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VERRAT AN DER TIEFKÜHLTRUHE

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Ich gebe es zu. Vieles lässt mich kalt:  Beinlose Bettler, wimmernde Waisenkinder, humpelnde Hunde –  damit muss mir keiner kommen. Aber bei alten Leuten in Not zieht sich mir der Magen zusammen. Keine Ahnung, warum. Und ausgerechnet heute begegnet mir diese Greisin in meinem  Supermarkt.

Sie ist klein. So klein, dass sie sich fast an der Tiefkühltruhe vor ihr wie in einer Turnübung hochziehen muss.  Die Brille rutscht ihr immer wieder über die Nase. Und dabei will sie doch nur an die Fischstäbchen ran, von fiesen Supermarktmitarbeitern fein säuberlich in der letzten Reihe aufgestapelt.  Es war sicher eine Anweisung des Chefs. Fischstäbchen für Berliner Rentner? Brauchen die nicht. Die sollen doch trockenes Brot futtern.  Sind das doch aus`m Krieg gewohnt.

Nein, diese Oma hier hat keine Chance. Ihre Muskeln sind sicher vom vielen Rollatorfahren ganz aufgeweicht. Ich muss eingreifen. Die Fischstäbchen geangelt und der alten Dame überreicht. Ihre knochigen Hände zittern, als sie die Packung schnappt und sie sich wie ein Kleinkind gegen die Brust presst.

„Danke, das ist sehr freundlich. Vielen Dank, das hätte ich nie alleine geschafft.“

Erst jetzt fällt mir der violett-rote Stich in ihrem grauen Haar auf, wie sie bösartige Friseure gerne halbblinden Seniorinnen verpassen. Auf ihrem Kopf sieht es aus wie nach einer Malstunde für Erstklässler. Altwerden ist wirklich eine unangenehme Angelegenheit.

Eine Mitarbeiterin des Supermarktes nickt uns zu. Sie rauscht in ihrem roten Kittel vorbei und verschwindet in der Wurstabteilung.

„Sagen Sie mal“, frage ich die Seniorin an meiner Seite, „warum haben Sie die denn nicht um Hilfe gebeten?

Die Alte beugt sich ein Stück vor und kneift die Lippen zusammen. „Die? Ach, die doch nicht. Um Gotteswillen. Die hat zwei Jahre da hinten in der Flaschenannahme gearbeitet. Und wissen Sie, was die gemacht hat?“

Keine Ahnung. Vielleicht hat sie Wasser in die leeren Flaschen gefüllt und mit einem Löffelchen drauf rumgeschlagen. Ich weiß es wirklich nicht. Die Alte beugt sich noch ein Stückchen vor.

„Geklaut hat die, wie ein Rabe. Das Flaschenpfand hat sie sich schön in die eigene Tasche gesteckt. Und dann ist sie immer mit schicken neuen Klamotten hier rumgelaufen, bis es rauskam.“

„Warum ist sie nicht geflogen?“

„Na, weil die Bande hier zusammenhält. Die hat schön auf Mitleid gemacht, von wegen ihrer Kinder, und dann haben sie die in die Wurstabteilung versetzt, weil sie da nichts mit Geld zu tun hat.“

Ich blicke den Gang hinab. Das Gesicht mit der weißen Haube zwischen all den baumelnden Würsten wirkt eigentlich harmlos. Aber das könnte ihr Trick sein. Womöglich ist sie nun von Kleingeld auf Wurstzipfel umgestiegen, die sie sich kurz vor Schichtende in die Taschen ihrer Jeans klemmt. Die Fingerspitzen leckt sie sich bestimmt ab. Man will ja keine Spuren hinterlassen.

