WIE MAN SICH SEIN GEKLAUTES FAHRRAD ZURÜCKHOLT …

Fahrrad

„Da.  Genau da stand es.  An dem Baum. Genau da …“

Claudine fuchtelt wie eine Windmühle mit ihrem Armen herum. Die Zähne gefletscht, die Finger verkrampft, stampft sie mit ihren roten Pumps auf dem Bürgersteig herum, als wollte sie ihn persönlich für den gemeinen Diebstahl bestrafen. Jetzt fallen ihr auch noch die Haare vors Gesicht – ein buschiger Theatervorhang in blond. Sie läuft um die Kastanie herum und hält mir einen Fahrradreifen entgegen, der an einem Schloss hängt.

„Das ist alles. Der Rest ist futsch.“
„Du hast das Schloss am Hinterreifen befestigt?“
„Ja, natürlich.“
„Nicht am Rahmen?“
„Nein … na und?“
„Also, mir hat schon mein Großvater erklärt, dass …“
„Mir egal. Ich will jetzt keine Kriegsgeschichten von deinem Opa hören.“ Mit zusammengekniffenen Augen tastet sie die umliegenden Häuserfassaden ab. „Irgendwo hier hockt ein Dieb mit meinem Fahrrad.“ Sie ballt ihre linke Faust und hebt sie an – ähnlich einer Scarlett O’Hara in Vom Winde verweht – und stößt einen Schwur aus: „Wer immer mein Rad hat. Das hat er nicht umsonst gemacht. Das hol ich mir wieder.“ Als sie mein Lächeln sieht, zischelt sie, „das kannst du mir glauben.“

Wer Claudine kennt, weiß, dass das Wort „glauben“ eine mehr als unzureichende Beschreibung ist. Es ist ein Fakt, eingemeißelt als elftes Gebot in allen Steintafeln, die jemals in der christlichen Glaubenslehre verbreitet wurden.

Die Suche nach dem Rad wird zur Hetzjagd: In den nächsten Tagen kontrolliert sie die Kleinanzeigen sämtlicher Berliner Tageszeitungen. Ihre Fingerkuppen zeigen durch das ständige Hoch- und Runterscrollen von Ebay-Angeboten einen deutlichen Hautabrieb, und auch ihre täglichen Rundgänge in Prenzlauer Berg ähneln eher den routinierten Bespitzelungstechniken  eines verdeckten Ermittlers. Nach einer Weile ermüden mich die Versuche, in fremde Treppenhäuser und Hinterhöfe einzudringen, weil das Rad ja vielleicht dort stehen könnte –  aber am Ende fehlt auch nach einer Woche jede Spur – und mir fehlt das Verständnis für den empfundenen Verlustschmerz.

Claudines Fahrrad war ein lila-farbenes Ungetüm mit einem grünen Ledersattel. An den Griffen hingen rote Bändchen wie sie Kleinkinder bevorzugen, die ihre ersten Fahrversuche mit Stützrädern absolvieren. Die Felgen hatten neonfarbene Streifen. Kurzum: Es war das hässlichste Rad, das ich in diesem und aller meiner vorherigen Leben jemals gesehen habe.

Nach einem heißen Sommertag wage ich einen Versuch, geboren aus Mitleid und Wagemut: „Du, pass auf. Wir gehen morgen los, und ich schenke dir ein neues Rad. Wie gefällt dir das?“

Claudine blickt mit dunklen Ringen unter den Augen von ihrem Handy auf. „Ich kann jetzt nicht. Ich simse gerade mit einer anderen Beklauten.“ Sie zeigt mit dem Finger nach Süden. „Die wohnt da hinten zwei Straßen weiter.“ Das blaue Licht des Handys wirft ein gespenstisches Licht auf ihr Gesicht. „Wir organisieren uns. Den kriegen wir noch. Der entgeht uns nicht. Nein, nein … der hat sich mit der Falschen angelegt.“

Na gut. Dann nicht. Ich bin entspannt. In Berlin werden am Tag hunderte Räder geklaut. Die Wahrscheinlichkeit, dass ausgerechnet Claudines lila Rad wieder auftaucht, ist so wahrscheinlich wie von einem Meteoriten während einer Qigong-Massage  getroffen zu werden.

Lächerlich. Absurd. Völlig ausgeschlossen.

Und genau darum muss es auch passieren.

Als wir ein paar Tage später in der Nähe der Kottbusser Brücke ein Eis essen, bemerke ich das Knirschen der Eiswaffel neben mir. Claudine presst ihre Finger so heftig in die Waffel, dass sie zerbröselt. „Ich fass es nicht.“ Und ein wenig leiser mit bedrohlichem Unterton: „Freundchen, das wird dir wehtun.“

Angelehnt an einem Brückengeländer auf der anderen Seite der Straße steht ein vielleicht 1 Meter 90 großer Typ um die dreißig, der ein aromatisiertes Wasser trinkt. Ich erkenne eine lachende Himbeere auf seiner Flasche. Neben ihm stehen drei Fahrräder, die er offenbar zum Verkauf anbietet. Eines davon, das Hässlichste, steht ganz unbeteiligt dazwischen, wie ein alter Bekannter, den man zufällig im Urlaub an einem fernen Ort in der Welt wiedertrifft.

Claudine wirft das Eis auf den Boden. Die Vanillekugel schmaddert auf meine Schuhspitze. Sie setzt sich mit geballten Fäusten in Bewegung. Ich packe sie am Arm.

„Wir brauchen einen Plan.“
„Mein Plan heißt: Ich will mein Rad zurück.“
„Willst du ihn verprügeln?“
Sie wischt sich mit der flachen Hand unter ihrer Nase entlang, wie es Rocky vor seinem Kampf gegen Apollo Creed gemacht hat. „Warum nicht?“

Der Typ auf der anderen Seite der Straße ist nicht nur größer als wir beide. Er ist eine dicke und unförmige Masse. Ein menschlicher Fleischberg. Ein richtiger Brocken. Sein blaues T-Shirt mit dem Aufdruck eines gesenkten Facebook-Daumens und dem Schriftzug Gefällt mir nicht hat mindestens  die Größe XXXXXL. Mindestens.

Bei einer körperlichen Auseinandersetzung müsste man theoretisch  erst einmal mit dem ganzen Körper in seine Fettmassen eintauchen, um an seine Knochen zu gelangen, und erst dann könnte man sie ihm zerbrechen – wenn man es denn wirklich will.  Sein Hals scheint am verletzlichsten zu sein. Ein gezielter Handkantenschlag gegen seinen Adamsapfel  (gesehen in Karate Kid II) könnte durchaus das gewünschte Resultat eines Knock Outs bringen. Aber dann zähle ich an seinem Hals vier Fettringe, die mich an  aufgetürmte Donuts auf einer senkrechten Holzstange erinnern. Der Kerl ist gepanzert bis über beide Ohren. Unbesiegbar. Bevor Claudine einen rachsüchtigen Versuch unternimmt, rufe ich die Polizei an. „Hast du die Gestellnummer?“, flüstere ich ihr  zu.

„Natürlich“, faucht sie zurück.

Schön. Mir ein paar Polizisten wie eine Pizza zu bestellen – das wollte ich immer schon mal machen. Die Beamten versprechen, in zehn Minuten an der Brücke zu sein – bis dahin ist auch die Rahmennummer geprüft. Claudine wird nervös.

„Und wenn der Typ abhaut?“
„Der steht da doch ganz entspannt.“
„Und wenn er mein Rad verkauft?“
„Unwahrscheinlich.“ Fast hätte ich laut gelacht.
„Ich will wissen, was mein Rad kostet. Nur so …“

Einen Moment später stehen wir neben einem jungen Paar mit Kind, das sich auch für die Räder interessiert. Claudine setzt ihre wölfische Maske auf und lächelt den Dicken an: „Was kostet denn das lila Rad da?“

Dickie überlegt kurz. Seine wulstigen Lider schlappen über die Augen, verschließen sie,  als würde er in der Dunkelheit den Preis erfühlen können. „Hundertfuffzich.“ Er beißt in ein krümeliges Salami-Brötchen.
„Nicht für hundert?“, fragt Claudine.
„Nö. Is gut erhalten“
„Ach so?“
„Naja, hundertvierzich wär auch drinne. „
„Die linke Handbremse geht nicht.“
„Hä?“ Dickie blinzelt blöd.
„Der Fahrradständer hat einen Knick.“
„Wie jetze?
„Und das verdammte Licht ist nicht einmal gegangen, so lange ich das Fahrrad hatte.“

Dafür geht in  Dickies Kopf das Licht an. Er erstarrt. Wie ein Revolver liegt das angekaute Brötchen in seiner Hand.

An diesem Sonntag verstummen die Vögel. Eine leichte Brise umstreicht mein Haar. Hinter mir höre ich Kinder lachen. Es ist ein Tag, an dem Menschen Enten füttern und Wolken zählen – während ich mich auf einen Faustkampf mit einem Zwei bis Drei-Zentner-Mann vorbereite.

