Monatsarchiv: Juni 2013

MEIN FEIND DIE WAAGE

waage

„Das… gibt es nicht… dieses Mistding…  Jetzt ist schluss… Schluss… ist jetzt“

Schon bevor ich meine Wohnungstür aufschließe, höre ich die aufgebrachte Stimme im Innern. Ein wütendes Schnaufen. Ein anklagendes Röcheln. Claudine ist aufgeregt. Das ist sie oft. Aber wenn ich ganz genau hinhöre, kann ich in ihrer Stimme einen Hauch von Verzweiflung wahrnehmen. Das ist eher selten. Es muss ernst sein. Sehr, sehr ernst. Weil Lauschen Spaß macht, lege ich das Ohr auf das faserige Holz der Altbautür.

„Dreck. Dreck. Dreck. Totaler Riesendreck…“, tönt es da.

Aufschließen. Eintreten. Staunen.

Ein Blick in die Küche bietet ein absonderliches Bild. Claudine steht in einer gepunkteten Unterhose und dem dazu passenden BH vor meinem Küchentisch. Mit einem riesigen Schraubenzieher stochert sie in meiner Waage herum.

„Ach, da bist du ja endlich. Mir reicht es jetzt mit diesem Drecksding hier. Die Batterie ist völlig runter. Die Waage zeigt mir zwei Kilo zu viel an.“

Meine alte Freundin  hält mir anklagend eine Knopfzelle hin. Mit gekräuselter Nase und angewidertem Gesichtsausdruck schwenkt sie die Batterie wie eine tote Maus vor mir hin und her. Ich grübel. Leider zu laut.

„Echt? Müsste eine leere Batterie nicht eher weniger anzeigen? Ich mein ja nur… also, rein physikalisch betrachtet…“

Ihre Augen sind riesengroß. Wie Teller.  Dafür ist ihr Mund klein und zornig zugespitzt. Ein Orkan der Wut wirbelt aus ihm heraus.

„Waaaas? Spinnst du jetzt total?  Guck mich mal genau an.“

Ich gucke.

„Na? Und?  Ist irgendwas anders?“,  diese Frage lässt für einen Menschen, der am Leben hängt, nur eine Antwort zu.  

„Nein.“

„Aha. Siehst du. Alles so wie immer. Aber dieses elektrische Lügendings zeigt trotzdem zwei Kilo zuviel an. Das lasse ich mir nicht bieten. Jetzt ist Schluss. Wirst schon sehen.“

Genau zwölf Minuten später stehen wir in Peters Werkstatt. So eine kleine, dunkle Bude in unserer Straße, in der eigentlich nur Computer repariert werden. Es riecht nach Formaldehyd. Schrauben kullern vor meinen Schuhen herum. Ich stolper über Kabel, die kreuz und quer durch den Raum gezogen sind. Peter sitzt wie ein wuchtiger Höhlentroll in seiner Computerburg und betrachtet uns geduldig. Die Waage liegt auf seinem Holztischchen. Bedeutsam wie eine Steintafel aus der prähistorischen Zeit. Nach einer Weile streicht er die Falten auf seinem Black Sabbath T-Shirt gerade und schüttelt seine langen, verfledderten Haare  hin und her.

„Na gut. Ich kann ja mal die Batterie checken“, brummelt er unaufgeregt.

„Ja, das machen wir“, zischt Claudine.

Er dreht. Er wendet. Er prüft. Weil die  blonde Furie vor seinem Schreibtisch seine Ruhe empfindlich stört, will er es richtig machen. Ärger passt ihm nicht in den Kram.

„Also… für mich…“, er braucht für jedes Wort mindestens zehn Sekunden.

„Jaaaaaa?“, Claudine drückt das Rückgrat durch und schiebt lauernd das Unterkinn vor.

„… sieht es wirklich so aus als ob….“

„Na? Raus damit“, faucht sie über den Tisch.

„Also, die Batterie ist in Ordnung.“

Claudine verschränkt entschlossen die Arme vor ihrer Brust.

„Aha. Na, dann ist wohl die Waage kaputt. Klar. Kann nur so sein. Dann müssen wir die eben reparieren. Ganz klarer Fall.“

Peter kratzt nachdenklich mit den Fingerspitzen über sein Stoppelkinn. Immer wieder. Ich mag dieses Geräusch ebensowenig wie das Quitschen von Messern auf Esstellern.  Er wartet wohl auf meinen Einwand für dieses unsinnige Anliegen. Ich enttäusche ihn.

