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ALS DER POSTMANN NICHT MEHR KLINGELTE …

applehead

Claudines Gesicht ist eine starre Maske. Ausgebreitet auf dem Küchentisch liegt eine weiße Samtbluse, die zweifelsfrei als Oberteil für ein  verwöhntes Prenzlauer Berg-Kleinkind durchgehen könnte. Claudine streichelt den Stoff und flüstert mit zitternden Lidern:  „Das will ich nicht glauben. Das kann ich einfach nicht glauben.“  Im Takt der Worte bröckelt der Lippenstift in kleinen Krümeln von ihrer Unterlippe ab. „Das ist ein Tiefschlag vor dem Fest. Das Ende …“

Ihre Trauer ist nur vergleichbar mit der Beisetzung einer Urne. Darunter gibt es keine Entsprechung. „Was hast du denn?  Ist das ein Geschenk für deine kleine Nichte?“ Es erscheint mir im Angesicht der babyartigen Ausmaße des Kleidungsstückes plausibel. Mit dem tosenden Orkan aus Claudines Rachen habe ich nicht gerechnet. Ihr Gaumensegel flattert vor Empörung:

„Spinnst du? Das ist meine Lieblingsbluse. Diese blonde  Zicke in der Reinigung hat sie einfach eingehen lassen.“ Sie schwenkt den weißen Stoff wie eine Fahne über ihren Kopf. „Das hat die mit Absicht gemacht. Die ist richtig böse. Ein  schlechter Mensch ist das. Richtig, richtig schlecht …“ Fast steigen Tränen in ihren riesigen Augen auf. „Das war… meine Lieblingsbluse. Mir ist ganz übel vor Aufregung.“

„Die passt wirklich nicht mehr?“

Claudine wirft mir die Bluse gegen die Brust. „Klar, wenn ich vierzig Kilo leichter wäre und in einem Schrumpfstrahl gefangen wäre – dann schon.“ Sie kreuzt die Arme über ihrer Brust. „Wenn ich nicht so wütend wäre, dann würde ich jetzt heulen. Aber ich habe ja Würde.“

Die hat sie. Tränen wären mir allerdings lieber als die hochoktavigen Kreischtöne aus ihrem Mund. Ein friedvolles Schluchzen – die Weihnachtszeit würde es durchaus festlicher machen. Aber da ist nichts zu machen.

Ihr zischelndes Gemurmel ignoriere ich. Auf der Küchenspüle entdecke ich die Post des Tages – und ganz oben liegt ein zerknitterter Zettel:  Zustellversuch gescheitert.  Schon wieder. Eigentlich so, wie immer. „Warst du  gestern den ganzen Tag hier?“

Claudine blickt mich aus seelenlosen  Augen an. „Klar. Und ich werde deine Wohnung nie wieder verlassen, so fertig bin ich.“

„Das heißt, der Postmann hat wieder nicht geklingelt?“

„Nö, hat er nicht.“

Natürlich nicht. Warum auch die ganzen Treppen hochlaufen? Warum klingeln? Es geht doch auch viel einfacher.  Sollen die Leute doch selbst ihre Päckchen jagen und bei Nachbarn klingeln, die grundsätzlich ihre Tür nach 18 Uhr nicht mehr aufmachen. Oder besser noch: In der Dunkelheit zu einer ominösen Packstation wandern, vor der sich hunderte verlorene Seelen versammeln und in einem wimmernden Chor um ihre Päckchen flehen – ungehört.

Erst vor fünf Tagen habe ich an einer Ecke einen Paketzusteller gesehen, der feist und fröhlich hinter seinem Lenkrad saß. Auf dem Beifahrersitz lagen  aufgerissene Schokoriegel. Aus dem Radio dudelte ein Rock´n Roll Sender. Der Kerl klammerte sich an seinem Lenkrad fest, zerkaute seine Haselnusswaffeln und wippte den rockigen Takt mit seinem prallen Gesäß mit. Kurz darauf füllte er mit einem Kuli seine Zettelchen aus, die er mit beschwingtem Gang in den Briefkästen versenkte. Treppen mit Päckchen hochlaufen? Nein. Und so einer ist meiner womöglich auch:

„Das geht mir echt auf die Nerven. Ich habe mir ein Amazing Spider-Man No 3 bestellt. Aus den Sechzigern. Ich will das Comic jetzt haben. Jetzt – auf der Stelle. Ich kann nicht mehr warten. Ich brauch das sofort.“  In meiner Nase spüre ich den Duft des vergilbten Recyclingpapiers. Vor Ärger wird mir ganz warm.