Den Polizeiwagen hinter mir sehe ich nicht. Nur Claudines aufgeregtes Winken und den unglaublich behenden Sprung des Dicken auf eines seiner Fahrräder. Selbst in dieser von höchstem Stress geprägten Notsituation verzichtet er auf das lila Rad, das ihm am nächsten ist. Guter Geschmack . Keine Frage.  Und weg ist er.

Die beiden Beamten sind durchgeschwitzt. Der eine trägt einen zackigen Kinnbart wie der Sänger von Unheilig.  Der andere hat dafür diverse Schnittwunden am Kinn.  Während Claudine den Lenker ihres Rades umarmt und den Sattel streichelt, gleichen die Beamten die Rahmennummer mit ihren Notizen  ab und nicken sich zu.

„Wir haben die Nummer gecheckt. Sie sind Frau Wienert, ja?“

Claudine blickt mich aus riesigen glupschigen Augen an. „Also, nein … bin ich nicht… wieso …“

„Kann ich mal Ihren Ausweis sehen?“

Sie braucht vierzig Sekunden, um den Ausweis aus ihrer überfüllten Handtasche zu kramen. Ein Pfefferspray, vier Lippenstifte und ein Deoroller mit dem Konterfei eines irritiert herumflatternden Schmetterlings landen vor meinen Füßen. Weitere dreißig Sekunden später fragt der Beamte: „Wie lange hatten sie das Rad?“

„Na, ein Dreivierteljahr. „

Die Polizisten nicken sich wieder wie in einem geheimnisvollen Aha-Moment zu. „Das Rad ist als gestohlen gemeldet. Seit anderthalb Jahren. Haben Sie es gebraucht gekauft?“

Claudine nickt artig wie ein dressiertes Äffchen.

„Eine Quittung haben Sie nicht?“

Sie schüttelt den Kopf, diesmal ähnelt sie einem traurigen Clown, der das Unvermeidliche ahnt.

„Tut uns leid. Das Rad muss sichergestellt werden. Als Sie es gekauft haben, war es schon gestohlen.“

Und so endet ein sonniger, viel zu heißer Sommertag in Berlin. Es ist eine rührende Szene: Claudine streicht noch einmal über den Lenker des Rades, klopft  einmal auf den giftgrünen Sattel und scheint in den wundersamen Erinnerungen und Momenten zu baden, die sie mit ihrem Rad in Verbindung bringt. Die Polizisten sind fast ein wenig gerührt.  Dann wendet sie sich ab. Jetzt tut sie mir doch ein wenig leid. Nur ein kleines bisschen. Aber immerhin.

„Wo hast du das Rad eigentlich gekauft?“

„Hinter dem Planetarium, auf der Wiese. Für siebzig Euro.“

„Und es kam dir nicht komisch vor?“

„Wieso denn? Es gab da auch Räder für fünfzig Euro“

Es ist die typische Claudine-Logik. Unverbesserlich. Auf ihrem Gesicht liegt ein entschlossener Zug inklusive zusammengekniffener Lippen. „Und weißt du was, gleich morgen gucke ich mal, ob da wieder einer Räder verkauft.“  Sie nickt sich selbst zu. „Gleich morgen.“

Und so geht es mit dieser unheimlichen Berliner Formel weiter:  Kaufen + Klauen = Klaufen. Verlässlicher als jede mathematische Grundsätzlichkeit von Pi.

Über diesen Gedanken kann einem schwindelig werden.

Da hilft nur Enten füttern und Wolken zählen.

 

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GOODBYE SHIRLEY: WAS DIE KLEINE AMERIKANERIN ÜBER DIE DEUTSCHEN DENKT

Koffer

„Boah, stinkt ja wie im Puff, dit Zeuch. Wat issn det?“

Mehmet der Taxifahrer blickt über seine Schulter. Auf seiner Stirn haben sich sieben Falten gebildet, die an mannshohe Wellen bei stürmischer See erinnern.

Tschup-Tschup – da kommt schon die nächste Stinke-Wolke.

Neben mir auf der Rückbank sitzt Shirley, die amerikanische Deutschlehrerin aus North-Dakota. Immer wieder drückt sie mit dem Zeigefinger auf einen Plastik-Zerstäuber in Herzform. Schwaden aus blumigen Dämpfen breiten sich in dem Taxi aus. Shirley kennt keine Gnade. Stoisch wie eine seelenlose Maschine presst sie den Zerstäuber nach unten. „Das ist rosewater … „, sagt sie und streckt ihr Kinn herrisch vor.

Mehmet hat gleich zwei neue Falten auf der Stirn. „Roswat …?“

„Rosenwasser.“ Tschup-Tschup.

Mehmet ringt um Luft. „Also … können se dit mal lassen? Ich hab hier noch andere Kundschaft nach Ihnen.“

Shirleys wasserblondes Haar ist so brutal hochtoupiert, dass es gegen den Wagenhimmel schlägt. Die raschelnden Geräusche erinnern mich an einen fegenden Besen. Sie beugt sich ein Stückchen vor. „Ich bezahl doch für die Fahrt. Das ist meine Sache. Understand …  ? Außerdem stinkt es hier nach Rauch.“ Tschup-Tschup.

„Also sagen se Ihrer Freundin, wenn die nich uffhört, schmeiß ich sie beide raus.“ Mehmet klatscht mit seinen behaarten Riesenhänden auf dem Lenkrad herum. Es klingt wie ein bedrohlicher Trommelwirbel vor einem Finale.  

Tschup-Tschup. Und gleich noch einmal: Tschup-Tschup.

Ich kalkuliere die verbleibende Fahrtstrecke zum Flughafen Tegel. Wir brauchen noch fünf Minuten. Die könnte man auch zu Fuß gehen. Andererseits liegt im Kofferraum Shirleys Monster-Koffer, den ich im Zweifelfalle in der Hitze tragen müsste. Die Sache ist klar. Ich nehme ihr den Zerstäuber aus den Fingern. Sie schlägt zweimal mit der flachen Hand gegen die Kopflehne vor sich. Man mag es von Kindern kennen, denen man in der Buddelkiste die Schippe wegnimmt. Lässt mich komplett kalt.

Also, bei uns in the States  gibt  es so was nicht. Da sind die Taxi-Fahrer  freundlich zu ihren Gästen. Was dem einfällt …“, schimpft sie von der Rückbank.

„Na, dann verpiss dich ma wieder da hin“, meckert Mehmet leise zurück.

Genau das ist der Plan. Shirleys Jahr als  amerikanische Deutschlehrerin in Berlin ist vorbei. Sie kehrt nach North Dakota zurück. Es sind nur noch wenige Meter bis zum Flughafen Tegel.

„Mach ich auch“, schimpft sie in Mehmets Richtung zurück und fletscht ihre kleinen mausartigen Zähne. „Was ist denn das für ein Land hier?“ Weil niemand die Frage beantworten will, übernimmt sie es gleich selbst. „Ihr zieht  zuhause bunte Hausschuhe an, eure Polizisten sind dick und überall laufen am Strand nude people rum.  Aber bei 30 Grad tragt ihr immer noch Stiefel,   und wenn man nur mal vor die Haustür geht, wird man gleich beklaut.“

Sie reicht mir ein braunes Lederportemonnaie herüber, in das Fransen  und indianisch anmutende bunte Strippen eingearbeitet sind. Sieht aus wie eine Solidaritätsbörse für ethnische Minderheiten. Politisch sehr korrekt.

„Mach auf“, fordert sie.

Mach ich. „Es ist leer.“

„Siehst du?  Alles weg. Kreditkarten, Bibliothekenausweis … alles stolen. Haben die mir im Park geklaut,  und einen Tag später lag es meinen Briefkasten.“

Im Rückspiegel sehe ich Mehmets Augen, in denen ein fröhlicher Funke glüht.

„Warum haben die es dir dann überhaupt in den Briefkasten gelegt?“ Ich öffne das Fach für Scheine, und darin liegt ein kleiner Zettel, auf dem etwas mit Kugelschreiber gekritzelt wurde. Ha Ha. Du Opfer.

Ich schätze den allgegenwärtigen Humor, der in Prenzlauer Berg wie ein strenger Patriarch herrscht. Allgegenwärtig und dennoch unerwartet. Wir erreichen den Flughafen. Die Fahrt kostet rund 23,- Euro. Shirley reicht Mehmet 25,- Euro herüber.

„Der Rest ist tip … Trinkgeld“, ihre Stimme klingt sachlich, aber ihr Kinn ist schon wieder herrisch hervorgestreckt. Mehmet gibt ihr die zwei Euro zurück und an mich gewandt sagt er: „`n Bisschen Würde hab ick och noch. Ach ja … und viel Glück.“

Dann fährt er mit seiner elfenbeinfarbenen Kutsche davon.

Am Schalter nach Frankfurt ist einiges los. Sofort fallen mir die drei Frauen auf, die neben einer Säule stehen und die Arme hochreißen, als sie Shirley sehen.  Es wird geküsst, geherzelt und umarmt. „Die sind aus meiner Bibel-Gruppe“, ruft mir Shirley zu. Dann wird weiter umarmt und geküsst – bis zur Atemlosigkeit.

