GOODBYE SHIRLEY: WAS DIE KLEINE AMERIKANERIN ÜBER DIE DEUTSCHEN DENKT

Koffer

„Boah, stinkt ja wie im Puff, dit Zeuch. Wat issn det?“

Mehmet der Taxifahrer blickt über seine Schulter. Auf seiner Stirn haben sich sieben Falten gebildet, die an mannshohe Wellen bei stürmischer See erinnern.

Tschup-Tschup – da kommt schon die nächste Stinke-Wolke.

Neben mir auf der Rückbank sitzt Shirley, die amerikanische Deutschlehrerin aus North-Dakota. Immer wieder drückt sie mit dem Zeigefinger auf einen Plastik-Zerstäuber in Herzform. Schwaden aus blumigen Dämpfen breiten sich in dem Taxi aus. Shirley kennt keine Gnade. Stoisch wie eine seelenlose Maschine presst sie den Zerstäuber nach unten. „Das ist rosewater … „, sagt sie und streckt ihr Kinn herrisch vor.

Mehmet hat gleich zwei neue Falten auf der Stirn. „Roswat …?“

„Rosenwasser.“ Tschup-Tschup.

Mehmet ringt um Luft. „Also … können se dit mal lassen? Ich hab hier noch andere Kundschaft nach Ihnen.“

Shirleys wasserblondes Haar ist so brutal hochtoupiert, dass es gegen den Wagenhimmel schlägt. Die raschelnden Geräusche erinnern mich an einen fegenden Besen. Sie beugt sich ein Stückchen vor. „Ich bezahl doch für die Fahrt. Das ist meine Sache. Understand …  ? Außerdem stinkt es hier nach Rauch.“ Tschup-Tschup.

„Also sagen se Ihrer Freundin, wenn die nich uffhört, schmeiß ich sie beide raus.“ Mehmet klatscht mit seinen behaarten Riesenhänden auf dem Lenkrad herum. Es klingt wie ein bedrohlicher Trommelwirbel vor einem Finale.  

Tschup-Tschup. Und gleich noch einmal: Tschup-Tschup.

Ich kalkuliere die verbleibende Fahrtstrecke zum Flughafen Tegel. Wir brauchen noch fünf Minuten. Die könnte man auch zu Fuß gehen. Andererseits liegt im Kofferraum Shirleys Monster-Koffer, den ich im Zweifelfalle in der Hitze tragen müsste. Die Sache ist klar. Ich nehme ihr den Zerstäuber aus den Fingern. Sie schlägt zweimal mit der flachen Hand gegen die Kopflehne vor sich. Man mag es von Kindern kennen, denen man in der Buddelkiste die Schippe wegnimmt. Lässt mich komplett kalt.

Also, bei uns in the States  gibt  es so was nicht. Da sind die Taxi-Fahrer  freundlich zu ihren Gästen. Was dem einfällt …“, schimpft sie von der Rückbank.

„Na, dann verpiss dich ma wieder da hin“, meckert Mehmet leise zurück.

Genau das ist der Plan. Shirleys Jahr als  amerikanische Deutschlehrerin in Berlin ist vorbei. Sie kehrt nach North Dakota zurück. Es sind nur noch wenige Meter bis zum Flughafen Tegel.

„Mach ich auch“, schimpft sie in Mehmets Richtung zurück und fletscht ihre kleinen mausartigen Zähne. „Was ist denn das für ein Land hier?“ Weil niemand die Frage beantworten will, übernimmt sie es gleich selbst. „Ihr zieht  zuhause bunte Hausschuhe an, eure Polizisten sind dick und überall laufen am Strand nude people rum.  Aber bei 30 Grad tragt ihr immer noch Stiefel,   und wenn man nur mal vor die Haustür geht, wird man gleich beklaut.“

Sie reicht mir ein braunes Lederportemonnaie herüber, in das Fransen  und indianisch anmutende bunte Strippen eingearbeitet sind. Sieht aus wie eine Solidaritätsbörse für ethnische Minderheiten. Politisch sehr korrekt.

„Mach auf“, fordert sie.

Mach ich. „Es ist leer.“

„Siehst du?  Alles weg. Kreditkarten, Bibliothekenausweis … alles stolen. Haben die mir im Park geklaut,  und einen Tag später lag es meinen Briefkasten.“

Im Rückspiegel sehe ich Mehmets Augen, in denen ein fröhlicher Funke glüht.

„Warum haben die es dir dann überhaupt in den Briefkasten gelegt?“ Ich öffne das Fach für Scheine, und darin liegt ein kleiner Zettel, auf dem etwas mit Kugelschreiber gekritzelt wurde. Ha Ha. Du Opfer.

Ich schätze den allgegenwärtigen Humor, der in Prenzlauer Berg wie ein strenger Patriarch herrscht. Allgegenwärtig und dennoch unerwartet. Wir erreichen den Flughafen. Die Fahrt kostet rund 23,- Euro. Shirley reicht Mehmet 25,- Euro herüber.

„Der Rest ist tip … Trinkgeld“, ihre Stimme klingt sachlich, aber ihr Kinn ist schon wieder herrisch hervorgestreckt. Mehmet gibt ihr die zwei Euro zurück und an mich gewandt sagt er: „`n Bisschen Würde hab ick och noch. Ach ja … und viel Glück.“

Dann fährt er mit seiner elfenbeinfarbenen Kutsche davon.

Am Schalter nach Frankfurt ist einiges los. Sofort fallen mir die drei Frauen auf, die neben einer Säule stehen und die Arme hochreißen, als sie Shirley sehen.  Es wird geküsst, geherzelt und umarmt. „Die sind aus meiner Bibel-Gruppe“, ruft mir Shirley zu. Dann wird weiter umarmt und geküsst – bis zur Atemlosigkeit.

Die Frauen sind mir unheimlich. Sie wirken auf seltsame Weise uniformiert. Alle drei haben den Körperbau eines Pandabären (ähnlich dem von Shirley) , schwere Brillen und  Playmobilfrisuren. „Das sind Shannon, Cameron und Liz. Die sind auch für ein Jahr in Germany“, ruft mir Shirley zu.  Die drei nicken synchron, und in ihren Brillen brechen sich die seitlich einfallenden Sonnenstrahlen zu einem unwirklich reflektierten Heiligenschein.

Besonders Liz fällt mir durch ihre  übertriebene Fröhlichkeit auf. Sie zwinkert mir zu.  Ihr rötliches Haar und die Sommersprossen erinnen ein wenig an Peppermint Patty, die nervende Freundin von Charly Brown. Sie ist es dann auch, die mit dem Fuß dreimal auf den Boden klopft  Es ist ein heimliches Signal für Eingeweihte:  Zunächst erklingt aus den drei Frauenmündern ein tiefer Brummton, der einem zornigen Teddy-Bären nicht unähnlich ist – und dann wird gesungen. Mit aller Kraft:

„My Lord,
hear my prayers,
I´m a kind soul,
please let me be by your side.“

Wäre ich ein Sammler von besonders peinlichen Momenten, dann würde ich mir dieses Prunkstück sofort in meine Vitrine stellen. Die drei werden immer lauter, ihre Münder sind weit aufgerissen. Passend dazu klatschen sie mit ihren Händen den Takt und bewegen ihre Oberkörper wie Pendel hin und her.

„Ohhhhhhh …“,  Shirley ist so gerührt, dass dicke Tränen über ihre geschminkten Wangen plätschern. Neben mir bleiben ein paar Leute stehen. Eine Blonde auf High Heels schaut mich an, als wolle sie checken, ob ich womöglich Teil dieser Gruppe bin.  Einem animalischen Überlebensinstinkt folgend, wende ich  mich von dem Trio ab. Shirley greift in ihrer emotionalen Aufruhr nach meiner Hand. Es gibt keinen Ausweg mehr.  Und jeder sieht es. Ein Typ mit Baseballkappe guckt mich über den Rand seiner Sonnenbrille an und schüttelt nur den Kopf.

Nach vier Minuten ist der Singsang vorbei. Die drei beklatschen sich selbst. Dann wird wieder geherzelt und geküsst. Von meiner Stirn tropfen dicke Schweißperlen. Nun umarmt mich Shirley auch noch einmal zum Abschied. Ihr Haar knistert wie Zuckerwatte vor meinem Mund. Sie blickt mich aus ernsten Augen an. „Wenn ich dir mal was schicken soll … wenn du irgendwas brauchst … call me …“

Na, das weiß ich doch sehr zu schätzen. Deutschland ist ja als Krisengebiet bekannt. Milchpulver und Tütensuppen könnte ich gut gebrauchen. Warme Decken wären auch nicht übel.  Oder mal ein schönes Stückchen Seife …

Ein paar Minuten später ist Shirley hinter dem Counter der Fluggesellschaft verschwunden. Noch einmal winkt sie uns zu, dann verschwindet sie in der Menschenmenge. Nur ihre wasserstoffblonde Turmfrisur ist noch eine ganze Weile zu sehen.