Claudine betrachtet meine Aufregung mit seltsamen Interesse. Sie erhebt sich aus dem knirschenden Ledersessel und kommt ganz nah auf mich zu. Fast berühren sich unsere Nasen. „Wetten, dass ich den Postmann dazu bringen kann, die Päckchen künftig hier oben abzuliefern?“

Fast muss ich lachen. „Ohne Waffen?“

Klar. Ohne Waffen.“ Sie sagt es so selbstverständlich, dass es wie eine reine Provokation klingt.

„Bitte, dann mach mal.“

„Und was machst du für mich?“

Ich verstehe ihre Frage nicht. Was soll ich tun? Ihre Bluse auf eine Streckbank legen oder mir Wolle besorgen und ihr ein hübsches neues Jäckchen stricken? Eingelaufen ist nun mal eingelaufen. Zum Glück liefert sie die Antwort selbst.

„Du verkaufst meine alten Klamotten auf dem Flohmarkt, und von dem Geld hole ich mir eine neue Bluse. Wenn ich verliere, sortiere ich alle deine Comics.“

Alle Comics.Wirklich alle. Das würde Tage dauern. Der Nerd in mir jubelt. Dann aber jagen hässliche Bilder durch mein Hirn: Ich stehe in der winterlichen Kälte auf einem Flohmarkt. Feuchtigkeit kriecht durch meine Klamotten. Vor mir, auf einem alten Tapeziertisch,  liegen Röcke, kaputt gelaufene Stiefel und freizügige, durchgelebte Oberteile. Ich rede auf Prenzlauer Berg-Muttis ein, um ihnen auch noch das letzte durchgeschwitzte Hemdchen aus Claudines Schrank zu verhökern. Mir ist übel. Das kann ich nicht bringen. Es geht einfach nicht.

„Also … nein…“

„Nein?“

„Auf keinen Fall.“

„Feigling. Los jetzt, wir wetten.“

EIN KURZER INFORMELLER BREAK

Der Nachteil bei alten, langjährigen Freundschaften liegt in der mathematisch absolut exakten Berechenbarkeit des Gegenübers – fast so zuverlässig wie ein binäres Zahlensystem. Ich lasse mich nicht einen Feigling nennen, und Claudine weiß es. In der Vergangenheit hat das zwischen uns zu Wetten geführt,  die uns körperlich ausgelaugt und um Jahre gealtert zurückgelassen haben.  Ich hätte hart bleiben sollen – und was nun folgt, ist mein letzter Ratschlag in diesem ausklingenden Jahr: Lasst die Finger von blöden Wetten mit Frauen, die um jeden Preis gewinnen wollen.

UND WEITER GEHT ES

Claudine streckt mir ihre Klaue entgegen. Ihre French Nails zerfetzen mir fast die Haut im Innern meiner Hand,  so fest drückt sie zu, als ich einschlage.

In den nächsten sechs Tagen habe ich die Wette fast vergessen. Die Aufregung um Bluse und Postmann ist nur noch ein grauer Schatten der Erinnerung im stressigen Weihnachtstrubel. Eine Woche später aber sitze ich in meinem Arbeitszimmer. Es klingelt an der Tür.  Ich höre, wie Claudine öffnet. Womöglich ist es eine ihrer Freundinnen.  Nach einer Weile vernehme ich Stimmen aus der Küche. Da ist das freudvolle Lachen  eines Mannes. Er sitzt  an meinem Küchentisch.  In seiner Glatze spiegeln sich die Lichter der Weihnachtsdeko. Über seinem kugelrunden Bauch hängt eine abgetragene Daunenweste. Vor ihm steht mein zwanzig Jahre alter Rum, den er sich wie Milch ins Glas kippt. Er hat schon ganz rote Bäckchen. Claudine sitzt ihm gegenüber in einem T-Shirt mit V-Neck Ausschnitt, das ihr fast bis zum Bauchnabel reicht. Sie klatscht ihre Handflächen ineinander, als würde sie mich wie einen stumpfsinnigen Hund anlocken wollen.

„Das ist der Rudolf. Er ist extra die ganzen Treppen mit den Päckchen hochgekommen.“ Ihr Gesicht hat einen triumphierenden Ausdruck. Ihre dunklen Augenbrauen tanzen vor Freude wie Strichmännchen über ihre Stirn. „Neulich war er auch schon hier.“  Rudolf nickt. Claudine nickt – so synchron, als hätten sie es abgesprochen. Aber tatsächlich liegen dort zwei Päckchen neben der Spüle. Da sind sie wieder, die scheußlichen Bilder vom kalten Flohmarkt.

Rudolf kippt sich das Glas in den Rachen. Mit seiner übergroßen Zunge leckt er auch noch den Rand ab. Wie eine wohlgefällige, dicke Monsterspinne hat er sich in meiner Küche ein kunstvolles Netz gebaut.  In mein Schweigen nistest sich die eisige Kälte des Nordpols ein. Es stört Rudolfs Besinnlichkeit.

