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WOVOR AUTOREN WIRKLICH ZITTERN – DAS GEHEIMNIS DES GRAUEN GREIFERS

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Tatsächlich hat sich bei mir eine befreundete Autorin über ihr Publikum bei Lesungen beschwert. „Die haben die Aldi-Tüten noch unterm Arm und hängen sich dann bei mir zum Dösen ab. Bei meiner Lesung. Das glaubst du nicht. Und gekauft haben die auch nichts. Und nur blöde Fragen gestellt. Einer hat sogar ’ne Thunfischdose aufgemacht und mit einer Plastikgabel in der Dose rumgestochert.“

Ich mag ja solche Geschichten. In Berlin, und darum geht es hier, ist alles immer ein bisschen anders – und von mir aus darf ein Zuhörer auch mitten in der Lesung sein Bierchen zischen. Stört mich nicht. Ist echt, und muss vielleicht auch so sein. Tatsächlich aber sind mir seit meinen “Federspiel-Lesungen”, so unterhaltsame Charaktere begegnet, dass ich von Berlin über Braunschweig und von Leipzig bis nach Linz ein ganz eigenes Kuriositätenkabinett habe. Anschnallen. Da sind sie: Zuhörer, die Autoren zum Zittern bringen:

Der graue Greifer: Er ist mindestens achtzig, kommt nach der Lesung zu mir und packt beide meiner Hände: “Sie haben zu viele Gedanken da oben drin. (deutet auf meinen Kopf) Da müssen Sie aufpassen.”

Klingt wie eine Drohung. Meine Hände hält er immer noch. Stahlgraue Augen kleben an mir.

“’n guter Freund von mir ist auch so wie Sie. Jetzt hat er Alzheimer.”

“Tut mir leid.”

Er presst meine Hände noch stärker. “Im Rollstuhl sitzt er auch.”

Ich knirsche mit den Zähnen. Meine Finger kriege ich immer noch nicht frei.

“Und er ist inkontinent. Hat so ein Beutelchen am Rollstuhl. Muss er überall mit hinnehmen.” Er lässt meine Hände wie ein ungeliebtes Kuscheltier fallen, knöpft sich seine Weste zu und schreitet zur Tür hinaus. “Schönen Abend wünsche ich Ihnen noch.”

“Danke.”

Er lässt mich zurück. Einfach so. In meinem Kopf trudeln die Bilder von meinem zerfallenen Körper in einem Rollstuhl auf und ab. Keiner will mich schieben. Und ja, natürlich … auch dieses verdammte Beutelchen. Widerlich und prall gefüllt schaukelt es vor meinem inneren Auge herum. Erst nach zwei Stunden in einer Bar verliert die Vorstellung ihre unangenehme Schärfe. Und manchmal, nur noch manchmal … denke ich daran. Immer noch viel zu oft. Der graue Greifer kann überall lauern.

Die tierische Traumtänzerin:  Bücher zu signieren kann Spaß machen. Ich freue mich, wenn jemand irgendeine besondere Auffälligkeit hat, die ich in einer Widmung unterbringen kann. Die Rentnerin mit ihren silberfarbenen Sportschuhen, die sie wie eine pensionierte Astronautin wirken lassen. Oder das Mädchen, das ihre Haare zu einer kunstvollen Bananenfrisur aufgetürmt hat, die ich am liebsten zum Einsturz bringen möchte.

Und dann kommt sie: Eine ernst wirkende Dame, mit dem Hauch einer Oberstudienrätin. Sie beugt sich vor und flüstert: “Können Sie mir bitte in die Widmung eine Eule reinmalen?” Ganz ernst meint sie es. Als ob ich mein ganzes Leben lang nachts in raschelnden Wäldern verbracht hätte, um die Gewohnheiten nächtlicher Raubtiere auszuspitzeln.

“Geht nicht auch eine Ente? Die kriege ich vielleicht noch hin.”

“Also … nein, es muss schon eine Eule sein. Ich lasse mir immer eine Eule reinmalen.”
Wie machen die anderen das denn? Haben die Schablonen? Oder üben sie das Eulen- Malen vorher, weil die Dame in der Szene berüchtigt ist?

Ich male. Ich schwitze. Die Schlange hinter der Dame wird immer länger.

Der Schnabel meiner Eule ähnelt einem verbogenen Kleiderbügel. Die Krallen hängen wie freudlos fallendes Lametta herab. Das überambitionierte Gekritzel eines Kleinkinds: Eine Eule wie aus dem Labor für besonders abscheuliche Mutationen, geboren aus einem lecken Atommeiler. Aber, bitte – fertig.

Die Dame betrachtet die Zeichnung und lächelt. “Schön.” Sie nimmt das Buch und schlägt die blanken Seiten am Ende auf. “Und hier hinten dann bitte die Ente.”

Kurzum: Ich bin nunmehr in der Lage, auf Befehl Giraffen, Eulen, Nilpferde und Wasserbüffel zu zeichnen. Ganze Zoos, wenn es sein muss. Ich bin da sehr folgsam.

Das gute Gothic-Girl: Sie sitzt in der zweiten Reihe und schluchzt. Ganz leise. Ich höre es trotzdem. Sie ist weiß geschminkt. Ihr Blechschmuck klirrt bei jedem Wort – an Nase, Mund und Ohr. Einmal senkt sie sogar den Kopf und holt ganz tief Luft, dabei wischt sie sich mit der Hand über beide Augen.

Es irritiert mich. Während ich den Text wie ein Sprachroboter weiterlese, rast mein Hirn zurück über die Textpassagen und sucht die Stellen, die theoretisch einen Weinkrampf auslösen können. Ich finde nichts, blinzel aber über meinen Buchrand. Da – ihre Unterlippe zittert. Ganz leicht nur. Aber ich sehe es.

Nach der Lesung kommt sie zu mir und drückt mich. Dabei versenkt sie ihr Gesicht in mein weißes Hemd und schluchzt noch einmal mit Nachdruck.

“Tschuldigung, ich musste immer an meine Schwester denken, als du die Stellen von der Henriette vorgelesen hast. Wir haben uns mal gestritten. Is ’n paar Jahre her. Ich ruf sie vielleicht doch mal an.”

Dann geht sie fort. Klirrend, mit flatterndem schwarzen Haar, und hohen Stiefeln.

Meine alte Freundin Claudine steht neben mir und tippt mir gegen die Brust:

“Guck mal, die hat dir mit ihrer Wimperntusche ein richtiges Kunstwerk ins Hemd geflennt. Sieht aus wie ein Rohrschachmuster.” Sie klopft noch einmal dagegen. “War ja klar, dass du solche Leute anziehst. Passt.”

Passt. Klar. Warum auch nicht?

Selbst nach dreimaliger Reinigung sind die schwarzen Schlieren im Hemd geblieben. Sieht aus, wie der in Heimarbeit entstandene Batik-Druck irgendeines Psychedelic-Freaks.

Aber das ist in Ordnung. Sehr sogar.

Am 2. Februar und am 16. März beginnen die Lesungen für das Hospital. Der zweite Februar in Berlin ist ausverkauft – aber wer mich in Potsdam besuchen möchte: Bitte sehr.

 

Am 16. März lese ich im Maz Media Store bei Krimi Live:

Friedrich-Ebert-Straße 85/86, 14467 Potsdam  – um 19 Uhr geht es los.

Ich bin sehr gespannt, wer diesmal durch die Tür kommt.

Irgendwie passt das schon.

Ganz sicher.

