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DIE BÖSE, BÖSE CURRYWURST

Foto-12

„Da. Da drüben ist eine. Genau dieeeee… da will ich eine haben. Genau da…“

Claudine durchsticht mit ihren Händen aufgeregt die Luft. Die Finger klappen  scherenartig auf und zu, so aufgeregt ist sie. Sie fixiert die Würstchenbude neben der S-Bahn wie ein hungriger Gepard in der Steppe von Namibia. Und genauso schnell läuft sie auch über die Straße.

Man muss es verstehen.

Wenn sich Claudine eine kalorienträchtige Currywurst gönnt, isst sie den ganzen Tag nichts mehr. Es ist eines ihrer vielen Rituale. In der Regel trainiert sie sich mit ihren Hanteln die fettige Wurst noch am selben Tag ab. Eine Sünde, für die sich stundenlang geißelt. Deswegen muss die Wurst auch besonders gut sein. Wer quält sich schon für ein durchschnittliches Würstchen?

Heute geht die Angelegenheit schief. Aber so richtig.

Nur, Claudine weiß es noch nicht.

Aber gleich.

„Mit Darm, scharfer Soße und keine Mayo bitte“, haucht sie mit Heißhunger über die Glastheke der Bude.

Die dicke Wurstverkäuferin patscht einen Moment später alles in die Pappschale. Ihre Oberarme sprengen fast die Nähte ihrer Schürze. Sie wirkt auf mich wie ein gastronomisches Michelin-Männchen. Ihre Sauerkrautfrisur, ihr angeschlagener Schneidezahn und ihre rabenschwarzen Fingernägel, unter denen sich das Elend der Jahrzehnte angesammelt hat, machen sie zu einem formvollendeten Bildnis meiner Albträume.

„Woll´n se auch eene?“, schnauzt sie mich an.

„Nein. Danke.“

„Wat steh´n se denn dann in der Schlange?“

„Wieso Schlange? Ich stehe nur neben meiner Freundin.“

„Für mich sind zwee Leute ´ne Schlange. Also keene Wurst, nee?“

„Nein.“

Claudine kriegt von der Unterhaltung nichts mit. Der Plastikspieß mit den Wurstbrocken wandert so schnell in ihren Mund, dass alle anderen Sinnesorgane praktisch ausgeschaltet sind. Wie in Trance läuft sie über die Straße.

Noch drei Schritte. Noch zwei. Und jetzt passiert es.

„Auuuuuu…. uhhh….was isch dasch denn? Ahhhh…“

Mit zwei Fingern angelt sie in ihrem Mund herum. Anklagend hält sie mir einen Weißen Brocken vor die Nase.

„Ist das… eine Plombe…?“, frage ich.

Sie nickt und angelt weiter. Erfolglos. Aber ich sehe es. Zwischen ihren Zähnen klemmt etwas Metallisches.

„Und das ist eine… Schraube???“, flüstere ich.

Das Ding sieht aus, wie frisch aus dem Handwerkskasten. Es hat wirklich nichts in Claudines Mund verloren. Und dennoch  fasziniert es mich irgendwie.

Ein Fan von James Bond Filmen aus den 70´ern würde sofort die Ähnlichkeit zwischen Claudine und dem Beißer erkennen. Die kleine Schraube hängt zwischen zwei Zähnen in der unteren Reihe kurz vor den Backenzähnen. Claudine bekommt sie nicht heraus.

„Soll ich mal…?“

Sie nickt.

„Mann, schei blosch vorsüüchhtich…“

Ach was. Keine Sorge. Ich bin beherzter Pflaster-mit-einem-Ruck-Abreißer. Ein schneller Griff, und das Problem ist gelöst. Na gut. Ich habe mich ein wenig überschätzt. Es sind ungefähr vier Griffe, und einer rutscht auch noch versehentlich ins Zahnfleisch meiner Uralt-Freundin ab. Aber am Ende halte ich die Schraube in den Händen. Claudine betrachtet sie mit hasserfüllten Augen.