„Na, ich muss jetzt mal langsam los…“ sagt er.

Klar. Langsam. Ganz langsam.  Bloß keine übermäßige Hektik. Als er die Treppen herunterschleicht, denke ich darüber nach, wie er jetzt womöglich mit einem Packen Zustellzetteln in den Hauseingängen verschwindet. Schwuppdiwupp – rein in die Briefkästen, und weiter geht es.  Die verloren gegangene Zeit muss ja wieder reingeholt werden – und Rudi ist sicher ein Meister dieses vorweihnachtlichen Kunststückchens. Ich bin so wütend, da interessieren mich die Fakten ohnehin nicht mehr.

Claudine jubelt.  Sie klatscht in die Hände und brüllt wie in einer Fernsehshow, die wir alle mal alle kannten :  „Wette gewonnen … GEWONNEN!“ 

„Das ist eine Riesensauerei. Du hast es mit Sex provoziert und auch noch meinen Rum verschwendet. Und außerdem kriegen jetzt noch weniger Leute ihre Päckchen, weil dein Rudi  jetzt erst recht keine Zeit mehr hat.

„Na und?“ Auf ihren High Heels stakst Claudine auf mich zu. „Freundchen, gewonnen ist gewonnen. Klar? Bitte sehr, mein Kleiderschrank wartet schon auf dich.“

Vollmundig und töricht. Die Liste meiner Unzulänglichkeiten ließe sich noch um unbelehrbar, starrsinnig und unverbesserlich ergänzen.  Mein Kopf war so riesig und von sich selbst eingenommen, dass ich nicht für eine Sekunde mit einer Niederlage gerechnet habe. In der Nacht kann ich vor Wut nicht einschlafen. Die beruhigende Wirkung meiner original  Anti-Stress-Wachskerze versagt. Mit der flachen Hand schlage ich das Licht aus.  Wenigstens bekomme ich jetzt meine Päckchen häufiger in die Wohnung geliefert. Wenigstens das. Es ist nicht viel, aber es macht die Flohmarkt-Demütigung etwas erträglicher. Aber natürlich ist auch das nur ein Selbstbetrug, den ich in meiner Selbstnachsichtigkeit  zulasse.

Am nächsten Morgen prüfe ich den Tapeziertisch in meinem Keller. Das alte Ding  ist an den Scharnieren eingerostet und alles andere als flohmarkttauglich. Auch das noch. Ich verlasse meinen Keller in einer Welle der Übellaunigkeit und komme an den Briefkästen vorbei. Eine blonde, dürre Frau mit militärisch kurzem Haar klebt ein mir wohl bekanntes Zettelchen unter einen Briefschlitz.

„Aber … aber… wo ist denn der Rudi?“

Sie stoppt in der Bewegung. Ihr Blick über die Schulter ist kurz, empört und mit einem schwermütigen Seufzen garniert.

„Na, wo soll er schon sein? Zusammenjeklappt isser. Umjehauen hat’s  den. Bis in die Nacht hat er malocht.  Der  janze Stress, is doch keen Wunder. Der jeht im neuen Jahr in ’nen anderen Bezirk.  Is och besser so. Schönet Fest noch.“

Der Gang hinauf zu meiner Wohnung kommt mir endlos vor. Dort, auf dem Stuhl vor dem Küchentisch, hat er mal gesessen. Ich hätte Rudi besser pflegen sollen. Ein Postmann will auch mal in den Arm genommen werden in dieser kalten Zeit. Und mal ein Gläschen Rum,  wer will ihm das schon vorwerfen? Jetzt ist es zu spät. Rudi wird neue Freunde finden, denen er gerne die Päckchen zu kunstvollen, pisa-esken Gebilden in der Wohnung aufstapelt. Kinder werden ihm lachend zuwinken und Hausfrauen seine Ankunft mit bebendem Herzen erwarten. Auf Rudi ist Verlass.

Mit gebeugtem Rücken ziehe ich an meiner Wohnungstür vorbei.  Ein Zettel mit krakeliger Handschrift hängt dort: „Habe schon sieben Kartons mit Klamotten zusammen. Wahnsinn, was ich  noch alles gefunden habe. C.“

Das wird ein tolles neues Jahr. Die Zeichen sind eindeutig.

Und falls ihr im Januar einen schlotternden Typen auf einem Berliner Flohmarkt seht –  umgeben von Kleidern, kaputt getanzten Lederstiefeln und absonderlichen Hüten –  sicher würde er sich über ein Deckchen oder ein Heißgetränk  freuen.

Frohes Fest !!!

 

 

 

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