Monatsarchiv: September 2013

LILLI KANN NICHT SCHLAFEN

Franky

Die Chips stehen auf dem Tisch. Die Dose Red Bull ist geöffnet. Der Flachbildschirm läuft warm. Gleich beginnt der Super-Duper-Directors Cut von Blade Runner.  Ein echtes Jungs-Ding. Perfekt. Alles ist perfekt. Fast.

„Duuuuhuuu… kannnschhhttt du mal kohhoommen…?“

Lilli steht im Bad. Sie putzt sich seit gefühlten zehn Stunden die Zähne . Lilli ist sieben Jahre alt. Die Tochter von Petra, einer Freundin, die mich bat, auf das Kind und ihren hyperaktiven Jack Russel aufzupassen. Geködert hat sie mich mit ihrem Science-Fiction-Kanal, den sie abonniert hat.  Lillis ganzes Gesicht ist voller Schaum. Ein Blick zur Uhr macht mich nervös. Nur noch zwölf Minuten.

„Was gibt es denn?“

Lilli schäumt weiter vor sich hin.

Ich putsche jeden Schahn schweeeei Minuten. Guck mal…“

Sie zeigt mir ihre Zähne. Es versetzt mich in Panik. Wenn das so weitergeht, verpasse ich den Anfang vom Film, die wundervollen Momente, in denen Harrison Ford über sein Leben als Blade Runner philosophiert. Ich muss eine Entscheidung treffen. Sie ist drastisch.

In jeder Familie gibt es Gruselgeschichten, mit denen man Kinder erfolgreich terrorisiert hat, um sie zu bestrafen oder ins Bett zu treiben. In meiner war es der „Mann im Rohr“. Habe ich meinem Großvater hämisch lachend die Luft aus seinem Fahrrad gelassen, oder meiner  Großmutter die Stimmung bei Fernsehkrimiabenden vermiest (weil ich die Sicherung herausgedreht und sie meist im Brotkasten versteckt habe), betrat er die Fläche: Der Mann im Rohr. Ein düsteres Phantom, das in den Rohren lauert,  um unartige Kinder zu packen und sie durch die schreckliche Welt der Rohre zu schleppen, wo sie nie mehr auftauchten. Der Mann im Rohr war  täglich Gast in unserem Haus –  Ganze Nächte habe ich mit meiner Taschenlampe unter der Bettdecke verbracht, bewaffnet mit einem Taschenmesser. Man weiß ja nie …

Jetzt ist Lilli dran.

„Also … Lilli … du weißt schon, dass du seit einer halben Stunde im Bett sein solltest.“

Sie interessiert sich nicht für meine anklagende Rede und schrubbt weiter auf den Zähnen rum.

„Wenn du in fünf Minuten nicht fertig bist, kommt der Mann im Rohr. Er wird dich wegschnappen und in seine Rohre mitnehmen. Wirst schon sehen.“

Das Schrubben stoppt. Wie auf Knopfdruck. Lillis Augen sind weit aufgerissen. Sie stellt sich auf die Zehenspitzen und starrt in den Abfluss des Waschbeckens.

„Aber da…  drin… ist doch keiner.“

„Er sitzt im Rohr. Er wartet. Du hast noch vier Minuten. Oder er wird dich holen. Tempo jetzt …“

Aus dem Zimmer nebenan tönen die wummenden Bässe von Blade Runner. Der herrliche Vangelis Sound. Verdammt.

„Also… eigentlich … wäre es besser… du gehst jetzt sofort ins Bett.“

Lilli glotzt noch immer in den Abfluss. Ein sorgenvoller Zug liegt auf ihrer Stirn.

„Da ist doch … gar keiner drin. Sag mal ehrlich … „, ihre Stimme ist ein wogendes Meer aus kindlicher Unsicherheit.

„Also, Lilli, ich würde das Risiko nicht eingehen. Wenn der Mann im Rohr  kommt, ist es zu spät. All die vielen Kinder … Geh lieber schnell ins Bett.“

Sie blinzelt in den Abfluss, legt die Zahnbürste auf den Badewannenrand und huscht (immer noch mit einem Schaumberg am Mund)  ins Bett. Sehr gut. Das Kind zugedeckt. Das Licht aus. Perfekt. Harrison Ford, ich komme.

