Schlagwort-Archive: Harrison Ford

LILLI KANN NICHT SCHLAFEN

Franky

Die Chips stehen auf dem Tisch. Die Dose Red Bull ist geöffnet. Der Flachbildschirm läuft warm. Gleich beginnt der Super-Duper-Directors Cut von Blade Runner.  Ein echtes Jungs-Ding. Perfekt. Alles ist perfekt. Fast.

„Duuuuhuuu… kannnschhhttt du mal kohhoommen…?“

Lilli steht im Bad. Sie putzt sich seit gefühlten zehn Stunden die Zähne . Lilli ist sieben Jahre alt. Die Tochter von Petra, einer Freundin, die mich bat, auf das Kind und ihren hyperaktiven Jack Russel aufzupassen. Geködert hat sie mich mit ihrem Science-Fiction-Kanal, den sie abonniert hat.  Lillis ganzes Gesicht ist voller Schaum. Ein Blick zur Uhr macht mich nervös. Nur noch zwölf Minuten.

„Was gibt es denn?“

Lilli schäumt weiter vor sich hin.

Ich putsche jeden Schahn schweeeei Minuten. Guck mal…“

Sie zeigt mir ihre Zähne. Es versetzt mich in Panik. Wenn das so weitergeht, verpasse ich den Anfang vom Film, die wundervollen Momente, in denen Harrison Ford über sein Leben als Blade Runner philosophiert. Ich muss eine Entscheidung treffen. Sie ist drastisch.

In jeder Familie gibt es Gruselgeschichten, mit denen man Kinder erfolgreich terrorisiert hat, um sie zu bestrafen oder ins Bett zu treiben. In meiner war es der „Mann im Rohr“. Habe ich meinem Großvater hämisch lachend die Luft aus seinem Fahrrad gelassen, oder meiner  Großmutter die Stimmung bei Fernsehkrimiabenden vermiest (weil ich die Sicherung herausgedreht und sie meist im Brotkasten versteckt habe), betrat er die Fläche: Der Mann im Rohr. Ein düsteres Phantom, das in den Rohren lauert,  um unartige Kinder zu packen und sie durch die schreckliche Welt der Rohre zu schleppen, wo sie nie mehr auftauchten. Der Mann im Rohr war  täglich Gast in unserem Haus –  Ganze Nächte habe ich mit meiner Taschenlampe unter der Bettdecke verbracht, bewaffnet mit einem Taschenmesser. Man weiß ja nie …

Jetzt ist Lilli dran.

„Also … Lilli … du weißt schon, dass du seit einer halben Stunde im Bett sein solltest.“

Sie interessiert sich nicht für meine anklagende Rede und schrubbt weiter auf den Zähnen rum.

„Wenn du in fünf Minuten nicht fertig bist, kommt der Mann im Rohr. Er wird dich wegschnappen und in seine Rohre mitnehmen. Wirst schon sehen.“

Das Schrubben stoppt. Wie auf Knopfdruck. Lillis Augen sind weit aufgerissen. Sie stellt sich auf die Zehenspitzen und starrt in den Abfluss des Waschbeckens.

„Aber da…  drin… ist doch keiner.“

„Er sitzt im Rohr. Er wartet. Du hast noch vier Minuten. Oder er wird dich holen. Tempo jetzt …“

Aus dem Zimmer nebenan tönen die wummenden Bässe von Blade Runner. Der herrliche Vangelis Sound. Verdammt.

„Also… eigentlich … wäre es besser… du gehst jetzt sofort ins Bett.“

Lilli glotzt noch immer in den Abfluss. Ein sorgenvoller Zug liegt auf ihrer Stirn.

„Da ist doch … gar keiner drin. Sag mal ehrlich … „, ihre Stimme ist ein wogendes Meer aus kindlicher Unsicherheit.

„Also, Lilli, ich würde das Risiko nicht eingehen. Wenn der Mann im Rohr  kommt, ist es zu spät. All die vielen Kinder … Geh lieber schnell ins Bett.“

Sie blinzelt in den Abfluss, legt die Zahnbürste auf den Badewannenrand und huscht (immer noch mit einem Schaumberg am Mund)  ins Bett. Sehr gut. Das Kind zugedeckt. Das Licht aus. Perfekt. Harrison Ford, ich komme.