„Guck dir die Waage doch einfach mal an. Ich komme in drei  Tagen noch mal vorbei, und dann haben wir den Fehler ja vielleicht“, heuchel ich frech-fröhlich.

Drei Tage.  72 Stunden in der Hölle.  Claudine muss reagieren. Als erstes verschwinden alle Western-Chipstüten aus meiner Wohnung.  Entsorgt. Vernichtet. Claudine entgeht nichts. Ich bin süchig nach Chips.  Ich gebe es zu. Mit zitternden Händen und rot geäderten Augen durchsuche ich den letzten Winkel meiner Wohnung. Nichts. Ich bin Einzelkind. Ich bin es nicht gewohnt, dass man mir die Nahrung entzieht. Es macht mich fertig. Für Claudine ist die Sache klar.

„Chips? Zu viele Kohlenhydrate. „

„Und meine Salzstangen?“

„Du kannst am Rettich knabbern. Steht auf dem Tisch.“

„Meine Energydrinks? Ich brauch die doch…“

„Quatsch. Brauchst du nicht. Auf 100 Mililiter 50 Kalorien. Geht ja wohl gar nicht. Trink Selter. Oder Leitungswasser.“

Unter der Spüle finde ich am Abend einen alten Schokoladen-Osterhasen. Ich beiße ihm den Kopf ab. Schmeckt widerlich. Hilft aber erst mal. In den leeren Blechdosen ist auch noch der eine oder andere Tropfen Flüssigkeit drin. Ohne Kohlensäure. Scheußlich – aber egal.
So geht das nicht weiter. Ich fasse einen Plan. Geschmiedet in den höchsten Stunden der Verzweiflung. Geboren aus Elend und Hunger. Unterzuckert und erschlafft. Ich muss es tun. Ein heimlicher Anruf bei Peter. Er bestätigt das Schlimmste.

„Die Waage ist o.k.“

„Kannst du das Teil so manipulieren, dass es ein paar Kilo weniger zeigt?“

Am anderen Ende der Leitung knistert und rauscht es. Dann plätschert Empörung durch das Kabel.

„Na, weiß du…“

„Tu es. Bitte… nur ein, zwei Kilochen…“

„Naja, ich kann den Federkörper in der Wägezelle verändern… aber jetzt mal echt…“

„Mach es. Bitte.“

Am gleichen Abend steht die Waage wieder im Bad. Die Stimmung steigt. Claudine ist fröhlich. Als ich in einen Muffin beiße, wird er mir nicht aus der Hand geschlagen. Ich erhöhe sogar noch auf ein Quarkbällchen. Nichts passiert. Alles ist wieder beim Alten.

Nur das schlechte Gefühl ist neu.

Jedes Mal, wenn ich die Waage sehe, fühle ich mich wie ein Verräter, der  seine Seele für ein paar Tüten Chips und eine Packung saurer Weingummis verkauft hat. Es ist bedrückend.

Am nächsten Tag gehen wir an Peters Computer-Bude vorbei. Claudine winkt ihm fröhlich durch die Scheibe zu und hebt den Daumen wie nach einem gewonnen Fußballspiel. Peter wirft mir einen bösen Blick zu.

„Was hat er denn, der alte Murrkopf?“,  fragt sie irritiert.

„Keine Ahnung.“

Ich werde Claudine die Wahrheit sagen müssen. Jetzt gleich. Ich kann es nicht mehr aufschieben. Es muss raus. Sofort. Dann zeigt sie mit ihrem rot lackierten Zeigefinger auf unseren Lieblings-Coffeeshop am Ende der Straße.

„Na, was meinst du? Noch ´nen kleinen New York Cheesecake mit Kakao, hmmm?“

Na gut.

Dann eben Morgen.

Oder am Tag danach.

Eilt ja nicht.

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KLEINER MANN, BAU MIR EIN SCHLOSS AUS FLASCHEN

shoes Kopie

Es rumpelt und scheppert im Hinterhof. Es knirscht und klappert. Es ist nach Mitternacht. Üblicherweise bohre ich mir die Zipfel meines Kopfkissens ganz tief  in die Ohren, um besser schlafen zu können. Hat sich bewährt. Der Lärm dringt dennoch in meine Gehörgänge. Also, raus aus dem Bett, die alten Holzfenster aufreißen und viel Luft in die Lunge pressen, um den Ruhestörer so richtig anzubrüllen.  Was ich sehe, überrascht mich.