Das christliche Frauen-Trio aus Amerika blickt ihr wehmütig nach. Da geht sie hin.  Sie hat es geschafft, das Jahr in der Hölle zu überleben, die Glückliche. Man könnte es aus ihren Augen lesen. Ich hingegen fühle mich ganz gut. Die Zeit mit Shirley war durchaus belebend und aufregend  – aber  vor allen Dingen ist sie vorbei. (Alle Geschichten haben einen Anfang – und den gibt es  hier und hier.)

Beim Herausgehen fragt mich Peppermint Patty: „Willst du mal in unsere Bibelgruppe kommen? You´re invited.“

„Ach, ich weiß nicht. Diese Sache mit Gott …“

Sie macht nur eine wegwischende Handbewegung. „Du, das kriegen wir schon hin. Trust me.“

Daran habe ich keinen Zweifel.

Draußen scheint die Sonne. Ich laufe drei Runden um den Flughafen-Parkplatz herum, immer im Kreis, bis ich sicher bin,  dass das Frauen-Trio in einem Bus verschwunden und die Maschine nach Frankfurt in der Luft ist.

Goodbye Shirley.

ZWEI MÜTTER UND IHRE RABENSCHWARZEN GEHEIMNISSE

Dunkel

 

Die Aprilsonne wärmt meine Stirn. Der Kakao ist heiß. Die Beine strecke ich weit von mir. Es ist ein herrlicher Tag hier draußen vor meinem Lieblingscafé in Prenzlauer Berg. Vielleicht zu herrlich. So was darf nicht lange anhalten. Tut es auch nicht.

Von rechts bewegt sich ein Kinderwagen  in meine Sichtachse, bedrohlich wie ein knirschender Ozeandampfer, der die Sonne verdunkelt, wird er direkt vor meinem Tisch geparkt. Am Steuer steht eine Frau mit verkniffenen Lippen. Eine Kapitänsmütze trägt sie nicht –  dafür aber eine kleine fiese, und besonders eckige Brille mit Goldrand, wie ich sie eher von einem Frauenarzt erwarten würde.

Sie ruckelt und zuckelt an dem Kinderwagen herum, rollt ihn über die Schuhspitze meines rechten Fußes, erkennt den Widerstand und ruckelt gleich noch einmal über meinen Fuß – logisch – mein Bein hat ja auf dem Gehweg nichts verloren. Sie wischt sich eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht und lässt sich mit einem Stoßseufzer, der in seiner Dramatik an das Finale einer griechischen Tragödie erinnert, auf dem Klappstuhl am Tisch nebenan nieder und wedelt sich eine Bedienung herbei.

„Ich möchte einen Kräutertee. Den hier …“, sie tippt mit ihrem manikürten Finger auf die Karte, als wolle sie das Papier durchbohren, „aber … da sind keine Pyrrolizidinalkaloide drin, oder?“

Anna, die Studentin aus Palermo, gibt ihr Bestes ,“ich glaube nicht.“

„Ja, was denn nun? Wissen Sie es oder nicht? Pyrrolizidinalkaloide oder nicht? So was müssen Sie doch wissen. Dann fragen Sie doch nach. Und das Anbaugebiet will ich auch wissen.“

Sie meint es ernst. Ich prüfe ihre verengten blauen Augen hinter der Brille. Nein. Keine Regung, die auf  einen humoristischen Hintergrund hindeutet. Sicher möchte sie auch noch den Namen des Teepflückers wissen, seinen Stammbaum auf Absonderlichkeiten prüfen, in jedem Fall aber einen Blick auf sein Gesundheitszeugnis werfen. Es geht ja immerhin um eine Tasse Kräutertee. Ich ging bisher immer davon aus, dass diese Art Tee ohnehin nur von  Seniorinnen getrunken wird, die Kraft tanken , um sich im Spätherbst ihres Lebens noch einmal so richtig aufzubäumen. Gut für die Blase soll er auch sein.

Anna kommt. Keine Pyrrolizidinalkaloide im Tee. Anbaugebiet ist Dimbula irgendwo in Sri Lanka. Am Tisch nebenan wird ein „gut“ geknurrt, der Tee mit zitternden Lippen geschlürft und  der Kinderwagen mit der freien Hand gewippt. Und wenn nicht gewippt wird, dann wird Zucker geplündert. Tatsächlich. Die Nerv-Mum angelt sich rund zehn Zuckertütchen aus der Keramikdose und lässt sie in ihrer Handtasche verschwinden. Alle Tütchen. Döschen leer. Zucker futschifutschi.

Der Kinderwagen vor mir ist eines dieser Luxusfahrzeuge mit Sportfelgen für über eintausend Euro. Das dunkelblaue Kleid  meiner Tischnachbarin lässt auch eher darauf schließen, dass sie in ein paar Minuten ihren Platz als Chefin in einem Mineralölkonzern einnimmt – aber – ein paar Tütchen Zucker zu ergaunern, stellt für sie garantiert ein unvergleichliches  Abenteuer im Hauptstadtdschungel  dar. Sie ist eine moderne Großwildjägerin. Sicher wird sie am Abend ihrem Ehemann die Beute vorführen.“Ach, Schatz. Du tapferes, tapferes, kleines Ding“, wird der ihr zuraunen, zwischen seinen Fingern den Zucker rieseln lassen  und ihren Kopf streicheln. So ist das in Prenzlauer Berg nun mal. Nichts besonderes.

Das erneute Knirschen von rechts nehme ich viel zu spät wahr. Ein zweiter Kinderwagen. Exakt dasselbe Modell. Und wieder eine Mutter. Viel schlimmer noch: Mum zwei kennt Mum eins. Und während ich von Kinderwagen umgeben bin, ganz so, als hätte mich eine teuflische Zeitmaschine mitten in die Siedlerzeit des Wilden Westens mit all ihren Planwagen befördert, klappern nebenan die Kräuterteetassen. Da wird getuschelt und gezischelt.

Mum 1 zu Mum 2: Du, wir haben doch da hinten diese Eigentumswohnung gekauft. Hat 250.000 gekostet. Sind auch nur 70 Quadratmeter. Aber weißt du, was wir jetzt machen?

Mum 2 streckt wie eine begeisterte Giraffe den Kopf über den Tisch.

„Nein, sag mal.“

„Na, wir ziehen da überall neue Wände rein. Da kriegen wir vier Zimmer raus, und die vermieten wir einzeln an Studenten. Du kriegst hier im Viertel  locker 400,- Euro für ein Zimmer. Gut, was?“

Die Euphorie von Mum 2 ist grenzenlos, doch dann zieht sich eine breite Falte über ihre Stirn. „Und wenn euch die Studenten die Wohnung ruinieren? Du weißt doch, wie das mit denen ist.“

Mum 1 schüttelt entschlossen den Kopf. „Ach was. Wir nehmen nur Jura- oder Medizinstudenten. Das geht schon gut. Die haben doch ordentliche Elternhäuser. Das haben wir uns ganz genau durchdacht.“

Die Falte auf der Stirn von Mum 2 löst sich wie ein Zuckerwürfel im Tee auf. „Ach, na dann ist ja gut. Ein Glück …“

Eine 70 Quadratmeter – Wohnung für 1600,- Euro zu vermieten – eine großartige Idee. Einfach nur vier Studenten greifen,  sie wie Hühner in einer  Legebatterie einpferchen – und schon wird abkassiert.  Genialer Plan. Nur in einem Punkt kann ich der Mum-Logik nicht folgen: Jura- und Medizinstudenten sind in Ordnung – während ein Germanistikstudent womöglich die Tapeten herunterreißt, das Parkett mit rostigen Schraubenziehern zerfetzt und aus Langeweile in die Steckdosen uriniert? Man müsste eine Studie über die Grundaggression von Nicht-Jura- und Medizinstudenten in Auftrag geben. Mindestens. Aber während ich noch darüber nachdenke, ist Mum 2 schon längst beim Berliner  Gesundheitswesen gelandet.

„Du, mein Mann ist neulich auf der Straße umgekippt …“

Mum 1 legt beide Hände auf die Wangen und formt mit den Lippen ein  besonders fleischiges „O“.

„Ohhhhh … schlimmmm ….?“

„Der war entkräftet. Ein Schwächeanfall. Viel Arbeit, eben. Aber weißt du, was wirklich ein Unding ist? Da kamen Männer von einem Rettungsdienst, und weißt du was die gemacht haben? Einfach sein Hemd aufgerissen. Das war ein Versace Hemd. Einfach aufgerissen haben die das.  Richtig zerfetzt haben sie´s.“

Mum 1 schlägt die flache Hand auf den Tisch. „Na, sag mal. Aufknöpfen ging wohl nicht?“

„Habe ich auch gesagt. Aber warte mal. Unser Anwalt prüft gerade, ob die das ersetzen müssen. Alles muss man sich ja auch nicht gefallen lassen, oder?“

Die beiden nicken sich in vollendeter Synchronität zu, wie  batteriebetriebene  Stoffhasen.

