Monatsarchiv: Juli 2014

WIE MAN SICH SEIN GEKLAUTES FAHRRAD ZURÜCKHOLT …

Fahrrad

„Da.  Genau da stand es.  An dem Baum. Genau da …“

Claudine fuchtelt wie eine Windmühle mit ihrem Armen herum. Die Zähne gefletscht, die Finger verkrampft, stampft sie mit ihren roten Pumps auf dem Bürgersteig herum, als wollte sie ihn persönlich für den gemeinen Diebstahl bestrafen. Jetzt fallen ihr auch noch die Haare vors Gesicht – ein buschiger Theatervorhang in blond. Sie läuft um die Kastanie herum und hält mir einen Fahrradreifen entgegen, der an einem Schloss hängt.

„Das ist alles. Der Rest ist futsch.“
„Du hast das Schloss am Hinterreifen befestigt?“
„Ja, natürlich.“
„Nicht am Rahmen?“
„Nein … na und?“
„Also, mir hat schon mein Großvater erklärt, dass …“
„Mir egal. Ich will jetzt keine Kriegsgeschichten von deinem Opa hören.“ Mit zusammengekniffenen Augen tastet sie die umliegenden Häuserfassaden ab. „Irgendwo hier hockt ein Dieb mit meinem Fahrrad.“ Sie ballt ihre linke Faust und hebt sie an – ähnlich einer Scarlett O’Hara in Vom Winde verweht – und stößt einen Schwur aus: „Wer immer mein Rad hat. Das hat er nicht umsonst gemacht. Das hol ich mir wieder.“ Als sie mein Lächeln sieht, zischelt sie, „das kannst du mir glauben.“

Wer Claudine kennt, weiß, dass das Wort „glauben“ eine mehr als unzureichende Beschreibung ist. Es ist ein Fakt, eingemeißelt als elftes Gebot in allen Steintafeln, die jemals in der christlichen Glaubenslehre verbreitet wurden.

Die Suche nach dem Rad wird zur Hetzjagd: In den nächsten Tagen kontrolliert sie die Kleinanzeigen sämtlicher Berliner Tageszeitungen. Ihre Fingerkuppen zeigen durch das ständige Hoch- und Runterscrollen von Ebay-Angeboten einen deutlichen Hautabrieb, und auch ihre täglichen Rundgänge in Prenzlauer Berg ähneln eher den routinierten Bespitzelungstechniken  eines verdeckten Ermittlers. Nach einer Weile ermüden mich die Versuche, in fremde Treppenhäuser und Hinterhöfe einzudringen, weil das Rad ja vielleicht dort stehen könnte –  aber am Ende fehlt auch nach einer Woche jede Spur – und mir fehlt das Verständnis für den empfundenen Verlustschmerz.

Claudines Fahrrad war ein lila-farbenes Ungetüm mit einem grünen Ledersattel. An den Griffen hingen rote Bändchen wie sie Kleinkinder bevorzugen, die ihre ersten Fahrversuche mit Stützrädern absolvieren. Die Felgen hatten neonfarbene Streifen. Kurzum: Es war das hässlichste Rad, das ich in diesem und aller meiner vorherigen Leben jemals gesehen habe.

Nach einem heißen Sommertag wage ich einen Versuch, geboren aus Mitleid und Wagemut: „Du, pass auf. Wir gehen morgen los, und ich schenke dir ein neues Rad. Wie gefällt dir das?“

Claudine blickt mit dunklen Ringen unter den Augen von ihrem Handy auf. „Ich kann jetzt nicht. Ich simse gerade mit einer anderen Beklauten.“ Sie zeigt mit dem Finger nach Süden. „Die wohnt da hinten zwei Straßen weiter.“ Das blaue Licht des Handys wirft ein gespenstisches Licht auf ihr Gesicht. „Wir organisieren uns. Den kriegen wir noch. Der entgeht uns nicht. Nein, nein … der hat sich mit der Falschen angelegt.“

Na gut. Dann nicht. Ich bin entspannt. In Berlin werden am Tag hunderte Räder geklaut. Die Wahrscheinlichkeit, dass ausgerechnet Claudines lila Rad wieder auftaucht, ist so wahrscheinlich wie von einem Meteoriten während einer Qigong-Massage  getroffen zu werden.