Die Frauen sind mir unheimlich. Sie wirken auf seltsame Weise uniformiert. Alle drei haben den Körperbau eines Pandabären (ähnlich dem von Shirley) , schwere Brillen und  Playmobilfrisuren. „Das sind Shannon, Cameron und Liz. Die sind auch für ein Jahr in Germany“, ruft mir Shirley zu.  Die drei nicken synchron, und in ihren Brillen brechen sich die seitlich einfallenden Sonnenstrahlen zu einem unwirklich reflektierten Heiligenschein.

Besonders Liz fällt mir durch ihre  übertriebene Fröhlichkeit auf. Sie zwinkert mir zu.  Ihr rötliches Haar und die Sommersprossen erinnen ein wenig an Peppermint Patty, die nervende Freundin von Charly Brown. Sie ist es dann auch, die mit dem Fuß dreimal auf den Boden klopft  Es ist ein heimliches Signal für Eingeweihte:  Zunächst erklingt aus den drei Frauenmündern ein tiefer Brummton, der einem zornigen Teddy-Bären nicht unähnlich ist – und dann wird gesungen. Mit aller Kraft:

„My Lord,
hear my prayers,
I´m a kind soul,
please let me be by your side.“

Wäre ich ein Sammler von besonders peinlichen Momenten, dann würde ich mir dieses Prunkstück sofort in meine Vitrine stellen. Die drei werden immer lauter, ihre Münder sind weit aufgerissen. Passend dazu klatschen sie mit ihren Händen den Takt und bewegen ihre Oberkörper wie Pendel hin und her.

„Ohhhhhhh …“,  Shirley ist so gerührt, dass dicke Tränen über ihre geschminkten Wangen plätschern. Neben mir bleiben ein paar Leute stehen. Eine Blonde auf High Heels schaut mich an, als wolle sie checken, ob ich womöglich Teil dieser Gruppe bin.  Einem animalischen Überlebensinstinkt folgend, wende ich  mich von dem Trio ab. Shirley greift in ihrer emotionalen Aufruhr nach meiner Hand. Es gibt keinen Ausweg mehr.  Und jeder sieht es. Ein Typ mit Baseballkappe guckt mich über den Rand seiner Sonnenbrille an und schüttelt nur den Kopf.

Nach vier Minuten ist der Singsang vorbei. Die drei beklatschen sich selbst. Dann wird wieder geherzelt und geküsst. Von meiner Stirn tropfen dicke Schweißperlen. Nun umarmt mich Shirley auch noch einmal zum Abschied. Ihr Haar knistert wie Zuckerwatte vor meinem Mund. Sie blickt mich aus ernsten Augen an. „Wenn ich dir mal was schicken soll … wenn du irgendwas brauchst … call me …“

Na, das weiß ich doch sehr zu schätzen. Deutschland ist ja als Krisengebiet bekannt. Milchpulver und Tütensuppen könnte ich gut gebrauchen. Warme Decken wären auch nicht übel.  Oder mal ein schönes Stückchen Seife …

Ein paar Minuten später ist Shirley hinter dem Counter der Fluggesellschaft verschwunden. Noch einmal winkt sie uns zu, dann verschwindet sie in der Menschenmenge. Nur ihre wasserstoffblonde Turmfrisur ist noch eine ganze Weile zu sehen.

Das christliche Frauen-Trio aus Amerika blickt ihr wehmütig nach. Da geht sie hin.  Sie hat es geschafft, das Jahr in der Hölle zu überleben, die Glückliche. Man könnte es aus ihren Augen lesen. Ich hingegen fühle mich ganz gut. Die Zeit mit Shirley war durchaus belebend und aufregend  – aber  vor allen Dingen ist sie vorbei. (Alle Geschichten haben einen Anfang – und den gibt es  hier und hier.)

Beim Herausgehen fragt mich Peppermint Patty: „Willst du mal in unsere Bibelgruppe kommen? You´re invited.“

„Ach, ich weiß nicht. Diese Sache mit Gott …“

Sie macht nur eine wegwischende Handbewegung. „Du, das kriegen wir schon hin. Trust me.“

Daran habe ich keinen Zweifel.

Draußen scheint die Sonne. Ich laufe drei Runden um den Flughafen-Parkplatz herum, immer im Kreis, bis ich sicher bin,  dass das Frauen-Trio in einem Bus verschwunden und die Maschine nach Frankfurt in der Luft ist.

Goodbye Shirley.

ZWEI MÜTTER UND IHRE RABENSCHWARZEN GEHEIMNISSE

Dunkel

 

Die Aprilsonne wärmt meine Stirn. Der Kakao ist heiß. Die Beine strecke ich weit von mir. Es ist ein herrlicher Tag hier draußen vor meinem Lieblingscafé in Prenzlauer Berg. Vielleicht zu herrlich. So was darf nicht lange anhalten. Tut es auch nicht.

Von rechts bewegt sich ein Kinderwagen  in meine Sichtachse, bedrohlich wie ein knirschender Ozeandampfer, der die Sonne verdunkelt, wird er direkt vor meinem Tisch geparkt. Am Steuer steht eine Frau mit verkniffenen Lippen. Eine Kapitänsmütze trägt sie nicht –  dafür aber eine kleine fiese, und besonders eckige Brille mit Goldrand, wie ich sie eher von einem Frauenarzt erwarten würde.

Sie ruckelt und zuckelt an dem Kinderwagen herum, rollt ihn über die Schuhspitze meines rechten Fußes, erkennt den Widerstand und ruckelt gleich noch einmal über meinen Fuß – logisch – mein Bein hat ja auf dem Gehweg nichts verloren. Sie wischt sich eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht und lässt sich mit einem Stoßseufzer, der in seiner Dramatik an das Finale einer griechischen Tragödie erinnert, auf dem Klappstuhl am Tisch nebenan nieder und wedelt sich eine Bedienung herbei.

„Ich möchte einen Kräutertee. Den hier …“, sie tippt mit ihrem manikürten Finger auf die Karte, als wolle sie das Papier durchbohren, „aber … da sind keine Pyrrolizidinalkaloide drin, oder?“

Anna, die Studentin aus Palermo, gibt ihr Bestes ,“ich glaube nicht.“

„Ja, was denn nun? Wissen Sie es oder nicht? Pyrrolizidinalkaloide oder nicht? So was müssen Sie doch wissen. Dann fragen Sie doch nach. Und das Anbaugebiet will ich auch wissen.“

Sie meint es ernst. Ich prüfe ihre verengten blauen Augen hinter der Brille. Nein. Keine Regung, die auf  einen humoristischen Hintergrund hindeutet. Sicher möchte sie auch noch den Namen des Teepflückers wissen, seinen Stammbaum auf Absonderlichkeiten prüfen, in jedem Fall aber einen Blick auf sein Gesundheitszeugnis werfen. Es geht ja immerhin um eine Tasse Kräutertee. Ich ging bisher immer davon aus, dass diese Art Tee ohnehin nur von  Seniorinnen getrunken wird, die Kraft tanken , um sich im Spätherbst ihres Lebens noch einmal so richtig aufzubäumen. Gut für die Blase soll er auch sein.

Anna kommt. Keine Pyrrolizidinalkaloide im Tee. Anbaugebiet ist Dimbula irgendwo in Sri Lanka. Am Tisch nebenan wird ein „gut“ geknurrt, der Tee mit zitternden Lippen geschlürft und  der Kinderwagen mit der freien Hand gewippt. Und wenn nicht gewippt wird, dann wird Zucker geplündert. Tatsächlich. Die Nerv-Mum angelt sich rund zehn Zuckertütchen aus der Keramikdose und lässt sie in ihrer Handtasche verschwinden. Alle Tütchen. Döschen leer. Zucker futschifutschi.

Der Kinderwagen vor mir ist eines dieser Luxusfahrzeuge mit Sportfelgen für über eintausend Euro. Das dunkelblaue Kleid  meiner Tischnachbarin lässt auch eher darauf schließen, dass sie in ein paar Minuten ihren Platz als Chefin in einem Mineralölkonzern einnimmt – aber – ein paar Tütchen Zucker zu ergaunern, stellt für sie garantiert ein unvergleichliches  Abenteuer im Hauptstadtdschungel  dar. Sie ist eine moderne Großwildjägerin. Sicher wird sie am Abend ihrem Ehemann die Beute vorführen.“Ach, Schatz. Du tapferes, tapferes, kleines Ding“, wird der ihr zuraunen, zwischen seinen Fingern den Zucker rieseln lassen  und ihren Kopf streicheln. So ist das in Prenzlauer Berg nun mal. Nichts besonderes.

Das erneute Knirschen von rechts nehme ich viel zu spät wahr. Ein zweiter Kinderwagen. Exakt dasselbe Modell. Und wieder eine Mutter. Viel schlimmer noch: Mum zwei kennt Mum eins. Und während ich von Kinderwagen umgeben bin, ganz so, als hätte mich eine teuflische Zeitmaschine mitten in die Siedlerzeit des Wilden Westens mit all ihren Planwagen befördert, klappern nebenan die Kräuterteetassen. Da wird getuschelt und gezischelt.

