicht mehr. Ich fülle den Müll in zwei Chanel-Einkaufstaschen um, die meine Mitbewohnerin Claudine hinter einer Tür gehortet hat.

Wenn man schon verliert, sollte man es mit Stil tun.

Wenigstens das.

DIE BESTE AUSREDE DER WELT

World

Es ist 23 Uhr 10.  Ich stehe vor dem Berliner Hauptbahnhof und warte auf Claudine . Sie wollte mich abholen.  Sie ist nicht da. Die Funktionsweise von zwei sich gleichzeitig bewegenden Uhrzeigern ist ihr ein absolutes Mysterium. Während um mich herum Menschen mit Rollkoffern in Taxis einsteigen oder von ihren Lieben abgeholt werden,  stehe ich wie ein ungepflückter Pilz dumm herum. Dann klingelt mein Handy. Eine atemlose Stimme rauscht aus der Leitung.

„Du… du… du glaubst nicht, was mir passiert ist… also…“

„Wo bist du denn?“

„Na, ganz nah. Ich kann dich von hier aus sehen. Hier hinten am Museum. Hier…“

In einiger Entfernung sehe ich eine winkende Person. Neben ihr ein Polizeiwagen. Und daneben mein Auto.

„Bist du das?“

„Na klar… jetzt komm schnell her… schnell… schnell…“

Ich brauche zwei Minuten. Dann entfaltet sich vor mir das ganze Debakel. Claudine steht in einem grünen, knielangen  Nachthemd und mit Blümchenbadelatschen an den Füßen neben dem Polizeiwagen.  Obenrum trägt sie eines meiner Sakkos.

„Warum hast du mein Jackett an?“

„Hä? Na, nur im Nachthemd geht doch nicht, oder?“

Umwerfend. Ihre Logik ist schlichtweg umwerfend. Nun klettert ein grauhaariger, dicklicher Beamter mit Schnäuzer schwerfällig aus dem Polizeiwagen. Neben ihm steht eine Kollegin mit blondem Zopf. Er streckt seinen schweren Zeigefinger aus.

„Kennen Sie diese Frau?“

Ich hätte große Lust, ein lautes „nein. Noch nie gesehen“ auszurufen. Stattdessen knirsche ich voller Unlust die Worten zwischen meinen Zähnen heraus.

„Ja. Die kenne ich.“

Der kugelrunde Beamte rückt seine Kappe so tief ins Gesicht, dass seine Augenbrauen verschwinden. Es ist eine einstudierte Geste, die ihn mit nur einer Handbewegung zum „bad cop“ macht.

„Die Dame ist wie der Teufel an uns vorbeigefahren.  Mit einem Affenzahn. Und dann hat sie uns auch noch geschnitten. Und obendrauf noch Badelatschen an den Füßen.“

Ich werfe Claudine einen finsteren Blick zu. Es ist einer dieser Moment, wo ich mich gerne  in völliger Illoyalität auf die Seite der Beamten stellen möchte. Ich schweige. Claudine spricht.  Es ist eine flammende Rede der Anklage. Gegen mich. Natürlich.

„Ja, siehst du, weil du immer so einen Stress mit dem Pünktlichkommen machst. Immer dieses Rumgeglotze nach der Zeit. Das stresst mich total.  Da passieren dann solche Sachen.“

„Waaaas? Du wusstest doch seit zwei Wochen, dass ich heute ankomme.  Warum läufst du hier im Nachthemd rum, wenn ich mal fragen darf?“

„Mann, ich habe es verschlafen. Und als der Kalender im  Handy piepste, bin ich gleich los. Meinst du, ich hatte da noch groß Zeit, mich anzuziehen?“

Ich trete ganz nahe an ihr Gesicht heran. Unsere Nasen berühren sich fast.

„Du bist doch frisch geschminkt. Glaubst du, ich sehe das nicht?“

„Ich musste mich in den paar Minuten entscheiden. Anziehen oder Schminken. Ungeschminkt geh ich nicht aus dem Haus. Das weißt du doch ganz genau.“

„Aber nackt ist o.k., ja?“

Die Beamtin mit dem Zopf, Zeugin des kleinen Kammerspiels,  nickt Caudine  zustimmend zu.

„Warum hast du überhaupt mein Auto genommen?“, frage ich.

„Weil es direkt vor der Haustür stand und ich nicht mehr wusste wo meins steht. Immer dieses Hin und her mit den Parkplätzen. Ganz irre wird man hier in Berlin.“

Die Blonde Beamtin nickt schon wieder. Es ist zum Verrücktwerden.  Ihr männlicher Kollege nimmt zum Glück  wieder Claudine ins Visier.

„Papiere haben sie auch nicht dabei. Aber da haben Sie sicher auch eine Ausrede parat, oder?“

Claudine klopft auf die Taschen meines Sakkos. Es schlackert leblos und riesengroß um ihren Körper.