Auf dem Weg zum Fernseher fallen mir die Chipskrümel auf dem Boden auf – und das zerfetzte Papier der Tüte. Peppi (ein besonders dämlicher und verharmlosender Name für den verschlagenen und dickbäuchigen Terrier) glotzt unbeteiligt aus seinem Hundekorb. Die Chips sind futsch. Ägerlich. Aber egal.  Der Bladerunner jagt gerade seinen ersten Replikanten. Es ist diese riesige Frau mit dem flammend roten Haar. Dann steht Lilli im Türrahmen.

„Ich kann nicht schlafen … weil … weil… vielleicht kommt der Mann im Rohr doch noch.“

„Ach was, der ist bestimmt gerade bei deiner Freundin Nathalie.“

„Und wenn er da fertig ist … ? Ich hab ganz viele Rohre im Zimmer. Ich hab Angst.“

Es ist zum Verrücktwerden. In der Küche finde ich zwei Teelöffel.

„So du nimmst jetzt den Löffel, und dann klopfen wir zusammen die Rohre in deinem Zimmer ab. Das wirst du schon hören, wenn da einer drin ist.“

Lilli nickt. Ich robbe auf den Knien durch ihr Zimmer und klopfe mit dem Löffel herum. Sie auch. Kling.Klang.Kling. Nach einer Ewigkeit sind wir fertig. Kein Mann im Rohr da. Lilli ist sehr zufrieden. Dann klingelt es an der Haustür. Es ist ein tätowierter Zwei-Meter-Mann, unrasiert, mit einem löchrigen T-Shirt, auf dem ein schießender  US-Panzer abgebildet ist.

„Wat is´n dat hier für `n Krach? Ick sitz da oben und hör hier dauernd dat Geschepper in den Rohren. Hackts hier bei euch?“

„Wir hatten Probleme mit der Heizung.“ Es ist keine Lüge. Definitiv nicht.

„Der Krach hört uff, klar?“, mault er mich an. Seine Eckzähne sind riesig und gelb. Ich prüfe die Möglichkeit einer körperlichen Auseinandersetzung und verwerfe sie genauso schnell.

„Wir suchen doch nur den Mann im Rohr“, ruft Lilli von hinten.

„Mann im Rohr? Macke oder wat? Ick bin der Mann von eens drüber, und ick mach jetze richtich Ärger. Legt euch hinne. Ick muss morgen früh raus.“

„Mann, ich wollte doch nur Blade Runner sehen … .“

Der Riese guckt mich mit großen Augen an.

„Läuft der jetze?“

„Science Fiction Channel. Ja.“

„Hab ick nich.“ Er linst über meine Schulter. „Würd ick ja  jerne mal wieder gucken, echt.“

Fünf Minuten später sitzt er auf dem Sofa. Neben ihm lungert der verräterische Peppi, in der Schnauze die letzten Reste der Chipstüte. Aus den Augenwinkeln sehe ich noch, wie der Blade Runner zweimal seine Waffe abfeuert. Es ist zum Heulen.

Das eigentliche Drama geht nun im Bad weiter. Lilli kontrolliert den Abfluss im Waschbecken.

„Wenn der Mann im Rohr da jetzt doch drin ist und nur wartet?“

Ich weiß nicht, ob sie mich nur ärgern will oder es ernst meint. Es spielt auch keine Rolle. Dieses Kind muss ins Bett, egal wie. Hinter der Toilette liegt ein Werkzeugkasten. Wasser abdrehen und mit der Kneifzange das Rohr unter der Spüle aufdrehen. Das geht schnell. Lilli hockt neben mir und blinzelt in das Rohr. Ich leuchte mit einer Kugelschreiberlampe hinein.

„Kein Mann da. Bist du jetzt zufrieden?“

Sie nickt. Schweigend geht sie ins Bett und zieht sich die Decke über den Kopf.

„Und wenn der Mann im Rohr doch irgendwann mal  zu mir kommt?“

Dann schlägst du mit dem Löffelchen auf dem Rohr so lange rum, bis der Riese von oben kommt. Der hilft dir schon.“

„Na gut.“

Drüben im Wohnzimmer läuft der Showdown. Ein ermatteter Bade Runner liegt mit seinem Kontrahenten zusammengesackt auf dem Dach eines Hochhauses. Ein paar Takte später ist der Film zuende. Der Riese steht auf und geht.