Mum 1 zu Mum 2: Du, wir haben doch da hinten diese Eigentumswohnung gekauft. Hat 250.000 gekostet. Sind auch nur 70 Quadratmeter. Aber weißt du, was wir jetzt machen?

Mum 2 streckt wie eine begeisterte Giraffe den Kopf über den Tisch.

„Nein, sag mal.“

„Na, wir ziehen da überall neue Wände rein. Da kriegen wir vier Zimmer raus, und die vermieten wir einzeln an Studenten. Du kriegst hier im Viertel  locker 400,- Euro für ein Zimmer. Gut, was?“

Die Euphorie von Mum 2 ist grenzenlos, doch dann zieht sich eine breite Falte über ihre Stirn. „Und wenn euch die Studenten die Wohnung ruinieren? Du weißt doch, wie das mit denen ist.“

Mum 1 schüttelt entschlossen den Kopf. „Ach was. Wir nehmen nur Jura- oder Medizinstudenten. Das geht schon gut. Die haben doch ordentliche Elternhäuser. Das haben wir uns ganz genau durchdacht.“

Die Falte auf der Stirn von Mum 2 löst sich wie ein Zuckerwürfel im Tee auf. „Ach, na dann ist ja gut. Ein Glück …“

Eine 70 Quadratmeter – Wohnung für 1600,- Euro zu vermieten – eine großartige Idee. Einfach nur vier Studenten greifen,  sie wie Hühner in einer  Legebatterie einpferchen – und schon wird abkassiert.  Genialer Plan. Nur in einem Punkt kann ich der Mum-Logik nicht folgen: Jura- und Medizinstudenten sind in Ordnung – während ein Germanistikstudent womöglich die Tapeten herunterreißt, das Parkett mit rostigen Schraubenziehern zerfetzt und aus Langeweile in die Steckdosen uriniert? Man müsste eine Studie über die Grundaggression von Nicht-Jura- und Medizinstudenten in Auftrag geben. Mindestens. Aber während ich noch darüber nachdenke, ist Mum 2 schon längst beim Berliner  Gesundheitswesen gelandet.

„Du, mein Mann ist neulich auf der Straße umgekippt …“

Mum 1 legt beide Hände auf die Wangen und formt mit den Lippen ein  besonders fleischiges „O“.

„Ohhhhh … schlimmmm ….?“

„Der war entkräftet. Ein Schwächeanfall. Viel Arbeit, eben. Aber weißt du, was wirklich ein Unding ist? Da kamen Männer von einem Rettungsdienst, und weißt du was die gemacht haben? Einfach sein Hemd aufgerissen. Das war ein Versace Hemd. Einfach aufgerissen haben die das.  Richtig zerfetzt haben sie´s.“

Mum 1 schlägt die flache Hand auf den Tisch. „Na, sag mal. Aufknöpfen ging wohl nicht?“

„Habe ich auch gesagt. Aber warte mal. Unser Anwalt prüft gerade, ob die das ersetzen müssen. Alles muss man sich ja auch nicht gefallen lassen, oder?“

Die beiden nicken sich in vollendeter Synchronität zu, wie  batteriebetriebene  Stoffhasen.

Sie haben aber auch Recht.  Ein Rettungsteam, das womöglich auf einen röchelnden Patienten mit Herzinfarkt trifft und in der Hetze nicht einmal mit spitzen Fingern die Knöpfe seines Designerhemdes öffnet – so was ist ungeheuerlich. Das gehört bestraft. Unbedingt.

Ich habe genug gehört und gesehen. Der Himmel hat sich etwas zugezogen. Ich prüfe den Wind. Eine leichte Brise von Westen. Perfekt. Meine Zigarillos ruhen in der Brusttasche meines Jacketts. Ich ziehe sie heraus und lege sie wie eine geladene Waffe auf den Tisch.  Als ich mir ein Stäbchen in den Mund schiebe, kommt Leben in den Tisch nebenan.

„Also, wenn der sich jetzt hier eine ansteckt, dann …“

„Der wird doch nicht …“

Doch, wird er. Genau zwanzig Sekunden später zieht eine düstere Wolke aus karzinogenen und neurotoxischen Stoffen zum Nachbartisch herüber, wo sie eine kultivierte Welle aus Empörung und Entsetzen lostritt. Hastig kramen die beiden Damen ihr Kleingeld zusammen und werfen es auf den Tisch. Drei Euro pro Tässchen.  Trinkgeld gibt es nicht. Man muss sein Geld ja in diesen Tagen zusammenhalten –  Eigentumswohnungen kosten nun mal ordentlich. Und schon huschen sie die Straße hinab,  heftig gestikulierend, weil ja die ungeheuerlichen Ereignisse mit dem Typen am Nachbartisch durchgezischelt werden müssen.

Hinter mir höre ich Anna.

„Boah, endlich sind die weg. Willst du nicht reinkommen? Es tröpfelt doch schon.“

Nein. Ich bleibe hier noch sitzen. Ich genieße den Ausblick.

Langsam, ganz langsam werden die Kinderwagen kleiner,  wie Ozeanriesen, die  trotz ihrer Schwerfälligkeit nach ein paar Kilometern nur noch schwarze Punkte am Horizont sind.

Und schließlich sind sie ganz verschwunden.

ICH BIN SO HÄSSLICH …

Ugly

Manchmal gibt es Geschichten, die fangen ganz harmlos an – und später, viel, viel später, versuchen wir uns zu erinnern, wie das Desaster eigentlich begonnen hat und warum wir es nicht sofort erstickt haben, als würden wir mit der flachen Hand auf eine brennende Kerze schlagen. Sicher, es tut  einen Moment weh – dafür ist es aber wenigstens schnell vorbei.

Diese Geschichte beginnt bei meinem Lieblingsitaliener. Claudine sitzt mir seit anderthalb Stunden gegenüber und redet und redet. Ich weiß im Zeitraffer praktisch alles über die missratenen Online-Dating-Versuche ihrer besten Freundin (kein Wunder, wenn man mich fragt) , die neue Zahnspange ihres schwulen Friseurs (bringt bei den krummen Hauern sowieso nichts) und die Abenteuer einer befreundeten Stewardess, die sich schwerreiche Männer vorzugsweise in den Reihen 1-3 der First Class wegangelt (zweifelsohne die interessanteste Geschichte).

Claudine brabbelt ohne Unterbrechung, wie ein plätschender Niagarafall, und dann stoppt sie, als wäre alles Wasser dieser Erde mit einem Schlag versiegt.  Sie blickt in die Fensterscheibe des Restaurants, legt ihre Stirn in Falten und zerrt mit den Fingerspitzen an ihrer Haut.

„Sag mal …“, zwei Worte nur, in denen sich aber ein Jahrhundete alter Schrecken eingenistet hat.

Sie hält sich ein Milchkännchen aus Chrom vor das Gesicht und starrt mit riesigen Augen in die reflektierende Oberfläche. Es erinnert mich an eine Dokumentation über frei lebende Gorillas, die sich selbst zum ersten Mal in einem Spiegel betrachten.

„Na also … das ist doch … mein Gott … wo kommt das her … das ist … unfassbar“

„Du hast da einen Schokokrümel im Mundwinkel, soll ich den …?“

„Mann, das da oben, das ist eine Falte an meiner Stirn. Wo kommt die her? Die war doch vorhin nicht da. Was soll der Scheiß?“

In dem schummrigen Licht des Restaurants ist eigentlich nicht viel  zu sehen.

„Meinst du diese kleine Falte da, die wie ein Strich aussieht?“

„Aha“, sie knallt das Kännchen auf den Tisch, Milch schwappt auf mein Handy,  sie verengt die Augen zu Schlitzen. „Du siehst es also auch. Die Falte ist wirklich da. Ja?“

An dieser Stelle hätte ich laut rufen müssen, Quatsch, da ist nichts. Unsinn. Stattdessen sage ich, „ist doch nur eine klitzekleine Falte. Ganz klein, wirklich  …“

„Das kann ich nicht akzeptieren. Die war  irgendwann mal nicht da. Ich will so was nicht. Die muss da weg. Irgendwie.“

Zwei Tage und 14 Stunden später öffne ich die Tür zu meiner Wohnung. Claudine hat ein Handtuch um ihre Haare gebunden, ihr Kopf ist knallrot. Die Haut in ihrem Gesicht sieht schuppig aus, als würde der Herbstwind lose Blätter durch Berlins Straßen pusten.

„Und?“, ruft sie mit einer ordentlichen Portion Euphorie in der Stimme.

Auf diese Antwort kommt es an. Ich spüre es. Das leichte Zittern in meinen Händen ignoriere ich. „Ja, ist gut, wirklich …“, und ich verberge meine Ahnungslosigkeit hinter jahrelang antrainierter Heuchelei.

„War ein knallhartes Chemopeeling. Brennt wie die Hölle. Ach was, viel schlimmer noch, aber hier…“ sie hält mir ein Lineal hin, und ich nehme es wie ein Steinzeitmensch in die Hände, dem man gerade ein Tablet herüberreicht.

