Monatsarchiv: März 2014

ICH BIN SO HÄSSLICH …

Ugly

Manchmal gibt es Geschichten, die fangen ganz harmlos an – und später, viel, viel später, versuchen wir uns zu erinnern, wie das Desaster eigentlich begonnen hat und warum wir es nicht sofort erstickt haben, als würden wir mit der flachen Hand auf eine brennende Kerze schlagen. Sicher, es tut  einen Moment weh – dafür ist es aber wenigstens schnell vorbei.

Diese Geschichte beginnt bei meinem Lieblingsitaliener. Claudine sitzt mir seit anderthalb Stunden gegenüber und redet und redet. Ich weiß im Zeitraffer praktisch alles über die missratenen Online-Dating-Versuche ihrer besten Freundin (kein Wunder, wenn man mich fragt) , die neue Zahnspange ihres schwulen Friseurs (bringt bei den krummen Hauern sowieso nichts) und die Abenteuer einer befreundeten Stewardess, die sich schwerreiche Männer vorzugsweise in den Reihen 1-3 der First Class wegangelt (zweifelsohne die interessanteste Geschichte).

Claudine brabbelt ohne Unterbrechung, wie ein plätschender Niagarafall, und dann stoppt sie, als wäre alles Wasser dieser Erde mit einem Schlag versiegt.  Sie blickt in die Fensterscheibe des Restaurants, legt ihre Stirn in Falten und zerrt mit den Fingerspitzen an ihrer Haut.

„Sag mal …“, zwei Worte nur, in denen sich aber ein Jahrhundete alter Schrecken eingenistet hat.

Sie hält sich ein Milchkännchen aus Chrom vor das Gesicht und starrt mit riesigen Augen in die reflektierende Oberfläche. Es erinnert mich an eine Dokumentation über frei lebende Gorillas, die sich selbst zum ersten Mal in einem Spiegel betrachten.

„Na also … das ist doch … mein Gott … wo kommt das her … das ist … unfassbar“

„Du hast da einen Schokokrümel im Mundwinkel, soll ich den …?“

„Mann, das da oben, das ist eine Falte an meiner Stirn. Wo kommt die her? Die war doch vorhin nicht da. Was soll der Scheiß?“

In dem schummrigen Licht des Restaurants ist eigentlich nicht viel  zu sehen.

„Meinst du diese kleine Falte da, die wie ein Strich aussieht?“

„Aha“, sie knallt das Kännchen auf den Tisch, Milch schwappt auf mein Handy,  sie verengt die Augen zu Schlitzen. „Du siehst es also auch. Die Falte ist wirklich da. Ja?“

An dieser Stelle hätte ich laut rufen müssen, Quatsch, da ist nichts. Unsinn. Stattdessen sage ich, „ist doch nur eine klitzekleine Falte. Ganz klein, wirklich  …“

„Das kann ich nicht akzeptieren. Die war  irgendwann mal nicht da. Ich will so was nicht. Die muss da weg. Irgendwie.“

Zwei Tage und 14 Stunden später öffne ich die Tür zu meiner Wohnung. Claudine hat ein Handtuch um ihre Haare gebunden, ihr Kopf ist knallrot. Die Haut in ihrem Gesicht sieht schuppig aus, als würde der Herbstwind lose Blätter durch Berlins Straßen pusten.

„Und?“, ruft sie mit einer ordentlichen Portion Euphorie in der Stimme.

Auf diese Antwort kommt es an. Ich spüre es. Das leichte Zittern in meinen Händen ignoriere ich. „Ja, ist gut, wirklich …“, und ich verberge meine Ahnungslosigkeit hinter jahrelang antrainierter Heuchelei.

„War ein knallhartes Chemopeeling. Brennt wie die Hölle. Ach was, viel schlimmer noch, aber hier…“ sie hält mir ein Lineal hin, und ich nehme es wie ein Steinzeitmensch in die Hände, dem man gerade ein Tablet herüberreicht.

„Miss nach. Mach mal. Na, los …“

„Was?“

„Na, die Falte. jetzt mach schon …“

Ich lege das Lineal an ihre Stirn. Ich messe eine Länge von 3,3 Zentimetern. „Also … ich würde mal sagen …“

„Na? Was ? Wieviel, hm?“

„2,9 Zentimeter … vielleicht sogar ein bisschen weniger“, den Frendschaftsbonus habe ich gleich abgezogen.

Sie klatscht so heftig in die Hände, dass ein kleines Meer aus Schuppen aus ihrem Gesicht fällt. „Siehst du? Die krieg ich noch ganz weg. Habe ich es dir nicht gesagt?“

Hat sie.  In den nächsten zwei Tagen ist ihr Ehrgeiz so sehr angeschwollen, dass sie mit aller Gewalt auf einen Zentimeter herunterkommen will. Draußen, in der Sonne, trägt sie eine weiße, schützende Creme. Passend mit der dazugehörigen schwarzen Sonnenbrille erinnert sie mich an ein in Prenzlauer Berg gestrandetes Gothik-Biest. Wenn sie über die Straße geht,  schwenken Mütter ihre Kinderwagen sofort in eine andere Richtung.

Und dann, an einem folgenschweren Donnerstag,  klopft die Ernüchterung an meine Haustür, und ich mache ihr auf.