„Und die da hinten ist noch schlimmer.“ Die Alte zeigt nach hinten zu Kasse Nummer drei. Eine dickliche Vierzigjährige mit knallroten Lippen sitzt da am Laufband. „Die quatscht die Kerle hier immer an. Die angelt die sich hier richtig weg, und dann sitzt sie mit den Typen nach der Arbeit beim Italiener nebenan. Und ich muss Ihnen ja nicht sagen, was dann danach passiert, oder? Das wissen sie doch,  ja?“ 

Ich ahne es. Bilder von ekstatischen Verkäuferinnen mit zerrissenen roten Supermarktkitteln flimmern durch mein Hirn. Irgendwie muss ich die da wieder rausbekommen,  aber die Zunge der Alten ist wie eine geladene, scharfe Waffe, aus der immer neue Enthüllungen abgefeuert werden.

„Und einmal, da ist die viel zu weit gegangen. Da musste sie abtreiben lassen. Da hat sie hier die den ganzen Tag heulend gesessen. Aber das war die Strafe. So was macht man ja auch nicht, oder?“, und noch einmal mit Nachdruck, „oder?“

Ich schüttel den Kopf fast wie automatisch.  „Warum gehen Sie denn nicht in einen anderen Supermarkt?“

Sie lacht auf, schrill und laut – und gar nicht omahaft. „Na, jetzt wo ich hier meine Pappenheimer kenne? Nee, nee, nee … In seinem Revier muss man sich immer auskennen. Da muss man gewappnet sein. Ist besser so.“ Dann wackelt sie den Gang hinab in Richtung Waschpulver.

Tolle Enthüllungen.

Ich habe mir erst mal Hundert Gramm Salami an der Wursttheke bestellt. Nicht, weil ich Appetit darauf habe, sondern weil ich mir die Flaschenpfand-Gaunerin noch mal genauer anschauen wollte. Es hat einen gewissen Kitzel, etwas aus dem Leben eines Menschen zu wissen, wenn der nicht ahnt,  dass sein schrecklichstes Geheimnis längst in Umlauf ist. Natürlich habe ich auch überprüft, ob sie beim Abwiegen den Finger auf die Waage legt. Nur so. Sicher ist Sicher.

Zum Bezahlen geht es natürlich an Kasse Nummer drei – wo ich schon mal so richtig in Stimmung bin. Vielleicht habe ich es mir eingebildet, aber hat mir die dicke Kassiererin mit ihren zugespitzten Lippen nicht eben zugezwinkert? Hat sie bestimmt. Das bilde ich mir doch nicht ein. So ein Biest.

Als ich meine Tüten einpacke, bemerke ich die Alte noch einmal. Sie steht in der Blumenecke hinter einem Holzgerüst, vertieft in ein Gespräch mit dem kahlköpfigen Händler. Sie besäuselt ihn mit ihren Familiengeschichten und irgendwann sagt der: „Ich habe vorhin schon gedacht, dass das ihr Enkelsohn war, mit dem sie sich da unterhalten haben.“

„Was? Der? Nee, nee … Haben Sie gesehen was der für abgewetzte Schuhe anhatte? So was trägt mein Enkelsohn doch nicht. Und das Hemd war auch zu weit aufgeknöpft. Viel zu weit. Da konnt man ja schon das Brusthaar sehen. So läuft man doch nicht rum.“

„Vielleicht hat er gedacht, dass er Burt Reynolds ist“, lacht der Blumenhändler und legt den Kopf so weit in den Nacken, dass ich vier fleischige Ringe an seinem Hals zählen kann.

Ich blicke auf meine Schuhe hinab. Das ist ein verdammter Vintage-Style, hätte ich am liebsten in die Blumenecke gerufen. Das trägt man heute so.  Und Burt Reynolds, nun … so übel fand ich ihn gar nicht. Gut, der Schnauzer war schon etwas übertrieben und als er sich dann in späteren Jahren auch noch ein rabenschwarzes Toupet auf den Kopf gepappt hat, war es aus mit dem Zauber.

Die Einkaufstüten liegen wie Kanonenkugeln in meinen Händen, als ich an der verräterischen Alten vorbeiziehe.  Aber ich bin viel zu beleidigt, um sie abzufeuern. Sie winkt mir noch einmal zu und setzt ihr bestes Greisinnen-Lächeln auf, so, als wolle sie mir hinterherrufen:  Freundchen, ein Supermarkt ist ein Kriegsgebiet – und hier überleben nur die Besten. Ab nach Hause mit dir.