„Miss nach. Mach mal. Na, los …“

„Was?“

„Na, die Falte. jetzt mach schon …“

Ich lege das Lineal an ihre Stirn. Ich messe eine Länge von 3,3 Zentimetern. „Also … ich würde mal sagen …“

„Na? Was ? Wieviel, hm?“

„2,9 Zentimeter … vielleicht sogar ein bisschen weniger“, den Frendschaftsbonus habe ich gleich abgezogen.

Sie klatscht so heftig in die Hände, dass ein kleines Meer aus Schuppen aus ihrem Gesicht fällt. „Siehst du? Die krieg ich noch ganz weg. Habe ich es dir nicht gesagt?“

Hat sie.  In den nächsten zwei Tagen ist ihr Ehrgeiz so sehr angeschwollen, dass sie mit aller Gewalt auf einen Zentimeter herunterkommen will. Draußen, in der Sonne, trägt sie eine weiße, schützende Creme. Passend mit der dazugehörigen schwarzen Sonnenbrille erinnert sie mich an ein in Prenzlauer Berg gestrandetes Gothik-Biest. Wenn sie über die Straße geht,  schwenken Mütter ihre Kinderwagen sofort in eine andere Richtung.

Und dann, an einem folgenschweren Donnerstag,  klopft die Ernüchterung an meine Haustür, und ich mache ihr auf.

„Weißt du was passiert ist? Weißt du es? Es sind wieder 3,9  Zentimeter. Ich flipp noch aus. Jetzt mache ich Ernst. Jetzt reicht es.“

Einen Tag später sitze ich mit ihr in einer Praxis. Aus einem albern chinesisch anmutenden Brunnen läuft Wasser über blank polierte Steine. Der Doktor begrüßt Claudine wie eine verloren geglaubte Schwester, nach der man jahrzehntelang gesucht hat.

„Schön, dass Sie da sind. So eine Botox-Injektion ist ja nur eine kleine Sache. Klitzeklitzeklein, kein Grund zur Sorge.“

Ich mag ihn nicht. Seine Haare wirken unnatürlich dicht. An seiner Haarlinie sehe ich viele kleine dunkle Punkte, die auf eine verpfuschte Haartransplantation hindeuten. Sein Gesicht ist so glatt, dass man es selbst als Kinderloser sofort wie einen Babypopo pudern möchte. Er verschwindet mit Claudine im Nebenzimmer. Ich bleibe alleine mit dem nervenden Chinabrunnen zurück. Aus meiner Tasche ziehe ich einen Energydrink. Verschlusslasche weg und ein tiefer Schluck. Ich brauche Kraft.

Die Assistenten des Doktors blickt mich aus entzürnten Augen an.

„Das ist aber nicht gesund, was Sie da trinken.“ Sie ist über vierzig, ebenfalls mit spiegelglattem Gesicht und einer Oberweite, die die Gesetze der Schwerkraft lauthals verhöhnt.

„Aber Schlangengift in der Stirn ist eine echte Therapie, was?“

Sie pustet die Luft wie einen Orkan aus. „Wir helfen den Menschen, die zu uns kommen. Warten Sie mal ab. Ein paar Jahre drauf, da kommen Sie hier vielleicht auch vorbei“, und dann läuft sie um ihren Tresen herum, stützt ihre Händen in die Hüften und betrachtet mich wie unter einem Mikroskop.

„Sie sind ein Schlupflid-Typ. Ihre Augenlider erschlaffen vielleicht bald noch mehr. Das kann nicht mehr lange dauern. Das könnten Sie hier machen lassen. Ist nur ein kleiner Eingriff. Das dauert gerade mal 15 Minuten.“

„Ich habe gute Ohren. Wenn ich weniger sehe, stört mich das nicht.“

„Wenn Sie es schon ansprechen. Ihre Ohren gehen sehr spitz nach oben, die könnte man unten etwas anlegen. Gibt eine bessere Linie.“

„Hat das Vorteile, wenn ich mir einen Pullover über den Kopf ziehe?“

Ihr Schnaufen ist laut und endgültig, als sie wieder hinter ihrem Tresen verschwindet und mich, den Freak, der einfach nicht will, mit verborgenen Blicken mustert.

Im Zimmer am Ende des Ganges höre ich Claudines Stimme.

„Ah. Oh. Aua… „

Das muss ich mir angucken. Die Tür ist nur halb verschlossen, und da sitzt sie. Auf einem Behandlungsstuhl. Ihre Hände sind um die Lehne verkrampft. Der Doktor hält die Spritze wie ein Messer in der Hand. Immer wieder sticht er zu und versenkt die viel zu lange Nadel in ihrer Stirn, behämmert sie wie ein irrer Hufschmied, der an seinem Meisterstück arbeitet. Es ist grausam. In diesen Sekunden wünsche ich mir gewaltige Schlupflider herbei, die wie eine fleischige Masse über meine Pupillen fallen. Natürlich weiß ich, dass ich die Milde der vergehenden Jahre brauchen werde, um diese Bilder wieder zu vergessen.

In den folgenden Tagen wirkt Claudine höchst zufrieden. Das Lineal verschwindet in der Schublade meines Schreibtisches. Ihre Haut sieht wieder menschlich aus. Als sich die Stirnfalte endlich in ein mickriges Überbleibsel einer kurzzeitigen alterstechnischen Verstimmung verwandelt hat, lädt sie mich zum Essen ein.

Die Kerzen auf dem Tisch des Italieners flackern. Das Tiramisu wird über den Teller gekleckert. Der Rotwein schwappt munter hin und her. Nur für einen kurzen Moment wird die Schönheit des Abends unterbrochen, als Claudine ihre Reflektion im Fensterglas betrachtet.

„Du, sag mal … „

„Ja?“

„Spinne ich, oder ist mein rechtes Augenlid etwas tiefer als mein linkes?“

Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten. Da hat Albert Einstein zweifelsohne Recht gehabt, und diesmal bin ich schlauer.

„Ach was, da ist nichts. So ein Quatsch. Du hast zwei hübsche, symmetrische Augen. Fast schon perfekt. Eigentlich langweilig, aber auch hübsch.“

Sie lächelt zufrieden und versenkt ihre Gabel im Tiramisu. Na bitte, geht doch. Soll doch keiner sagen, dass ich nicht lernfähig bin.

Wobei, wenn ich ganz ehrlich bin … also …  das rechte Augenlid erscheint mir tatsächlich ein ganz kleines bisschen tiefer als das linke … nur ein ganz kleines bisschen …

SEX, LÜGEN UND HEISSES ZEUGS

Hot Stuff 

„Kalt da draußen, was? `n bisschen Hitze wär jetzt schön, oder? Oder?“ 

Die Augen meines Videothekenmannes sind zwei glutfarbene Spiralen, rotierend und gewaltig wie die eines indischen Hypnotiseurs, die sich in mein Hirn bohren wollen, um von mir Besitz zu ergreifen. Er ist ein Kiez-Körperfresser, ein Seelenfänger auf der Jagd.

„Komm, wir gehen in die Sauna“, haucht er die Worte über die Theke. „Das wird dir gefallen. Da ist ein Yoga Studio um die Ecke mit ganz süßen Chicks, tolles Ding, sag´ich dir. Ich seh die da immer vor dem Haus rumstehen. Totaler Frauenüberschuss. Genau richtig“, flüstert er – und noch einmal mit Nachdruck und zischelndem Zungenschlag: „Chickssss“. 

Es passt mir nicht. Ich schweige. G. schlägt sich die flache Hand vor die Stirn. Es entstehen Geräusche, die einem Schlagzeug nicht unähnlich sind. „Ich bin Single, mann, ich muss was tun …“, ruft er in die leere Videothek, und von den Wänden hallt sein verzweifelter Schrei wider.

Na und? Ist doch nicht mein Problem. Außerdem kann ich Sauna-Anlagen nicht ausstehen. Schwitzige nackte Körper, die öffentlich im Halbdunkeln voller Lethargie vor sich hin stöhnen, sind so gar nicht mein Ding. Und Argumente habe ich auch noch:

„Wir sind hier in Prenzlauer Berg. In der Sauna findest du nur Familienmuttis. Die putzen den ganzen Tag die Felgen von ihren Luxus-Kinderwagen, schlürfen Capuccino und warten auf ihre Ehemänner.  Was willst du da denn beziehungstechnisch abgreifen?“

Natürlich ist es frech überzogen, aber ich will nun mal nicht in die Sauna. Auf gar keinen Fall. G. kräuselt die Nase als würde er an verschimmeltem Käse schnuppern.

„Na gut, dann will ich eben nur eine Affäre. Reicht doch auch, oder?“ Er streckt seinen 1.60 Meter Körper gewaltig in die Höhe und trommelt sich auf den Bauch.

„Ich kann nicht mit. Ich habe keinen Bademantel.“  Obendrauf packe ich noch ein endgültig wirkendes Schulterzucken.