Sie haben aber auch Recht.  Ein Rettungsteam, das womöglich auf einen röchelnden Patienten mit Herzinfarkt trifft und in der Hetze nicht einmal mit spitzen Fingern die Knöpfe seines Designerhemdes öffnet – so was ist ungeheuerlich. Das gehört bestraft. Unbedingt.

Ich habe genug gehört und gesehen. Der Himmel hat sich etwas zugezogen. Ich prüfe den Wind. Eine leichte Brise von Westen. Perfekt. Meine Zigarillos ruhen in der Brusttasche meines Jacketts. Ich ziehe sie heraus und lege sie wie eine geladene Waffe auf den Tisch.  Als ich mir ein Stäbchen in den Mund schiebe, kommt Leben in den Tisch nebenan.

„Also, wenn der sich jetzt hier eine ansteckt, dann …“

„Der wird doch nicht …“

Doch, wird er. Genau zwanzig Sekunden später zieht eine düstere Wolke aus karzinogenen und neurotoxischen Stoffen zum Nachbartisch herüber, wo sie eine kultivierte Welle aus Empörung und Entsetzen lostritt. Hastig kramen die beiden Damen ihr Kleingeld zusammen und werfen es auf den Tisch. Drei Euro pro Tässchen.  Trinkgeld gibt es nicht. Man muss sein Geld ja in diesen Tagen zusammenhalten –  Eigentumswohnungen kosten nun mal ordentlich. Und schon huschen sie die Straße hinab,  heftig gestikulierend, weil ja die ungeheuerlichen Ereignisse mit dem Typen am Nachbartisch durchgezischelt werden müssen.

Hinter mir höre ich Anna.

„Boah, endlich sind die weg. Willst du nicht reinkommen? Es tröpfelt doch schon.“

Nein. Ich bleibe hier noch sitzen. Ich genieße den Ausblick.

Langsam, ganz langsam werden die Kinderwagen kleiner,  wie Ozeanriesen, die  trotz ihrer Schwerfälligkeit nach ein paar Kilometern nur noch schwarze Punkte am Horizont sind.

Und schließlich sind sie ganz verschwunden.

ICH BIN SO HÄSSLICH …

Ugly

Manchmal gibt es Geschichten, die fangen ganz harmlos an – und später, viel, viel später, versuchen wir uns zu erinnern, wie das Desaster eigentlich begonnen hat und warum wir es nicht sofort erstickt haben, als würden wir mit der flachen Hand auf eine brennende Kerze schlagen. Sicher, es tut  einen Moment weh – dafür ist es aber wenigstens schnell vorbei.

Diese Geschichte beginnt bei meinem Lieblingsitaliener. Claudine sitzt mir seit anderthalb Stunden gegenüber und redet und redet. Ich weiß im Zeitraffer praktisch alles über die missratenen Online-Dating-Versuche ihrer besten Freundin (kein Wunder, wenn man mich fragt) , die neue Zahnspange ihres schwulen Friseurs (bringt bei den krummen Hauern sowieso nichts) und die Abenteuer einer befreundeten Stewardess, die sich schwerreiche Männer vorzugsweise in den Reihen 1-3 der First Class wegangelt (zweifelsohne die interessanteste Geschichte).

Claudine brabbelt ohne Unterbrechung, wie ein plätschender Niagarafall, und dann stoppt sie, als wäre alles Wasser dieser Erde mit einem Schlag versiegt.  Sie blickt in die Fensterscheibe des Restaurants, legt ihre Stirn in Falten und zerrt mit den Fingerspitzen an ihrer Haut.

„Sag mal …“, zwei Worte nur, in denen sich aber ein Jahrhundete alter Schrecken eingenistet hat.

Sie hält sich ein Milchkännchen aus Chrom vor das Gesicht und starrt mit riesigen Augen in die reflektierende Oberfläche. Es erinnert mich an eine Dokumentation über frei lebende Gorillas, die sich selbst zum ersten Mal in einem Spiegel betrachten.

„Na also … das ist doch … mein Gott … wo kommt das her … das ist … unfassbar“

„Du hast da einen Schokokrümel im Mundwinkel, soll ich den …?“

„Mann, das da oben, das ist eine Falte an meiner Stirn. Wo kommt die her? Die war doch vorhin nicht da. Was soll der Scheiß?“

In dem schummrigen Licht des Restaurants ist eigentlich nicht viel  zu sehen.

„Meinst du diese kleine Falte da, die wie ein Strich aussieht?“

„Aha“, sie knallt das Kännchen auf den Tisch, Milch schwappt auf mein Handy,  sie verengt die Augen zu Schlitzen. „Du siehst es also auch. Die Falte ist wirklich da. Ja?“

An dieser Stelle hätte ich laut rufen müssen, Quatsch, da ist nichts. Unsinn. Stattdessen sage ich, „ist doch nur eine klitzekleine Falte. Ganz klein, wirklich  …“

„Das kann ich nicht akzeptieren. Die war  irgendwann mal nicht da. Ich will so was nicht. Die muss da weg. Irgendwie.“

Zwei Tage und 14 Stunden später öffne ich die Tür zu meiner Wohnung. Claudine hat ein Handtuch um ihre Haare gebunden, ihr Kopf ist knallrot. Die Haut in ihrem Gesicht sieht schuppig aus, als würde der Herbstwind lose Blätter durch Berlins Straßen pusten.

„Und?“, ruft sie mit einer ordentlichen Portion Euphorie in der Stimme.

Auf diese Antwort kommt es an. Ich spüre es. Das leichte Zittern in meinen Händen ignoriere ich. „Ja, ist gut, wirklich …“, und ich verberge meine Ahnungslosigkeit hinter jahrelang antrainierter Heuchelei.

„War ein knallhartes Chemopeeling. Brennt wie die Hölle. Ach was, viel schlimmer noch, aber hier…“ sie hält mir ein Lineal hin, und ich nehme es wie ein Steinzeitmensch in die Hände, dem man gerade ein Tablet herüberreicht.

„Miss nach. Mach mal. Na, los …“

„Was?“

„Na, die Falte. jetzt mach schon …“

Ich lege das Lineal an ihre Stirn. Ich messe eine Länge von 3,3 Zentimetern. „Also … ich würde mal sagen …“

„Na? Was ? Wieviel, hm?“

„2,9 Zentimeter … vielleicht sogar ein bisschen weniger“, den Frendschaftsbonus habe ich gleich abgezogen.

Sie klatscht so heftig in die Hände, dass ein kleines Meer aus Schuppen aus ihrem Gesicht fällt. „Siehst du? Die krieg ich noch ganz weg. Habe ich es dir nicht gesagt?“

Hat sie.  In den nächsten zwei Tagen ist ihr Ehrgeiz so sehr angeschwollen, dass sie mit aller Gewalt auf einen Zentimeter herunterkommen will. Draußen, in der Sonne, trägt sie eine weiße, schützende Creme. Passend mit der dazugehörigen schwarzen Sonnenbrille erinnert sie mich an ein in Prenzlauer Berg gestrandetes Gothik-Biest. Wenn sie über die Straße geht,  schwenken Mütter ihre Kinderwagen sofort in eine andere Richtung.

Und dann, an einem folgenschweren Donnerstag,  klopft die Ernüchterung an meine Haustür, und ich mache ihr auf.

„Weißt du was passiert ist? Weißt du es? Es sind wieder 3,9  Zentimeter. Ich flipp noch aus. Jetzt mache ich Ernst. Jetzt reicht es.“

Einen Tag später sitze ich mit ihr in einer Praxis. Aus einem albern chinesisch anmutenden Brunnen läuft Wasser über blank polierte Steine. Der Doktor begrüßt Claudine wie eine verloren geglaubte Schwester, nach der man jahrzehntelang gesucht hat.

„Schön, dass Sie da sind. So eine Botox-Injektion ist ja nur eine kleine Sache. Klitzeklitzeklein, kein Grund zur Sorge.“

Ich mag ihn nicht. Seine Haare wirken unnatürlich dicht. An seiner Haarlinie sehe ich viele kleine dunkle Punkte, die auf eine verpfuschte Haartransplantation hindeuten. Sein Gesicht ist so glatt, dass man es selbst als Kinderloser sofort wie einen Babypopo pudern möchte. Er verschwindet mit Claudine im Nebenzimmer. Ich bleibe alleine mit dem nervenden Chinabrunnen zurück. Aus meiner Tasche ziehe ich einen Energydrink. Verschlusslasche weg und ein tiefer Schluck. Ich brauche Kraft.