„Weißt du was passiert ist? Weißt du es? Es sind wieder 3,9  Zentimeter. Ich flipp noch aus. Jetzt mache ich Ernst. Jetzt reicht es.“

Einen Tag später sitze ich mit ihr in einer Praxis. Aus einem albern chinesisch anmutenden Brunnen läuft Wasser über blank polierte Steine. Der Doktor begrüßt Claudine wie eine verloren geglaubte Schwester, nach der man jahrzehntelang gesucht hat.

„Schön, dass Sie da sind. So eine Botox-Injektion ist ja nur eine kleine Sache. Klitzeklitzeklein, kein Grund zur Sorge.“

Ich mag ihn nicht. Seine Haare wirken unnatürlich dicht. An seiner Haarlinie sehe ich viele kleine dunkle Punkte, die auf eine verpfuschte Haartransplantation hindeuten. Sein Gesicht ist so glatt, dass man es selbst als Kinderloser sofort wie einen Babypopo pudern möchte. Er verschwindet mit Claudine im Nebenzimmer. Ich bleibe alleine mit dem nervenden Chinabrunnen zurück. Aus meiner Tasche ziehe ich einen Energydrink. Verschlusslasche weg und ein tiefer Schluck. Ich brauche Kraft.

Die Assistenten des Doktors blickt mich aus entzürnten Augen an.

„Das ist aber nicht gesund, was Sie da trinken.“ Sie ist über vierzig, ebenfalls mit spiegelglattem Gesicht und einer Oberweite, die die Gesetze der Schwerkraft lauthals verhöhnt.

„Aber Schlangengift in der Stirn ist eine echte Therapie, was?“

Sie pustet die Luft wie einen Orkan aus. „Wir helfen den Menschen, die zu uns kommen. Warten Sie mal ab. Ein paar Jahre drauf, da kommen Sie hier vielleicht auch vorbei“, und dann läuft sie um ihren Tresen herum, stützt ihre Händen in die Hüften und betrachtet mich wie unter einem Mikroskop.

„Sie sind ein Schlupflid-Typ. Ihre Augenlider erschlaffen vielleicht bald noch mehr. Das kann nicht mehr lange dauern. Das könnten Sie hier machen lassen. Ist nur ein kleiner Eingriff. Das dauert gerade mal 15 Minuten.“

„Ich habe gute Ohren. Wenn ich weniger sehe, stört mich das nicht.“

„Wenn Sie es schon ansprechen. Ihre Ohren gehen sehr spitz nach oben, die könnte man unten etwas anlegen. Gibt eine bessere Linie.“

„Hat das Vorteile, wenn ich mir einen Pullover über den Kopf ziehe?“

Ihr Schnaufen ist laut und endgültig, als sie wieder hinter ihrem Tresen verschwindet und mich, den Freak, der einfach nicht will, mit verborgenen Blicken mustert.

Im Zimmer am Ende des Ganges höre ich Claudines Stimme.

„Ah. Oh. Aua… „

Das muss ich mir angucken. Die Tür ist nur halb verschlossen, und da sitzt sie. Auf einem Behandlungsstuhl. Ihre Hände sind um die Lehne verkrampft. Der Doktor hält die Spritze wie ein Messer in der Hand. Immer wieder sticht er zu und versenkt die viel zu lange Nadel in ihrer Stirn, behämmert sie wie ein irrer Hufschmied, der an seinem Meisterstück arbeitet. Es ist grausam. In diesen Sekunden wünsche ich mir gewaltige Schlupflider herbei, die wie eine fleischige Masse über meine Pupillen fallen. Natürlich weiß ich, dass ich die Milde der vergehenden Jahre brauchen werde, um diese Bilder wieder zu vergessen.

In den folgenden Tagen wirkt Claudine höchst zufrieden. Das Lineal verschwindet in der Schublade meines Schreibtisches. Ihre Haut sieht wieder menschlich aus. Als sich die Stirnfalte endlich in ein mickriges Überbleibsel einer kurzzeitigen alterstechnischen Verstimmung verwandelt hat, lädt sie mich zum Essen ein.

Die Kerzen auf dem Tisch des Italieners flackern. Das Tiramisu wird über den Teller gekleckert. Der Rotwein schwappt munter hin und her. Nur für einen kurzen Moment wird die Schönheit des Abends unterbrochen, als Claudine ihre Reflektion im Fensterglas betrachtet.

„Du, sag mal … „

„Ja?“

„Spinne ich, oder ist mein rechtes Augenlid etwas tiefer als mein linkes?“

Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten. Da hat Albert Einstein zweifelsohne Recht gehabt, und diesmal bin ich schlauer.

„Ach was, da ist nichts. So ein Quatsch. Du hast zwei hübsche, symmetrische Augen. Fast schon perfekt. Eigentlich langweilig, aber auch hübsch.“

Sie lächelt zufrieden und versenkt ihre Gabel im Tiramisu. Na bitte, geht doch. Soll doch keiner sagen, dass ich nicht lernfähig bin.

Wobei, wenn ich ganz ehrlich bin … also …  das rechte Augenlid erscheint mir tatsächlich ein ganz kleines bisschen tiefer als das linke … nur ein ganz kleines bisschen …

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