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WIR WOLLEN SCHÖN UND KNUSPRIG SEIN

Sonnenliege

„Das gibt es doch nicht… also echt… Wahnsinn…“

Ich stapfe mit Claudine und Petra durch Prenzlauer Berg. Die beiden tragen ihre dicksten Mäntel, zottelige Handschuhe und gewaltige Fellmützen, mit denen sie problemlos als  Palastwachen beim Buckingham Palace anheuern könnten.

Claudine hat es zuerst gesehen. Kurz darauf Petra. Die beiden huschen hektisch und atemlos über die Straße, bleiben vor einem Solarium stehen und beglotzen das riesige, weiße Ungetüm, das vor dem Laden auf dem Kopfsteinpflaster steht.

Eine Sonnenbank. Ein Zettel klebt dran. 70 Euro.

Claudine kombiniert messerscharf, „das ist ja wie ein Fingerzeig von oben. Wir schlottern uns tot in diesem Mistwetter, und dann verkaufen die hier eine echte Sonnenbank für ein paar Euro. Ich fass es ja nicht.“

Petra zieht hastig die Handschuhe aus . Sie tastet das schlafende Monstrum ganz vorsichtig ab. Ihre Fingerspitzen gleiten zärtlich und behutsam über die Plastikverkleidung . Fast schon liebevoll.

„Meinst du das funktioniert noch?“

Claudine kann weder einen Schraubenzieher bedienen, noch die Motorhaube eines Autos öffnen.  Aber hier, mitten auf der Straße, verwandelt sie sich plötzlich in einen routinierten Elektriker.

„Klar, sonst würden die es ja nicht verkaufen, oder? Da ist der Anschluss, sieht doch ganz ordentlich aus. Die Lüftungsschlitze sind auch ganz sauber.“

Petra liegt mittlerweile wie ein Automechaniker rücklings auf der Straße.

„Sieht von hier auch ganz gut aus“, tönt es von unten.

Die beiden blicken sich an. Claudine nickt entschlossen.

„Das können wir uns nicht entgehen lassen.  Sonne, wann immer man sie braucht. Und ich brauch die schon seit fast einem halben Jahr. Aber wo packen wir das Ding hin?“

Sie wenden ihre Köpfe wie auf ein geheimes Kommando hin in meine Richtung. Natürlich.

„Vergesst es. Meint ihr, ich will eine Sonnenbank in meiner Wohnung haben? Nein. Da mach ich nicht mit. Auf gar keinen Fall.“

„Aber du hast doch die größte Wohnung. Wir könnten es doch erst mal ins Bücherzimmer packen.“

„Und während ich lese, rollt ihr euch nackt über die Liege? Und dann darf ich euch nach dem Bräunen auch noch die Handtücher reichen?“

Petra grübelt. Es ist eigentlich mehr als das. Man sieht, wie ihre Gedanken voller Verzweiflung rotieren und gegen die Schädeldecke prasseln.

„Vielleicht kann ich das Ding in unserem Kinderzimmer unterbringen. Der Kleine braucht ja nun wirklich nicht den ganzen Platz.  Ich rufe Bernd an. Wir müssen es ja auch irgendwie abtransportieren.“

Bernd kommt. Ein Blick auf die Situation genügt ihm, und sein Gesicht verwandelt sich in eine einzige, riesige Sorgenfalte.

„Also, Petra… das geht doch nicht. Das kriegen wir doch nie unter. Nein, also wirklich nicht…“

Er sieht das enttäuschte Gesicht seiner Freundin, dann dreht er den Kopf  in meine Richtung. Ich wittere Verrat. Und Bernd liefert.

„Und bei dir geht es nicht? Ich meine, du hast doch die größte…“

„Nein. Nein. Nein. Schluss jetzt mit diesem Unsinn. Außerdem hat der Laden doch längst zu. Wenn ihr die Liege mitnehmt ist es Diebstahl.“

Eine teuflisch gut durchdachte Argumentation. Gewürzt mit ein wenig Angst. So was funktioniert immer. Dann pfuscht mir Bernd schon wieder dazwischen.

„Zur Not könnte man das Geld ja unter der Tür durchschieben. Sieht nicht abgedichtet aus. Ich denk, das würde gehen…“

Sie glotzen mich an. Es sind drei schon fast kindlich, bettelnde Gesichter, die auf meinen Mund starren, in der Hoffnung, dass da womöglich eine positive Antwort herauskullert.

Nein, ich werde nicht weich.

„Wir können gerne in eine Bar gehen, und ich bezahle alle Getränke bis ihr heiß und durchgeschwitzt seid. Mehr ist nicht drin.“

„Na gut, besser als nichts“, Claudine sagt es mit einem Unterton der bittersten Enttäuschung und zieht mit ihrer geschlagenen Armee die Straße herunter.

Am nächsten Tag fahre ich mit ihr an dem Solarium vorbei.

Die Sonnenbank steht noch immer dort.

Lauernd, wie ein bösartiges Raubtier vor dem Sprung.

Claudine wirft noch einmal einen Blick durch die Scheibe des Autos und seufzt ganz schwermütig.

„Mann, wär das schön gewesen.“