 

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FEDERSPIEL: DER ALBTRAUM EINER HAUSMEISTERIN

„Sie glauben wohl, dass ich ihre persönliche Putzfrau bin, oder was?” Meine Hausmeisterin hat diesen empört verkrampften Zug um ihre Lippen, der ihr den Charme eines stiernackigen Türstehers verpasst. “Bin ich aber nicht. Damit das mal klar ist.”

Ihre Kittelschürze ist komplett durchgeschwitzt. Dunkle Flecken sind vom Rocksaum bis hoch zu ihrem Halsausschnitt gewandert. Das verspielte Blumenmuster im Stoff ist durch die Nässe kaum noch erkennbar. Auf ihren nackten Oberarmen glänzt der Schweiß.  Es tröpfelt. Sie beugt sich vor und stützt den Oberkörper auf ihren Schrubber. “Ständig laufen Sie mit ihren  Energy-Drinks durchs Treppenhaus und verkleistern mir  das ganze  Linoleum.” Sie blickt über den Rand ihrer Brille. “Ständig. Das Zeug pappt wie Teer. Und Sie patschen auch immer noch mit Ihren Pfoten gegen die Glasscheibe an der Haustür. Meinen Sie, ich krieg das nicht mit?”

“Schon, aber …”

“Aber … aber … Immer dieses Aber. Das ist schon schlimm genug, und jetzt auch noch …”

“Tschuldigung.”  Ich möchte dieses Gespräch im Treppenhaus verkürzen. Mir ist viel zu heiß. Außerdem höre ich hinter den geschlossenen Wohnungstüren dieses verdächtige Rascheln, wie es nur entsteht, wenn ein neugieriger Nachbar sich leidenschaftsvoll mit seinem Körper gegen die Tür presst und durch den Spion linst. Ich bemühe mich um ein möglichst schuldbewusstes Gesicht: Blick senken, Augenbrauen runter ziehen und dabei auch noch die Schultern fallen lassen. Alles nach unten – und fertig.

Dieses schauspielerische Meisterstück hat schon während meiner Schulzeit eine unglaubliche Wirkung entfacht: Etwa, wenn mich meine knallharte Mathelehrerin dabei erwischt hatte, wie ich mit meinem Taschenmesser heiße Liebesschwüre in die Holzbank ritzte – dann einfach umschalten auf Betroffenheit. Die Experten garnieren diese Gestik noch mit einem treudoofen Augenaufschlag und einem angedeuteten Schluchzen. Meist war meine Lehrerin dann so gerührt, dass sie mir auch noch die Hälfte von ihren selbstgeschmierten Teewurst-Stullen angeboten hat. Die Betroffenheits-Nummer klappt immer. Eigentlich.

Meine Hausmeisterin atmet tief aus. Es klingt, wie die entweichende Luft aus einem Schlauchboot. “Jetzt machen Sie hier mal nicht auf unschuldiges Lamm. Können Sie sich sparen, das. Ich weiß doch, wie durchtrieben Sie sind” (Diese ungeheure Beschuldigung lässt sich übrigens  hier  ganz leicht überprüfen.)

Na gut. Dann eben nicht. War einen Versuch wert.

Sie greift in die rechte Tasche ihrer Kittelschürze und wühlt darin herum. Ein Schlüssel klappert. Das Papier eines zerfetzten Kinderriegels wird sichtbar und … drei weiße Federn. “Was ist das hier? Rupfen Sie Hühner in Ihrer Wohnung, oder was?”

Die Federn liegen ausgebreitet in ihrer schwieligen Hand. “Ich hab das Zeugs vor Ihrer Haustür gefunden, unten am Briefkasten, vorm Keller und an den Mülltonnen. Das ist doch nicht normal, so was!”

Natürlich könnte ich ihr jetzt erklären, dass ich einen Trailer für mein Buch “Federspiel” produziert habe. Die Federn sind die letzten Überbleibsel meines Drehs – und sie liegen überall in meiner Wohnung herum, zwischen Büchern, im Kühlschrank, auf dem Sofa – wirklich überall. Manchmal, wenn die Balkontür offen ist, treibt eine laue Sommerbrise die Federn in die Höhe und lässt sie durch die Wohnung fliegen. Aber nein, das behalte ich für mich. Sie würde meine Erklärung  nur als die bemühte Ausrede eines bereits Verurteilten abstempeln. In den Augen meiner Hausmeisterin bin ich ohnehin schon auf das Niveau eines Wilddiebs geschrumpft.

“Hm, muss irgendwas aus meinem Kissen sein.” Ich tippe mit dem Zeigefinger gegen meine Unterlippe. “Ja, das muss vom Kissen sein, ich bin mir sicher.”

“Sie pennen jetzt im Hausflur, oder wie?”

“Nein, natürlich nicht.  Tut mir leid. Aber wenigstens  pappen die Federn ja nicht am Boden.”

„Ach, dann is ja alles prima, was?“  Sie lacht ihr durchgeröstetes Nikotin-Gelächter, heiser im Abgang, mit diesem unverschämt klebrigen Timbre, wie es nur ein echter Raucher zustande bringt.  „Dann versuchen Sie doch mal selbst das Zeugs aufzusammeln.“  Sie streckt die Arme weit von sich und wiegt den Oberkörper hin und her. Sieht aus wie die perfekte Simulation einer Cessna im Landeanflug.  „Wenn ich da ranschrubbe, fliegen die hoch.  Die kann ich alle einzeln aufsammeln.“

Aber ist ja nun alles auch nicht sooo schlimm, oder?

Vor Empörung schaukelt  ihr grauer Dutt hin und her,  als würde er kurz vor dem Einsturz stehen.  “Nee, ist nicht schlimm. Klar. Für Sie is alles schön easy, was? Ich sag immer: Wer trübe Fenster hat, für den ist sowieso alles grau. Sie müssen mal Ihre Grundsätze überprüfen, junger Mann.” Sie stampft ihren Wischmopp in den Plastikeimer. Unser philosophischer Disput ist beendet.

Drei Tage später schickt mir der Verlag das erste Exemplar des Vorabdrucks meines Buches. “One of the very rarest things” heißt es in dem Begleitschreiben. Supernett. So ein Buch, das verschenkt man an die besten Freunde, an seine Eltern, an seine Frau, oder an … seine Hausmeisterin. Sie hat es sich irgendwie verdient. Unsere jahrelange Beziehung, all die vielen Höhen und Tiefen – Sie ist eine treue Begleiterin meines staubigen Alltags, und ohne sie hätte ich bedeutend weniger Spaß beim Treppenklettern im Hausflur.

Am Abend presse ich das Buch in ihren Briefkasten.

Die Tage vergehen. Einer. Noch einer. Und da ist die Woche plötzlich komplett, und wieder höre ich das satte Klatschen des Wischmopps im Hausflur. Ich gehe die Treppen hinab. Meine Hausmeisterin setzt ihre Brille auf, die wie üblich an ihrer klirrenden 70er-Jahre-Goldkette hängt.

“Und war es spannend?”, frage ich sie.

“Ja.” Dabei blickt sie mich an, als würden wir uns zum ersten Mal begegnen.

“Haben Ihnen die Figuren gefallen?”

“Ja.”

Ich bin fassungslos.  Das könnte der Beginn eines wundervollen Streitgesprächs sein, und nun versaut sie mir den Spaß. Irgendwie frech. “Und das Ende war auch in Ordnung?”  Komm schon, das kann dir doch nicht alles gefallen haben. Sei ehrlich. Fast möchte ich sie durchschütteln.

“Ja”, sagt sie mit gefestigter Stimme.

Was ist nur los mit ihr? Sicher haben die hohen Temperaturen ihre hausmeisterlichen Sinne ins Trudeln gebracht.