Die Assistenten des Doktors blickt mich aus entzürnten Augen an.

„Das ist aber nicht gesund, was Sie da trinken.“ Sie ist über vierzig, ebenfalls mit spiegelglattem Gesicht und einer Oberweite, die die Gesetze der Schwerkraft lauthals verhöhnt.

„Aber Schlangengift in der Stirn ist eine echte Therapie, was?“

Sie pustet die Luft wie einen Orkan aus. „Wir helfen den Menschen, die zu uns kommen. Warten Sie mal ab. Ein paar Jahre drauf, da kommen Sie hier vielleicht auch vorbei“, und dann läuft sie um ihren Tresen herum, stützt ihre Händen in die Hüften und betrachtet mich wie unter einem Mikroskop.

„Sie sind ein Schlupflid-Typ. Ihre Augenlider erschlaffen vielleicht bald noch mehr. Das kann nicht mehr lange dauern. Das könnten Sie hier machen lassen. Ist nur ein kleiner Eingriff. Das dauert gerade mal 15 Minuten.“

„Ich habe gute Ohren. Wenn ich weniger sehe, stört mich das nicht.“

„Wenn Sie es schon ansprechen. Ihre Ohren gehen sehr spitz nach oben, die könnte man unten etwas anlegen. Gibt eine bessere Linie.“

„Hat das Vorteile, wenn ich mir einen Pullover über den Kopf ziehe?“

Ihr Schnaufen ist laut und endgültig, als sie wieder hinter ihrem Tresen verschwindet und mich, den Freak, der einfach nicht will, mit verborgenen Blicken mustert.

Im Zimmer am Ende des Ganges höre ich Claudines Stimme.

„Ah. Oh. Aua… „

Das muss ich mir angucken. Die Tür ist nur halb verschlossen, und da sitzt sie. Auf einem Behandlungsstuhl. Ihre Hände sind um die Lehne verkrampft. Der Doktor hält die Spritze wie ein Messer in der Hand. Immer wieder sticht er zu und versenkt die viel zu lange Nadel in ihrer Stirn, behämmert sie wie ein irrer Hufschmied, der an seinem Meisterstück arbeitet. Es ist grausam. In diesen Sekunden wünsche ich mir gewaltige Schlupflider herbei, die wie eine fleischige Masse über meine Pupillen fallen. Natürlich weiß ich, dass ich die Milde der vergehenden Jahre brauchen werde, um diese Bilder wieder zu vergessen.

In den folgenden Tagen wirkt Claudine höchst zufrieden. Das Lineal verschwindet in der Schublade meines Schreibtisches. Ihre Haut sieht wieder menschlich aus. Als sich die Stirnfalte endlich in ein mickriges Überbleibsel einer kurzzeitigen alterstechnischen Verstimmung verwandelt hat, lädt sie mich zum Essen ein.

Die Kerzen auf dem Tisch des Italieners flackern. Das Tiramisu wird über den Teller gekleckert. Der Rotwein schwappt munter hin und her. Nur für einen kurzen Moment wird die Schönheit des Abends unterbrochen, als Claudine ihre Reflektion im Fensterglas betrachtet.

„Du, sag mal … „

„Ja?“

„Spinne ich, oder ist mein rechtes Augenlid etwas tiefer als mein linkes?“

Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten. Da hat Albert Einstein zweifelsohne Recht gehabt, und diesmal bin ich schlauer.

„Ach was, da ist nichts. So ein Quatsch. Du hast zwei hübsche, symmetrische Augen. Fast schon perfekt. Eigentlich langweilig, aber auch hübsch.“

Sie lächelt zufrieden und versenkt ihre Gabel im Tiramisu. Na bitte, geht doch. Soll doch keiner sagen, dass ich nicht lernfähig bin.

Wobei, wenn ich ganz ehrlich bin … also …  das rechte Augenlid erscheint mir tatsächlich ein ganz kleines bisschen tiefer als das linke … nur ein ganz kleines bisschen …

SEX, LÜGEN UND HEISSES ZEUGS

Hot Stuff 

„Kalt da draußen, was? `n bisschen Hitze wär jetzt schön, oder? Oder?“ 

Die Augen meines Videothekenmannes sind zwei glutfarbene Spiralen, rotierend und gewaltig wie die eines indischen Hypnotiseurs, die sich in mein Hirn bohren wollen, um von mir Besitz zu ergreifen. Er ist ein Kiez-Körperfresser, ein Seelenfänger auf der Jagd.

„Komm, wir gehen in die Sauna“, haucht er die Worte über die Theke. „Das wird dir gefallen. Da ist ein Yoga Studio um die Ecke mit ganz süßen Chicks, tolles Ding, sag´ich dir. Ich seh die da immer vor dem Haus rumstehen. Totaler Frauenüberschuss. Genau richtig“, flüstert er – und noch einmal mit Nachdruck und zischelndem Zungenschlag: „Chickssss“. 

Es passt mir nicht. Ich schweige. G. schlägt sich die flache Hand vor die Stirn. Es entstehen Geräusche, die einem Schlagzeug nicht unähnlich sind. „Ich bin Single, mann, ich muss was tun …“, ruft er in die leere Videothek, und von den Wänden hallt sein verzweifelter Schrei wider.

Na und? Ist doch nicht mein Problem. Außerdem kann ich Sauna-Anlagen nicht ausstehen. Schwitzige nackte Körper, die öffentlich im Halbdunkeln voller Lethargie vor sich hin stöhnen, sind so gar nicht mein Ding. Und Argumente habe ich auch noch:

„Wir sind hier in Prenzlauer Berg. In der Sauna findest du nur Familienmuttis. Die putzen den ganzen Tag die Felgen von ihren Luxus-Kinderwagen, schlürfen Capuccino und warten auf ihre Ehemänner.  Was willst du da denn beziehungstechnisch abgreifen?“

Natürlich ist es frech überzogen, aber ich will nun mal nicht in die Sauna. Auf gar keinen Fall. G. kräuselt die Nase als würde er an verschimmeltem Käse schnuppern.

„Na gut, dann will ich eben nur eine Affäre. Reicht doch auch, oder?“ Er streckt seinen 1.60 Meter Körper gewaltig in die Höhe und trommelt sich auf den Bauch.

„Ich kann nicht mit. Ich habe keinen Bademantel.“  Obendrauf packe ich noch ein endgültig wirkendes Schulterzucken.

G. lächelt und zieht unter seiner Theke ein zusammengelegtes Handtuch hervor. „Brauchst du nicht. Das hier reicht.“ Er rollt das Handtuch mit einer schwungvollen Bewegung aus. Auf dem Stoff ist ein selbstzufrieden grinsender Bär mit Collegejacke und Basketball unter der befellten Hand zu sehen. Passend dazu präsentiert  mir G. zwei lilafarbene Badelatschen.

„Mein Gott“, ich wende mich mit einem Gefühl des Ekels ab. Magenkrämpfe habe ich auch. Und Kopfschmerzen.

G. zieht die Mundwinkel nach unten und lässt die Schultern fallen. Seine blauen Augen sind betrübt.  „Wer besorgt dir deine alten französischen Schwarz-Weiß -Filme? Wer hat immer ein Tütchen Erdnüsse, wenn du nachts einen kleinen Imbiss brauchst? Ich bin dein Lieblingsvideothekenmann. Nun sollst du einmal was für mich tun, und dann …“

Er feuert eine doppelte Portion  Gewissensbisse auf mich ab, weil er weiß, dass das bei mir blendend funktioniert. Immer. Wirklich ausnahmslos. Im Klartext: Ich bin verloren. Erledigt. Zerfetzt in alle Einzelteile.

Genau 38 Minuten später sitze ich in der Sauna, um meine Hüften baumelt das verhasste Bärenhandtuch.  Neben mir hockt G.. Auf seinem Oberam klebt ein riesiges Pflaster. Immer wieder streicht er es gerade. Ich weiß auch, warum.

„Du hast das Tattoo mit dem Namen deiner Exfreundin abgeklebt. Findest du das nicht peinlich?“, flüstere ich in sein rechtes Ohr.

„Soll ich es hier allen zeigen? Neee, neee, Strategie, mein Lieber.“

Für mich ist es nur ein gewaltiges Lügenwerk , aber ich sage es G. nicht. (Und wer das Tattoo-Desaster in seiner ganzen Pracht nachlesen möchte – bitte sehr … mit einem Klick geht es hier in den Wahnsinn.)

Mit uns in der Sauna sitzen zwei  dürre blonde Frauen um die vierzig. Sie haben beide spinnenartig lange Finger, mit denen sie ihre Worte, jedes einzelne, unterstreichen. Es sind viele Worte, und darum ist es auch eine wilde Fuchtelei. Hektisch und irgendwie gar nicht entspannend.