„Is einfach `n geiler Film. Hat richtich jut jetan. Juti, wa, vielen Dank, wa. Ick penn jetze ne Runde.“

Und weg ist er. Meine Dose Red Bull hat er ausgetrunken. Peppi liegt ermattet und vollgefressen in seinem Korb. Lilli schläft. Ich bin fertig.

Und irgendwo in der Nähe höre ich aus einem Rohr das blecherne Lachen eines Mannes.

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ESST, ESST, BIS IHR PLATZT …

Fattie

Ich habe noch nie einen Menschen gesehen, der es schafft, ein ganzes Mars im Stück zu vertilgen. Bis heute. Peter ist ein großer Mensch. Aber auch schwer. Die einzigen Muskeln, die er unermüdlich und leidenschaftlich bewegt, sind in seinem Kiefer.

Kauen. Zerstampfen. Wegschlucken.

Wir haben uns heute Morgen am Helmholtzplatz verabredet. Zum Brunchen. Claudine stellt mir ihren Ex-Freund vor.  Peter ist schon ganz aufgeregt. Er schüttelt meine Hand hektisch, blickt mir nicht ins Gesicht und durchforstet stattdessen lieber die Umgebung nach Nahrung. Immer wieder schiebt er sein Hemd in die Hose. Die unteren Knöpfe kriegt er sowieso nicht mehr zu. Sein Bauch ist ein festlich gespanntes Zelt . Ein wackelnder Geigerzähler, der bei besonders kalorienhaltiger Nahrung wild vibriert. Er kneift die Augen zusammen. Er ist ein Jäger. Und er hat Hunger. Großen Hunger.

„Also, mal sehen. Da drüben kostet der Brunch 12,50 Euro.  Zu wenig Fleich. Ist also nix.  Da drüben gibt´s was für 9,50 Euro, aber die Beilagen taugen nichts. Viel zu viel Obst. Sowas mag ich nicht. Die da nehmen 11 Euro. Kann ich nur empfehlen. Bouletten, Nudeln und Würste und dann noch Tiramisu als Nachtisch. Da gehen wir hin. Man braucht ja auf dem Teller ´n bisschen was zum Spielen.“

Er beendet seinen Vortrag mit einem lauten und disharmonischen Lachen und schiebt seinen Bauch über die Straße. Wir folgen ihm.

„Das war mal dein Freund? Ich fass es nicht. Wirklich nicht“, flüster ich Claudine im Gehen zu.

„Der war mal ganz schlank. Und außerdem waren wir nur ein halbes Jahr zusammen.“

„Und danach hat er seinen Kummer in zweihundert Litern flüssiger Schokolade ertränkt?“

Claudine schweigt. Endlich, nach all der Zeit, habe ich an ihr eine Schwäche entdeckt, die sie nicht vertuschen kann. Peters innere Werte müssen ja gewaltig sein – zumindest wenn ich sie ins Verhältnis zu seiner Leibesfülle setze.

Im Restaurant hat er sofort die volle Übersicht. Er greift sich den Tisch, der am nächsten zum Buffet steht. Er lacht schon wieder.

„Ist der beste Platz hier. Von hier aus können wir in die Küche gucken. Dann sehen wir gleich, wenn wieder was Neues kommt. Da sind wir die ersten am Buffet.  Ist das A und O – könnt ihr mir glauben … „

Er zwinkert uns mit seinen kleinen Augen fröhlich zu. Claudine senkt beschämt den Kopf.

„Da hat er Recht, der Peter, oder ?“, rufe ich ihr in einem Anfall von Verrätertum zu.

„Aber so was von … „, raunt uns Peter kauend über den Tisch zu.

Claudine knirscht nur mit den Zähnen. Am liebsten würde sie sich eine Serviette über ihr Gesicht hängen, so peinlich ist es ihr.  Es ist ein herrlicher Moment, den ich mir ganz, ganz fest einpräge für später , wenn die Tage wieder dunkler werden.

In der folgenden halben Stunde galoppiert Peter mit vollendeter Eleganz das Buffet hoch und runter. Er tänzelt um den Bohnensalat herum, dreht Pirouetten um die Bouletten, balanciert Melonenscheiben auf seinen ausgestreckten Armen und dabei lässt er den erschöpften Koch in der Küche nicht eine Sekunde aus den Augen.

