WIE SICH FRAUEN RÄCHEN …

5

Der Mai ist ein furchtbarer Monat. Dreckig. Eiskalt. Windig. Und dann hat auch noch die Mehrheit meiner Freunde genau dann Geburtstag, sicher nur, um mich zu ärgern. In der Regel  laufe ich mit aufgestelltem Mantelkragen durch Berlins zugematschte Straßen, auf der Jagd nach Geburtstagsgeschenken.

Jahr für Jahr. Es ist grausam.

Diesmal suche ich zusammen mit Claudine ein Geschenk für meine  Uralt-Freundin M. . Wir waren schon in diversen Geschäften. Nichts, aber auch gar nichts erscheint passend.

Zu klein. Zu groß. Zu hässlich. Zu billig. Zu langweilig.

Claudine redet mit riesigen Augen auf mich ein, wie in einem hypnotischen Experiment:

„Konzentrier dich mal. M. ist ein häuslicher Mensch. Du musst so denken wie sie. Versuch´s mal. Stell´s dir vor. Gib dir doch mal Mühe.“

Ich versuche es. Mir fällt nur Unsinn ein. Zottelige Hausschuhe. Kochlöffel mit Chromegriff. Samtkissen mit Fransen.

Irgendwann (nachdem weitere Bilder von Plüschmäusen und bemalten Tontöpfen an meiner Großhirnrinde rütteln)  zerrt Claudine an meinem Arm und schleppt mich  in so einen „Ich-habe-schon-alles–kauf-trotzdem-noch-mehr-davon-Laden“.  Beim Öffnen der Tür summt die Melodie von Rocky. Schrecklich originell.  Very eighties. Drinnen, zwischen krimskramsigen  Artikeln, sitzt die Verkäuferin mit dem dazu passenden T-Shirt eines attackierenden Helikopters. Darunter prangt in  blutroter Schrift: Der will doch nur spielen. Sie lächelt nicht. Sie blickt nach unten auf den Tisch, wo sie ein Puzzle zusammensetzt. Tatsächlich. Sie puzzelt. Das hat meine Oma auch immer gerne gemacht.

Eierwärmer aus Wolle. Schlüsselhäuschen aus Nussholz.  Mannshohe Windlichter.  Das ist alles furchtbar. M. wird es lieben. Claudine wirft mir einen erfolgsheischenden Blick zu und verschwindet weiter hinten im Laden.

Nach einer Weile, in der ich die Artikel nach „scheußlich“, „weniger scheußlich“ und „halbwegs o.k.“ einteile, höre ich ein Schluchzen. Claudine ist es nicht. Sie nimmt gerade eine Pfeffermühle in Form des Berliner Fernsehturms auseinander. Neben ihr bin ich der einzige Kunde im Laden. Und ich schluchze nicht. Sie tut es. Die Verkäuferin. Sie starrt apathisch  auf ihre Puzzleteile, ahnt aber wohl, dass sie meine Aufmerksamkeit hat und schluchzt gleich noch lauter. Man hört deutlich wie ihre Sekrete durch die Nase plätschern.

Einen Moment später stehe ich vor der Kasse. Ich habe mich für eine Schürze mit dem Aufdruck Küchen-Königin entschieden. Darunter ist eine tanzende Himbeere abgebildet, die mit ihrer Freundin (einer nachdenklich wirkenden Banane) Hand in Hand über den Stoff tanzt. Wunderbar. Selbst das Erhitzen eines Fertiggerichts in der Mikrowelle treibt M. an die Grenzen ihrer kochtechnischen Fertigkeiten.  Nie wurde Häme kunstvoller in Szene gesetzt.

Das alles interessiert die Verkäuferin nicht.  Sie senkt den Kopf.  Ihr Puzzle ist fast vollendet. Ich erkenne die fröhliche Judy Garland aus  The Wizard of Oz. Und ein paar Zentimeter darüber schwebt das verquollene Gesicht hinter der Kasse – nach Mitleid und Verständnis heischend. Das macht sie gut. Man muss sie ansprechen, wenn man bezahlen will. Blöd,  aber unausweichlich.

Ich: „Was ist denn los?“

Sie: (starrt mich aus traumatisierten Augen an) „Ach… nichts.“

Ich: (mit unterschwelliger Gereiztheit) „Du sitzt hier und heulst. Jetzt sag doch, was los ist.“

Sie: (hört mit dem Puzzeln auf) „Mein Freund hat mit mir Schluss gemacht. Gestern…“

Ich: (als würde ich es nicht ahnen)  „Warum?“

Sie: (blickt wieder nach unten) „Weil ich so energielos bin, sagt er. Und langweilig bin ich auch …“

Da sitzt sie nun. Eingefallene Schultern. Blass. Die blonden Haare fallen zottelig ins Gesicht. Inmitten ihrer mit Strass besetzten Holzschatullen, hippen Topflappen und bestickten Kissen mit Peace-Zeichen ergibt sich irgendwie ein komisches Bild.

