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VERDAMMT, ICH WILL EIN HÜBSCHES TATTOO…

Tattoo

Was für ein herrlich warmer und friedlicher Nachmittag. Ich sitze vor meinem Lieblingscafé und betrachte die vorbeiziehenden Menschen. Meine Hausmeisterin wackelt in einem grauen, viel zu engen Leinenkostümchen vorbei, das sie wohl schon als Teenager trug. Heute ist es eher ein Korsett. Mad Thomas, unser Kiezirrer, schleppt einen ausgehöhlten, kaputten Röhren-Fernseher durch die Straße. Durch die Schlitze im Gehäuse steckt er kleine Steine. Kennt man von Kindern mit ihren Spardosen. Er rüttelt an dem Ding und lacht blechern. Da drüben auf der anderen Straßenseite sehe ich die Amerikanerin Shirley, die wie wahnsinnig mit ihrem Stofftaschentuch einen Apfel blank poliert.  Weg mit den Keimen. Pfui. Pfui. Weg. Weg.

Alles ist friedlich an diesem sonnigen Tag. –  dann  kommt G..

Mein Videothekenmann sieht mich sofort. Er stolpert auf meinen Tisch zu, schiebt den Kakao zur Seite und flüstert, „tach, tach, mann, mann… bin ich aufgeregt. Guck ma, meine Hand zittert schon fast…“

Er hält mir seine behaarte Pranke unter die Nase. Sie vibriert wie eine elektrische Zahnbürste.

„Ist ´n wichtiger Tag für mich, heute. Wichtig, wichtig… gleich geht es los… Gott, meine Nerven.“

Jemand, der sich so verhält, erwartet Großes. Vielleicht heiratet er bald. Oder er wartet auf die Diagnose seines Arztes. Oder, oder… Schlimmeres?

„Du kannst es mir ruhig sagen „, flüstere ich mit der vertrauensvollen  Stimme eines Gottesmannes.

„Ich lass mir gleich ein Tattoo machen.“

Er sagt es mit so viel Stolz, als hätte er Amerika gleich zweimal hintereinander entdeckt. Meine Begeisterung ähnelt in ihrer Überschaubarkeit einem Teller, auf dem eine kleine Mohrrübe liegt. Es enttäuscht ihn.

„EIN TATTOO, MANN…“, ruft er noch einmal, “ und das Schönste, ich mach es für meine Freundin. ´n hübsches Motiv und ihren Namen drunter. Is was für die Ewigkeit, kapierste…? Willste mitkommen? „

Es nimmt kein Ende. G. ist über vierzig. Seit er seine junge Freundin kennt, trägt er clowneske Klamotten, hat blondiertes Haar und einen Bauch-Weg-Gürtel. Jetzt also auch noch ein Tattoo.  Die Situtation ist bizarr. Und das Schlimmste, ich häng mitten drin. Aber so richtig.  Ein teuflischer Strudel, der mich auf den Grund reißt und wieder ausspuckt – mitten in einem verranzten Tattoostudio in Prenzlauer Berg. Und da stehe ich nun mit G..

An den Wänden hängen die Meisterwerke bemalter Hautfetzen. Biker mit Totenschädeln. Gekreuzigte, lachende Skelette. Nonnen mit Zombieköpfen. Hübsch. Der Ladeninhaber heißt nur Ben. Big Ben. So steht es auf einem Foto neben der Kasse, draufgekritzelt mit einem schwarzen Kuli. Er betrachtet uns und rubbelt die Pfoten über seine Lederweste. Drunter trägt er nichts. Nur die nackte Haut. Dunkle Ringe sind um seine Augen tätowiert. Alice Cooper ist nichts dagegen.

„Du willst was auf die Haut, ja?“, er durchleuchtet mich mit seinen umkringelten Augen.

„Nein, er will was. Für seine Freundin.“

„Ja, ja, will ich…“, G. nickt wie ein kleiner Junge.

„Dacht ja eher, dass du eins willst. Bist eher der Typ dafür.“

Big Ben betrachtet den blondierten G. mit dem größten Argwohn und schiebt sich ein Streichhölzchen in den Mund, auf dem er herum knabbert. Er krümmt seine wulstigen Lippen so unnatürlich, dass sein ganzes Gesicht zu einer Maske  aus Abscheu und Widerwillen wird. Leidenschaftslos knallt er einen riesigen Plastikordner auf den Tisch und schiebt ihn G. herüber.

„Such dir mal was Hübsches aus. Sachste bescheid, wenn de fertig bist, klar?“

G. setzt sich aufgeregt an ein kleines, staubiges Tischchen und blättert den Ordner durch. Big Ben guckt mich wieder aus seinen toten Augen an.