Lächerlich. Absurd. Völlig ausgeschlossen.

Und genau darum muss es auch passieren.

Als wir ein paar Tage später in der Nähe der Kottbusser Brücke ein Eis essen, bemerke ich das Knirschen der Eiswaffel neben mir. Claudine presst ihre Finger so heftig in die Waffel, dass sie zerbröselt. „Ich fass es nicht.“ Und ein wenig leiser mit bedrohlichem Unterton: „Freundchen, das wird dir wehtun.“

Angelehnt an einem Brückengeländer auf der anderen Seite der Straße steht ein vielleicht 1 Meter 90 großer Typ um die dreißig, der ein aromatisiertes Wasser trinkt. Ich erkenne eine lachende Himbeere auf seiner Flasche. Neben ihm stehen drei Fahrräder, die er offenbar zum Verkauf anbietet. Eines davon, das Hässlichste, steht ganz unbeteiligt dazwischen, wie ein alter Bekannter, den man zufällig im Urlaub an einem fernen Ort in der Welt wiedertrifft.

Claudine wirft das Eis auf den Boden. Die Vanillekugel schmaddert auf meine Schuhspitze. Sie setzt sich mit geballten Fäusten in Bewegung. Ich packe sie am Arm.

„Wir brauchen einen Plan.“
„Mein Plan heißt: Ich will mein Rad zurück.“
„Willst du ihn verprügeln?“
Sie wischt sich mit der flachen Hand unter ihrer Nase entlang, wie es Rocky vor seinem Kampf gegen Apollo Creed gemacht hat. „Warum nicht?“

Der Typ auf der anderen Seite der Straße ist nicht nur größer als wir beide. Er ist eine dicke und unförmige Masse. Ein menschlicher Fleischberg. Ein richtiger Brocken. Sein blaues T-Shirt mit dem Aufdruck eines gesenkten Facebook-Daumens und dem Schriftzug Gefällt mir nicht hat mindestens  die Größe XXXXXL. Mindestens.

Bei einer körperlichen Auseinandersetzung müsste man theoretisch  erst einmal mit dem ganzen Körper in seine Fettmassen eintauchen, um an seine Knochen zu gelangen, und erst dann könnte man sie ihm zerbrechen – wenn man es denn wirklich will.  Sein Hals scheint am verletzlichsten zu sein. Ein gezielter Handkantenschlag gegen seinen Adamsapfel  (gesehen in Karate Kid II) könnte durchaus das gewünschte Resultat eines Knock Outs bringen. Aber dann zähle ich an seinem Hals vier Fettringe, die mich an  aufgetürmte Donuts auf einer senkrechten Holzstange erinnern. Der Kerl ist gepanzert bis über beide Ohren. Unbesiegbar. Bevor Claudine einen rachsüchtigen Versuch unternimmt, rufe ich die Polizei an. „Hast du die Gestellnummer?“, flüstere ich ihr  zu.

„Natürlich“, faucht sie zurück.

Schön. Mir ein paar Polizisten wie eine Pizza zu bestellen – das wollte ich immer schon mal machen. Die Beamten versprechen, in zehn Minuten an der Brücke zu sein – bis dahin ist auch die Rahmennummer geprüft. Claudine wird nervös.

„Und wenn der Typ abhaut?“
„Der steht da doch ganz entspannt.“
„Und wenn er mein Rad verkauft?“
„Unwahrscheinlich.“ Fast hätte ich laut gelacht.
„Ich will wissen, was mein Rad kostet. Nur so …“

Einen Moment später stehen wir neben einem jungen Paar mit Kind, das sich auch für die Räder interessiert. Claudine setzt ihre wölfische Maske auf und lächelt den Dicken an: „Was kostet denn das lila Rad da?“

Dickie überlegt kurz. Seine wulstigen Lider schlappen über die Augen, verschließen sie,  als würde er in der Dunkelheit den Preis erfühlen können. „Hundertfuffzich.“ Er beißt in ein krümeliges Salami-Brötchen.
„Nicht für hundert?“, fragt Claudine.
„Nö. Is gut erhalten“
„Ach so?“
„Naja, hundertvierzich wär auch drinne. „
„Die linke Handbremse geht nicht.“
„Hä?“ Dickie blinzelt blöd.
„Der Fahrradständer hat einen Knick.“
„Wie jetze?
„Und das verdammte Licht ist nicht einmal gegangen, so lange ich das Fahrrad hatte.“

Dafür geht in  Dickies Kopf das Licht an. Er erstarrt. Wie ein Revolver liegt das angekaute Brötchen in seiner Hand.