G. lächelt und zieht unter seiner Theke ein zusammengelegtes Handtuch hervor. „Brauchst du nicht. Das hier reicht.“ Er rollt das Handtuch mit einer schwungvollen Bewegung aus. Auf dem Stoff ist ein selbstzufrieden grinsender Bär mit Collegejacke und Basketball unter der befellten Hand zu sehen. Passend dazu präsentiert  mir G. zwei lilafarbene Badelatschen.

„Mein Gott“, ich wende mich mit einem Gefühl des Ekels ab. Magenkrämpfe habe ich auch. Und Kopfschmerzen.

G. zieht die Mundwinkel nach unten und lässt die Schultern fallen. Seine blauen Augen sind betrübt.  „Wer besorgt dir deine alten französischen Schwarz-Weiß -Filme? Wer hat immer ein Tütchen Erdnüsse, wenn du nachts einen kleinen Imbiss brauchst? Ich bin dein Lieblingsvideothekenmann. Nun sollst du einmal was für mich tun, und dann …“

Er feuert eine doppelte Portion  Gewissensbisse auf mich ab, weil er weiß, dass das bei mir blendend funktioniert. Immer. Wirklich ausnahmslos. Im Klartext: Ich bin verloren. Erledigt. Zerfetzt in alle Einzelteile.

Genau 38 Minuten später sitze ich in der Sauna, um meine Hüften baumelt das verhasste Bärenhandtuch.  Neben mir hockt G.. Auf seinem Oberam klebt ein riesiges Pflaster. Immer wieder streicht er es gerade. Ich weiß auch, warum.

„Du hast das Tattoo mit dem Namen deiner Exfreundin abgeklebt. Findest du das nicht peinlich?“, flüstere ich in sein rechtes Ohr.

„Soll ich es hier allen zeigen? Neee, neee, Strategie, mein Lieber.“

Für mich ist es nur ein gewaltiges Lügenwerk , aber ich sage es G. nicht. (Und wer das Tattoo-Desaster in seiner ganzen Pracht nachlesen möchte – bitte sehr … mit einem Klick geht es hier in den Wahnsinn.)

Mit uns in der Sauna sitzen zwei  dürre blonde Frauen um die vierzig. Sie haben beide spinnenartig lange Finger, mit denen sie ihre Worte, jedes einzelne, unterstreichen. Es sind viele Worte, und darum ist es auch eine wilde Fuchtelei. Hektisch und irgendwie gar nicht entspannend.

„Also, der Rashid ist der beste Yoga-Lehrer, den ich jeeeeeee hatte“ , die linke Blondine nickt sich selbst zu “ … der allerbeste, wirklich“, kommen die Wörter zwischen ihren riesigen Zähnen hervor und so laut, dass wir es mithören müssen.

Ich bezweifel, dass der Kerl wirklich Rashid heißt. Wahrscheinlich nur so ein Frank aus Marzahn, der sich für die beiden eine indische Tarnung zugelegt hat. Hat gut geklappt. Für die Beiden reicht es.

Ihre blonde Freundin nickt so schnell wie ein Vogel, der Körner aufpickt. „Also, wie der die Heuschrecke macht. Absolut perfekt. „

Ich werfe G. einen meiner versteinerten Blicke zu. Er reagiert nicht. Er fixiert die Blondine mit den Hasenzähnen und nickt einfach frech mit. Er hat sich offenbar für seine Beute entschieden. Dann schlägt er zu:

„Ist schon schwer einen guten Yoga-Lehrer zu finden. Ich habe eine ganze Weile gebraucht, um das  Hot-Bikram-Yoga zu verinnerlichen“, sagt er.  Und nach dieser ungeheuerlichen Aussage klopft er sich zufrieden auf den schweißnassen Bauch, während die beiden Blondinen voller Euphorie fast von der hölzernen Sitzbank kippen.

„Ach, das beherrschen sie jetzt?“,  ruft die eine.

„Das wollte ich auch schon immer lernen“,  brüllt die andere.

Es ist ein Freudenfest der Sinne in der 90-Grad-Folterkammer ausgebrochen.  Das Schauspiel von G. ist perfekt. Die Chicksssss wissen nicht, dass G. Horrorfilme liebt, niemals einen Yoga Kurs besucht hat und sich sein Fachwissen grundsätzlich aus der Bild anliest. Reicht ja auch. Wozu studieren? Zeitverschwendung.

Die drei scherzen und albern, und nach weiteren unerträglichen drei Minuten steht G.´s Opfer auf: „Ich geh jetzt einen grünen Tee trinken.“ Sie lächelt, und ihre Zähne wirken wie zwei riesige weiße Stanzen in einer Fabrik.

„Ach, ich nehm auch einen“, juchzt G..

Tür auf. Kalter Wind. Tür zu. Ich bin allein. Fast. Die andere Blonde ist wie ein freudloses Überbleibsel auf einer Tanzparty zurückgeblieben und blickt mich so ernsthaft an, als ob ich den geistreichen Dialog über Yoga-Techniken fortführen müsste. Tu ich aber nicht. Ich starre wie festgetackert auf die Fratze des kleinen Bären, der mich kopfüber vom Handtuch anblickt.

Und dann – schon wieder:  Tür auf. Eiskalter Hauch. Tür zu. Aufguss.

Ein Typ mit dunklem, hochtoupiertem Haar schwenkt seinen Holzlöffel in der Mitte der Sauna und brüllt: „Ist eine feine Wodkamischung. Was ganz spezielles. Das wird Ihnen gefallen.“

Die Blonde kreischt genauso laut zurück: „Waaaas? Nein,  auf keinen Fall. Keinen Alkohol, also bitte, ja …?“

Ich bin irritiert. Es ist eine Sauna. Es ist üblich. Ich will meinen Wodka, und ich bin bereit für ihn zu kämpfen. Einfach nur aus Prinzip. „Also, ich würde mich über den Aufguss freuen.“

„Ich aber nicht.“ Sie sagt es mit bedrohlichem Unterton.

„Ich schon.“ Dummerweise klinge ich dabei wie ein trotziges Kleinkind.

„Ich möchte diese Jasmin-Mischung, die es hier immer gibt.“  Sie fuchtelt mit der flachen Hand herum wie ein Gebärdendolmetscher.

„Wodka“, fauche ich zurück.

Der Aufguss-Boy ist verzweifelt. Er guckt nach rechts. Er guckt nach links. Völlige Irritation. Das muss ich nutzen.

„Verzeihung“, rufe ich ihm zu, „eine Sauna ohne Wodka-Aufguss – also, mal ehrlich …  Solche Wünsche würde ich nur von einem Alkoholiker auf Entzug erwarten. Unter diesen Umständen bin ich natürlich bereit, zu verzichten. „ Ich nicke dem Aufgießer zu. „Dann also einmal Jasmin, bitte.“

Die Blonde springt von ihrer Holzbank auf,  zerteilt mit imaginären Handkantenschlägen die Luft und zischelt Worte, die ich nicht verstehen will.

Tür auf. Nordische Kälte. Tür zu. Gewonnen.

„Sie kriegen dann jetzt Wodka, ja?“, sagt der Aufgießer und schaut mich erschöpft an. Seine hoch toupierten Haare sind in der Hitze in sich zusammengefallen und sehen aus wie eine zottlige Biberfellmütze, die ihm bis über die Augen ragt.

„Ach, ich würde auch Jasmin probieren. Warum nicht?“

Eine halbe Stunde später stehe ich vor der Sauna und warte auf G.. Er sieht alt aus, müde und irgendwie lustlos.

„Wo ist denn die Blonde mit den Monsterzähnen? Hat´s nicht geklappt?“

Er starrt auf den Bürgersteig und schiebt ein Blatt vor seinem Schuh hin und her. „Das Pflaster am Arm ist mir unter der Dusche abgegangen.“

„Ganz ab?“

„Ja.“

„Ach, schade.“

Schweigend laufen wir die Straße hinab. Es regnet. Ich halte das Bärenhandtuch über meinen Kopf und freue mich auf meine französischen Schwarz-Weiß-Filme. Und auf das Tütchen Erdnüsse.

DU, ICH GLAUB, ICH MUSS MAL …

Pass

Claudines Gesicht ist angespannt. Sie hockt auf dem Beifahrersitz meines Wagens, presst die Kiefer aufeinander und legt die Stirn in Falten. Vielleicht denkt sie über Lösungswege aus der globalen Krise nach, oder steht kurz davor,  einen Durchbruch in der Krebsforschung zu verkünden. Zumindest blickt sie so konzentriert durch meine Windschutzscheibe, dass ich Großes erwarte.

„Du … ?“, sagt sie und ihre Stimme klingt rau, wie die eines Seewolfes.

„Ja?“

„Ich … kann nicht mehr … Ich muss sofort auf Toilette … jetzt sofort …“

Es ist erwartungsgemäß enttäuschend.

„Schon wieder? Wir wollen ins Theater. Das ist jetzt schon superknapp. Du warst doch eben erst, bevor wir losgefahren sind.“

„Mann … das war vor einer halben Stunde. Ich hab doch einen Liter Tee getrunken. Hast du wohl vergessen, was?“, sie blickt mich mit verengten Augenschlitzen an, wie sie es immer tut, wenn sie jedes meiner Worte auf ihre Claudine-Waage legt.