„Alle mal herhören, Flaschen zu verkaufen. Flaschen…. ganz viele, leere Flaschen… Halloooooo….“, diese hohe Stimme ist mir bekannt.

Es ist Mad Thomas. Unser Kiez-Irrer. In Berlin hat jeder Bezirk mindestens einen. In Prenzlauer Berg ist es eben Mad Thomas. Man kann sich seinen Irren nicht aussuchen. Man kriegt ihn irgendwie auf geheimnisvolle Weise zugeteilt. Ganz sicher gibt es eine Behörde dafür.

„Will denn keiner leere Flaschen? Ganz neue, leere Flaschen… gaaaaaannzzz billig…. leeeeere Flaschen…. biillliiiggg….“, er zerrt seinen geklauten Einkaufswagen über den Hof und preist inbrünstig und polternd seine Ware an.

Mad Thomas begegnete mir  im vergangenen Jahr das erste Mal. Hinter unserem Supermarkt hatte er sich ein kleines Haus gebaut.  Aus leeren Plastik-Pfandflaschen. Fein säuberlich zusammengeschnürt, gestützt durch den Stamm eines Baumes entstand ein architektonisch beeindruckendes Gebäude. Und weil Mad Thomas nur irre aber nicht doof ist, hat er nur durchsichtige Plastikflaschen benutzt, die ihm, den Hausherren, den Blick nach draußen ermöglichten. Schlauer Thomas. Oft saß er auf einem Garten-Klappstuhl in seinem Palast und winkte uns zu. Aber seit einiger Zeit war der Prachtbau verschwunden. Ich habe mich gewundert, wo all die Flaschen geblieben sind. Jetzt weiß ich es.

„Mann, was machst du denn hier Nachts. Leg dich schlafen. Verkauf deine verdammten Flaschen doch am Tag.“

Mad Thomas guckt mich im fahlen Licht der Hofbeleuchtung entrüstet an.

„Da ist doch keiner hier. Nachts weiß ich, dass ihr alle da seid“, er lächelt entrückt zu mir hoch. Die Logik eines Irren. Wie er da so steht, mit seiner kurzen Hochwasserhose, seiner Goldrandbrille. der wirren Frisur und den riesigen braunen Filzschuhen – man könnte fast gerührt sein. Ich bin es. Keine Ahnung, was einen über vierzigjährigen Mann so verändert haben könnte.

„Na gut. Ich kauf dir deine Flaschen ab. Danach legst du dich in dein Bett, klar?“

Mad Thomas nickt.

„Was willst du für den Kram haben?“

„Hundert Euro“, quäkt er fröhlich zu meinem Fenster hoch.

Es ist empörend.  Ich habe damit gerechnet, den Deal erfolgreich mit zwanzig Glasmurmeln abschließen zu können. Nein. Es müssen Hundert Euro sein. Irre, aber geschäftstüchtig. Eine tolle Kombination. Ich krame zehn Euro aus meinem Portemonnaie und rase im Pyjama durch das Treppenhaus. Vielleicht erkennt Mad Thomas ja den Unterschied zwischen den Scheinen nicht. Ganz sicher nicht. Den trickse ich aus. Und dann kann ich endlich weiter schlafen.

„Hallloooo, schön dass du kommst. Sind schöne Flaschen, ne…?“, begrüßt er mich.

„Ja, sehr schön. Ganz toll.“

Ich reiche ihm die zehn Euro. Er guckt den Schein lange an. Dann mich. Dann wieder den Schein. Und schon wieder mich.

„Da fehlt eine Null“, sagt er in sachlichem Banker-Slang.

Die kleinen Wellen des Wahnsinns schwappen zu mir herüber. Ich spüre, wie sie verlockend an meinem Hirn herumzupfen, mich einlullen und verführerisch auf ihre Seite zu ziehen.

„Hast du was zu schreiben?“, frage ich ihn.

Er nickt und zieht aus seiner Hosentasche einen abgekauten Filzer hervor. Ich male ihm eine hübsche Null auf den zehn Euro schein und strahle ihn an.

„Bitte sehr.  Hundert Euro…“

Mad Thomas schaut mich mit traurigen Augen an.