An diesem Sonntag verstummen die Vögel. Eine leichte Brise umstreicht mein Haar. Hinter mir höre ich Kinder lachen. Es ist ein Tag, an dem Menschen Enten füttern und Wolken zählen – während ich mich auf einen Faustkampf mit einem Zwei bis Drei-Zentner-Mann vorbereite.

Den Polizeiwagen hinter mir sehe ich nicht. Nur Claudines aufgeregtes Winken und den unglaublich behenden Sprung des Dicken auf eines seiner Fahrräder. Selbst in dieser von höchstem Stress geprägten Notsituation verzichtet er auf das lila Rad, das ihm am nächsten ist. Guter Geschmack . Keine Frage.  Und weg ist er.

Die beiden Beamten sind durchgeschwitzt. Der eine trägt einen zackigen Kinnbart wie der Sänger von Unheilig.  Der andere hat dafür diverse Schnittwunden am Kinn.  Während Claudine den Lenker ihres Rades umarmt und den Sattel streichelt, gleichen die Beamten die Rahmennummer mit ihren Notizen  ab und nicken sich zu.

„Wir haben die Nummer gecheckt. Sie sind Frau Wienert, ja?“

Claudine blickt mich aus riesigen glupschigen Augen an. „Also, nein … bin ich nicht… wieso …“

„Kann ich mal Ihren Ausweis sehen?“

Sie braucht vierzig Sekunden, um den Ausweis aus ihrer überfüllten Handtasche zu kramen. Ein Pfefferspray, vier Lippenstifte und ein Deoroller mit dem Konterfei eines irritiert herumflatternden Schmetterlings landen vor meinen Füßen. Weitere dreißig Sekunden später fragt der Beamte: „Wie lange hatten sie das Rad?“

„Na, ein Dreivierteljahr. „

Die Polizisten nicken sich wieder wie in einem geheimnisvollen Aha-Moment zu. „Das Rad ist als gestohlen gemeldet. Seit anderthalb Jahren. Haben Sie es gebraucht gekauft?“

Claudine nickt artig wie ein dressiertes Äffchen.

„Eine Quittung haben Sie nicht?“

Sie schüttelt den Kopf, diesmal ähnelt sie einem traurigen Clown, der das Unvermeidliche ahnt.

„Tut uns leid. Das Rad muss sichergestellt werden. Als Sie es gekauft haben, war es schon gestohlen.“

Und so endet ein sonniger, viel zu heißer Sommertag in Berlin. Es ist eine rührende Szene: Claudine streicht noch einmal über den Lenker des Rades, klopft  einmal auf den giftgrünen Sattel und scheint in den wundersamen Erinnerungen und Momenten zu baden, die sie mit ihrem Rad in Verbindung bringt. Die Polizisten sind fast ein wenig gerührt.  Dann wendet sie sich ab. Jetzt tut sie mir doch ein wenig leid. Nur ein kleines bisschen. Aber immerhin.

„Wo hast du das Rad eigentlich gekauft?“

„Hinter dem Planetarium, auf der Wiese. Für siebzig Euro.“

„Und es kam dir nicht komisch vor?“

„Wieso denn? Es gab da auch Räder für fünfzig Euro“

Es ist die typische Claudine-Logik. Unverbesserlich. Auf ihrem Gesicht liegt ein entschlossener Zug inklusive zusammengekniffener Lippen. „Und weißt du was, gleich morgen gucke ich mal, ob da wieder einer Räder verkauft.“  Sie nickt sich selbst zu. „Gleich morgen.“

Und so geht es mit dieser unheimlichen Berliner Formel weiter:  Kaufen + Klauen = Klaufen. Verlässlicher als jede mathematische Grundsätzlichkeit von Pi.

Über diesen Gedanken kann einem schwindelig werden.

Da hilft nur Enten füttern und Wolken zählen.

 

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