Sie lehnt den Wischmopp gegen die Wand und stemmt die Arme in die Hüften. “War ganz schön viel Sex drin.”  Sie beugt sich vor.  “Und ordentlich Gewalt.” Sie kommt noch ein Stückchen näher. “Aber das sage ich Ihnen: Ich möchte nicht in Ihren Kopf reingucken.” Sie tippt sich gegen die Stirn. Mehrmals sogar. “Da muss ja sonst was los sein, da oben bei Ihnen.” Sie wackelt mit ihren großen Zehen, die über den Rand ihrer Gesundheitsschuhe hervorlugen –  ganz so, als ob sie  meinem einstmals gesunden Geist bei seinem Sturz in den Irrsinn zum Abschied zuwinkt.

“Schön, dass es Ihnen gefallen hat.”

„Mmmm …“ Sie brummt wie ein übellauniger Bär, der aus dem Winterschlaf gerissen wird.  “Aber glauben Sie mal bloß nicht, dass Sie jetzt ’nen Freibrief haben und mir hier weiter mein Haus einsauen können. Klar? Keine Federn mehr.”

“Klar.”

Als ich im Erdgeschoss ankomme, höre ich zwischen dem Platschen des Wischmopps ihre verstreuten Wortfetzen durchs Haus hallen: “Federn … auf was für Ideen Leute kommen … was hier so wohnt … demnächst schmeißt der noch Knochen in den Hausflur … Nee … ein Dreck hier heute …”

Ich öffne die Haustür. Draußen scheint die Sonne. Die Weide auf der Straße wiegt sich sanft im Wind. Vögel zwitschern.  Knochen … blitzblanke Knochen. Gräulich schimmernd .  Herausgerissen aus einem menschlichen Körper. Verstreut im Hausflur.  Hm … klingt irgendwie … richtig gut …  daraus lässt sich doch was machen …

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HÄSSLICH UND GEMEIN: DIE SCHEUSSLICHSTEN BERLINER EVER

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Die Tür des Restaurants klappt auf. Drei junge Frauen, behangen mit Goldkettchen und Hermès-Täschchen laufen über das Parkett. Sie rammen ihre nachgemachten Louboutin-Stilettos mit freudvoller Leidenschaft an der Zerstörung in das Holz. Klack. Klack. Klack. Wir sind es, die tollen drei Hübschies, die hier jetzt essen gehen. Bewundert uns bitte. Im Takt der Schritte recken sie ihre Hälse wie gierige Schwäne nach oben zur Decke, als würden von dort Brotkrumen in ihre Schnäbel fallen. Blond, brünett und rothaarig wackeln sie durch das Restaurant – für jeden Geschmack ist etwas dabei in diesem Sortiment aus verstörender Selbstverliebtheit.

Ich sitze mit Petra und Bernd an einem Tisch. Die vorbeiziehende Parfumwolke, dieses Mischmasch aus Flieder und orientalischer Süße, erlebe ich als Nahtoderfahrung. Petra und Bernd rümpfen nur kurz die Nase. Sie sind verständnisvoll. Oder abgestumpft. Vielleicht auch beides.

Und selbstverständlich nehmen Blondie, Black Fury und Feuerlocke am Nachbartisch Platz. Das muss so sein. Ich darf mein Essen nicht genießen. Auf gar keinen Fall. Sofort plappern die drei in einer Lautstärke los, die den entspannten 130 Dezibel eines vorbeirauschenden Düsenflugzeugs entspricht. Ich höre alles. Jedes Wort und jede Silbe. Ich sehne mich nach einem erlösenden Tinnitus, diesem alles übertönenden und friedfertigen Rauschen. Aber da kommt nichts.

In der nächsten Stunde nehme ich Teil an einer Reise durch das Leben von drei ca. 25jährigen jungen Damen, die ganz genau wissen, wie die Welt da draußen funktioniert – aus kichernden Kehlen vorgetragen und in den schrillen Tönen  kreischender Lachmöwen intoniert:

Blondie hat sich von ihrem Freund getrennt, weil er die anvisierten 130.000 Euro jährliches Brutto-Einkommen nicht gepackt hat. Klar. So ein antriebsloser Loser, der im Vertrieb arbeitet. Weg mit ihm. Ganz recht. 130.000 sind das Ziel, und wenn er das nicht liefert, muss eben der Nächste ran. Ist doch wirklich nicht zuviel verlangt.

Feuerlocke wurde beim Friseur am Ohrläppchen geritzt. Sie hat den Ladeninhaber angezeigt und erhofft sich nun einen Batzen Geld. Denen muss man es aber auch mal zeigen, diesen Berliner Aggro-Coiffeuren. Sie modelt ja nebenbei, da ist das berufsgefährdend. Ich betrachte ihre Hinterfront, prüfe beide Ohren auf die erwähnte Scherenattacke – und sehe nichts. Ihrer Erzählung nach müsste die Hälfte ihrer linken Ohrmuschel zerfetzt am Schädel hängen. Aber nein. Nichts. Schade.

Blackie ist die heimliche Chefin am Tisch. Wenn sie spricht,  schweigen ihre Freundinnen mit offenem Mund. Die Brünette hat eine Affäre mit ihrem Professor. Der fährt sie abends immer nach Hause und macht ihr ganz tolle Geschenke. Während ihrer Ausführungen tippt sie auf eine geschmacklose Golduhr am Handgelenk, die so aussieht, als ob man sie beim Chinesen an der Ecke beim Kauf von zehn Wassersuppen gratis dazu bekommt. Wenn ich ihre Ausführungen richtig deute, sieht sie in der Ehefrau ihres Profs nur noch ein verlebtes Frettchen, das kurz vor dem Abschuss steht. Mann muss  abwarten im Leben. Geduld. Irgendwann wird Blackies ergrauter Mäzen sie sicher in eine wirtschaftliche Spitzenposition hieven. Ich kann es kaum erwarten.

Es könnte eine Soap  mit den Dialogen eines müden Autoren sein. Ist es aber nicht. Die drei sind echt – so echt, dass ich gerne Ziegelsteine aus meinem Risotto basteln und sie auf den Nachbartisch werfen möchte. Stattdessen verwandele ich mein Gesicht in eine steinerne Maske. Das muss reichen. Erst mal.

“Was hast du denn?”, fragt mich Petra in ihrer sozialpädagogisch verständnisvollen Art – als ob ein Fünftklässler in kurzen Hosen vor ihr sitzen würde. “Du warst auch mal so jung.”

Nein. War ich nicht. Ich war schon immer wie ein achtzigjähriger, griesgrämiger Höhlenbewohner, der fellbehangen und zornig ins Tageslicht blinzelt. Jedenfalls verfügte ich nie über die charakterlichen Qualitäten einer der drei Damen vom Nachbartisch.

“Ach, die wollen doch nur ein bisschen Spass”, pflichtet ihr Bernd in seiner gewohnt devoten Art bei.

Mag sein. Aber ich gönne den Biestern nun mal kein Vergnügen. Zumindest nicht in meiner Nähe. Es ist Donnerstag und aus nicht nachvollziehbaren Gründen mag ich diesen Tag der Woche noch weniger als seine Freunde Mittwoch  und Freitag – da will ich mich nicht auch noch mit der Erlebniswelt von drei Berliner Rotzgören auseinandersetzen. Wirklich nicht.

Irgendetwas stimmt in dem Restaurant ohnehin nicht. Der Koch beugt sich schon seit zehn Minuten über seine Theke aus gebürstetem Aluminium und beobachtet die drei Damen. Die Augenbrauen unter seiner Kochmütze haben diese buschig-besorgte Schwingung, die man in Erwartung vollendeten Grauens vermuten mag. Auch unsere Kellnerin beobachtet den Nachbartisch. Selbst im Gehen wirft sie Blicke aus zusammengekniffenen Augen in die Damenrunde.