„Du willst mich beschummeln, oder… ?“

Ja, will ich. Was nun? Da steht ein trauriger Irrer vor mir, der sich nicht abzocken lassen will. Immerhin verkauft er mir hier praktisch sein Haus. Hundert Euro will ich ihm aber auch nicht geben. Ich wiege Moral und Geschäftsinn ab, als über uns, im ersten Stock, ein Fenster aufgerissen wird. Es ist die hübsche Krankenschwester aus Hamburg. Sie trägt ein weißes Unterhemd mit Blumenaufdruck. Sie gähnt. Hübsch ist sie selbst jetzt noch. Aber auch mürrisch. Sie faucht die Worte zwischen ihren unmunter herumbaumelnden Haarsträhnen hervor.

„Was ist denn hier los? Ich hab´ in zwei Stunden Dienst und ihr brabbelt hier die ganze Zeit rum. Zehn Euro… hundert Euro… hackts bei euch? Seid ihr euch mal einig, oder was? Legt euch doch hin, mann…“

Ich schnaufe empört nach oben,  dann endlich erkennt sie den Mann neben mir.

„Ist das… der Thomas…? Der Verrückte… ?“

Ich nicke.

„Mist.“

In der Erkenntnis, dass diese Situation nicht mit Ratio zu  lösen ist, schließt sie schnell das Fenster. Dafür sehe ich oben im vierten Stock das Licht einer Nachttischlampe. Meine Hausmeisterin ist aufgewacht. Der Drache ist nachtaktiv. Jetzt wird die Luft dünn. Wir müssen schnell handeln.

„Also pass auf. Du kriegst zehn Euro. Du kannst deine Flaschen behalten und dafür gehst du einfach in ein anderes Haus. Sagen wir mal…„,  ich überlege kurz, „… du gehst rüber in die Nummer Zwölf. Da ist die Haustür sowieso immer offen.“

Das gefällt Thomas. Sogar sehr gut. Er lächelt fröhlich und schiebt sich den knisternden Schein in die Tasche. Die Filzlatschen huschen über den Hof. Der Einkaufswagen poltert über den Asphalt. Er dreht sich noch einmal um.

„Danke. Danke. Danke.“

Aber bitte doch. In der Nummer Zwölf wohnt der Idiot, der mich jeden morgen einparkt. Das war sehr gut investiertes Geld. Einen Moment später fällt mein Kopf in die weichen Federn des Kopfkissens. Ich schlafe lächelnd ein.

Zwei Tage später begegnet mir Mad Thomas auf der Straße. Der Einkaufswagen mit den Flaschen ist verschwunden. Dafür schleppt er mindestens ein dutzend benutzter, abgelaufener  Schuhe mit sich rum.

„Sind schöne Schuhe, ne? Willst du ein paar kaufen?“

„Eigentlich nicht. Wo sind denn deine Flaschen?“

Er schaukelt mit den Schuhen  hin und her, wohl hoffend, dass ich seinen Schnäppchen  nicht widerstehen kann.

„Ach, die… ich hab´neulich noch zwanzig Euro bekommen, da drüben in der Zwölf, nur damit ich verschwinde.  Na, und dann habe ich die Flaschen im Supermarkt abgegeben.“

Es erstaunt mich. Er sieht es mir an.

„Weißt du… auf Dauer immer nur mit den Flaschen… das war mir dann doch zu langweilig… ich wollte mal was Neues…“

Einen Moment später wackelt er die Straße herunter. Ein durchtriebener, kleiner Geschäftsmann, der genau weiß, was er im Leben will.

Irre.

DIE SPLITTERNACKTEN SCHWESTERN

Danger

„Die Ecke da ist doch schön…“

„Ach nö, lieber die da hinten.“

„Und warum nicht hier? Da ist doch viel mehr Sonne.“

Die Drei machen mich verrückt. Claudine, Bernd und Petra wollen schön in der Sonne liegen. Direkt am Schlachtensee. Im feinen alten West-Berlin. Es ist furchtbar. Wir laufen an bierbäuchigen Männern mit äffisch gekringeltem Brusthaar vorbei, die sich rücklings liegend über die schmutzige Erde am Wasser wälzen. Bekleidet nur mit einer Badehose. Ihre Frauen in schlecht sitzenden, ausgeleierten Billig-Bikinis  kreischen in ihre Handys. Sie  übermitteln die aktuellen Wetteraussichten direkt an die Verwandtschaft. Dramatisch hallen ihre Pieps-Stimmen über das Wasser: „Ja, ja… ist sonnig… ja, ja… schön ist es hier“

Nein, ist es nicht. Es ist furchtbar hier. Claudine bemerkt mein verkrampftes Gesicht.

