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DIE GROSSEN SORGEN DER KLEINEN AMERIKANERIN

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Sie reicht mir  bis zum Kinn. Und das auch nur, weil sich ihre hochtoupierten, wasserstoffblonden Haare wie eine wundersame Schlingpflanze nach oben strecken und meine Mundwinkel kitzeln. Sie hat den Körperbau eines Pandabären und die erschrockenen Augen einer Meerkatze.

So sieht er aus, der Besuch aus Amerika.

Ich darf ihn in Empfang nehmen. Und das nur, weil eine Freundin, Carla,  für ein Jahr ihre Wohnung untervermietet hat und bei der Gelegenheit gleich abgetaucht ist. Kein Wunder.  Sie ahnte wohl, wer da kommt.

Sie heißt Shirley, ein Direktimport aus North Dakota. Sie ist Deutschlehrerin. Das erste Mal in Europa. Eigentlich verwunderlich für eine Deutschlehrerin. Sie schiebt ihren mannshohen  Koffer durch den Flur der Wohnung. Vor einer eidottergelb gestrichenen Wand bleibt sie stehen.

„Oh… nice… it´s so nice, so very, very nice…“

Eine knallgelb gestrichene Wand. Mehr nicht. Sie tastet sie mit den Fingerspitzen vorsichtig wie ein Neugeborenes ab.

„Beautiful… „

Natürlich könnte Farbe in den USA rationiert sein. Vielleicht darf ein US-Bürger nur einen Liter Malerfarbe im Jahr für private Spielereien verbrauchen. Oder die Farbe Gelb ist einfach grundsätzlich nicht erlaubt. Es ist mir neu. Aber wer weiß?

Wir gehen ins Schlafzimmer. Ich öffne ein Fenster. Sie blickt heraus. Ihre Riesenaugen sind noch größer.  Fast fallen sie aus den Höhlen. Sie schaut in den Hof. Dann hoch zum Dach. Voller Sorge dreht sie sich zu mir um.

„Ist… das hier safe… sicher?“

Ich verstehe die Frage nicht. Wir sind im vierten Stock eines Altbauhauses. Was könnte hier nicht sicher sein?

„Kann… man hier einbrechen… nachts…?“, sie blickt wieder hoch zum Dach. Ich auch.

Ich sehe osteuropäische Banden, die sich mit ihren Enterhaken von der Dachrinne abseilen, in ihren Händen die schweren Stemmeisen. Böse, unrasierte Gesichter werfen sich Kommandos in einer Sprache zu, die hinter dem Kaukasus üblich ist. Sie sind hier, um Shirley, die Deutschlehrerin aus Dakota auszuplündern. Absurd.

„Bei uns in Dakota… sind die Fenster besser gesichert… „

Sie nickt sich selbst zu. Ich will sie beruhigen, aber sie hat schon wieder etwas Neues entdeckt. Das Bett. Ich sehe ihre Turmfrisur knapp über dem Boden. Auf den Knien robbt sie vor der Matratze herum. Sie inspiziert die Oberfläche so konzentriert wie ein Chemiker vor seinem entscheidenden Experiment.  Ihre feingliedrige Brille rückt sie gerade und kneift die Augen zusammen.

„Ich checke nur wegen bedbugs… noch einen Moment…“

Bettwanzen. Kein Scherz. Die Legenden sind wahr. In den USA soll es ja sogar Selbsthilfeverbände für Bettwanzengeschädigte geben. Diese 4 Milimeter-Monster sind aber auch teuflisch. Am Kopfende entdeckt Shirley einen schwarzen Punkt. Sie holt ganz tief Luft und streckt ihren Finger anklagend aus.

„Da… was ist das??? Ist das ….?“

Ich betrachte den Punkt. Es ist ein Kekskrümel. Meine Freundin Carla ist ja bekannt dafür, dass sie sich gerne bis zur Besinnungslosigkeit in den Schlaf futtert. Ich schnipse den Krümel mit dem Finger weg. Die Angst in Shirleys Gesicht will dennoch nicht weichen.

„Nachher… koche ich die Laken, just to be sure…“, wieder nickt sie sich selbst zu.