Ich bin schon nach einer halben Portion Milchreis erledigt. Das kann Peter gar nicht verstehen. Das lässt er auch nicht zu. Er greift in die Tasche seines Jacketts und zieht eine Zitrone heraus.

„Jetzt nicht schlappmachen. Wenn der Magen voll ist, einfach an einer Scheibe Zitrone kauen. Das regt die Magensäure an. Dann ist das Völlegefühl weg, und es geht wieder was rein … Könnt ihr mir glauben.“

Ich glaube es ihm. Sofort.  Dennoch streckt er mir immer wieder die Zitrone über den Tisch. Irgendwann beiße ich genervt rein. Ich will es mir nicht mit meinem neuen Verbündeten verscherzen.

„Warum habt ihr euch damals eigentlich getrennt?“ , frage ich und habe größte Schwierigkeiten, die Worte mit meiner übersäuerten Zunge zu formulieren.

Claudine knurrt etwas Unverständliches und zeigt mir die Zähne. Sie presst die Lippen so hart dagegen, dass das Rot ihres Lippenstiftes Spuren auf dem weißen Zahnschmelz hinterlässt. Einen Moment lang sieht sie aus, als hätte sie an einem schamanischen Heilungsritual der Duga-Indianer teilgenommen.

„Das passte irgendwie nicht“, zischelt sie mich von der Seite an.

„Ist mir nicht leichtgefallen, mich damals zu trennen. Echt nicht.“  Peter quetscht die Sätze zwischen dem Schwänzchen einer Makrele hervor, das auf seiner Zunge auf- und abwippt.

„Er hat sich von dir getrennt?“,  frage ich Claudine.

„Das ist fünfzehn Jahre her.“

„Na und? Passiert ist es trotzdem.“

Peter lauscht dem Dialog mit großer Freude. „Na, Claudinechen hatte damals auch ein paar mehr Gramm auf den Rippchen. Mich hat`s ein bisschen gestört“.

Er fährt seine Handflächen in der Luft aus, um wie ein Angler rein imaginär die Größe eines Walfischs anzudeuten.  „War `ne andere Zeit. Heute wär mir das egal“, sagt er, beugt sich mit seinen dicken Bäckchen nach vorne und zwinkert Claudine zu.

Sie zappelt unruhig auf dem Stuhl herum.  Natürlich. In einer solchen Situation weiß man ja nie, was eine Ex-Liebschaft noch so alles auspackt. Als draußen, vor dem Restaurant, eine silbergraue Mercedes-Limousine vorfährt, lehnt sie sich entspannt an die Lehne ihres Stuhls zurück und atmet mit Erleichterung die Luft aus. Peter registriert den Wagen aus den Augenwinkeln.

„Oh, ich muss los, zum Flughafen.  Jetzt geht´s wieder ab nach Frankfurt. Ich muss zu ´ner Aktionärsversammlung. Stinklangweilig, aber das Essen ist echt `ne Pracht. Das lohnt sich.“

Er erhebt sich mit einem Ächzen vom Stuhl, greift nach einer Serviette und legt ein paar Cremebällchen vom Buffet hinein . Vorsichtig, ganz vorsichtig verstaut er die Beute in seiner Jackettasche. „Marschproviant„, ruft er uns noch einmal fröhlich zu, dann ist er verschwunden.

Auf dem Nachhauseweg schweigt Claudine. Sie starrt auf ihre Schuhspitzen und kneift die Lippen zusammen.  Wie eine geschlagene Jeanne D`arc ist sie vom Schlachtfeld des Buffets von dannen gezogen – auf ihrer Rüstung Fettspritzer und Spuren von Schokoladentorte. Es ist ein wundervoller Moment.

Ich frage mich, wie es wohl gewesen wäre, wenn sie mit Peter zusammen geblieben wäre. Vielleicht hätten sich die beiden zum Ausklang eines jeden Abends Sahne in die weit geöffneten  Münder gespritzt  und sämtliche Pizzaboten der Stadt verschlissen.

Ich versuche, mein Lächeln herunterzuschlucken. Zu spät. Sie sieht es.