„Passt dir nicht, was? Lieber Sartre lesen im staubigen Ledersessel in der dunklen Wohnung, was?“

Ja, es wäre schöner. Die Vorstellung, sich in dieser Landschaft mit einer Badehose über eine grob karierte und verfusselte Picknickdecke zu rollen, treibt mir einen Angstschauer über den Rücken.

Petra reißt theatralisch im Schatten einer Eiche die Arme hoch.

„Das hier ist es. Das ist der beste Platz. Genau hier.“

Bernd und Claudine nicken. Ich schweige. Es gibt einen Grund.

Der Schock hat meine Stimme verklebt.  Zuerst wirkt es wie eine Täuschung meiner Sinne. Eine besonders derbe Fata Morgana. Eine vertrackte Illusion in der glühenden Sonne, verstärkt durch den Durst in meinem Hals.  Aber es ist tatsächlich wahr. Direkt hinter uns, auf einer Holzbank,  sitzen zwei Seniorinnen, die sich angeregt unterhalten. Sie sind nackt. Komplett. Beide. Hemmungslos breitbeinig schaukeln sie ihre übergewichtigen Körper in der Sonne hin und her und tun so, als sei es völlig normal, während dicke Schweißtropfen die verästelte Faltenlandschaft ihrer Haut erkunden. Wie zwei feiste Nacktschnecken hocken sie in der Sonne. Bleich und teigig. Es ist schrecklich.

„ Jetzt reicht es mir. Das könnt ihr doch nicht schön finden? Seid ihr verrückt geworden?“, brülle ich Petra, Bernd und Claudine (genau in dieser Reihenfolge) an.

Petra beißt in ihr ökologisch korrektes Tofubrötchen. Sie legt die Decke auf den Boden und bedenkt  die 70jährigen Frauen nur mit einem gleichgültigen Schulterzucken.

„ Ach, die. Das sind doch nur die beiden Entblößerschwestern vom Schlachtensee. Die kennt man doch.“

„Die Entblößerschwestern???“

„Siehst du, alles ganz normal“, raunt mir Claudine zu.

Tatsächlich sieht die eine Nackte der anderen auf unheimliche Weise ähnlich. Wie ein Spiegelbild. Zwillingsschwestern.  Als ob das einfache Grauen nicht gereicht hätte. Nein, es muss an diesem strahlenden Sonntag auch noch auf dämonische Weise verdoppelt werden. Mir fehlt die Luft zum Atmen.

Bernd, bekannt für seine diplomatischen Ansätze,  verabreicht mir seine erprobte Medizin „musst ja nicht hingucken. Konzentrier dich doch auf die schöne Natur. Das geht schon. Ich mach es auch so…“, er zwinkert mir verschwörerisch zu.

„Wie kann ich die Natur noch genießen, wenn ich mich darauf konzentrieren muss, diese Bilder aus meinem Gehirn zu vertreiben? Das schaff ich nicht.“

Ich zeige mit beidseitig ausgestreckten Zeigefingern (für jede Entblößerschwester einen) auf  die Holzbank .

„Das hier ist ein verdammtes Nudistencamp für Menschen, die den Herbst ihres Lebens feiern. Und wir müssen alle zugucken.“

Es ist ein empörter Blick, den mir Petra zuschießt.

„Ach, aber wenn diese jungen Protest-Dinger von „Femen“ nackt durchs Bild laufen und Politiker beschimpfen, stört es dich nicht.“

Ich starre Claudine an. Ganz sicher wird sie sich mit mir verbünden. Sie kommt aus Bayern. Konservativ erzogen. Das kann ihr nicht gefallen. Ich blicke sie an. Flehend.  Aber sie  lächelt nur verzückt.

„Guckt mal, die eine Entblößerschwester trägt eine Chanel-Kette. Sehr schön. Das ist das Plastron Collier. Also wirklich, schön, sehr schön…“

Was für ein Reinfall.

Bernd scharrt mit den Füßen einen kleinen Sandhaufen vor seinen Schuhen zusammen. Er mag Konflikte nicht. Überhaupt nicht. Er starrt hochkonzentriert die Erde an.