Über dem Restaurant schwebt ein Moment vollendeter Anspannung. Nicht wirklich greifbar, aber doch spürbar, wie eine rabenschwarze Gewitterwolke, die sich gleich über den Köpfen aller Gäste entlädt. Und dann fallen die ersten Tropfen.

Feuerlocke bestellt die Rechnung und beschwert sich auch gleich über das Essen. “Ich habe das Steak well done bestellt. Habe ich extra zweimal gesagt.” Sie tippt auf den nahezu leeren Teller. “Das war nicht mal Medium. Nicht mal das.” 


Beide Nasenlöcher der Kellnerin blähen sich auf.  “Ich werde es weitergeben.”


“Das Essen bezahle ich nicht. Muss ich auch nicht, wenn es nicht schmeckt”, zischelt die Rothaarige.

Die Brünette nickt nur. “War bei mir das gleiche.” Sie stochert mit der Gabel in einem kleinen Rest Fleisch herum. „Ungenießbar.“

“Meine Pasta hat auch nicht geschmeckt”, tönt es aus Blondies Mund. “Weiß der Koch nicht, was al dente ist?”

Die Bedienung starrt auf ihren Notizblock und dreht sich zu dem dürren Mann mit der weißen Haube herum. Der Koch huscht aus seiner Nische hervor und baut sich vor dem Tisch der drei auf: “Und jetzt wollen Sie alle nicht bezahlen, ja?” Er knetet seine Finger. “Stimmt doch, oder?”

Blondie tippt auf die Speisekarte. “Verzeihung. Hier steht, die Speisen müssen nur bei vollster Zufriedenheit bezahlt werden.  Sie machen doch Werbung damit, oder?”


Der Koch fletscht die Zähne. “Wenn Ihnen das Essen nicht schmeckt, warum kommen sie dann hierher?“ Er streckt sein Kinn vor. ”Letzten Freitag haben Sie auch schon nicht bezahlt, weil es angeblich nicht geschmeckt hat.“

Nun bäumt sich die Rothaarige auf. “Werden Sie mal nicht frech. Ich habe mal Jura studiert.  Ich und meine Freundinnen, wir halten uns nur an die Geschäftsbedingungen, die ihr Laden hier selbst formuliert hat.”

Black Fury zeigt ihr Gebiss: “Also kundenfreundlich sind sie ja nicht. Weiter empfehlen werde ich Sie bestimmt nicht.”

Blondie guckt triumphierend in die Runde.  „Ich schlage jetzt mal vor, wir zahlen nur die Getränke.“ Ihre Freundinnen nicken wie einstudiert.

In eisiger Starre steht der Koch vor dem Tisch. In seinem Kopf tobt mit Sicherheit ein Funkenregen der Gewalt. Die Luft um ihn herum wirkt elektrisiert. Ich rechne mit einer Schrei-Attacke.  Mindestens. Und dann … passiert nichts. Er dreht sich in einer erhabenen Geste um und verschwindet in seiner Kochnische. Er hat seine Gegnerinnen  als unwürdig eingestuft, ähnlich den sabbernden Hyänen in der Wüste Tansanias, die  in der Tierwelt von den Löwen nur müde belächelt werden. Dieser Mann ist ein Held in Weiß – es gibt sie noch. Respekt.

„Was dem einfällt …“, trötet Blondie.

„Dem schreibe ich online eine miese Restaurant-Kritik“, zischelt Feuerlocke und zerhackt das letzte Stück Fleisch mit ihren Schneidezähnen.

„Gesetz ist Gesetz. Da kann er nichts machen“ , tönt es aus Blackies Mund.

Und damit ist wirklich alles gesagt.

Die drei Biester verlassen das Restaurant in Hochstimmung und mit klackenden Absätzen. Bevor die Tür hinter ihnen zufällt,  springt mich ein ungeheuerlicher Gedanke aus der hintersten Ecke meines Hirns an:

Was, wenn sie nächste Woche wieder kommen?  Und immer  wieder?  And ever, ever, ever … Wie lange wird der ehrvolle Koch das Spiel aushalten, bevor er es mit einer grausigen Tat auf die erste Seite aller Boulevardblätter schafft?  Wird ihm der Staatsanwalt in seiner flatternden Robe Verständnis entgegenbringen? Und Gott. Was wird Gott tun, wenn der Koch mit seinem blutroten Hackebeilchen vor der Himmelspforte steht und um Einlass begehrt?

Es sind schwerwiegende philosophische Theorien, innerlich aufwühlend und existenziell, als meine gedankliche Parade von Bernd gestört wird.

„Also, in meiner Fanta war auch kaum Sprudel drin …“

Ich werfe ihm meinen jahrzehntelang erprobten Blick des kalten Zorns zu. „Bernd!“

„Ja, ja , ist ja schon gut.“

WIE MAN SICH SEIN GEKLAUTES FAHRRAD ZURÜCKHOLT …

Fahrrad

„Da.  Genau da stand es.  An dem Baum. Genau da …“

Claudine fuchtelt wie eine Windmühle mit ihrem Armen herum. Die Zähne gefletscht, die Finger verkrampft, stampft sie mit ihren roten Pumps auf dem Bürgersteig herum, als wollte sie ihn persönlich für den gemeinen Diebstahl bestrafen. Jetzt fallen ihr auch noch die Haare vors Gesicht – ein buschiger Theatervorhang in blond. Sie läuft um die Kastanie herum und hält mir einen Fahrradreifen entgegen, der an einem Schloss hängt.

„Das ist alles. Der Rest ist futsch.“
„Du hast das Schloss am Hinterreifen befestigt?“
„Ja, natürlich.“
„Nicht am Rahmen?“
„Nein … na und?“
„Also, mir hat schon mein Großvater erklärt, dass …“
„Mir egal. Ich will jetzt keine Kriegsgeschichten von deinem Opa hören.“ Mit zusammengekniffenen Augen tastet sie die umliegenden Häuserfassaden ab. „Irgendwo hier hockt ein Dieb mit meinem Fahrrad.“ Sie ballt ihre linke Faust und hebt sie an – ähnlich einer Scarlett O’Hara in Vom Winde verweht – und stößt einen Schwur aus: „Wer immer mein Rad hat. Das hat er nicht umsonst gemacht. Das hol ich mir wieder.“ Als sie mein Lächeln sieht, zischelt sie, „das kannst du mir glauben.“

Wer Claudine kennt, weiß, dass das Wort „glauben“ eine mehr als unzureichende Beschreibung ist. Es ist ein Fakt, eingemeißelt als elftes Gebot in allen Steintafeln, die jemals in der christlichen Glaubenslehre verbreitet wurden.

Die Suche nach dem Rad wird zur Hetzjagd: In den nächsten Tagen kontrolliert sie die Kleinanzeigen sämtlicher Berliner Tageszeitungen. Ihre Fingerkuppen zeigen durch das ständige Hoch- und Runterscrollen von Ebay-Angeboten einen deutlichen Hautabrieb, und auch ihre täglichen Rundgänge in Prenzlauer Berg ähneln eher den routinierten Bespitzelungstechniken  eines verdeckten Ermittlers. Nach einer Weile ermüden mich die Versuche, in fremde Treppenhäuser und Hinterhöfe einzudringen, weil das Rad ja vielleicht dort stehen könnte –  aber am Ende fehlt auch nach einer Woche jede Spur – und mir fehlt das Verständnis für den empfundenen Verlustschmerz.