„Sind die irre in der Bude? Na warte. Das gibt Ärger.“

Einen Moment später knallt sie das metallische Mini-Monstrum auf den Tisch der Theke.

„Raten Sie mal, was das ist“, schreit sie die Wurstfrau an.

„Na, ne Schraube… wat´n sonst?“

„Die war in der Wurst. Mir hat`s eine Plombe zerschossen.“

„Meinen se, ick hab die da mit Absicht reinjepackt?“, ungerührt wendet sie sich ihren brutzelnden Würstchen zu.

„Wenn ich die runtergeschluckt hätte… dann… dann… hätte es mich von innen zerfetzen können.“

Die Wurstfrau wischt sich ihr filziges Haar aus dem Gesicht.

„Na, is ja nüscht weiter passiert, wa? Ham wa Glück gehabt, wa?“

Claudine explodiert in einem fantastischen Funkenregen aus Wut und Unglauben.

„Sind sie irre? Ich zeige sie an. A… N… Z… E…I…G…E…N, verstehen  Sie?“

Wurstie stemmt sich die Arme in die Hüften und meckert zurück.

„Anzeigen, anzeigen…“, äfft sie Claudine nach, „beweisen se doch ma, dass die Schraube von hier is…“, sie verpasst ihrem Gesicht einen überheblichen Ausdruck.

Fein. Toll. Jetzt wird es spannend. Endlich. Der Sherlock in mir führt vor Freude einen wilden Tanz auf. Ich setze mir die Glencheckkappe auf und ziehe an meiner Meerschaumpfeife. Den Fall werde ich lösen. Wär doch gelacht. Ich untersuche die Einrichtung der Bude. Es ist eine kleine, messingfarbene Schraube. Die kann nicht überall reinpassen. Logisch. Ich prüfe die Beschläge an der Theke, linse in Richtung Grill und grübel. In der Zwischenzeit lacht uns die Wurstfrau zwischen ihren Rauchschwaden wie ein Dämon in der Hölle aus.

„Da sieht mans ma wieda, wa? Beschuldigungen und nüscht dahinter. Nee, so wat hab ick gern…“

Bevor Claudine mit einem Satz über die Theke springt und die Wurstfrau mit einem gezielten Kopfstoß erledigt, sehe ich es. Ganz nah. Direkt vor mir. Da steht so ein auf antik getrimmter Saucenspender, aus dem der Ketchup tropft. Der kleine Hahn hängt irgendwie schief. Nur ganz leicht. Und tatsächlich ist in der Fassung nur noch eine der zwei Schrauben. Und auch noch messingfarben. Ich schiebe den Plombenkiller in die Fassung. Passt. Der Fall ist gelöst. Ich erwarte ein aufbrausendes Orchester, das einen triumphalen Schlussakkord spielt, bekomme aber nur ein dumpfes Grollen hinter der Theke spendiert.

„Na jut, jetze sind se zufrieden, wa?“, sie betrachtet mich angewidert aus  eng geschlitzten Augen, „so ne Klugscheißerei kommt ja bei mir überhaupt nich jut an.“

„Wie wär es dann mal mit einer Entschuldigung?“, zischelt Claudine.

„Tschuldigung. Sind se jetze zufrieden?“

Claudine ist sprachlos. So habe ich sie noch nie erlebt. Ich hätte Lust, ein Foto zu machen, um es mir in den stillen Stunden immer und immer wieder anzusehen. Sie krallt sich an der Theke fest.

„Für so was verlieren Leute ihren Job. Ist ihnen egal, was?“

Die Wurstzange der Angeklagten schwebt wie ein Taktstock durch die Luft. Jedes einzelne Wort wird damit nachhaltig unterstrichen.

„Soll ick ihnen ma wat sagen? Da drüben is `ne Bude und da. Und `n Restaurant und noch eens. Wenn ick hier nich mehr arbeite, dann eben da oder da. Is mir völlig schnuppe. So, da kieken se jetze, wa?“

Ja. Da guckt Claudine. Mit der Plombe in der Hand wandert sie durch die Straßen. Und ich an ihrer Seite. Sie ist noch immer zornig. Ich nicht. Die warmen Wellen der Zufriedenheit in mir sind unbeschreiblich.