Ich gehe – aber ich werde wiedergekommen. Die Schlacht hat eben erst begonnen.

Als ich draußen auf der Straße bin, schließe ich den obersten Knopf meines Hemdes. Man sollte es seinem Gegner nie zu leicht machen.

Grundsätzlich nicht.

DUELL IM SUPERMARKT

 

Duell„Sammeln Sie Treueherzen?“

„Sehe ich aus, wie jemand, der Treueherzen sammelt, die Rückseite bespeichelt und sie in ein Album klebt?“

Die dürre Kassiererin mit der feuerrot gefärbten Matte guckt mich prüfend an. Sie balanciert ihren Körper elegant auf dem knarrenden Drehstuhl und schiebt sich ein Stückchen näher an mich heran.

„Neeee, eigentlich nich. Aber vielleich interessiert se unsere Pfannenaktion?“

„Ich habe keinen Herd.“

Sie guckt mich ungläubig an.

„Ach neee, Sie sind mir ja eener…die Tiersammelbilder sind dann ooch nüscht für sie, wa?“

„Doch, die nehm ich, sogar sehr gerne.“

„Ach Quatsch, neee, wirklich?“

Ja, da starrt sie mich mit ihren aufgerissenen Monsterpupillen an – sie ahnt natürlich nichts von meinem großartigen Plan. Aus den Augenwinkeln habe ich längst die beiden Kinder beobachtet, die wie kleine Aasgeier von Kasse zu Kasse schwärmen, um die Tiersammelbildchen der Supermarkt-Kunden abzugreifen. Es ist die nackte Gier,  die sie in Hektik versetzt. Ganz artig und brav kreuzen sie die Arme hinter ihren Rücken und setzen für die Erwachsenen einen betont treu-lieben Blick auf. Es ist ein beschämend billiges Schauspiel. Aber es funktionert.

„Dürfen wir die Bilder haben, bitte, bitteeee…?“

Einen Moment später ziehen sie sich in eine Ecke zurück, fetzen die Packungen hämisch lachend auf und prüfen ihre Beute. Und schwupps, geht es weiter zur nächsten Kasse. Die gleiche Show noch mal. Immer wieder.

Die beiden Jungs sind vieleicht neun Jahre alt. Zwei  Prenzlauer Berg Rotzgören mit Designerschuhen und Hilfiger Pullis, die schon jetzt die komplexen Gesetze sozialer Erpressung durchschaut haben.

Und plötzlich stehen sie vor mir.

Das wird nicht leicht, Kinder. Gar nicht leicht.

„Können wir die Bilder da haben?“, der eine, etwas dicklichere der Beiden, fährt seinen speckigen Finger aus und zeigt auf die Bildchen. Ein „Bitte“ ist in seinem Vokabular plötzlich auch nicht mehr enthalten. Passt mir gar nicht.

„Die Bilder…“, der Neunjährige wiederholt seine Forderung und  klingt auf einmal  wie ein Pistolero  in einem Italo-Western.

Warum denn?“, frage ich.

Zwei irritierte Gesichter.

„Na, weil wir die doch sammeln…“, rhetorisch ein eher unterdurchschnittlicher Argumentationsversuch. Kommt bei mir nicht gut an.

„Die könnt ihr euch erarbeiten. Einfach so gibt es die nicht.“

Die beiden zuppeln an ihren teuren Pullis herum und blicken sich ratlos an.

Ich wedel mit dem Packen.

„Die Einkaufstüten zum Auto tragen. Sauber einräumen, und dann gibts die Bildchen.“

Die Kassiererin lacht laut.

„Jenau… nich immer hier rumbetteln. Ich muss ooch den janzen Tach hier buckeln und ick krich ooch nüscht umsonst.“

Die Kids sind genervt, zucken kurz mit den Schultern und akzeptieren den Deal.  Sie greifen nach meinen Tüten, da betritt SIE den Supermarkt. Es ist der Auftritt einer echten Prenzlauer Berg Mutti. Sie gleitet mit ihren doppelseitig gebunden Gesundheitsschuhen in den Supermarkt, unter ihrem Arm eine zusammengerollte Yogamatte. Wenn man genau hinsieht, entdeckt man auch noch ein paar Karamellkekskrümel in ihren Mundwinkeln. Ganz sicher die Überbleibsel der mehrstündigen Nachmittags-Plausch-Arie mit gleichgesinnten Freundinnen. Sie ist fassungslos.