Claudines Fahrrad war ein lila-farbenes Ungetüm mit einem grünen Ledersattel. An den Griffen hingen rote Bändchen wie sie Kleinkinder bevorzugen, die ihre ersten Fahrversuche mit Stützrädern absolvieren. Die Felgen hatten neonfarbene Streifen. Kurzum: Es war das hässlichste Rad, das ich in diesem und aller meiner vorherigen Leben jemals gesehen habe.

Nach einem heißen Sommertag wage ich einen Versuch, geboren aus Mitleid und Wagemut: „Du, pass auf. Wir gehen morgen los, und ich schenke dir ein neues Rad. Wie gefällt dir das?“

Claudine blickt mit dunklen Ringen unter den Augen von ihrem Handy auf. „Ich kann jetzt nicht. Ich simse gerade mit einer anderen Beklauten.“ Sie zeigt mit dem Finger nach Süden. „Die wohnt da hinten zwei Straßen weiter.“ Das blaue Licht des Handys wirft ein gespenstisches Licht auf ihr Gesicht. „Wir organisieren uns. Den kriegen wir noch. Der entgeht uns nicht. Nein, nein … der hat sich mit der Falschen angelegt.“

Na gut. Dann nicht. Ich bin entspannt. In Berlin werden am Tag hunderte Räder geklaut. Die Wahrscheinlichkeit, dass ausgerechnet Claudines lila Rad wieder auftaucht, ist so wahrscheinlich wie von einem Meteoriten während einer Qigong-Massage  getroffen zu werden.

Lächerlich. Absurd. Völlig ausgeschlossen.

Und genau darum muss es auch passieren.

Als wir ein paar Tage später in der Nähe der Kottbusser Brücke ein Eis essen, bemerke ich das Knirschen der Eiswaffel neben mir. Claudine presst ihre Finger so heftig in die Waffel, dass sie zerbröselt. „Ich fass es nicht.“ Und ein wenig leiser mit bedrohlichem Unterton: „Freundchen, das wird dir wehtun.“

Angelehnt an einem Brückengeländer auf der anderen Seite der Straße steht ein vielleicht 1 Meter 90 großer Typ um die dreißig, der ein aromatisiertes Wasser trinkt. Ich erkenne eine lachende Himbeere auf seiner Flasche. Neben ihm stehen drei Fahrräder, die er offenbar zum Verkauf anbietet. Eines davon, das Hässlichste, steht ganz unbeteiligt dazwischen, wie ein alter Bekannter, den man zufällig im Urlaub an einem fernen Ort in der Welt wiedertrifft.

Claudine wirft das Eis auf den Boden. Die Vanillekugel schmaddert auf meine Schuhspitze. Sie setzt sich mit geballten Fäusten in Bewegung. Ich packe sie am Arm.

„Wir brauchen einen Plan.“
„Mein Plan heißt: Ich will mein Rad zurück.“
„Willst du ihn verprügeln?“
Sie wischt sich mit der flachen Hand unter ihrer Nase entlang, wie es Rocky vor seinem Kampf gegen Apollo Creed gemacht hat. „Warum nicht?“

Der Typ auf der anderen Seite der Straße ist nicht nur größer als wir beide. Er ist eine dicke und unförmige Masse. Ein menschlicher Fleischberg. Ein richtiger Brocken. Sein blaues T-Shirt mit dem Aufdruck eines gesenkten Facebook-Daumens und dem Schriftzug Gefällt mir nicht hat mindestens  die Größe XXXXXL. Mindestens.

Bei einer körperlichen Auseinandersetzung müsste man theoretisch  erst einmal mit dem ganzen Körper in seine Fettmassen eintauchen, um an seine Knochen zu gelangen, und erst dann könnte man sie ihm zerbrechen – wenn man es denn wirklich will.  Sein Hals scheint am verletzlichsten zu sein. Ein gezielter Handkantenschlag gegen seinen Adamsapfel  (gesehen in Karate Kid II) könnte durchaus das gewünschte Resultat eines Knock Outs bringen. Aber dann zähle ich an seinem Hals vier Fettringe, die mich an  aufgetürmte Donuts auf einer senkrechten Holzstange erinnern. Der Kerl ist gepanzert bis über beide Ohren. Unbesiegbar. Bevor Claudine einen rachsüchtigen Versuch unternimmt, rufe ich die Polizei an. „Hast du die Gestellnummer?“, flüstere ich ihr  zu.

„Natürlich“, faucht sie zurück.

Schön. Mir ein paar Polizisten wie eine Pizza zu bestellen – das wollte ich immer schon mal machen. Die Beamten versprechen, in zehn Minuten an der Brücke zu sein – bis dahin ist auch die Rahmennummer geprüft. Claudine wird nervös.

„Und wenn der Typ abhaut?“
„Der steht da doch ganz entspannt.“
„Und wenn er mein Rad verkauft?“
„Unwahrscheinlich.“ Fast hätte ich laut gelacht.
„Ich will wissen, was mein Rad kostet. Nur so …“

Einen Moment später stehen wir neben einem jungen Paar mit Kind, das sich auch für die Räder interessiert. Claudine setzt ihre wölfische Maske auf und lächelt den Dicken an: „Was kostet denn das lila Rad da?“

Dickie überlegt kurz. Seine wulstigen Lider schlappen über die Augen, verschließen sie,  als würde er in der Dunkelheit den Preis erfühlen können. „Hundertfuffzich.“ Er beißt in ein krümeliges Salami-Brötchen.
„Nicht für hundert?“, fragt Claudine.
„Nö. Is gut erhalten“
„Ach so?“
„Naja, hundertvierzich wär auch drinne. „
„Die linke Handbremse geht nicht.“
„Hä?“ Dickie blinzelt blöd.
„Der Fahrradständer hat einen Knick.“
„Wie jetze?
„Und das verdammte Licht ist nicht einmal gegangen, so lange ich das Fahrrad hatte.“

Dafür geht in  Dickies Kopf das Licht an. Er erstarrt. Wie ein Revolver liegt das angekaute Brötchen in seiner Hand.

An diesem Sonntag verstummen die Vögel. Eine leichte Brise umstreicht mein Haar. Hinter mir höre ich Kinder lachen. Es ist ein Tag, an dem Menschen Enten füttern und Wolken zählen – während ich mich auf einen Faustkampf mit einem Zwei bis Drei-Zentner-Mann vorbereite.

Den Polizeiwagen hinter mir sehe ich nicht. Nur Claudines aufgeregtes Winken und den unglaublich behenden Sprung des Dicken auf eines seiner Fahrräder. Selbst in dieser von höchstem Stress geprägten Notsituation verzichtet er auf das lila Rad, das ihm am nächsten ist. Guter Geschmack . Keine Frage.  Und weg ist er.

Die beiden Beamten sind durchgeschwitzt. Der eine trägt einen zackigen Kinnbart wie der Sänger von Unheilig.  Der andere hat dafür diverse Schnittwunden am Kinn.  Während Claudine den Lenker ihres Rades umarmt und den Sattel streichelt, gleichen die Beamten die Rahmennummer mit ihren Notizen  ab und nicken sich zu.

„Wir haben die Nummer gecheckt. Sie sind Frau Wienert, ja?“

Claudine blickt mich aus riesigen glupschigen Augen an. „Also, nein … bin ich nicht… wieso …“

„Kann ich mal Ihren Ausweis sehen?“

Sie braucht vierzig Sekunden, um den Ausweis aus ihrer überfüllten Handtasche zu kramen. Ein Pfefferspray, vier Lippenstifte und ein Deoroller mit dem Konterfei eines irritiert herumflatternden Schmetterlings landen vor meinen Füßen. Weitere dreißig Sekunden später fragt der Beamte: „Wie lange hatten sie das Rad?“

„Na, ein Dreivierteljahr. „

Die Polizisten nicken sich wieder wie in einem geheimnisvollen Aha-Moment zu. „Das Rad ist als gestohlen gemeldet. Seit anderthalb Jahren. Haben Sie es gebraucht gekauft?“

Claudine nickt artig wie ein dressiertes Äffchen.