„Ach, was, der kommt schon wieder zurück. Keine Sorge.“

Sie durchschaut mein lieblos gebasteltes Werk der Heuchelei und schluchzt noch lauter. Ich möchte eigentlich nur noch die Küchenschürze bezahlen und schnell aus dem Laden laufen. Dann donnert Claudines Stimme durch das Geschäft.

„Ach, sitzen gelassen hat er dich?  Hat er noch Sachen bei dir?“

Sie starrt Claudine  an und flüstert, „ja, seine Gitarre, damit hat er mir immer Lieder vorgespielt (sie schluchzt noch lauter).“

„Was noch?“

„Seine Lieblingslederjacke. Die hat er schon ganz lange…“

Claudine fletscht die Zähne.

„Raus damit. Das muss alles raus aus deiner Bude, verstehst du? Nichts darf übrig bleiben. Gar nichts.“

Nein. Nichts darf überleben. Die Reste dieser Beziehung müssen wie eine lästige Bakterienkultur getötet werden. Da ist sich Claudine sicher. Und plötzlich glüht so ein kleiner Funke im bleichen Gesicht der Verlassenen auf. Sie umkrallt ein Puzzle-Teilchen so hart, dass das Weiße in ihren Fingerknöcheln sichtbar wird.

„Meinst du, das hilft?

„Und wieeeee…“, lacht Claudine über die Theke, „stell das Zeug einfach auf die Straße, soll doch irgendeiner mitnehmen, die klauen hier in Berlin doch sowieso alles. Neulich erst wollte ich zwei Paar alte Schuhe wegwerfen. Die Hacken waren komplett runtergelaufen… Ich lass die kurz neben der Haustür stehen, laufe zum Auto… und dann…“

„Und dann?“, ein hoffnungsfrohes Knistern begleitet die Frage der Verlassenen.

„Na, weg waren die. Futsch.  Einfach weggeklaut. So machen wir das jetzt mit den Klamotten von deinem Freund. Und dann machst du auch noch gleich ein schönes Foto davon. Oder ´nen hübschen Youtube-Clip.  Den Kerl kriegst du klein. Klitzeklein, sag ich dir. Sooo klein…“

Die beiden lächeln sich an. Die Stimmung ist gut. Wenn sie könnten, würden sie wohl auch noch mit Prosecco-Gläsern anstoßen. So toll ist der Plan.

Ich lege wortlos das Geld auf den Tisch und stelle mich mit meiner Küchenschürze vor den Laden. Es regnet. Immer noch. Der Himmel weint, aber wenigstens im Geschäft sind die Tränen versiegt.

Durch die Scheiben sehe ich Claudine, die die Luft mit Handkantenschlägen zerteilt, als würde sie ihre Gesprächspartnerin mit militärischen Gesten förmlich anheizen. Es funktioniert. Aus der Heulsuse wird plötzlich ein entschlossener Racheengel mit geballten Fäusten.

Und die Touristen, die werden sich bald darüber freuen, was für tolle Sachen man auf den Straßen Berlins finden kann.

 

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19 Antworten zu “WIE SICH FRAUEN RÄCHEN …

  1. Dazu fällt mir ein Haiku ein:
    Frau weint beim Stricken
    Mann mit Kanne im Regen
    Muh sagt die Kuh. Muh.

  2. ‚Sie nimmt gerade eine Pfeffermühle in Form des Berliner Fernsehturms auseinander.‘ – Hach… ❤

  3. Erkältet und grantig und trotzdem schon wieder am Lachen 🙂 Deine Geschichten sind so klasse!

    • Erkältet und Grantig? Eine gefährliche Kombination. Hoffentlich auch müde? Ganz sicher, oder? Lies es noch einmal, dann schlummerst du ganz schnell weg. Versprochen.

      • Ja, auch müde 🙂 sehr gefährliche Kombination.
        Danke danke, genau das mache ich. Lachend einschlafen kann ja nur gesund sein 😉

  4. Claudine hätte ich vor zwanzig Jahren oder so sehr gerne gekannt. Als die Beziehung mit meinem damalgien, ständig alkoholisierten Lebensabschnittspartner in die Brüche gegangen ist. :mrgreen:

  5. Frauen sind schon seltsame Wesen….

  6. Wieder großes Kopfkino, großartig! 🙂 🙂

  7. Ein Highlight wie diese Geschichte habe ich heute ganz dringend gebraucht 🙂

    • Ich kann gerne mal schauen, ob hier in der Nähe eine Wohnung frei ist. Du kommst aus den Highlightes gar nicht mehr raus.

      • Das wäre meiner seit einem Jahr recht hartnäckigen Schreibblockade wohl ziemlich förderlich, *grins* – bin immer auf der Suche nach neuen Stories! Wobei der Öffentliche PersonenNAHverkehr hier in meiner Region auch immer jede Menge Stoff zu bieten hat 😉 Ich mag Deine Posts, lese sie oft unterwegs auf dem Handy und denke mir dann immer, uff, was bin ich froh, dass es woanders auch so zugeht 🙂

  8. Pingback: Das Internet ist schön | cardamonchai

  9. aus alltäglichen Wahnsinn solche Lachgeschichten basteln ist schon ein wirklich großes Talent ! Herrlich!

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