„Nein, also, nein. Das kommt gar nicht in Frage, dass meine Kinder hier Ihre Tüten tragen. Was fällt Ihnen denn ein?“

„Wieso? Wir haben einen Deal. Tierbildchen gegen Tüten schleppen. Was gibt es da nicht zu verstehen?“

Ihre fusseligen Haare wirken vor Empörung wie statisch aufgeladen.

„Na hören Sie mal.  In was für einer Welt leben Sie denn?“

„Na, in einer marktwirtschaftlich orientierten. Genau wie Sie, dachte ich…“

Sie reißt ihrem Sohn die Bilder aus der Hand und reicht sie mir mit ihren spinnenartigen Fingern. In der gleichen Sekunde bricht ein kleiner Staudamm in den Augen des Jungen. Tränen kullern. Dazu noch ein asymmetrisch wirkendes Schluchzen, unterbrochen nur durch das schnappartige Luftholen dazwischen. Er kann nicht fassen, was sich da vor seinen Augen abspielt. Das Gesicht seines Bruders steht ebenfalls vor einer ordentlichen Tränendurchflutung. Die Mutter sieht es. Sie sucht krampfhaft nach einer Lösung. Sie beugt sich über das Rollband zur Kassiererin.

„Verkaufen Sie mir ein paar von den Bildern?“

„Kann ich nich machen. Da müssen se erst hier einkaufen. Je mehr se kaufen, desto mehr Bildchen jibts ooch. Der Herr da hat ja für siebzich Euro eingekauft.“

Von hinten brüllt ein genervter Brillenträger.

„Mann, jetzt halten Sie doch nicht den ganzen Laden hier auf.

„Genau. Ganz genau“, ruft aufgeregt eine schmallippige Rentnerin vom Ende der Schlange.

Die Mutter guckt erst die Kassiererin wütend an. Dann mich. Ein weiterer Blick auf ihre heulenden Kinder.  Dann wieder zu mir, diesmal gepaart mit einem Zähnefletschen. In ihrem Kopf greifen wohl Millionen kleiner Zahnrädchen ineinander, auf der Suche nach einer Lösung.

Die ganze Szene erinnert in ihrer Dramatik an das brennende Römische Reich.

Irgendwie finde ich es ganz spannend.

Das kleine Mädchen an der Kasse nebenan fällt mir erst jetzt auf. Sie hat auch ein paar der Bildchen in der Hand. Sie traut sich aber nicht zu fragen. Obwohl sie es doch so gerne möchte. Sie guckt nur aus großen Augen umher und zuppelt schüchtern an ihren Zöpfen herum. Ich nehme meine Tüten, wandere in Richtung Ausgang und drücke ihr den Bilderpacken in die Hand. Sie kann es gar nicht fassen.

„Ohhhh… die sind für mich? Die kann ich alle behalten…??? Echt?“

„Klar.“

Von hinten brüllt die verkekste Prenzlberg-Mutter, „was soll das denn jetzt? Die trägt die Tüten doch auch nicht.“

„Verzeihung, in was für einer Welt leben Sie denn?“

Als ich den Supermarkt verlasse, blicke ich noch einmal über meine Schulter. Eine tobende Mutter. Zwei heulende Jungs. Genervte Supermarkt-Kunden. Ein glückliches Mädchen und eine Kassiererin, die mir breit lächelnd zunickt und dabei ihren erhobenen Daumen in meine Richtung schwenkt, als hätte ich ein Fußballmatch gewonnen.

Ich richte meinen Stetson, überprüfe den Sitz meiner Waffe im Holster und reite auf meinem treuen Gaul in die Abendsonne.

Lief doch ganz gut, der Tag.