„Warum …“, und ich lege einen besonders zartfühlenden Ton in meine Stimme, „habe ich nur mit Frauen zu tun, die offenbar über eine erbsengroße Blase  verfügen?“

„Weiß nich, weiß nich …“  Sie wedelt mit den Armen vor meiner Nase herum.  „Da ist eine Tankstelle, halt da an … schnell … schnell …“

Der Wagen rollt noch. Sie reißt die Beifahrertür so schnell auf, als wäre sie ein SEK-Beamter im Einsatz, rast mit ihrer engen Lederhose in einem olympiareifen Spurt über die Wiese und verschwindet in der Tankstelle.

Es ist erstaunlich, dass es Menschen gibt, die den minütlichen Gang zur Toilette ritualisiert haben – ganz so, als würden sie Luft holen.

Ich erinnere mich an einen Urlaub in Kuba. Die Infrastrukturen dort waren erbämlich, aber in der Weite der letzten Ödnis ließ sich noch ein kleiner Bretterverschlag finden, der einer Toilette nachempfunden war und auf dessen  Holz (mit roter Farbe bemalt)  dem wackeren Touristen für seine Erleichterung genau ein Dollar abverlangt wurde. Immer und überall: Ein Dollar. Ein Kfz-Mechaniker aus Aachen beklagte sich damals bei mir über seine Freundin. Tatsächlich schaffte sie es  problemlos,  in einem mehrwöchigen Urlaub mehrere hundert Dollar zu verurinieren. Futsch. Einfach so.  Die Reisekasse aufs Übelste geplündert. Davon erzähle ich Claudine natürlich nichts. Es würde sie nur kränken.

Zwanzig Minuten später erreichen wir das Theater, gehen über rote Läufer und erreichen die Garderobe. Claudine reicht mir ihren Mantel.

„Du … ich verschwinde noch mal kurz, ja?“

Was soll ich ihr entgegnen?  Nein, du musst endlich lernen deine Blase zu beherrschen. Und wenn sie nicht hören will, dann unterjoche sie gefälligst, zwinge sie in die Knie, und dann mach sie fertig. Du bist der Boss. Selbst wenn ich es gewagt hätte, es wäre zu spät gewesen. Hinter Claudine ist längst die antikweiße Toilettentür zugefallen.

Als sie nach fünf Minuten nicht zurückkehrt, erfasst mich eine leiche Unruhe. Nach weiteren fünf Minuten kommt das Gefühl kultivierten Zornes hinzu. Eine Glocke schrillt einmal, das Zeichen für das gleich beginnende Stück und die Aufforderung, langsam den Platz einzunehmen.

Dann endlich kommt Claudine auf mich zu, seltsam verkrampft und knallrot im Gesicht. „Weia … Mist … weißt du, was passiert ist?“

„Woher soll ich das wissen? Bei dir ist theoretisch alles möglich.“

Sie zeigt auf ihre Lederhose. „Ich kriege den Reißverschluss nicht auf. Er hat sich total verkantet.  Was jetzt? Was soll ich jetzt machen … Mann, mann … kannst du nicht mal …? Echt, das ist ein Notfall …“

„Was? Soll ich hier mitten im Gang deine Hose aufreißen?“

„Nein … dann … also … komm,  wir gehen schnell mal auf die Toilette. Echt … ich steh das Stück so nicht durch …  im Ernst jetzt … also … bitte, bitte …“  Ihre Züge erinnern an ein fünfjähriges Kind, dem das Hopseseil zerrissen ist und das darum keinen Sinn mehr in seinem Leben erkennen mag.

Wir gehen auf die Damen-Toilette.  Meine inneren Proteste möchte ich nicht beschreiben, aber sie sind gewaltig. Vor dem Spiegel stehen zwei kalkweißgeschminkte Omis , die sich blutroten Lippenstift  auf ihre zerknitterten Münder pinseln – zwei Vampirinnen, die über meine Anwesenheit überrascht sind. Blitzschnell huschen sie mit ihren Handtaschen an mir vorbei – nichts wie raus hier –  nicht einmal ein paar Sekunden haben sie sich für ihre Empörung gegönnt. Macht nichts, kann man ja am nächsten Tag bei Kaffee und Kuchen ausführlich durchschimpfen, diese Sache mit dem Mann auf der Damentoilette.

Dann geht es los.

Der Kampf mit dem Reißverschluss gleicht dem Versuch, dem  spartanischen Heer mit einem Zahnstocher entgegenzutreten und auf einen positiven Ausgang zu hoffen.

Zuppeln. Reißen. Zerren.

Das verdammte Ding bewegt sich keinen Zentimeter. Claudine sitzt ermattet auf dem Toilettendeckel. „Was jetzt? Was soll jetzt nur werden?“

„Vielleicht hast du dir den Druck nur eingebildet. Musst du … wirklich? Also, ich meine, ist es wirklich so ernst?“

„Total. Der Stress jetzt hat mir den Rest gegeben. Ich bin absolut down. Ich werde verrückt, wenn ich die Hose nicht aufkriege … ganz echt … tu doch was, bitte.“

Es ist einer dieser raren Momente, in denen sich Claudine geschlagen gibt und auf den großartigen Geist ihres besten Freundes hofft. Bitte sehr, ich liefere prompt und ohne Verzug:

„Wir müssen den Reißverschluss rausschneiden.“ Nur für einen kurzen Moment fühle ich mich wie ein Feldarzt, der einen verwundeten Soldaten die Amputation seines Lieblingsbeines vorschlägt.

„Was? Du willst meine Hose zerstören?“

„Ich sehe keine andere Möglichkeit“, und  bei meiner schwerwiegenden Diagnose klinge ich besonders seriös und entschieden.

Sie presst die Schneidezähne auf ihre zitternde Unterlippe. „Na gut. Dann tu es.“

Draußen laufen die Menschen fröhlich plaudernd in den Theatersaal. Hier und da wird ein Sektglas geschwenkt – und niemand ahnt etwas von meiner Mission. Am Buffett steht eine vielleicht fünfzigjährige Dame mit tiefschwarz gefärbtem Haar. Sie trägt ein Kellnerinnen-Outfit. Als ich sie um ein Messer bitte, sagt sie nur:

„Wat wolln se`n damit?“

„Ich wollte nur ein Lachsbrot in der Mitte durchschneiden.“ Meine ärztliche Schweigepflicht verbietet es mir, die Wahrheit zu sagen.

„Ach wat, die Lachsdinger sind doch schon so kleene. Wat wolln se denn da noch teilen?“ Sie reicht mir ein rundes Messer herüber.

„Haben sie was spitzeres?“

Sie greift unter ihre Theke und drückt mir einen skalpellähnlichen Gegenstand in die Hand. „Ham se recht. Spitzer is besser. Janz klar. Die nehmen hier immer ollet Brot, is hart wie Zwieback. Da müssen se kräftig rinschneiden. Ick sags Ihnen. Aber pssschh … muss ja keener hören, wa?“

Nein, das sollte keiner hören. Das bin ich meiner Assistenten schuldig.

Die anschließende Operation führe ich punktgenau durch.  Beherzt trenne ich die Nähte auf einer Seite des Reißverschlusses und ignoriere Claudines glänzende Stirn, über die knödelgroße Schweißperlen kullern. Keine Sorge. Meine Hände sind präzise Instrumente. Ein Scheitern kommt nicht in Frage. Als ich den OP-Saal verlasse, bin ich durchaus zufrieden. Und auch meine Patientin hat sich recht schnell mit ihrer veränderten Lebenssituation zurechtgefunden: Hose kaputt – aber Leben gerettet.

„Mann, mann, das war wirklich in der letzten Sekunde.“ Claudine zerrt ihren Wollpullover über die Hüften und verdeckt den Reißverschluss. „Sieht auch keiner. Perfekt.“

Im Foyer ist es seltsam still. Die Besucher sind alle im Theater. Aus dem Innenraum dringen laute Stimmen, die direkt von der Bühne zu kommen scheinen. Als ich Eingang B ansteuere, wedelt die dürre Platzanweiserin mit den Händen.

„Das Stück läuft schon seit zehn Minuten. Tut mir leid. Sie können erst wieder in der Pause rein“, und dabei  flattert ihr dünnes blondes Haar so sehr, als hätte sie sich aus großer Höhe in die Tiefe gestürzt.

„Wir kommen wirklich nicht rein?“

„Wirklich.“

„Echt?“

„Echt.“

Toll. Fantastisch. Für mich bleibt das Theater wegen des praktizierten Urin-Terrors meiner besten Freundin verschlossen. Ich denke über das Für und Wider eines halben Theaterstücks nach, da ruft Claudine:

„Ach, ist doch nicht so schlimm.  Komm, dann gehen wir eben was trinken. Ich hab totalen Durst.“ 

Trinken. Toilette. Trinken. Toilette. In diesem Moment durchschaue ich den  teuflischen Kreislauf in Claudines Lebens. Er ist wie ein Strudel, der uns alle in die Tiefe reißt und bei dem selbst alle Rettungsringe dieser Erde versagen würden.