„Eine Quittung haben Sie nicht?“

Sie schüttelt den Kopf, diesmal ähnelt sie einem traurigen Clown, der das Unvermeidliche ahnt.

„Tut uns leid. Das Rad muss sichergestellt werden. Als Sie es gekauft haben, war es schon gestohlen.“

Und so endet ein sonniger, viel zu heißer Sommertag in Berlin. Es ist eine rührende Szene: Claudine streicht noch einmal über den Lenker des Rades, klopft  einmal auf den giftgrünen Sattel und scheint in den wundersamen Erinnerungen und Momenten zu baden, die sie mit ihrem Rad in Verbindung bringt. Die Polizisten sind fast ein wenig gerührt.  Dann wendet sie sich ab. Jetzt tut sie mir doch ein wenig leid. Nur ein kleines bisschen. Aber immerhin.

„Wo hast du das Rad eigentlich gekauft?“

„Hinter dem Planetarium, auf der Wiese. Für siebzig Euro.“

„Und es kam dir nicht komisch vor?“

„Wieso denn? Es gab da auch Räder für fünfzig Euro“

Es ist die typische Claudine-Logik. Unverbesserlich. Auf ihrem Gesicht liegt ein entschlossener Zug inklusive zusammengekniffener Lippen. „Und weißt du was, gleich morgen gucke ich mal, ob da wieder einer Räder verkauft.“  Sie nickt sich selbst zu. „Gleich morgen.“

Und so geht es mit dieser unheimlichen Berliner Formel weiter:  Kaufen + Klauen = Klaufen. Verlässlicher als jede mathematische Grundsätzlichkeit von Pi.

Über diesen Gedanken kann einem schwindelig werden.

Da hilft nur Enten füttern und Wolken zählen.

 

SCHWULE SCHUHE

flamingo Schuh

„Also, wenn Sie die nicht nehmen, dann sind Sie selbst schuld.“

Die Verkäuferin in dem Sportgeschäft schiebt mir den Pappkarton über die Ladentheke – und da liegen sie. Ein paar Laufschuhe. Eine Special-Edition. In Pink. Als hätte man einen Flamingo gehäutet, und ihn zum Schuh umgebaut.

„So was kann ich nicht anziehen. Das geht nicht. Das bring ich nicht. Die sind pink. PINK…“

Sie hat das Kreuz eines Bierkutschers, ist einen Kopf größer als ich und wenn man genau hinschaut, sieht man auch noch den Schatten eines Damenbartes, ähnlich dem, den Douglas Fairbanks in seiner Paraderolle als Zorro einst trug. Es ist beängstigend. Mit so einem Menschen legt man sich besser nicht an. Sie beugt sich über den Tisch. Ihre gewaltigen Oberarme wirken wie gespenstische Presswürste. Ihr enganliegendes Sportshirt verrät eine Bauchmuskulatur, in die man gerne hineinboxen möchte, sich aber dennoch nicht traut. Sie spricht mit mir, als würde ein Fünfjähriger vor ihr stehen.

„Jetzt mal gaaaaanz ruhig, ja? Alsoooo, Die Schuhe sind rot. In meiner Liste steht das genau so drin. Rot. Und einem echten Läufer wäre das völlig egal. Sie wollen doch ihre Laufleistung steigern. Da ist die Farbe doch egal.“

Ich starre in den Karton. Pink. Meine Hände zittern. Der Schweißfilm auf meiner Stirn löst sich auf und tropft mir in die Augen, als ich in den Widerstand gehe.

„Die sind totzdem pink. Sie wollen mich doch nur beruhigen.“

„Ach was,  jetzt ziehen Sie die doch mal an. Nur Mut. Einfach mal probieren. Sie werden ihre Meinung gleich ändern. Glauben Sie mir.“

Sie muss es mit Hypnose versucht haben. Ihre Worte kleistern mein Hirn zu. Nur so ist erklärbar, dass ich fünf Minuten später tatsächlich mit diesen Schuhen im Laden stehe. Beim Blick in den Spiegel wird mir kurz übel.

„Mein Gott, mein Gott… pink… „

„Ach was… Gleich werden Sie sich besser fühlen. Jetzt laufen Sie mal vor dem Laden auf und ab. Krempeln Sie Ihre Hose hoch. Ich guck mir mal Ihre Beinstellung an.“

Es ist ein Albtraum. Ich krempel die Hose hoch. Ich taste mich vorsichtig aus dem Laden. Keine Menschen zu sehen. Nur irgendwo da hinten ist eine kleine Gruppe Jugendlicher. Weit entfernt.

„Sie müssen die Hose noch höher krempeln. Bis über die Knie. Ich gucke mir das ganz, ganz genau an.“

Die Reflektion im Fensterglas des Ladens ist erschütternd. Es ist ein völlig idiotisches Bild. Ich trage eine dunkelblaue Anzughose und ein Weißes Hemd. In Kombination mit den pinkfarbenen Schuhen sehe ich aus wie ein größenwahnsinniger Clown.

„Jetzt laufen Sie mal“, muntert sie mich auf.

Ich biege nach links ab, dort wo keine Menschen sind.

„Nein, nein, nein. Nach rechts. Da ist die Strecke länger. Ich brauch da schon ein paar Momente, um sicher zu sein.“

Nach rechts also. In Richtung der Jugendlichen. Natürlich.

Es sind vier  Jungs, die gelangweilt an einem Baum stehen, an Bierdosen nuckeln und die Kippen in ihren Händen hin und herschwenken. Sie nehmen mich sofort ins Visier.

Kid 1: “ Eyyyy, Alder… wo wilst´n du hin?“

Kid 2: (lacht blöd)

Kid 3: „Der trainiert, damit er im Büro schneller zum Kaffeeautomaten kommt. Mehr Saft, Alder… mehr Saft…“

Kid 4: „Und die Müüülch nich vergessen. Hoppa. Hoppa.“

In meinem Kopf entwickeln sich Gewaltfantasien. Sie sind nur schwer beherrschbar. Ich lege meine Energie in die Beine und laufe noch schneller. Zurück zur Verkäuferin. Sie steht nachdenklich vor dem Laden.

„Ich bin mir nicht sicher, ob Sie ein SSP-Typ sind. Ich müsste es noch einmal sehen.“

„Was zur Hölle ist ein SSP-Typ?“

„Na, Senk-, Spreiz-, Plattfuß. Sie müssten schon noch einmal…“

„Nein. Das mache ich nicht. Ich will auch mit dieser SSP-Nummer nichts zu tun haben.“

„Ach kommen Sie, wir wollen es doch wissen. Sie brauchen doch gute Schuhe“, auf einmal ist sie eine gutmütige, besorgte Mutter.
Sie will doch nur mein Bestes.

Ich laufe.

Die Jungs begrüßen mich wie einen alten, heimkehrenden Freund.

Kid 1: „Eyyy Alder, üch weiß ja nich, irgendwie voll krass schwul die Treter.“

Kid 2: (lacht schon wieder blöde, diesmal aber lauter)

Kid 3: „Bischte der Held auf´m Chrischtopher Street Day…“

Kid 4:  „Voll die Mädchenschuhe…“

Ich laufe mit gefletschen Zähnen zurück zur Verkäuferin. Sie jubelt mir zu, als hätte ich gerade erfolgreich einen Marathon hinter mich gebracht.