Dieser Disput ist eigentlich nicht friedlich zu lösen. Eigentlich. Ich bin es ja gewohnt. Aber da stehen die beiden Alten auf und wackeln an uns vorbei. Unter der Hornhaut ihrer Füße knirscht die Erde. Ihre erschlafften Gesäße verschwinden zwischen den Bäumen.  Es ist vorbei.

Petra triumphiert.

„Na, ist jetzt alles in Ordnung?“

Ich nicke erschöpft.  Die drei bauen das Lager auf. Es wird an der Decke gezuppelt. Der Picknickkoffer wird auf- und zugeklappt. Claudine öffnet ihre riesige Proseccoflasche. Und fast unbemerkt sitzen auf der Bank  hinter uns plötzlich zwei ältere Herren. Sie sind nackt. Selbstverständlich.  Zwischen ihnen ist ein Schachbrett aufgebaut. Der eine bindet sein graues, langes  Haar mit einem Gummi im Nacken zusammen, der andere fletzt sich mit einer John Wayne-Geste so breitbeinig auf die Bank, dass er uns auch sein letztes, prachtvolles Geheimnis verrät.

Petra stützt die Hände in die Hüften.

„Was fällt denen denn ein? Das geht jetzt wirklich zu weit.“

„Wieso? Die Entblößerschwestern haben dich doch auch nicht gestört? Was haben denn die  beiden Nackt-Opis jetzt falsch gemacht?“,  die Häme in meiner Stimme verberge ich erst gar nicht.

„Ja, aber, das da…  ist mir jetzt doch… “ sie starrt den breitbeinig dasitzenden Greis empört an, „…zu viel… viel zu viel…“

„Muss ja auch nicht sein“, murmelt Bernd opportunistisch.

Und Claudine (nachdem sie die beiden nackten Körper erfolglos auf möglichen Designerschmuck überprüft hat) reißt nur eine Hand vor ihre Augen.

„E… K… E… L… H… A… F… T…“

Zehn Minuten später sitzen wir in dem kleinen Café am Schlachtensee.  Der Picknickkoffer, die Decke und alle Utensilien dieses unvergesslich warmen Tages liegen auf dem Boden, lieblos  unter einem Stuhl verstreut.  Ich blicke in drei mürrische Gesichter, krame aus meiner hinteren Hosentasche einen zerfledderten Sartre-Band heraus und betrachte all die ordentlich bekleideten Menschen um uns herum.

„Schön hier, was?“

Nie war ein Schweigen eisiger.

DER FRECHE TRICK MIT DEM MÄNNERBAUCH

Bursting

„Du bist´n Betrüger. `Ne ganz schäbige Nummer ziehste hier ab. Sag ich dir direkt ins Gesicht. So.“

Mirko der Maler ist empört. In seinen wässrigen grau-blauen Augen tobt ein Sturm der Empörung. Er stemmt seine verklecksten Finger in die Hüften, zuppelt an den Trägern seines Maleranzugs herum und starrt  den Videothekenmann so böse an, als würde er ihm den Kopf abbeißen wollen. Die beiden sind Freunde. Ganz dick. Unzertrennlich. Aber jetzt sind düstere Wolken am Himmel der Männerkumpanei aufgezogen.

„Ich weiß nich, was du hast. Das is doch kein Verbrechen. Was zickst du denn so rum?“,  G.  steht vor seiner Videothek und zuckt ratlos mit den Schultern.

Ich  bin auf dem Weg zum Supermarkt, und natürlich verlangsame ich meine Schritte vor  der kleinen Schmuddelbude. Das macht man ganz automatisch,  wenn man einen Unfall näher betrachten möchte.  Ein Riesenfehler. Mirko zieht mich sofort auf sein brennendes Schlachtfeld.

„Gut, dass du vorbeikommst. Jetzt guck dir den mal an. Guck, guck…“

Ich gucke. Aber ich sehe nichts. G. rollt genervt mit den Augen und zieht seinen Grobstrickpullover hoch. Dann sehe ich es doch.

„Ein… Bauchweggürtel…? „

„Jaaaaa, ganz genau… ein Bauchweggürtel. Der Kerl klemmt sich die Wampe weg, damit er für seine neue Freundin attraktiver wirkt. Is doch unfassbar…“, bellt Mirko über die Straße.

Ich bestaune noch immer das elastische Band über G´s Bauch. Er sieht tatsächlich straffer aus. Gepresst. Wie eine pralle Teewurst, in die man am liebsten eine Gabel stechen möchte. G. zieht den Pullover schnell wieder runter.