Erleichtert, fast fröhlich, als würde sie im Sommerwind über eine prachtvolle Wiese laufen, stolziert sie zum Ausgang. „Kommst du?,“ ruft sie.

Sie hat es eilig. Natürlich.

Irgendwann wird ja bald wieder die Sonne aufgehen.

So wenig Zeit – und so viele Berliner Toiletten, die es in dieser Nacht noch zu erkunden gilt.

DER SCHWABE RASTET AUS

Ausgang

Das war ein gutes Frühstück. Ein Schinken-Käse Croissant. Ein sehr heißer Kakao und ein Muffin. Ich stehe in meinem Lieblingscafé an der Kasse. Die Bedienung, die immer ein bisschen wie die junge Sophie Marceau aussieht, hetzt zwischen Kunden und Tresen in Lichtgeschwindigkeit hin und her.

Dann geht die Tür auf und ein eisiger Windhauch streift meinen Nacken. Neben mir taucht ein fünfzigjähriger Typ auf. Sein brauner Trenchcoat raschelt. Über seinen Kopf hat er eine Glencheckmütze gezogen. Die Kanten der Kappe klemmen seine Ohren ab. Dafür ragt seine riesige Nase frei schwebend über den Tresen. Aus den Nasenlöchern quellen dunkle Haarbüschel wie bei einem Rasierpinsel mit echtem Biberhaar.

„Sie haben mir zu wenig Wechselgeld rausgegeben. Gerade eben“, zischelt es aus seinen schmalen Lippen.

Sophie, die ja gar nicht Sophie heißt, zieht beide Augenbrauen hoch.

„Moment, gleich … Ich muss nur den anderen Kunden abkassieren.“

Sie lächelt mir zu. Der Mützenmann knirscht mit den Zähnen. „Nein, ich habe ja vorher bezahlt, und Sie haben mir zu wenig zurückgegeben. Deshalb bin ich vor ihm dran.“

Der Kerl kennt mich nicht. An diesem Morgen, eigentlich an jedem Morgen,  bin ich besonders aggressiv. Da könnte ich im Vorbeigehen Rauhhaardackeln die Köpfe abbeißen und Kinderwagen umkippen  – einfach nur so, aus frühmorgendlicher Übellaunigkeit.

„Ich stehe vor Ihnen an der Kasse, und sie stehen hinter mir. Verstehen Sie? Ich vorne, Sie hinten.“

Der Mann starrt mich aus riesigen Augen an. Sicher, vielleicht hätte ich jetzt eine Horde knallbunter Monster aus der Sesamstraße gebraucht, die ihm singend und tanzend den Unterschied zwischen „Vorne“ und „Hinten“ erklären – es muss jetzt aber auch mal so gehen.

Er reißt sich die Mütze vom Kopf und schlägt sie gegen seinen Oberschenkel, als würde er einen Gaul beim Ritt durch die Prärie anfeuern. Über seiner Stirn klebt ein Rest Haare – ein Büschelchen dunkler Strähnen, die sich verloren und vereinsamt aneinander klammern. Sonst nichts. Kahlschlag. Eine glänzende Glatze wie eine fleischfarbene Christbaumkugel – und weiter unten zwei mausgraue böse Augen.

„Blödr Seckl, blödr !“, brüllt er mich an.

Aha. Enttarnt. Ein Schwabe, mitten in meinem Kiez. Natürlich. Ich nicke Sophie hinter dem Tresen zu, und sie nickt zurück. Keine Ahnung, was ein „Seckl“ ist. Klingt aber irgendwie ganz niedlich. Da wollte er mit seinem Hochdeutsch wohl schön in der anonymen Masse abtauchen , aber nur ein kleiner Schuss Zorn und die kunstvoll geschmiedete Maske fällt polternd zu Boden.

„Das ist Betrug, was hier läuft“, ruft er durch das Café. „Das lasse ich mir nicht gefallen.“

Sophie beugt sich ein wenig vor. „Können Sie das Brüllen mal lassen?“

Könnte er vielleicht. Tut er aber nicht.

„Ich habe Ihnen vorhin zehn Euro gegeben, und Sie haben mir nur auf fünf  rausgegeben. Das ist Betrug. Das ist wohl Ihre Masche. Das kann ruhig jeder hören.“

Die Gabeln auf den Kuchentellern klappern nicht mehr. Gespräche verstummen. Sogar der ungewaschene Nerd in der Ecke linst über seinen Laptop. Zwischen Käsekuchen und Marzipanhörnchen ist Stille eingekehrt.

Sophie zuckt mit den Schultern. „Ich bin eigentlich gut im Rechnen. Können Sie es irgendwie beweisen?“

Der Schwabe lacht laut. „Meinen Sie, ich mach hier Fotos? Ich hatte nur einen Zehn Euro Schein in der Tasche und jetzt ist er weg. Da ist ja wohl klar, was hier passiert ist.“

Spannend. Zwei Personen und eine lügt. Da steht der überkorrekte (aber höchst unsympathische) Schwabe und auf der anderen Seite die freundliche (aber womöglich fiese Trickdiebin) Sophie. In einem Krimi würde aus dramaturgischen Gründen sicher Sophie überführt werden. Macht sich für die Story einfach besser. Sie ist eine Studentin und Berlin nicht billig. Ein ganz klares Motiv. Sie zeigt auf ein Glas mit Kleingeld, das auf dem Tresen steht.

„Ich könnte Ihnen vielleicht die Differenz aus unserem Trinkgeld geben. Aber dann bezahlen wir hier alle für etwas, nur weil Sie es behaupten.“

Hmm. War das ein Teilgeständnis? Sie senkt den Kopf ein wenig, wie man es bei einem ertappten Kind vermuten würde. Und wenn das alles nur ein Trick des Schwaben ist? Hinter seiner Seriosität und der womöglich gespielten Empörung könnte ein besonders raffinierter Plan stecken. Mal eben die Bedienung in einem Café diskreditieren und zackizacki eincashen. So ein Häusle im Ländle ist sicher nicht billig – da zählt jeder Cent.

Der Schwabe reckt sein Kinn empor und klopft mit einer Hand auf seine Brust. „Wie soll ich es Ihnen denn beweisen?“, schnauzt er über die Theke. „Soll ich vor Ihnen meine Tasche leeren? Ja, wollen Sie das? Das können Sie haben.“

Überhastet, fast hysterisch,  reißt er das Innenfutter seiner Taschen heraus, stülpt sie nach außen und sieht dabei wie ein Clochard an der Seine aus, der vor den Touristen ein kleines Schauspiel aufführt, nur um ein paar Euro zu erhaschen. Vier Taschen später ist er fertig – und dann, in einem Moment, in dem die Zeit gefroren scheint, gleitet ein Zehn Euro Schein durch die Luft,  frei fliegend zieht er seine Bahnen und landet ganz leise auf dem Holzboden des Cafés.

Ich sehe es. Sophie sieht es. Der Nerd glotzt voller Unglauben hinter dem Laptop hervor, streckt seinen Zeigefinger aus und piekst so hektisch mit ihm in der Luft herum, als sei gerade Godzilla an seinem Tisch vorbei gestapft.  Hastig bückt sich der Schwabe nach dem Geld.  Schnell, schnell, bevor noch jemand anders zugreift.

„Na … also … da muss wohl …“ Er fingert an einer Tasche herum. “ Da muss wohl… hier … mein Innenfutter … ein bisschen aufgerissen sein. Und der Schein war wohl… also … ja … na gut …“

Keine Entschuldigung, kein bemühtes Lächeln. Nur seine dunkle Haarsträhne kippt erschlafft in sich zusammen – sicher der höchstmögliche Ausdruck seiner Beschämung. Er stülpt sich die Mütze über den Kopf, dreht sich um und huscht mit flatterndem Trenchcoat aus dem Laden. Nicht einmal die Taschen hat er nach innen gekrempelt. Bloß keine Zeit verlieren. Nichts wie weg hier. Ab durch den rettenden Ausgang.

Die Prenzlauer Berg- Muttis an den Tischen müssen diesen Fall erst mal analysieren. Hier und da wird getuschelt. Ein leises Kichern ist zu hören. Die Gabeln klappern wieder. Der Nerd hämmert auf den Tasten seines Laptops herum.

Ich schüttel den Kopf. „Mann, diese Schwaben. Nervend.“

„Du …?“ Sophie beugt sich ein Stück vor.

„Ja?“ Ich lausche ganz angestrengt.

„Weißt du …?“

„Was?“

„Na … Ich komme aus Stuttgart.“

Ich habe keine Mütze, die ich mir über meinen feuerroten Kopf stülpen könnte, auch keine Plastiktüte mit Sehschlitzen. Dafür flattert aber wenigstens auch mein Mantel , als ich das Café verlasse und dem erprobten Fluchtweg des Schwaben folge.

Prenzlauer Berg im Herbst und auch noch am frühen Morgen – nichts ist so, wie es scheint. Wirklich gar nichts.

Nur meine morgendliche Übellaunigkeit ist stabil. Auf die ist Verlass.

Immer.