„Perfekt. Ganz Perfekt. Kein SSP. Sie sind ganz gerade aufgetreten. Die müssen sie nehmen.“

Einen Moment später stehen wir wieder in dem Laden. Die Schuhe liegen in dem geöffneten Karton.  Bösartige Laufmaschinen, die mich durchtrieben anglotzen. Es verunsichert mich. Die Verkäuferin streicht mit der Hand über ihr kurzgeraspeltes Haar als wolle sie sich einen Scheitel legen, den sie gar nicht hat. Sie starrt mir in die Augen.

„Die kosten doch nur 120,- Euro. Es ist eine gute Entscheidung. Wirklich“

Wieder die Hypnose-Masche. Ich bin gewarnt, senke den Blick und nuschel meine Frage aus zusammengepressten Lippen heraus.

„Sind Sie sicher, dass es die nicht in einer anderen Farbe gibt? Ganz sicher?“

Sie schüttelt wie auf Knopfdruck den Kopf.

Aha.

Viel zu schnell. So reagiert nur ein Schwindler. Jetzt starre ich Sie an. Direkt in die grauen Augen.  Die volle Ladung.  Ich erhöhe den Druck. Und da… ein Lidreflex . Ein unangemeldetes Zwinkern. Eindeutiger Indikator einer Lüge.

„Warten Sie mal einen Moment“, ich ziehe mein Handy aus der Tasche.

Der Barcode der Schuhe. Scannen. Sechs Sekunden warten. Die Wahrheit wird auf dem Display ausgeworfen. Die bittere, böse, ungeschönte Wahrheit.

„Also, die Schuhe gibt es auch in Grau und in Schwarz.“

Die Amazone schweigt. Ihr Blut wird schnell durch den Brustkorb gepumpt. Ihre Lider flattern. Ich ramme ihr meine Klinge in das Herz.

„Und die kosten hier bei einem Online Anbieter auch nur 75,- Euro.“

Sie schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch. Mehrmals. Als würde sie das Holz versohlen wollen.

„Aber die Beratung bekommen sie da nicht, bei ihrer Online-Bude. Die kriegen sie hier.“

„Stimmt. Na dann, vielen Dank für Ihre Beratung.“

Als ich den Laden verlasse, sehe ich ihr zornrotes Gesicht durch die Scheibe. Und ich sehe meine Beine. Ich habe in meinem Triumphgeheul vergessen, die Hose herunterzukrempeln. Meine neuen Freunde am Baum erinnern mich zum Glück daran.

„Eyyy Alder, machste jetzt auf Hawai…?“

Ja, das mache ich wohl.

Aloha, Jungs.

DUELL IM SUPERMARKT

 

Duell„Sammeln Sie Treueherzen?“

„Sehe ich aus, wie jemand, der Treueherzen sammelt, die Rückseite bespeichelt und sie in ein Album klebt?“

Die dürre Kassiererin mit der feuerrot gefärbten Matte guckt mich prüfend an. Sie balanciert ihren Körper elegant auf dem knarrenden Drehstuhl und schiebt sich ein Stückchen näher an mich heran.

„Neeee, eigentlich nich. Aber vielleich interessiert se unsere Pfannenaktion?“

„Ich habe keinen Herd.“

Sie guckt mich ungläubig an.

„Ach neee, Sie sind mir ja eener…die Tiersammelbilder sind dann ooch nüscht für sie, wa?“

„Doch, die nehm ich, sogar sehr gerne.“

„Ach Quatsch, neee, wirklich?“

Ja, da starrt sie mich mit ihren aufgerissenen Monsterpupillen an – sie ahnt natürlich nichts von meinem großartigen Plan. Aus den Augenwinkeln habe ich längst die beiden Kinder beobachtet, die wie kleine Aasgeier von Kasse zu Kasse schwärmen, um die Tiersammelbildchen der Supermarkt-Kunden abzugreifen. Es ist die nackte Gier,  die sie in Hektik versetzt. Ganz artig und brav kreuzen sie die Arme hinter ihren Rücken und setzen für die Erwachsenen einen betont treu-lieben Blick auf. Es ist ein beschämend billiges Schauspiel. Aber es funktionert.

„Dürfen wir die Bilder haben, bitte, bitteeee…?“

Einen Moment später ziehen sie sich in eine Ecke zurück, fetzen die Packungen hämisch lachend auf und prüfen ihre Beute. Und schwupps, geht es weiter zur nächsten Kasse. Die gleiche Show noch mal. Immer wieder.

Die beiden Jungs sind vieleicht neun Jahre alt. Zwei  Prenzlauer Berg Rotzgören mit Designerschuhen und Hilfiger Pullis, die schon jetzt die komplexen Gesetze sozialer Erpressung durchschaut haben.

Und plötzlich stehen sie vor mir.

Das wird nicht leicht, Kinder. Gar nicht leicht.

„Können wir die Bilder da haben?“, der eine, etwas dicklichere der Beiden, fährt seinen speckigen Finger aus und zeigt auf die Bildchen. Ein „Bitte“ ist in seinem Vokabular plötzlich auch nicht mehr enthalten. Passt mir gar nicht.

„Die Bilder…“, der Neunjährige wiederholt seine Forderung und  klingt auf einmal  wie ein Pistolero  in einem Italo-Western.

Warum denn?“, frage ich.

Zwei irritierte Gesichter.

„Na, weil wir die doch sammeln…“, rhetorisch ein eher unterdurchschnittlicher Argumentationsversuch. Kommt bei mir nicht gut an.

„Die könnt ihr euch erarbeiten. Einfach so gibt es die nicht.“

Die beiden zuppeln an ihren teuren Pullis herum und blicken sich ratlos an.

Ich wedel mit dem Packen.

„Die Einkaufstüten zum Auto tragen. Sauber einräumen, und dann gibts die Bildchen.“

Die Kassiererin lacht laut.

„Jenau… nich immer hier rumbetteln. Ich muss ooch den janzen Tach hier buckeln und ick krich ooch nüscht umsonst.“

Die Kids sind genervt, zucken kurz mit den Schultern und akzeptieren den Deal.  Sie greifen nach meinen Tüten, da betritt SIE den Supermarkt. Es ist der Auftritt einer echten Prenzlauer Berg Mutti. Sie gleitet mit ihren doppelseitig gebunden Gesundheitsschuhen in den Supermarkt, unter ihrem Arm eine zusammengerollte Yogamatte. Wenn man genau hinsieht, entdeckt man auch noch ein paar Karamellkekskrümel in ihren Mundwinkeln. Ganz sicher die Überbleibsel der mehrstündigen Nachmittags-Plausch-Arie mit gleichgesinnten Freundinnen. Sie ist fassungslos.

„Nein, also, nein. Das kommt gar nicht in Frage, dass meine Kinder hier Ihre Tüten tragen. Was fällt Ihnen denn ein?“

„Wieso? Wir haben einen Deal. Tierbildchen gegen Tüten schleppen. Was gibt es da nicht zu verstehen?“

Ihre fusseligen Haare wirken vor Empörung wie statisch aufgeladen.

„Na hören Sie mal.  In was für einer Welt leben Sie denn?“

„Na, in einer marktwirtschaftlich orientierten. Genau wie Sie, dachte ich…“

Sie reißt ihrem Sohn die Bilder aus der Hand und reicht sie mir mit ihren spinnenartigen Fingern. In der gleichen Sekunde bricht ein kleiner Staudamm in den Augen des Jungen. Tränen kullern. Dazu noch ein asymmetrisch wirkendes Schluchzen, unterbrochen nur durch das schnappartige Luftholen dazwischen. Er kann nicht fassen, was sich da vor seinen Augen abspielt. Das Gesicht seines Bruders steht ebenfalls vor einer ordentlichen Tränendurchflutung. Die Mutter sieht es. Sie sucht krampfhaft nach einer Lösung. Sie beugt sich über das Rollband zur Kassiererin.