Auf dem Weg zum Fernseher fallen mir die Chipskrümel auf dem Boden auf – und das zerfetzte Papier der Tüte. Peppi (ein besonders dämlicher und verharmlosender Name für den verschlagenen und dickbäuchigen Terrier) glotzt unbeteiligt aus seinem Hundekorb. Die Chips sind futsch. Ägerlich. Aber egal.  Der Bladerunner jagt gerade seinen ersten Replikanten. Es ist diese riesige Frau mit dem flammend roten Haar. Dann steht Lilli im Türrahmen.

„Ich kann nicht schlafen … weil … weil… vielleicht kommt der Mann im Rohr doch noch.“

„Ach was, der ist bestimmt gerade bei deiner Freundin Nathalie.“

„Und wenn er da fertig ist … ? Ich hab ganz viele Rohre im Zimmer. Ich hab Angst.“

Es ist zum Verrücktwerden. In der Küche finde ich zwei Teelöffel.

„So du nimmst jetzt den Löffel, und dann klopfen wir zusammen die Rohre in deinem Zimmer ab. Das wirst du schon hören, wenn da einer drin ist.“

Lilli nickt. Ich robbe auf den Knien durch ihr Zimmer und klopfe mit dem Löffel herum. Sie auch. Kling.Klang.Kling. Nach einer Ewigkeit sind wir fertig. Kein Mann im Rohr da. Lilli ist sehr zufrieden. Dann klingelt es an der Haustür. Es ist ein tätowierter Zwei-Meter-Mann, unrasiert, mit einem löchrigen T-Shirt, auf dem ein schießender  US-Panzer abgebildet ist.

„Wat is´n dat hier für `n Krach? Ick sitz da oben und hör hier dauernd dat Geschepper in den Rohren. Hackts hier bei euch?“

„Wir hatten Probleme mit der Heizung.“ Es ist keine Lüge. Definitiv nicht.

„Der Krach hört uff, klar?“, mault er mich an. Seine Eckzähne sind riesig und gelb. Ich prüfe die Möglichkeit einer körperlichen Auseinandersetzung und verwerfe sie genauso schnell.

„Wir suchen doch nur den Mann im Rohr“, ruft Lilli von hinten.

„Mann im Rohr? Macke oder wat? Ick bin der Mann von eens drüber, und ick mach jetze richtich Ärger. Legt euch hinne. Ick muss morgen früh raus.“

„Mann, ich wollte doch nur Blade Runner sehen … .“

Der Riese guckt mich mit großen Augen an.

„Läuft der jetze?“

„Science Fiction Channel. Ja.“

„Hab ick nich.“ Er linst über meine Schulter. „Würd ick ja  jerne mal wieder gucken, echt.“

Fünf Minuten später sitzt er auf dem Sofa. Neben ihm lungert der verräterische Peppi, in der Schnauze die letzten Reste der Chipstüte. Aus den Augenwinkeln sehe ich noch, wie der Blade Runner zweimal seine Waffe abfeuert. Es ist zum Heulen.

Das eigentliche Drama geht nun im Bad weiter. Lilli kontrolliert den Abfluss im Waschbecken.

„Wenn der Mann im Rohr da jetzt doch drin ist und nur wartet?“

Ich weiß nicht, ob sie mich nur ärgern will oder es ernst meint. Es spielt auch keine Rolle. Dieses Kind muss ins Bett, egal wie. Hinter der Toilette liegt ein Werkzeugkasten. Wasser abdrehen und mit der Kneifzange das Rohr unter der Spüle aufdrehen. Das geht schnell. Lilli hockt neben mir und blinzelt in das Rohr. Ich leuchte mit einer Kugelschreiberlampe hinein.

„Kein Mann da. Bist du jetzt zufrieden?“

Sie nickt. Schweigend geht sie ins Bett und zieht sich die Decke über den Kopf.

„Und wenn der Mann im Rohr doch irgendwann mal  zu mir kommt?“

Dann schlägst du mit dem Löffelchen auf dem Rohr so lange rum, bis der Riese von oben kommt. Der hilft dir schon.“

„Na gut.“

Drüben im Wohnzimmer läuft der Showdown. Ein ermatteter Bade Runner liegt mit seinem Kontrahenten zusammengesackt auf dem Dach eines Hochhauses. Ein paar Takte später ist der Film zuende. Der Riese steht auf und geht.

„Is einfach `n geiler Film. Hat richtich jut jetan. Juti, wa, vielen Dank, wa. Ick penn jetze ne Runde.“

Und weg ist er. Meine Dose Red Bull hat er ausgetrunken. Peppi liegt ermattet und vollgefressen in seinem Korb. Lilli schläft. Ich bin fertig.

Und irgendwo in der Nähe höre ich aus einem Rohr das blecherne Lachen eines Mannes.

Werbeanzeigen