„Ich würd dir ja lieber eins verpassen. Denk mal drüber nach.“

„Was würdest du mir denn empfehlen?“, meine Frage klingt so dämlich als würde ich  an der Wurst-Theke im Supermarkt einem besonders fleischigen Schnäppchen nachjagen. Big Ben ist Experte. Ein Menschenkenner. Ganz sicher.

Er greift unter seinen Tisch. Aus einer Folie zieht er ein besonders großes Bild heraus. Ich rechne mit dem Konterfei von Jean-Paul Sartre . Oder die strahlende Gestalt des Philosophen Emile Cioran. Serviert bekomme ich aber einen Henker, der im untergehenden Abendlicht einer üppigen Rothaarigen den Kopf abgeschlagen hat und ihn triumphierend über seinen Kopf schwenkt. Mein Mund ist trocken.

„Ist ´n Meisterwerk. Mittelalter, Hexenjagd und so, klar?“, raunt er mir zu.

„Verstehe… verstehe…“, heuchel ich zurück.

„Ich hab was, ich hab was…“,  G.´s aufgeregte Stimme rauscht durch den Laden und befreit mich aus dieser abstrusen Situation. Mit dem Finger tippt G. auf ein Bild in dem Ordner. Immer wieder. Tap. Tap. Tap.

Dann sehe ich es. Ich bin fassungslos. Big Ben auch. Er spuckt sein Streichholz auf den Boden. Hätte ich auch eines im Mund, würde ich mitspucken. Ich rede auf G. ein.

„Sag mal, das ist ein Einhorn. Ein rosafarbenes Einhorn… totaler Kitsch…“

„Ja, weiß ich. Ich will das“, wieder tippt er drauf. Tap. Tap. Tap.

„Aber das ist doch Mädchenkram, jetzt mal im Ernst. Das haben Fünfjährige auf ihren Regenmänteln“,  flüstere ich ihm zu.

„Ich will das und darunter ihren Namen. Ich bin nun mal ´n Romantiker.“

„Wie heißt sie eigentlich?“

„Sara.“

„Sara. Sara… oder Sarah? Also mit oder ohne „H“ am Ende ?

G. guckt mich an. Viel zu lange. Er weiß es nicht. Erschrocken knetet er seine Stirn.

„Ich glaube mit „H“.“

„Du weißt es nicht sicher?“

„Doch… also… ja, doch mit „H“.

„Ruf sie doch an. Ich würde da kein Risiko eingehen.“

„Ich kann sie doch nicht fragen, wie sie richtig heißt.  Wie sieht´n das aus, hä?  Geht doch nicht. Ich hab ihr heute eine Überraschung versprochen. HEUTE, verstehste…?.“

„Aber wenn du dir nicht sicher bist, dann lass den Namen erst mal ohne „H“ tätowieren. Wenn er falsch ist, hängst du den Buchstaben  später einfach ran. Logisch, oder?“

„Nein. Sarah mit „H“. Ich bin mir sicher.“

Big Ben schnauft verächtlich die Luft aus seinen wulstigen Lippen. Er klatscht die Hände zusammen. Aus seinen toten Augen tropft Missbilligung.

„Jungs, seid ihr mal fertig hier?“, er starrt G. bedrohlich an ,“willst du das Pony mit dem Namen nun oder lässt du´s bleiben. Was is jetzt?“

G. blickt mich hilflos an. Ich gucke weg. Ich will damit nichts zu tun haben.

„Na gut. Ich will´s. Wir machen´s.“

Als ich das Tattostudio verlasse, sehe ich noch wie G.´s  Hemdsärmel hochgerollt wird und die Nadel rotiert. Alles für die Liebe. Nur dafür.

Ein paar Stunden später sitze ich wieder in meinem Café.  Die Sonne geht bald unter. Mein Handy vibriert. Die SMS auf dem Display  ist kurz und eindeutig.

„War doch ohne „H“. Mist. Totaler Zoff . Beziehung kurz vorm Aus.“

Erschütternd. Ich lächel und schäme mich dafür. Aber nur ein bisschen.

Mad  Thomas, mein Lieblingsirrer, schleppt noch immer den kaputten Röhrenfernseher durch die Straße. Mittlerweile prall gefüllt mit Steinchen. Er stöhnt laut, zerrt seine Hochwassserhose noch höher  und nickt mir zu.

„Habe ich für meine Freundin gesammelt. Schön, ne…?“

Er hat eine Freundin? Ja. Sehr, sehr schön. Toll. Die wird sich freuen.

Alles ist friedlich an diesem Tag.

Theoretisch.

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