„Ich kenn dich. Ich weiß genau, was du denkst. Ich kann es fast riechen.  Ich empfehle dir,  jetzt einfach mal den Mund zu halten – sonst ist hier Riesenärger im Anmarsch, klar?“  

Ich schweige. Aber es ist das beste Schweigen, dass es jemals auf der Welt gab  – und von allen Welten, die da noch kommen.

Jede Wette.

DIE KLEINE AMERIKANERIN HAT ANGST

Flag

Elf Uhr am Morgen –  Ich wollte schlafen, aber das Handy auf meinem Nachttisch vibriert so laut, dass ich das Gefühl habe, in einem fahrenden Zug nach Moskau zu liegen.  Die Nummer auf dem Display kenne ich nicht. Die Stimme am anderen Ende schon.

„Du musst … schnell kommen, ganz, ganz schnell … pleaaaassseee … die haben …  ach, es ist schrecklich … please …“

Es ist Shirley, die Amerikanerin. Ihre Stimme ist hoch, verheult und irgendwie atemlos. Ich müsste ihr helfen.  Auf der anderen Seite ist mein Bett warm, die Kissen weich und ich bin müde. Ich schließe die Augen wieder. Und wenn jetzt doch was ganz Aufregendes passiert ist? Nachher ärgere ich mich womöglich, dass mir eine tolle Geschichte entgangen ist. Na gut. Kontaktlinsen rein (für besonders klare und voyeuristische Sicht), und auf geht es zum Katastrophentourismus drei Straßen weiter. Ich habe die Wohnung im vierten Stock noch nicht einmal erreicht, das Elend präsentiert sich dennoch in seiner destruktiven Pracht. Nun ist es also doch passiert:

Die Altbautür ist aufgebrochen worden. Holz liegt zersplittert im Treppenhaus herum, und Shirley steht in einem albernen roséfarbenen Nachthemd und einer grauen Strickjacke  im Türrahmen als könne sie sich nicht zwischen einem Laufstegabenteuer bei Victorias Secret und einer Runde Berghüttenromantik entscheiden. Ihr hyperwasserstoffblondes Haar steht aufrecht wie ein Turm in der Höhe.  In der einen Hand hält sie ein Kartoffelmesser. Sie stürzt auf mich zu und umarmt mich heulend.

„Die sind hier … einfach reingekommen … es hat so einen Krach gemacht … bang … look at the door … terrible … „

„Du warst innen in der Wohnung, als sie kamen?“

Sie nickt. „Da waren zwei Männer.“

„Du wolltest sie mit dem Kartoffelmesser vertreiben?“

Sie nickt schon wieder.

„Haben sie was geklaut?“

„Nur mein Handy … und den Staubsauger im Flur.“

„Den Staubsauger?“

Sie nickt. „It´s gone.“

Zwei Männer brechen eine Tür auf. Dann werden sie von einer kartoffelmesserschwingenden 158 Zentimeter großen Deutschlehrerin aus North Dakota vertrieben und können gerade noch ein Handy und einen Staubsauger klauen. Wie groß kann die Verzweiflung unter Kriminellen eigentlich sein? Irgendwie auch würdelos. Ich hatte mir das organisierte Verbrechen ganz anders vorgestellt. Prachtvoller irgendwie. Ich rufe die Polizei an.  Zwei schnaufende Beamte ziehen sich 45 Minuten später am Treppengeländer hoch und gucken sich das Desaster an. Shirley soll die Männer beschreiben.

„Die waren alle groß… big… more like that… smaller … nicht sooo klein… und… dunkelhaarig … aber nicht zu dunkel … eigentlich blond …  aber doch dunkel …“

Ihre größentechnischen Beschreibungen schwanken zwischen einer hobbitähnlichen Kleinwüchsigengang und den Familienmitgliedern des Koloss von Rhodos. Die Beamten geben entnervt auf und verriegeln die Tür provisorisch. Schuld waren sowieso die Nachbarn, die einfach frech in den Urlaub gefahren sind und das Haus halbleer zurückgelassen haben.  So was tut man nicht. Die richtigen Probleme fangen aber erst an.

„Ich kann ja bei dir bleiben … bis morgen, ja ?“, fragt sie ganz direkt.