„Cool, wie ich das gelöst habe, oder? Da wärst du nicht drauf gekommen.  Gib`s ruhig zu. Gut, was?“

Sie presst die Faust ganz fest um ihre Plombe und hält sie mir drohend unter die Nase.

„Ich mag Klugscheißer auch nicht.“

Na und?

Mein erster Fall.

Und auch noch erfolgreich abgeschlossen.

Wow. Wow. Wow.

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DIE BESTE AUSREDE DER WELT

World

Es ist 23 Uhr 10.  Ich stehe vor dem Berliner Hauptbahnhof und warte auf Claudine . Sie wollte mich abholen.  Sie ist nicht da. Die Funktionsweise von zwei sich gleichzeitig bewegenden Uhrzeigern ist ihr ein absolutes Mysterium. Während um mich herum Menschen mit Rollkoffern in Taxis einsteigen oder von ihren Lieben abgeholt werden,  stehe ich wie ein ungepflückter Pilz dumm herum. Dann klingelt mein Handy. Eine atemlose Stimme rauscht aus der Leitung.

„Du… du… du glaubst nicht, was mir passiert ist… also…“

„Wo bist du denn?“

„Na, ganz nah. Ich kann dich von hier aus sehen. Hier hinten am Museum. Hier…“

In einiger Entfernung sehe ich eine winkende Person. Neben ihr ein Polizeiwagen. Und daneben mein Auto.

„Bist du das?“

„Na klar… jetzt komm schnell her… schnell… schnell…“

Ich brauche zwei Minuten. Dann entfaltet sich vor mir das ganze Debakel. Claudine steht in einem grünen, knielangen  Nachthemd und mit Blümchenbadelatschen an den Füßen neben dem Polizeiwagen.  Obenrum trägt sie eines meiner Sakkos.

„Warum hast du mein Jackett an?“

„Hä? Na, nur im Nachthemd geht doch nicht, oder?“

Umwerfend. Ihre Logik ist schlichtweg umwerfend. Nun klettert ein grauhaariger, dicklicher Beamter mit Schnäuzer schwerfällig aus dem Polizeiwagen. Neben ihm steht eine Kollegin mit blondem Zopf. Er streckt seinen schweren Zeigefinger aus.

„Kennen Sie diese Frau?“

Ich hätte große Lust, ein lautes „nein. Noch nie gesehen“ auszurufen. Stattdessen knirsche ich voller Unlust die Worten zwischen meinen Zähnen heraus.

„Ja. Die kenne ich.“

Der kugelrunde Beamte rückt seine Kappe so tief ins Gesicht, dass seine Augenbrauen verschwinden. Es ist eine einstudierte Geste, die ihn mit nur einer Handbewegung zum „bad cop“ macht.

„Die Dame ist wie der Teufel an uns vorbeigefahren.  Mit einem Affenzahn. Und dann hat sie uns auch noch geschnitten. Und obendrauf noch Badelatschen an den Füßen.“

Ich werfe Claudine einen finsteren Blick zu. Es ist einer dieser Moment, wo ich mich gerne  in völliger Illoyalität auf die Seite der Beamten stellen möchte. Ich schweige. Claudine spricht.  Es ist eine flammende Rede der Anklage. Gegen mich. Natürlich.

„Ja, siehst du, weil du immer so einen Stress mit dem Pünktlichkommen machst. Immer dieses Rumgeglotze nach der Zeit. Das stresst mich total.  Da passieren dann solche Sachen.“

„Waaaas? Du wusstest doch seit zwei Wochen, dass ich heute ankomme.  Warum läufst du hier im Nachthemd rum, wenn ich mal fragen darf?“

„Mann, ich habe es verschlafen. Und als der Kalender im  Handy piepste, bin ich gleich los. Meinst du, ich hatte da noch groß Zeit, mich anzuziehen?“

Ich trete ganz nahe an ihr Gesicht heran. Unsere Nasen berühren sich fast.