„Verkaufen Sie mir ein paar von den Bildern?“

„Kann ich nich machen. Da müssen se erst hier einkaufen. Je mehr se kaufen, desto mehr Bildchen jibts ooch. Der Herr da hat ja für siebzich Euro eingekauft.“

Von hinten brüllt ein genervter Brillenträger.

„Mann, jetzt halten Sie doch nicht den ganzen Laden hier auf.

„Genau. Ganz genau“, ruft aufgeregt eine schmallippige Rentnerin vom Ende der Schlange.

Die Mutter guckt erst die Kassiererin wütend an. Dann mich. Ein weiterer Blick auf ihre heulenden Kinder.  Dann wieder zu mir, diesmal gepaart mit einem Zähnefletschen. In ihrem Kopf greifen wohl Millionen kleiner Zahnrädchen ineinander, auf der Suche nach einer Lösung.

Die ganze Szene erinnert in ihrer Dramatik an das brennende Römische Reich.

Irgendwie finde ich es ganz spannend.

Das kleine Mädchen an der Kasse nebenan fällt mir erst jetzt auf. Sie hat auch ein paar der Bildchen in der Hand. Sie traut sich aber nicht zu fragen. Obwohl sie es doch so gerne möchte. Sie guckt nur aus großen Augen umher und zuppelt schüchtern an ihren Zöpfen herum. Ich nehme meine Tüten, wandere in Richtung Ausgang und drücke ihr den Bilderpacken in die Hand. Sie kann es gar nicht fassen.

„Ohhhh… die sind für mich? Die kann ich alle behalten…??? Echt?“

„Klar.“

Von hinten brüllt die verkekste Prenzlberg-Mutter, „was soll das denn jetzt? Die trägt die Tüten doch auch nicht.“

„Verzeihung, in was für einer Welt leben Sie denn?“

Als ich den Supermarkt verlasse, blicke ich noch einmal über meine Schulter. Eine tobende Mutter. Zwei heulende Jungs. Genervte Supermarkt-Kunden. Ein glückliches Mädchen und eine Kassiererin, die mir breit lächelnd zunickt und dabei ihren erhobenen Daumen in meine Richtung schwenkt, als hätte ich ein Fußballmatch gewonnen.

Ich richte meinen Stetson, überprüfe den Sitz meiner Waffe im Holster und reite auf meinem treuen Gaul in die Abendsonne.

Lief doch ganz gut, der Tag.

WARUM MÄNNER PAPPFIGUREN SIND …

 

Männer aus Pappe

Claudine war einkaufen. In ihrem liebsten schwedischen Möbelhaus. Nun tänzelt sie auf ihren Stilettos  die Stufen zu meiner Wohnung hoch. Ihre Hände sind leer. Das kann nicht sein. Es ist ausgeschlossen. Sie kann kein Geschäft betreten, ohne etwas zu kaufen. Es ist eine verlässliche mathematische Regel. Und erst jetzt sehe ich den Kerl, der sich hinter ihr schwer keuchend die Treppen hochschleppt, mit braunen Pappkartons beladen wie ein treuer Esel. Es ist eine Szene, wie man sie aus vorchristlichen Darstellungen kennt, etwa, wenn die Königin von Saba stolz durch die Lande streift und ihre Gefolgschaft durch Schlamm und Moder watet und ihren gesamten Hausrat auf den Schultern gebuckelt hat.

Da bin ich wieder„, sagt sie strahlend, und das Dickerchen hinter ihr folgt ihr  mit der größtmöglichen Selbstverständlichkeit durch meinen Flur.

„Tach“, raunt er mir zu.

Es ist so ein untersetzter Kerl, der sich aufgrund seiner ausgeprägten Körperfülle sicher von Frauen gerne als Bärchen bezeichnen lässt. Dicke Männer machen so was. Je mehr Körperfülle, desto mehr Bärchen.  Irritierenderweise trägt dieser hier eine gelbe Pannenhelferuniform. Ich versuche, mir die Geschichte zu dieser Szene vorzustellen. Es gelingt mir nicht.

Die Pakete werden in meiner Küche abgeladen. Claudine fetzt mit rasiermesserscharfen Fingernägeln die Kartons auf. Sie hat es jahrelang studiert. Es ist ihr spezielles Talent. Jeder sollte eines haben.

Sie bemerkt mein ratloses Gesicht.

„Nun guck doch nicht so. Wird Zeit, dass sich hier mal was ändert. Überall liegen deine Kippen rum. Da gibt´s jetzt einen schönen Aschenbecher für dich, mit Sonnenblumenmotiven. Der wird dir gefallen. Dann noch ein neues Besteck. Man kann doch nicht mit drei Gabeln und zwei Messern über die Runden kommen, oder?“

Das Bärchen lacht meckernd und anbiedernd mit.

„Nein, das geht doch nicht“, brubbelt er aus seinem unrasierten Gesicht heraus.

„Und neue Handtücher habe ich auch gleich besorgt. Die Lappen in deinem Bad waren ja eine Zumutung.“

Bärchen nickt zustimmend.

Claudine rast ins Bad, um die neuen Handtücher aufzuhängen. Sie sind gelb. Ich hasse diese Farbe. Der Dicke beugt sich etwas zu mir herüber. Darauf hat er die ganze Zeit gewartet.

„Sind sie verheiratet?“, fragt er mit unverschämter Neugierde.

„Nein. Wir sind Freunde.“

„Ach, aber sie sind nicht DER Freund?“

Nein“, ich bemühe mich, möglichst viel Kälte in meine Stimme zu legen und bedauere das Nichtvorhandensein stahlblauer Augen.

Claudine prescht aus dem Bad. Zu ihrem großen Glück gibt es immer noch Kartons, die aufgerissen werden müssen. Sie winkt dem Pannenhelfer-Bärchen zum Abschied zu.

Und es winkt zurück.

„Ich meld mich dann mal bei Gelegenheit“, ruft er ihr fröhlich zu.

„Jahaaa, geht klaaahharr…“, säuselt sie.

Der Bär schiebt seinen wuchtigen Schädel über die Schwelle, zieht die Tür zu und verschwindet.

Endlich.

„Kannst du mir mal sagen, was das war?“

Claudine guckt unwillig von einer funkelnden Brotbox auf, die sie brutal aus der Pappe reißt.

„Na was denn wohl? Ich bin mit meinem Auto am Alex liegengeblieben. Ich war auf dem Weg zum Einkaufen und dann…“

„Der Pannenhelfer-Heini hat dich hingefahren?“

„Ja, klar. Hat er.“

„Wirklich?“

„Ja, und er hat mir auch beim Einkaufen und beim Schleppen geholfen. Du hast ja auf so was keine Lust.“

„Und dann hat er dich zurückgefahren und die Sachen nach oben getragen?“

„Hast du doch gesehen. Hat er. Ja. Ja…“, mittlerweile mit genervtem Unterton.

„Und dann hast du ihm deine Telefonnummer gegeben.“

Nun blickt mich Claudine völlig entgeistert an. Sie stemmt empört die Hände in die Hüften und lächelt wölfisch.

„Quatsch. Das war die Nummer von meiner Mutter. Die ist fast Siebzig. Die freut sich, wenn mal jemand anruft. Was dachtest du denn?“

Gar nichts.

Ich dachte gar nichts mehr und streifte meine Kippe in dem neuen Sonnenblumen-Aschenbecher ab.

Ganz langsam.

Und grübelnd.