„Na, das können Sie aber glauben. Die Taschen in dem Sakko sind alle zugenäht. Er da“, sie zeigt auf mich, „ist der einzige Mensch, den ich kenne, der bei seinen Sakkos, nicht die Taschen aufreißt. Die kommen so vom Werk, und er lässt sie einfach zu. So was gibts´doch nicht. Wo soll ich da Papiere reinstecken?  Und in meinem Nachthemd gibts ja wohl keine Taschen. Ist doch logisch, oder?“

Die Blondzopf-Polizisten nickt ihr schon wieder wie eine Aufziehpuppe zu. Ihr Kollege nimmt mich kurz zur Seite.  Er vergleicht die Fahrzeugdaten und guckt mich betroffen an.

„Sie sind nicht verheiratet, oder?“

„Um Gotteswillen. Nein. Nur Freunde.“

Er atmet in einer Welle von Mitgefühl fast erleichtert auf.

Claudine unterhält sich derweil mit der Beamtin. Sie scherzen. Sie lachen. Irgendwann zuppelt die Polizistin sogar an Claudines Nachthemd herum, und ich höre Wortfetzen,  „Viktorias Secret…? Ja?… Schön… ach, schön…“

Es ist unfassbar. Der Beamte neben mir zweifelt auch an seinen Sinnen. Er schüttelt ungläubig seinen Schnauzer wie eine pitschnasse Robbe hin und her. Wir treten aus dem Wagen. Er blickt Claudine ernst an.

„Sie kommen aus Bayern, ja?“

Claudine nickt artig.

„Ich weiß nicht, ob das bei Ihnen üblich ist, sowas…“, er zeigt auf das Nachthemd, „ich will heute mal nicht so sein. Aber ich sage Ihnen, wenn ich Sie noch mal auf meinen Straßen erwische, dann gibt´s richtig Ärger. Da mach ich ordentlich Rambazamba, klar?

Claudine nickt noch einmal. Ein paar Minuten später sitzen wir in meinem Auto. Über ihrem Gesicht hängt ein allumfassendes Lächeln.

„War doch gar nicht so schlimm, was? Du, wollen wir noch was trinken gehen?“

„So? Im Nachthemd? Mit Badelatschen?“

„Also, ich bin jedenfalls viel zu stark geschminkt, um mich jetzt einfach so wieder hinzulegen.“

Sie guckt mich von der Seite an.

„Darf ich fahren?“

„Nein.“

Sie klappt den Schminkspiegel am Beifahrersitz  herunter, macht einen spitzen Mund und sieht dabei wie eine selbtgefällige Diva aus. Im Radio spielen sie „Fools like us“ von Echo and the Bunnymen.

Claudine singt es mit.

Alle Zeilen.

DER TOTE VORM SCHREIBTISCH

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Das Haus sieht grau aus. Der Hof und die Mülltonnen starren müde in den Frühling. Und da oben, im ersten Stock des alten Mietshauses habe ich einmal gewohnt. Das ist über zehn Jahre her. Damals war es schick, in Charlottenburg zu wohnen. Direkt in einer Seitenstraße vom Kudamm. Die Adresse klang immer irgendwie besonders. Das chinesische Restaurant im Erdgeschoss und die Bediensteten, die asthmatisch hustend tropfende Fleischklumpen über den Hof zerrten, habe ich grundsätzlich verschwiegen. Auch die Sekte im Seitenflügel, die nach Einbruch der Dunkelheit singend und lachend mit Räucherkerzen vor meinem Schlafzimmerfenster herumturnte, blieb mein Geheimnis.  Meine Wohnung war etwas Besonderes. Außergewöhnlich. Aber als ich einzog, wusste ich es noch nicht.

Ich war damals genau eine Woche hier,  als sich einer meiner Nachbarn vorstellte. Er hieß, glaube ich, Herr Maus. Jedenfalls hatte er den Namen eines kleinen Tieres. Vielleicht auch Otter, oder Hase. Egal. Herr Maus  lief begutachtend durch meine Wohnung und natürlich wollte ich etwas Positives  hören. Schließlich wohnte ich ja jetzt hier.  Ganz neu. Frisch. Unverbraucht eben.  Herr Maus  hatte hier 15 Jahre verbracht. Er war der Experte.  Sein Wort zählte. Er musste es wissen. Er war so ein kleiner Kerl mit misstrauisch zusammengekniffenen Augen, die Ärmel des Hemdes bis zum Ellenbogen hochgerollt.

Wir gingen auf Rundreise.

Er blieb gleich im Flur stehen, guckte zur Decke und senkte betreten den Kopf.

„Puhh… da sind damals ordentlich Wassermassen durchgekommen. Die haben die Wohnung hier ja fast geflutet.“

„Wer?“

„Na, die Nachbarn über Ihnen. Das war so´n Säuferehepaar. Irgendwann ist die Waschmaschine völlig ausgelaufen und alles hier rein in die Wohnung… schimmelt bestimmt immer noch…Puhhhh“

Ich starrte die Decke an. Täuschte ich mich, oder sah sie wirklich etwas gelblich aus?“

Herr Maus nickt betroffen.