„Du bist doch frisch geschminkt. Glaubst du, ich sehe das nicht?“

„Ich musste mich in den paar Minuten entscheiden. Anziehen oder Schminken. Ungeschminkt geh ich nicht aus dem Haus. Das weißt du doch ganz genau.“

„Aber nackt ist o.k., ja?“

Die Beamtin mit dem Zopf, Zeugin des kleinen Kammerspiels,  nickt Caudine  zustimmend zu.

„Warum hast du überhaupt mein Auto genommen?“, frage ich.

„Weil es direkt vor der Haustür stand und ich nicht mehr wusste wo meins steht. Immer dieses Hin und her mit den Parkplätzen. Ganz irre wird man hier in Berlin.“

Die Blonde Beamtin nickt schon wieder. Es ist zum Verrücktwerden.  Ihr männlicher Kollege nimmt zum Glück  wieder Claudine ins Visier.

„Papiere haben sie auch nicht dabei. Aber da haben Sie sicher auch eine Ausrede parat, oder?“

Claudine klopft auf die Taschen meines Sakkos. Es schlackert leblos und riesengroß um ihren Körper.

„Na, das können Sie aber glauben. Die Taschen in dem Sakko sind alle zugenäht. Er da“, sie zeigt auf mich, „ist der einzige Mensch, den ich kenne, der bei seinen Sakkos, nicht die Taschen aufreißt. Die kommen so vom Werk, und er lässt sie einfach zu. So was gibts´doch nicht. Wo soll ich da Papiere reinstecken?  Und in meinem Nachthemd gibts ja wohl keine Taschen. Ist doch logisch, oder?“

Die Blondzopf-Polizisten nickt ihr schon wieder wie eine Aufziehpuppe zu. Ihr Kollege nimmt mich kurz zur Seite.  Er vergleicht die Fahrzeugdaten und guckt mich betroffen an.

„Sie sind nicht verheiratet, oder?“

„Um Gotteswillen. Nein. Nur Freunde.“

Er atmet in einer Welle von Mitgefühl fast erleichtert auf.

Claudine unterhält sich derweil mit der Beamtin. Sie scherzen. Sie lachen. Irgendwann zuppelt die Polizistin sogar an Claudines Nachthemd herum, und ich höre Wortfetzen,  „Viktorias Secret…? Ja?… Schön… ach, schön…“

Es ist unfassbar. Der Beamte neben mir zweifelt auch an seinen Sinnen. Er schüttelt ungläubig seinen Schnauzer wie eine pitschnasse Robbe hin und her. Wir treten aus dem Wagen. Er blickt Claudine ernst an.

„Sie kommen aus Bayern, ja?“

Claudine nickt artig.

„Ich weiß nicht, ob das bei Ihnen üblich ist, sowas…“, er zeigt auf das Nachthemd, „ich will heute mal nicht so sein. Aber ich sage Ihnen, wenn ich Sie noch mal auf meinen Straßen erwische, dann gibt´s richtig Ärger. Da mach ich ordentlich Rambazamba, klar?

Claudine nickt noch einmal. Ein paar Minuten später sitzen wir in meinem Auto. Über ihrem Gesicht hängt ein allumfassendes Lächeln.

„War doch gar nicht so schlimm, was? Du, wollen wir noch was trinken gehen?“

„So? Im Nachthemd? Mit Badelatschen?“

„Also, ich bin jedenfalls viel zu stark geschminkt, um mich jetzt einfach so wieder hinzulegen.“

Sie guckt mich von der Seite an.

„Darf ich fahren?“

„Nein.“

Sie klappt den Schminkspiegel am Beifahrersitz  herunter, macht einen spitzen Mund und sieht dabei wie eine selbtgefällige Diva aus. Im Radio spielen sie „Fools like us“ von Echo and the Bunnymen.

Claudine singt es mit.

Alle Zeilen.