„Also, der Rashid ist der beste Yoga-Lehrer, den ich jeeeeeee hatte“ , die linke Blondine nickt sich selbst zu “ … der allerbeste, wirklich“, kommen die Wörter zwischen ihren riesigen Zähnen hervor und so laut, dass wir es mithören müssen.

Ich bezweifel, dass der Kerl wirklich Rashid heißt. Wahrscheinlich nur so ein Frank aus Marzahn, der sich für die beiden eine indische Tarnung zugelegt hat. Hat gut geklappt. Für die Beiden reicht es.

Ihre blonde Freundin nickt so schnell wie ein Vogel, der Körner aufpickt. „Also, wie der die Heuschrecke macht. Absolut perfekt. „

Ich werfe G. einen meiner versteinerten Blicke zu. Er reagiert nicht. Er fixiert die Blondine mit den Hasenzähnen und nickt einfach frech mit. Er hat sich offenbar für seine Beute entschieden. Dann schlägt er zu:

„Ist schon schwer einen guten Yoga-Lehrer zu finden. Ich habe eine ganze Weile gebraucht, um das  Hot-Bikram-Yoga zu verinnerlichen“, sagt er.  Und nach dieser ungeheuerlichen Aussage klopft er sich zufrieden auf den schweißnassen Bauch, während die beiden Blondinen voller Euphorie fast von der hölzernen Sitzbank kippen.

„Ach, das beherrschen sie jetzt?“,  ruft die eine.

„Das wollte ich auch schon immer lernen“,  brüllt die andere.

Es ist ein Freudenfest der Sinne in der 90-Grad-Folterkammer ausgebrochen.  Das Schauspiel von G. ist perfekt. Die Chicksssss wissen nicht, dass G. Horrorfilme liebt, niemals einen Yoga Kurs besucht hat und sich sein Fachwissen grundsätzlich aus der Bild anliest. Reicht ja auch. Wozu studieren? Zeitverschwendung.

Die drei scherzen und albern, und nach weiteren unerträglichen drei Minuten steht G.´s Opfer auf: „Ich geh jetzt einen grünen Tee trinken.“ Sie lächelt, und ihre Zähne wirken wie zwei riesige weiße Stanzen in einer Fabrik.

„Ach, ich nehm auch einen“, juchzt G..

Tür auf. Kalter Wind. Tür zu. Ich bin allein. Fast. Die andere Blonde ist wie ein freudloses Überbleibsel auf einer Tanzparty zurückgeblieben und blickt mich so ernsthaft an, als ob ich den geistreichen Dialog über Yoga-Techniken fortführen müsste. Tu ich aber nicht. Ich starre wie festgetackert auf die Fratze des kleinen Bären, der mich kopfüber vom Handtuch anblickt.

Und dann – schon wieder:  Tür auf. Eiskalter Hauch. Tür zu. Aufguss.

Ein Typ mit dunklem, hochtoupiertem Haar schwenkt seinen Holzlöffel in der Mitte der Sauna und brüllt: „Ist eine feine Wodkamischung. Was ganz spezielles. Das wird Ihnen gefallen.“

Die Blonde kreischt genauso laut zurück: „Waaaas? Nein,  auf keinen Fall. Keinen Alkohol, also bitte, ja …?“

Ich bin irritiert. Es ist eine Sauna. Es ist üblich. Ich will meinen Wodka, und ich bin bereit für ihn zu kämpfen. Einfach nur aus Prinzip. „Also, ich würde mich über den Aufguss freuen.“

„Ich aber nicht.“ Sie sagt es mit bedrohlichem Unterton.

„Ich schon.“ Dummerweise klinge ich dabei wie ein trotziges Kleinkind.

„Ich möchte diese Jasmin-Mischung, die es hier immer gibt.“  Sie fuchtelt mit der flachen Hand herum wie ein Gebärdendolmetscher.

„Wodka“, fauche ich zurück.

Der Aufguss-Boy ist verzweifelt. Er guckt nach rechts. Er guckt nach links. Völlige Irritation. Das muss ich nutzen.

„Verzeihung“, rufe ich ihm zu, „eine Sauna ohne Wodka-Aufguss – also, mal ehrlich …  Solche Wünsche würde ich nur von einem Alkoholiker auf Entzug erwarten. Unter diesen Umständen bin ich natürlich bereit, zu verzichten. „ Ich nicke dem Aufgießer zu. „Dann also einmal Jasmin, bitte.“

Die Blonde springt von ihrer Holzbank auf,  zerteilt mit imaginären Handkantenschlägen die Luft und zischelt Worte, die ich nicht verstehen will.

Tür auf. Nordische Kälte. Tür zu. Gewonnen.

„Sie kriegen dann jetzt Wodka, ja?“, sagt der Aufgießer und schaut mich erschöpft an. Seine hoch toupierten Haare sind in der Hitze in sich zusammengefallen und sehen aus wie eine zottlige Biberfellmütze, die ihm bis über die Augen ragt.

„Ach, ich würde auch Jasmin probieren. Warum nicht?“

Eine halbe Stunde später stehe ich vor der Sauna und warte auf G.. Er sieht alt aus, müde und irgendwie lustlos.

„Wo ist denn die Blonde mit den Monsterzähnen? Hat´s nicht geklappt?“

Er starrt auf den Bürgersteig und schiebt ein Blatt vor seinem Schuh hin und her. „Das Pflaster am Arm ist mir unter der Dusche abgegangen.“

„Ganz ab?“

„Ja.“

„Ach, schade.“

Schweigend laufen wir die Straße hinab. Es regnet. Ich halte das Bärenhandtuch über meinen Kopf und freue mich auf meine französischen Schwarz-Weiß-Filme. Und auf das Tütchen Erdnüsse.

DU, ICH GLAUB, ICH MUSS MAL …

Pass

Claudines Gesicht ist angespannt. Sie hockt auf dem Beifahrersitz meines Wagens, presst die Kiefer aufeinander und legt die Stirn in Falten. Vielleicht denkt sie über Lösungswege aus der globalen Krise nach, oder steht kurz davor,  einen Durchbruch in der Krebsforschung zu verkünden. Zumindest blickt sie so konzentriert durch meine Windschutzscheibe, dass ich Großes erwarte.

„Du … ?“, sagt sie und ihre Stimme klingt rau, wie die eines Seewolfes.

„Ja?“

„Ich … kann nicht mehr … Ich muss sofort auf Toilette … jetzt sofort …“

Es ist erwartungsgemäß enttäuschend.

„Schon wieder? Wir wollen ins Theater. Das ist jetzt schon superknapp. Du warst doch eben erst, bevor wir losgefahren sind.“

„Mann … das war vor einer halben Stunde. Ich hab doch einen Liter Tee getrunken. Hast du wohl vergessen, was?“, sie blickt mich mit verengten Augenschlitzen an, wie sie es immer tut, wenn sie jedes meiner Worte auf ihre Claudine-Waage legt.

„Warum …“, und ich lege einen besonders zartfühlenden Ton in meine Stimme, „habe ich nur mit Frauen zu tun, die offenbar über eine erbsengroße Blase  verfügen?“

„Weiß nich, weiß nich …“  Sie wedelt mit den Armen vor meiner Nase herum.  „Da ist eine Tankstelle, halt da an … schnell … schnell …“

Der Wagen rollt noch. Sie reißt die Beifahrertür so schnell auf, als wäre sie ein SEK-Beamter im Einsatz, rast mit ihrer engen Lederhose in einem olympiareifen Spurt über die Wiese und verschwindet in der Tankstelle.

Es ist erstaunlich, dass es Menschen gibt, die den minütlichen Gang zur Toilette ritualisiert haben – ganz so, als würden sie Luft holen.

Ich erinnere mich an einen Urlaub in Kuba. Die Infrastrukturen dort waren erbämlich, aber in der Weite der letzten Ödnis ließ sich noch ein kleiner Bretterverschlag finden, der einer Toilette nachempfunden war und auf dessen  Holz (mit roter Farbe bemalt)  dem wackeren Touristen für seine Erleichterung genau ein Dollar abverlangt wurde. Immer und überall: Ein Dollar. Ein Kfz-Mechaniker aus Aachen beklagte sich damals bei mir über seine Freundin. Tatsächlich schaffte sie es  problemlos,  in einem mehrwöchigen Urlaub mehrere hundert Dollar zu verurinieren. Futsch. Einfach so.  Die Reisekasse aufs Übelste geplündert. Davon erzähle ich Claudine natürlich nichts. Es würde sie nur kränken.

Zwanzig Minuten später erreichen wir das Theater, gehen über rote Läufer und erreichen die Garderobe. Claudine reicht mir ihren Mantel.