„Ja,ja… die Nachbarn… puhhhh“

In meiner Küche legte er nur einen kurzen Zwischenstopp ein. Er streckte den Kopf über die Schwelle und verzog angewidert das Gesicht.

„Möchte man heute gar nicht mehr glauben, dass hier mal ´ne irre Katzenmutter gewohnt hat. Die hielt sich hier sechzehn von den Viechern in der Küche. Das war ein Dreck. Ein ungeheurer Gestank. Die haben die Mieter aber dann hier rausgeekelt. Was für´n Dreck.  Puhhhh…“

Mir stockte der Atem. Er sah es.

„Na, ja ist ja schon drei Jahre her. Aber was für´n Elend. Möchte man gar nicht mehr glauben.“

Nächster Stopp Schlafzimmer. Herr Maus zeigte auf mein Fenster.

„Na, da drüben wohnt immer noch so´n irrer Student aus Ghana. Was meinen Sie, wenn der seine Familie einlädt, dann wackeln hier die Wände. Aber so richtig. Der spielt Bass-Gitarre in ´ner Band. Ich wohne ja zur anderen Seite raus, aber Sie… tja… Pech…“

Ich wartete auf ein erneutes „Puhhhhh“ – aber es kam nicht.  Ich begriff einen Moment später, dass er es sich aufgespart hatte für den Hauptgang.

Wir betraten mein Arbeitszimmer. Üblicherweise steht mein Schreibtisch vor dem Fenster. Immer. Egal, wo ich lebe. Und diesmal stemmte Herr Maus beide Hände in die Hüften. Er verpasste seinem Gesicht einen besonders besorgten Zug. Er nickte dreimal traurig. Und dann noch einmal.

„Ja, und genau hier ist es passiert.“

Ich verstand kein Wort.

„Was? Was ist passiert?“

Er guckte mich traurig an.

„Hier. Genau hier, vor Ihrem Schreibtisch. Da haben wir ihn gefunden.“

„Wen denn?“
Am liebsten hätte ich Herrn Maus an der Zunge durch meine Wohnung gezerrt, bis er die Antwort ausspucken würde – aber ich beherrschte mich.

„Na, Opa Krämer. Der ist hier von seinem Liebhaber umgebracht worden. So ´n Kerl vom Bahnhof Zoo, da hinten. Die haben sich gestritten, die beiden. Ging wohl um Gott oder so. Und dann ist der junge Typ los, holt sich vom Hof eine Wäscheleine und erdrosselt Opa Krämer.“

„Mit der Leine?“

„Mit der Leine. Die Nachbarn haben so komische Geräusche gehört. Und da lag er dann.“

„Vor meinem Schreibtisch?“

„Vor Ihrem Schreibtisch.“

„Genau da?“

„Genau da. Puuuuuuuuhhhhhh…“

Ich starrte auf den Boden vor meinem Schreibtisch und stellte mir die Umrisse eines mit Kreide gezogenen Körpers vor. Genau da. Vor meinen Schuhspitzen.

Herr Maus winkte nur ab.  Er verabschiedete sich und zwinkerte mir noch einmal fröhlich zu, „ist schon ´n komisches Haus hier. Im vergangenen Sommer ist die Fotografin aus´m dritten Stock gesprungen…  „

Vielleicht wollte er noch sein „Puhhh“ ranhängen – aber da hatte ich die Tür schon zugezogen. In den darauffolgenden Monaten schrieb ich selbstverständlich jedes unnatürliche Geräusch in der Dunkelheit (und davon gab es viele) den in Geistgestalt heimkehrenden Opa Krämer zu. Als mich eine Freundin besuchte, merkwürdig die Schultern hochzog und flüsterte, „brrrr, irgendwas ist hier komisch“, war der absolute Tiefpunkt erreicht. Aus Protest und Wagemut lebte ich dort sieben Jahre. Das komische Gefühl blieb.

Wäre heute die Haustür  nicht offen gewesen, würde ich hier nicht stehen. Jetzt, wo ich schon hier bin,  laufe ich die Stufen zu meiner alten Wohnung hoch, und da steht die neue Mieterin und unterhält sich mit ihrer Nachbarin.  Wir kommen ins Gespräch.  Sie lächelt. Sie zeigt mir die Wohnung. Die Wände sind bunt. Überall hängen knallige Bilder. Blumenmotive. Alles sehr hippiehaft.  Alles sehr freundlich. Sehr hübsch. Sie ist eine zierliche Person, Anfang dreißig. Kunststudentin.  Unter dem Fenster steht ihr Schreibtisch. Genau dort, wo auch meiner stand.

Und plötzlich hat meine Zunge die komplette Kontrolle übernommen. Das tut sie oft. Ich kann es nicht verhindern. Die Worte fallen  polternd aus meinem Mund:

„Tja , und genau da ist es dann passiert… „

Sie blickt mich ratlos an. Sie verkrampft sich. Um ihre Augen liegt ein sorgenvoller Zug.

„Was? Was ist passiert?“

Ich nicke dreimal betreten mit dem Kopf. Und noch einmal.

„Puhhhh….“