Die kleine Amerikanerin wackelt weiter durch die Wohnung, bleibt vor einer Schwarz-Weiß-Fotografie stehen, die eine nackte Frau zeigt und wendet sich hastig mit zusammengekniffenen Lippen ab.  Als ich mir ein Zigarillo anstecken will, kommentiert sie es mit nacktem Ensetzen.

„Bitte nicht. No way… please…“

„Ach, das habe ich in zwei Minuten weggepafft, wirklich…“

Ich halte das Zigarillo hoch. Sie weicht davor zurück, als halte ich glühenden, atomaren Abfall in der Hand. Vorsichtshalber hüstelt sie noch ein bisschen.

„Bei uns in Dakota ist das nicht erlaubt… no smoking, pleeeeeeasssse…“

Na gut. Dann eben nicht. Im Sinne der internationalen Völkerverständigung muss man diplomatisch vorgehen. Wir sitzen einen Moment später in der Küche und schweigen uns hochkonzentriert an. Ich habe keine Ahnung, worüber ich mich mit Shirley unterhalten könnte. Wetter? Filme? Politik? Besser nicht. Viel zu riskant. Aus Langeweile öffne ich eine Flasche Weißwein. Vielleicht wird sie lockerer, wenn sie ein Gläschen getrunken hat. Sie nimmt mir die Flasche aus der Hand und prüft das Etikett.

„Ist… das deutscher Wein…?“

„Der kommt aus Hessen. Ja.“

Sie wirkt beruhigt. Erst mal. Sie sitzt in dem braunen Ledersessel. Ihre kurzen Beine berühren den Boden kaum. Hartnäckig inspiziert sie das Etikett.

„Weißt du, ob die Leute, die die Trauben pflücken… ich meine, weißt du…“

Nein. Weiß ich nicht. Was meint sie? Ich kann mir die Frage einfach nicht vorstellen. In meinem Kopf rattern tausend Möglichkeiten für die Vollendung ihres Satzes durch mein Großhirn. Ich komme einfach nicht drauf. Keine Ahnung. Shirley löst es auf.

„Weißt du, ob die bei der Arbeit Handschuhe tragen? Also… wenn die die Trauben pflücken? Mit Handschuhen,  ja… ?

Ich bin perplex. Sie meint es wirklich ernst.

„Na, also einige werden sicher Handschuhe tragen. Andere aber wohl nicht.“

Sie verzieht das Gesicht zu einem gewaltigen Iiiieeeehhhhhh. Der Wein in dem Glas hat sich gerade eben vor ihr in eine stinkende Jauchebrühe verwandelt. Trauben, die von den schmutzigen Fingern gebeugter, altersschwacher Arbeiter berührt werden. Ekelerregend.  Einem ersten animalischen und besonders gemeinen Instinkt folgend,  hätte ich Lust, ihr auch noch von behaarten Beinen und schwieligen Füßen zu berichten, die die Trauben zerstampfen. Es ist wie ein böser Drang in mir. Aber ich lasse es. Für Shirley ist die erste Stunde in Prenzlauer Berg ohnehin  zu einer Geisterbahnfahrt geworden. Warum sollten wir den ganzen Spaß schon jetzt aufbrauchen?

Als sie mich zur Tür bringt, wirkt sie angespannt. Ich reiche ihr zum Abschied die Hand. In ihrer Innenfläche spüre ich den feinen Schweißfilm. Wir verabschieden uns. Sachlich. Unterkühlt.

Die Tür fällt zu. Nur einen Moment später höre ich die dumpfen Geräusche. Knirschend und rumpelnd.  Natürlich. Wahrscheinlich verbarrikadiert sie jetzt die Tür von innen mit der Wohnungseinrichtung. Tische, Stühle und ihr gewaltiger Monster-Koffer werden zur Barrikade. Sicher ist sicher. Wer kann es ihr verdenken? Sie lebt  ja jetzt schließlich unter Wilden.

Das werden spannende zwölf Monate. Irgendwie freue ich mich darauf. Ehrlich.

Welcome in good old Europe.

Welcome, Shirley.

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