„Du … ich verschwinde noch mal kurz, ja?“

Was soll ich ihr entgegnen?  Nein, du musst endlich lernen deine Blase zu beherrschen. Und wenn sie nicht hören will, dann unterjoche sie gefälligst, zwinge sie in die Knie, und dann mach sie fertig. Du bist der Boss. Selbst wenn ich es gewagt hätte, es wäre zu spät gewesen. Hinter Claudine ist längst die antikweiße Toilettentür zugefallen.

Als sie nach fünf Minuten nicht zurückkehrt, erfasst mich eine leiche Unruhe. Nach weiteren fünf Minuten kommt das Gefühl kultivierten Zornes hinzu. Eine Glocke schrillt einmal, das Zeichen für das gleich beginnende Stück und die Aufforderung, langsam den Platz einzunehmen.

Dann endlich kommt Claudine auf mich zu, seltsam verkrampft und knallrot im Gesicht. „Weia … Mist … weißt du, was passiert ist?“

„Woher soll ich das wissen? Bei dir ist theoretisch alles möglich.“

Sie zeigt auf ihre Lederhose. „Ich kriege den Reißverschluss nicht auf. Er hat sich total verkantet.  Was jetzt? Was soll ich jetzt machen … Mann, mann … kannst du nicht mal …? Echt, das ist ein Notfall …“

„Was? Soll ich hier mitten im Gang deine Hose aufreißen?“

„Nein … dann … also … komm,  wir gehen schnell mal auf die Toilette. Echt … ich steh das Stück so nicht durch …  im Ernst jetzt … also … bitte, bitte …“  Ihre Züge erinnern an ein fünfjähriges Kind, dem das Hopseseil zerrissen ist und das darum keinen Sinn mehr in seinem Leben erkennen mag.

Wir gehen auf die Damen-Toilette.  Meine inneren Proteste möchte ich nicht beschreiben, aber sie sind gewaltig. Vor dem Spiegel stehen zwei kalkweißgeschminkte Omis , die sich blutroten Lippenstift  auf ihre zerknitterten Münder pinseln – zwei Vampirinnen, die über meine Anwesenheit überrascht sind. Blitzschnell huschen sie mit ihren Handtaschen an mir vorbei – nichts wie raus hier –  nicht einmal ein paar Sekunden haben sie sich für ihre Empörung gegönnt. Macht nichts, kann man ja am nächsten Tag bei Kaffee und Kuchen ausführlich durchschimpfen, diese Sache mit dem Mann auf der Damentoilette.

Dann geht es los.

Der Kampf mit dem Reißverschluss gleicht dem Versuch, dem  spartanischen Heer mit einem Zahnstocher entgegenzutreten und auf einen positiven Ausgang zu hoffen.

Zuppeln. Reißen. Zerren.

Das verdammte Ding bewegt sich keinen Zentimeter. Claudine sitzt ermattet auf dem Toilettendeckel. „Was jetzt? Was soll jetzt nur werden?“

„Vielleicht hast du dir den Druck nur eingebildet. Musst du … wirklich? Also, ich meine, ist es wirklich so ernst?“

„Total. Der Stress jetzt hat mir den Rest gegeben. Ich bin absolut down. Ich werde verrückt, wenn ich die Hose nicht aufkriege … ganz echt … tu doch was, bitte.“

Es ist einer dieser raren Momente, in denen sich Claudine geschlagen gibt und auf den großartigen Geist ihres besten Freundes hofft. Bitte sehr, ich liefere prompt und ohne Verzug:

„Wir müssen den Reißverschluss rausschneiden.“ Nur für einen kurzen Moment fühle ich mich wie ein Feldarzt, der einen verwundeten Soldaten die Amputation seines Lieblingsbeines vorschlägt.

„Was? Du willst meine Hose zerstören?“

„Ich sehe keine andere Möglichkeit“, und  bei meiner schwerwiegenden Diagnose klinge ich besonders seriös und entschieden.

Sie presst die Schneidezähne auf ihre zitternde Unterlippe. „Na gut. Dann tu es.“

Draußen laufen die Menschen fröhlich plaudernd in den Theatersaal. Hier und da wird ein Sektglas geschwenkt – und niemand ahnt etwas von meiner Mission. Am Buffett steht eine vielleicht fünfzigjährige Dame mit tiefschwarz gefärbtem Haar. Sie trägt ein Kellnerinnen-Outfit. Als ich sie um ein Messer bitte, sagt sie nur:

„Wat wolln se`n damit?“

„Ich wollte nur ein Lachsbrot in der Mitte durchschneiden.“ Meine ärztliche Schweigepflicht verbietet es mir, die Wahrheit zu sagen.

„Ach wat, die Lachsdinger sind doch schon so kleene. Wat wolln se denn da noch teilen?“ Sie reicht mir ein rundes Messer herüber.

„Haben sie was spitzeres?“

Sie greift unter ihre Theke und drückt mir einen skalpellähnlichen Gegenstand in die Hand. „Ham se recht. Spitzer is besser. Janz klar. Die nehmen hier immer ollet Brot, is hart wie Zwieback. Da müssen se kräftig rinschneiden. Ick sags Ihnen. Aber pssschh … muss ja keener hören, wa?“

Nein, das sollte keiner hören. Das bin ich meiner Assistenten schuldig.

Die anschließende Operation führe ich punktgenau durch.  Beherzt trenne ich die Nähte auf einer Seite des Reißverschlusses und ignoriere Claudines glänzende Stirn, über die knödelgroße Schweißperlen kullern. Keine Sorge. Meine Hände sind präzise Instrumente. Ein Scheitern kommt nicht in Frage. Als ich den OP-Saal verlasse, bin ich durchaus zufrieden. Und auch meine Patientin hat sich recht schnell mit ihrer veränderten Lebenssituation zurechtgefunden: Hose kaputt – aber Leben gerettet.

„Mann, mann, das war wirklich in der letzten Sekunde.“ Claudine zerrt ihren Wollpullover über die Hüften und verdeckt den Reißverschluss. „Sieht auch keiner. Perfekt.“

Im Foyer ist es seltsam still. Die Besucher sind alle im Theater. Aus dem Innenraum dringen laute Stimmen, die direkt von der Bühne zu kommen scheinen. Als ich Eingang B ansteuere, wedelt die dürre Platzanweiserin mit den Händen.

„Das Stück läuft schon seit zehn Minuten. Tut mir leid. Sie können erst wieder in der Pause rein“, und dabei  flattert ihr dünnes blondes Haar so sehr, als hätte sie sich aus großer Höhe in die Tiefe gestürzt.

„Wir kommen wirklich nicht rein?“

„Wirklich.“

„Echt?“

„Echt.“

Toll. Fantastisch. Für mich bleibt das Theater wegen des praktizierten Urin-Terrors meiner besten Freundin verschlossen. Ich denke über das Für und Wider eines halben Theaterstücks nach, da ruft Claudine:

„Ach, ist doch nicht so schlimm.  Komm, dann gehen wir eben was trinken. Ich hab totalen Durst.“ 

Trinken. Toilette. Trinken. Toilette. In diesem Moment durchschaue ich den  teuflischen Kreislauf in Claudines Lebens. Er ist wie ein Strudel, der uns alle in die Tiefe reißt und bei dem selbst alle Rettungsringe dieser Erde versagen würden.

Erleichtert, fast fröhlich, als würde sie im Sommerwind über eine prachtvolle Wiese laufen, stolziert sie zum Ausgang. „Kommst du?,“ ruft sie.

Sie hat es eilig. Natürlich.

Irgendwann wird ja bald wieder die Sonne aufgehen.

So wenig Zeit – und so viele Berliner Toiletten, die es in dieser Nacht noch zu erkunden gilt.

DER SCHWABE RASTET AUS

Ausgang

Das war ein gutes Frühstück. Ein Schinken-Käse Croissant. Ein sehr heißer Kakao und ein Muffin. Ich stehe in meinem Lieblingscafé an der Kasse. Die Bedienung, die immer ein bisschen wie die junge Sophie Marceau aussieht, hetzt zwischen Kunden und Tresen in Lichtgeschwindigkeit hin und her.

Dann geht die Tür auf und ein eisiger Windhauch streift meinen Nacken. Neben mir taucht ein fünfzigjähriger Typ auf. Sein brauner Trenchcoat raschelt. Über seinen Kopf hat er eine Glencheckmütze gezogen. Die Kanten der Kappe klemmen seine Ohren ab. Dafür ragt seine riesige Nase frei schwebend über den Tresen. Aus den Nasenlöchern quellen dunkle Haarbüschel wie bei einem Rasierpinsel mit echtem Biberhaar.

„Sie haben mir zu wenig Wechselgeld rausgegeben. Gerade eben“, zischelt es aus seinen schmalen Lippen.

Sophie, die ja gar nicht Sophie heißt, zieht beide Augenbrauen hoch.