Jeder hätte jetzt aus Mitleid genickt. Der eine später, der andere noch später. Da steht Shirley nun. Unter ihrem Arm klemmt ihre in Klarsichtfolie eingeschlagene Familienbibel – ihr ständiger Begleiter. In einer Hand trägt sie eine Kulturtasche mit dem Aufdruck lachender Hundeköpfe, in der anderen Hand einen Apfel, in den sie knirschend hineinbeißt. Wir laufen die Straße herunter. Shirley geht ganz vorsichtig. Sie blinzelt in die Morgensonne wie ein Spitzmausmaulwurf.

„Sag mal, wo ist eigentlich deine Brille?“

Sie linst mich von der Seite an. „Ich bin am Herrmannplatz U-Bahn gefahren… nachts…  und da kam so ein Mann und hat mir … my glasses… die hat er mir von der Nase gerissen.“

„Geklaut? Und dann ist er weggelaufen?“

„No, no, no …  Der hat mich nur angestarrt und gegrinst.  Dann hat er gesagt, für zehn Euro krieg ich die Brille zurück.  Ich sollte die ihm abkaufen, you know?“

Ich würde von Deals am U-Bahnhof Herrmannplatz um Mitternacht grundsätzlich Abstand nehmen. Eigentlich auch tagsüber. Immer sozusagen. Lauf Shirley, lauf, lauf …  Diese Lektion hätte sie nach über zwei Monaten in Berlin eigentlich lernen müssen. Hat sie aber nicht.

„Und wo ist die Brille jetzt?“

„Der Mann hat mir die Börse aus der Hand gerissen, und dann ist er an der nächsten Station abgehauen.  Und die Brille hat er auch mitgenommen.  Ist eine Sauerei bei euch in Deutschland , so was“

„So ein Quatsch. Was fährst du denn da nachts U-Bahn? Das ist so, als ob ich nachts mit Goldbarren durch den Central Park laufe oder mir in der Dunkelheit die brennenden Mülltonnen in Harlem angucke  –  und dann beschwere ich mich auch noch, wenn ich überfallen werde.“

„Aber die Brille hat mir noch keiner geklaut. Nur hier.“

„Aber überfallen wurdest du schon?“

„Dreimal. Zuhause in Dakota.“

„Echt?“

„Ja. Aber nicht die Brille. Das ist nur hier passiert“, sagt sie wütend und stampft einmal mit ihrem kleinen Fuß auf den Asphalt.

Das Opfer seiner Sehkraft berauben, es verhöhnen, es wie beim Blinde-Kuh-Spiel schön um die eigene Achse drehen und hilflos für den nächsten Überfall zurücklassen. Es war sicher ein kriminelles Pilotprojekt, dass man gerne an amerikanischen Touristen ausprobiert. Hat vorzüglich geklappt, Jungs. Respekt.

Einen Moment später läuft Shirley missmutig durch meine Wohnung. Im Schlafzimmer bleibt sie stehen und betrachtet mein Bett.

„Ach, kann ich hier schlafen?“

„Nein, du schläfst in Claudines Zimmer. Die ist erst am Wochenende wieder da.“

Shirley inspiziert den Raum. Claudines High Heels, ihre Dessous und die abstruse Sammlung verkleckerter Nagellacke, die einmal quer durch den Raum verteilt sind,  geben ihr den Rest.  Für ein aufrichtiges Mädchen aus Dakota präsentiert sich hier die Vorhölle in den schillernsten Farben.

Shirley legt die abgenagte Apfelkitsche auf den Nachttisch, setzt sich auf die Bettkante und umklammert ihre Bibel wie einen Rettungsanker.

„Das wird schon wieder“, heuchel ich ihr frech ins Gesicht und ziehe die Tür zu. Dann prüfe ich die Adressen aller Tischlereien in Berlin. Die Wohnungstür muss repariert werden. Egal, wie. Egal, wie teuer. Schnell muss es gehen. Das ist die Hauptsache.

Als ich mir ein Zigarillo anstecke, höre ich einen Moment später das anklagende Husten drei Räume weiter.  Ich drücke meine Partagas aus. Auf meinem Weg in die Küche lausche ich an Shirleys Tür. Da ist etwas … merkwürdiges. Ein Flüstern. Ganz ernst und energisch. Es klingt, als würde sich Shirley selbst Passagen aus der Bibel vorlesen. Vielleicht will sie aber auch nur die bösen Geister aus Claudines Zimmer vertreiben. Ein Exorzismus womöglich.

Aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein.

Es kann nur so sein.