„Du hast ihm das freiwillig gezeigt?“, frage ich.

Er senkt mit einem Anflug von Beschämung den Kopf.

„Neee, als ich `nen Bierkasten hochgehoben habe, hat er´s gesehen. Und dann macht er gleich so´n Theater. Kapier ich nich.“

Darauf hat Mirko nur gewartet. Er piekst mit seinem Zeigefinger anklagend Löcher in die Luft.

„So was macht ´n vierzigjähriger Mann nich.  Das is ´n Mädchending. Für so ´ne Vertuschungsnummer Geld auszugeben… du spinnst doch. Oben das Bier reinkippen und dann unten den Bauch abklemmen. Neeee…“

„Das habe ich im Schrank von meinem Vater gefunden. Is nix mit Geld“, G. strahlt über das ganze Gesicht. Logisch. In diesem Duell zählt jedes Wort. Aber Mirko hat schon längst nachgeladen.

„Ach, bei deinem Papi, ja?  Is wohl so´ne generationsübergreifende Betrugsmasche in deiner Familie. Und wenn du mal Kinder hast, schnallst du denen auch so ´nen Speckweg-Gürtel um, oder wie?“

„Also, das verstehe ich nicht“, ich piekse G. mit dem Finger in den Bauch, „wenn du das Ding für deine neue Freundin trägst, dann musst du es doch nachts abnehmen. Da fliegt der Schwindel doch auf.“

G. beugt sich verschwörerisch vor. Auf seinen Lippen liegt ein überhebliches Lächeln.

„Das ist doch Psychologie, verstehste? Ich hab neulich mal gelesen, dass der Eindruck, den du am Tag machst,  einprägsamer ist, als der in der Nacht.  Verstehste meinen Plan? Kapierste?“

Habe ich verstanden. Und Mirko auch. Er lacht hysterisch.

„Neee, also neee, das is mir zu dicke. Für seine Freunde hat er keine Zeit mehr. Geht ja jetzt alles für seine neue Schickse drauf. 12 Jahre jünger is die. Wenn die dich sitzen lässt, musste bei mir nich wieder zum Jammern vorbeikommen, das sag ich dir aber mal.“

Mirko ist beleidigt. Und zornig. Vielleicht auch ein bisschen verzweifelt. Er wendet sich mir demonstrativ zu.

„Wollen wir ´n Bier trinken gehen?“

„Also… ich trinke doch kein Bier.“

„Na dann ´nen Kaffee.“

„Ach…, den mag ich eigentlich auch nicht.“

Er  patscht sich sinnentleert die Hände vor die Stirn.

„Mensch, was ist bei euch denn bloß los?  Was seid ihr denn für Männer? Also nee, da bleib ich lieber auf meiner Baustelle. So was… mir reicht das mit euch.“

Er wendet sich  mit einem divenhaften Hüftschwung um und marschiert im Nieselregen die Straße hinab. Seine Nase ist gen Himmel erhoben. Sein Blick stur geradeaus gerichtet. Die roten, blauen und gelben Kleckse auf seinem Maleranzug werden immer kleiner, bis sie ganz verschwunden sind.

G. interessiert sich nicht mehr für seinen alten Freund. Er steht vor dem Fenster seines Ladens und betrachtet sich wohlwollend im Glas der Scheibe.  Zufrieden trommelt er mit den Fingerspitzen auf seinem Bauch herum.

„Meinst du, ich sollte mal was mit meinem Haar machen. Vielleicht Strähnchen oder so…? Is´ ja nur ´ne Idee. Was meinste? Könnte gut kommen, oder?“

„Klar. Warum nicht. Da hinten gibt es einen Friseur, der feilt dir die Finger und verabreicht dir auch noch gleich eine Portion Botox. Das volle Programm.“

G. wippt auf seinen kleinen Füßen hin und her und lächelt mich breit an.

„Siehst du? Du verstehst mich wenigstens. Jaaaaa, du schon…“

Für einen Moment nur huscht so ein kleiner Schleier der Nachdenklichkeit über sein Gesicht. Vielleicht eine Sekunde des Erkennens, die ihm die Absurdität der Szene verstehen lässt. Er blickt die Straße hinab.

„Du meinst den Friseur da hinten? Den neben der Post? Gucke ich mir mal gleich an…“

Der Moment war vorbei.

Schade.