„Moment, gleich … Ich muss nur den anderen Kunden abkassieren.“

Sie lächelt mir zu. Der Mützenmann knirscht mit den Zähnen. „Nein, ich habe ja vorher bezahlt, und Sie haben mir zu wenig zurückgegeben. Deshalb bin ich vor ihm dran.“

Der Kerl kennt mich nicht. An diesem Morgen, eigentlich an jedem Morgen,  bin ich besonders aggressiv. Da könnte ich im Vorbeigehen Rauhhaardackeln die Köpfe abbeißen und Kinderwagen umkippen  – einfach nur so, aus frühmorgendlicher Übellaunigkeit.

„Ich stehe vor Ihnen an der Kasse, und sie stehen hinter mir. Verstehen Sie? Ich vorne, Sie hinten.“

Der Mann starrt mich aus riesigen Augen an. Sicher, vielleicht hätte ich jetzt eine Horde knallbunter Monster aus der Sesamstraße gebraucht, die ihm singend und tanzend den Unterschied zwischen „Vorne“ und „Hinten“ erklären – es muss jetzt aber auch mal so gehen.

Er reißt sich die Mütze vom Kopf und schlägt sie gegen seinen Oberschenkel, als würde er einen Gaul beim Ritt durch die Prärie anfeuern. Über seiner Stirn klebt ein Rest Haare – ein Büschelchen dunkler Strähnen, die sich verloren und vereinsamt aneinander klammern. Sonst nichts. Kahlschlag. Eine glänzende Glatze wie eine fleischfarbene Christbaumkugel – und weiter unten zwei mausgraue böse Augen.

„Blödr Seckl, blödr !“, brüllt er mich an.

Aha. Enttarnt. Ein Schwabe, mitten in meinem Kiez. Natürlich. Ich nicke Sophie hinter dem Tresen zu, und sie nickt zurück. Keine Ahnung, was ein „Seckl“ ist. Klingt aber irgendwie ganz niedlich. Da wollte er mit seinem Hochdeutsch wohl schön in der anonymen Masse abtauchen , aber nur ein kleiner Schuss Zorn und die kunstvoll geschmiedete Maske fällt polternd zu Boden.

„Das ist Betrug, was hier läuft“, ruft er durch das Café. „Das lasse ich mir nicht gefallen.“

Sophie beugt sich ein wenig vor. „Können Sie das Brüllen mal lassen?“

Könnte er vielleicht. Tut er aber nicht.

„Ich habe Ihnen vorhin zehn Euro gegeben, und Sie haben mir nur auf fünf  rausgegeben. Das ist Betrug. Das ist wohl Ihre Masche. Das kann ruhig jeder hören.“

Die Gabeln auf den Kuchentellern klappern nicht mehr. Gespräche verstummen. Sogar der ungewaschene Nerd in der Ecke linst über seinen Laptop. Zwischen Käsekuchen und Marzipanhörnchen ist Stille eingekehrt.

Sophie zuckt mit den Schultern. „Ich bin eigentlich gut im Rechnen. Können Sie es irgendwie beweisen?“

Der Schwabe lacht laut. „Meinen Sie, ich mach hier Fotos? Ich hatte nur einen Zehn Euro Schein in der Tasche und jetzt ist er weg. Da ist ja wohl klar, was hier passiert ist.“

Spannend. Zwei Personen und eine lügt. Da steht der überkorrekte (aber höchst unsympathische) Schwabe und auf der anderen Seite die freundliche (aber womöglich fiese Trickdiebin) Sophie. In einem Krimi würde aus dramaturgischen Gründen sicher Sophie überführt werden. Macht sich für die Story einfach besser. Sie ist eine Studentin und Berlin nicht billig. Ein ganz klares Motiv. Sie zeigt auf ein Glas mit Kleingeld, das auf dem Tresen steht.

„Ich könnte Ihnen vielleicht die Differenz aus unserem Trinkgeld geben. Aber dann bezahlen wir hier alle für etwas, nur weil Sie es behaupten.“

Hmm. War das ein Teilgeständnis? Sie senkt den Kopf ein wenig, wie man es bei einem ertappten Kind vermuten würde. Und wenn das alles nur ein Trick des Schwaben ist? Hinter seiner Seriosität und der womöglich gespielten Empörung könnte ein besonders raffinierter Plan stecken. Mal eben die Bedienung in einem Café diskreditieren und zackizacki eincashen. So ein Häusle im Ländle ist sicher nicht billig – da zählt jeder Cent.

Der Schwabe reckt sein Kinn empor und klopft mit einer Hand auf seine Brust. „Wie soll ich es Ihnen denn beweisen?“, schnauzt er über die Theke. „Soll ich vor Ihnen meine Tasche leeren? Ja, wollen Sie das? Das können Sie haben.“

Überhastet, fast hysterisch,  reißt er das Innenfutter seiner Taschen heraus, stülpt sie nach außen und sieht dabei wie ein Clochard an der Seine aus, der vor den Touristen ein kleines Schauspiel aufführt, nur um ein paar Euro zu erhaschen. Vier Taschen später ist er fertig – und dann, in einem Moment, in dem die Zeit gefroren scheint, gleitet ein Zehn Euro Schein durch die Luft,  frei fliegend zieht er seine Bahnen und landet ganz leise auf dem Holzboden des Cafés.

Ich sehe es. Sophie sieht es. Der Nerd glotzt voller Unglauben hinter dem Laptop hervor, streckt seinen Zeigefinger aus und piekst so hektisch mit ihm in der Luft herum, als sei gerade Godzilla an seinem Tisch vorbei gestapft.  Hastig bückt sich der Schwabe nach dem Geld.  Schnell, schnell, bevor noch jemand anders zugreift.

„Na … also … da muss wohl …“ Er fingert an einer Tasche herum. “ Da muss wohl… hier … mein Innenfutter … ein bisschen aufgerissen sein. Und der Schein war wohl… also … ja … na gut …“

Keine Entschuldigung, kein bemühtes Lächeln. Nur seine dunkle Haarsträhne kippt erschlafft in sich zusammen – sicher der höchstmögliche Ausdruck seiner Beschämung. Er stülpt sich die Mütze über den Kopf, dreht sich um und huscht mit flatterndem Trenchcoat aus dem Laden. Nicht einmal die Taschen hat er nach innen gekrempelt. Bloß keine Zeit verlieren. Nichts wie weg hier. Ab durch den rettenden Ausgang.

Die Prenzlauer Berg- Muttis an den Tischen müssen diesen Fall erst mal analysieren. Hier und da wird getuschelt. Ein leises Kichern ist zu hören. Die Gabeln klappern wieder. Der Nerd hämmert auf den Tasten seines Laptops herum.

Ich schüttel den Kopf. „Mann, diese Schwaben. Nervend.“

„Du …?“ Sophie beugt sich ein Stück vor.

„Ja?“ Ich lausche ganz angestrengt.

„Weißt du …?“

„Was?“

„Na … Ich komme aus Stuttgart.“

Ich habe keine Mütze, die ich mir über meinen feuerroten Kopf stülpen könnte, auch keine Plastiktüte mit Sehschlitzen. Dafür flattert aber wenigstens auch mein Mantel , als ich das Café verlasse und dem erprobten Fluchtweg des Schwaben folge.

Prenzlauer Berg im Herbst und auch noch am frühen Morgen – nichts ist so, wie es scheint. Wirklich gar nichts.

Nur meine morgendliche Übellaunigkeit ist stabil. Auf die ist Verlass.

Immer.

HAPPY HIPPIE HALLOWEEN

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„Sieht gut aus, was. Ist mal was ganz anderes, oder? Irre, was? „

Bernd steht vor mir. Mit weißgeschminktem Gesicht und rot umrandeten Augen. Über seinem Kopf hat er eine metallische Ritterhaube gezogen und darunter klappert eine Eisenrüstung.

Es sind  Vorbereitungen für die große Halloween Party in irgend so einer Neureichen-Villa, auf die Petra, Claudine, Bernd und ich eingeladen sind. Und wie immer nimmt es Bernd ernst. Sehr, sehr ernst. Selbst wenn er nur eine Mülltüte herunterbringt, erstellt er dafür einen ausführlichen Plan, der alle Eventualitäten berücksichtigt. Man weiß ja nie …

In dem Kostüm-Laden in Prenzlauer Berg ist einiges los. Eine rundliche Blonde läuft mit einem grünen Elfenkostüm zwischen den Ständern lang und zupft immer wieder an ihren spitzen Ohren, die sie sich angepappt hat.  Ihre Pausbäckchen sind vor Aufregung ganz rot. Atemlos betrachtet sie sich im Spiegel. Sie ist bestimmt über fünfzig und sehr zufrieden. Ich zähle etwa sieben Stellen, an denen das Kostüm dramatisch spannt und sich wie vor einer Explosion verzweifelt aufbäumt. Ihr Freund trägt ein Metzgerkostüm mit Blutspritzern und dem Aufdruck The Family Butcher. Er nickt ihr immer wieder aufmunternd zu. Ein tolles Paar.

Und vor mir steht Bernd in seinem absurden Aufzug. Ich piekse ihm mit dem Zeigefinger in seinen Brustpanzer.

„Warum trägst du eine Ritterrüstung und schminkst dir das Gesicht weiß? Was soll das sein?“

„Na, ein Zombie-Ritter.“

„Kapier ich nicht.“

„Na,  ein Zombie in einer Ritterrüstung.“

„Ein Zombie zieht sich keine Rüstung an, nachdem er gebissen wurde. Und außerdem …“  Ich überlege laut und betrachte die tiefen Sorgenfalten auf Bernds Stirn.  „… vorher konnte er ja nicht gebissen werden, weil er die Rüstung anhatte, oder?“

Bernd senkt betreten den Kopf. Das Visier seines Helms klappert laut.  Er zuckt mit den Schultern. „Ist logisch. Mist.“

Er setzt sich scheppernd und mit gebeugtem Oberkörper auf einen Stuhl und überlegt. Wunderbar. Ich habe weder Lust, mir ein Kostüm anzuziehen, und mein Gesicht will ich auch nicht bemalen. Ich bin ein Halloween-Party-Pooper. Ich verderbe den anderen die Stimmung – aber so richtig.

Bernds Freundin Petra tanzt aus der Umkleidekabine. Ja. Genau. Sie tanzt mit Trippelschritten durch den Raum und  hat ein Freddy Krüger Kostüm mit  blutigen Scherenhänden an. Schauspielerisch eine glatte Sechs. Sie  strahlt mich an.

„Schrööööckkklllichhh, was?“

Nein, ist es nicht. Einfach nur doof und peinlich. Und viel schlimmer als das: Völlig unlogisch. Sie hat natürlich nicht mit dem Halloween-Enttarner gerechnet, der in einer dunklen Ecke auf sie gewartet hat. Ich hole tief Luft.

„Erstens: Freddy Krüger ist ein Mann.  Verstehst du ?  Er hat keine Brüste.  Nichts da.  Und zweitens … “  Ich lasse mir betont viel Zeit und genieße den tieftraurigen Zug, der um ihre Augen liegt.  „Und zweitens ist er ein Schlitzer, der seine Opfer nachts in ihren Träumen überfällt. Er tanzt nicht leichtfüßig hin und her. Freddy ist kein alberner Rumhopser.“

Bernd klappert aus seiner Ecke. „Da hat er recht. Das passt nicht.  Passt gar nicht“, und dabei freut er sich so richtig, dass er nicht der einzige Loser im Raum ist.

„Mann, du kannst einem alles verderben. Ich gehe trotzdem als Miss Freddy Krüger, so“,  Petra stapft mit dem Fuß wie ein fünfjähriges Kleinkind auf und dabei klirren ihre Scherenhände im Takt.

„Mach doch.  Mach doch. Aber es passt nicht, und unsexy ist es auch noch. Ich habe es dir vorher gesagt …  Du warst gewarnt.“

Klasse. Schon zwei Halloweenies erledigt. Fehlt nur noch Caudine. Und dann sehe ich sie. Es macht mich sprachlos. Es ist absurd. Komplett daneben. Eine Frechheit.

Sie ist barfuß, hat Blumen im Haar und trägt ein knalliges Hippiekostüm mit Stirnband. Sie strahlt über das ganze Gesicht. Woodstock im Horror-Shop. Das passt mir gar nicht. Sie streckt vor dem Spiegel die Arme aus, als würde sie im Scheinwerferlicht vor einem Millionenpublikum auftreten.

„Ist das nicht toll? Ganz groß ist das. Das wollt ich immer schon mal anziehen. Mann … so schön …“

„Wir gehen auf eine Halloweenparty, nicht auf einen Kindergeburtstag. Was ist jetzt an deinem Outfit gruselig, wenn ich mal fragen darf?“

Sie betrachtet sich im Spiegel. „Weiß nicht. Ich find es einfach schön.“

„Ganz klar, das Thema verfehlt. Das ist so, als ob ein Schüler eine Klassenarbeit über die Folgen des zweiten Weltkriegs schreiben soll und dann eine Arbeit über gesellschaftliche Strukturen in Entenhausen abliefert. Verstehst du? Thema verfehlt. „

Sie richtet die Blumen in ihrem Haar und lächelt sich sebst zu. „Was sollte ich denn sonst nehmen? Es muss ja auch ein bisschen zu meinem Charakter passen, oder?“

„Ich empfehle dir das Bluthexenkostüm auf Ständer drei, oder vielleicht die Verkleidung als Mörderpuppe.  Damit liegst du eher richtig.“

Sie wirft mir eine Plastikblume ins Gesicht und dreht sich eingeschnappt weg. Na also. Nummer drei auch erledigt. Ich betrachte die Früchte meines zähen Kampfes. Herrlich. Schachmatt, Herrschaften. Das Spiel ist aus. Es geht mir richtig gut, aber Miss Freddy Krüger lässt einfach nicht locker.

„Setz dich mal da drüben hin“ , zischelt sie und klirrt mit den Scherenhänden. Sie zeigt in eine Ecke, in der ein unrasierter Kerl in einem Werwolfkostüm sitzt. „Jetzt suchen wir dir mal was raus.“

Als ich Platz nehme, murmelt mir der Mann im Wolfkostüm zu: „Voll Scheiße, wa?  Jedet Jahr der gleiche Mist. Ick hab so richtich die Schnauze voll davon.“

„Dann lass es doch einfach.“

Er blickt mich mit großen Augen an. „Wie denn? Dit da drüben is meene Freundin.“ Er zeigt auf eine kleine Frau, die in einem Teufelin-Kostüm mit schwarzen Schwingen durch die Ständer huscht. „Hab echt keenen Bock uff  Stress mit der.  Ick bin eijentlich Busfahrer.“

Na und, hätte ich fast ausgerufen. Als ob ein Berliner Busfahrer die höchste moralische Instanz in Deutschland wäre, den man auf gar keinen Fall in ein Werwolfkostüm stecken darf.  Er streicht mit der Hand traurig über sein Fell, und ich schlucke meinen Kommentar herunter. Wir sind verzweifelte Brüder. Da lernt man, sich gegenseitig zu respektieren.

Claudine, Petra und Bernd sind zurück. Jeder hat ein Kostüm über den Arm. Claudine streckt mir einen schmutzig-braunen Lappen entgegen.

„Ist eine Moorleichen-Verkleidung. Ich wollt schon erst das Zwangsjacken-Kostüm nehmen … aber das ist auch in Ordnung.“

„Oder willst du lieber den Zombie-Matrosen?“ Petra wedelt mit einem gestreiften Stofffetzen hin und her. Es ist zum Heulen. Dann tritt Bernd einen Schritt vor.

„Ich dachte, das würde dir vielleicht gefallen …“

Es ist ein schwarzes Gummikostüm. Dann sehe ich die goldene Gürtelschnalle und die Maske. Mein Herz macht einen Riesensprung.

„Ist das … ist das etwa … ?“

Ja. Es ist ein Diabolik-Kostüm. Der König der Verbrecher. Der coolste Kriminelle ever. Diabolik –  der Traum meiner Kindheit. Wow. Ich bin gerührt.  Fast hätte ich Bernd umarmt. Ich brauche gefühlte dreißig Minuten um das Kostüm anzuziehen. Es sitzt so eng, dass man seinen Körper vorher mit Butter einreiben müsste. Gehen kann ich darin eigentlich nicht. Es knirscht bei jedem Schritt, und das Gummi über dem Mund ist auch unerträglich.  Ich bekomme praktisch keine Luft. Aber egal.  Damen und Herren: Hier kommt Diabolik.

Als ich vor die Umkleidekabine trete, nickt mir Bernd zu und streckt beide Daumen nach oben.

Claudine zuckt nur mit den Schultern.  „Sieht aus wie ein Tauchanzug.“

„Oder wie ein Fahrradschlauch …“, platzt es aus Petra heraus. „Aber wenigstens kann er mit dem Gummi über dem Mund nicht richtig sprechen. Da haben wir alle was von.“

Mir egal. Ich finde es super. Beim Herausgehen begegnet mir noch einmal der Busfahrer-Werwolf. Er hält zwei Plastiktüten in der Hand und sieht todunglücklich aus.

„Jetz hat mir meene Freundin ooch noch  dit Kostüm fürt nächste Jahr jekooft. Da bin ick `n  Horror-Harlekin.  Ick flipp noch aus.  Richtich Scheiße, wa?“

Das kann man wohl sagen.

Happy Halloween.