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MEIN FEIND DIE WAAGE

waage

„Das… gibt es nicht… dieses Mistding…  Jetzt ist schluss… Schluss… ist jetzt“

Schon bevor ich meine Wohnungstür aufschließe, höre ich die aufgebrachte Stimme im Innern. Ein wütendes Schnaufen. Ein anklagendes Röcheln. Claudine ist aufgeregt. Das ist sie oft. Aber wenn ich ganz genau hinhöre, kann ich in ihrer Stimme einen Hauch von Verzweiflung wahrnehmen. Das ist eher selten. Es muss ernst sein. Sehr, sehr ernst. Weil Lauschen Spaß macht, lege ich das Ohr auf das faserige Holz der Altbautür.

„Dreck. Dreck. Dreck. Totaler Riesendreck…“, tönt es da.

Aufschließen. Eintreten. Staunen.

Ein Blick in die Küche bietet ein absonderliches Bild. Claudine steht in einer gepunkteten Unterhose und dem dazu passenden BH vor meinem Küchentisch. Mit einem riesigen Schraubenzieher stochert sie in meiner Waage herum.

„Ach, da bist du ja endlich. Mir reicht es jetzt mit diesem Drecksding hier. Die Batterie ist völlig runter. Die Waage zeigt mir zwei Kilo zu viel an.“

Meine alte Freundin  hält mir anklagend eine Knopfzelle hin. Mit gekräuselter Nase und angewidertem Gesichtsausdruck schwenkt sie die Batterie wie eine tote Maus vor mir hin und her. Ich grübel. Leider zu laut.

„Echt? Müsste eine leere Batterie nicht eher weniger anzeigen? Ich mein ja nur… also, rein physikalisch betrachtet…“

Ihre Augen sind riesengroß. Wie Teller.  Dafür ist ihr Mund klein und zornig zugespitzt. Ein Orkan der Wut wirbelt aus ihm heraus.

„Waaaas? Spinnst du jetzt total?  Guck mich mal genau an.“

Ich gucke.

„Na? Und?  Ist irgendwas anders?“,  diese Frage lässt für einen Menschen, der am Leben hängt, nur eine Antwort zu.  

„Nein.“

„Aha. Siehst du. Alles so wie immer. Aber dieses elektrische Lügendings zeigt trotzdem zwei Kilo zuviel an. Das lasse ich mir nicht bieten. Jetzt ist Schluss. Wirst schon sehen.“

Genau zwölf Minuten später stehen wir in Peters Werkstatt. So eine kleine, dunkle Bude in unserer Straße, in der eigentlich nur Computer repariert werden. Es riecht nach Formaldehyd. Schrauben kullern vor meinen Schuhen herum. Ich stolper über Kabel, die kreuz und quer durch den Raum gezogen sind. Peter sitzt wie ein wuchtiger Höhlentroll in seiner Computerburg und betrachtet uns geduldig. Die Waage liegt auf seinem Holztischchen. Bedeutsam wie eine Steintafel aus der prähistorischen Zeit. Nach einer Weile streicht er die Falten auf seinem Black Sabbath T-Shirt gerade und schüttelt seine langen, verfledderten Haare  hin und her.

„Na gut. Ich kann ja mal die Batterie checken“, brummelt er unaufgeregt.

„Ja, das machen wir“, zischt Claudine.

Er dreht. Er wendet. Er prüft. Weil die  blonde Furie vor seinem Schreibtisch seine Ruhe empfindlich stört, will er es richtig machen. Ärger passt ihm nicht in den Kram.

„Also… für mich…“, er braucht für jedes Wort mindestens zehn Sekunden.

„Jaaaaaa?“, Claudine drückt das Rückgrat durch und schiebt lauernd das Unterkinn vor.

„… sieht es wirklich so aus als ob….“

„Na? Raus damit“, faucht sie über den Tisch.

„Also, die Batterie ist in Ordnung.“

Claudine verschränkt entschlossen die Arme vor ihrer Brust.

„Aha. Na, dann ist wohl die Waage kaputt. Klar. Kann nur so sein. Dann müssen wir die eben reparieren. Ganz klarer Fall.“

Peter kratzt nachdenklich mit den Fingerspitzen über sein Stoppelkinn. Immer wieder. Ich mag dieses Geräusch ebensowenig wie das Quitschen von Messern auf Esstellern.  Er wartet wohl auf meinen Einwand für dieses unsinnige Anliegen. Ich enttäusche ihn.

„Guck dir die Waage doch einfach mal an. Ich komme in drei  Tagen noch mal vorbei, und dann haben wir den Fehler ja vielleicht“, heuchel ich frech-fröhlich.

Drei Tage.  72 Stunden in der Hölle.  Claudine muss reagieren. Als erstes verschwinden alle Western-Chipstüten aus meiner Wohnung.  Entsorgt. Vernichtet. Claudine entgeht nichts. Ich bin süchig nach Chips.  Ich gebe es zu. Mit zitternden Händen und rot geäderten Augen durchsuche ich den letzten Winkel meiner Wohnung. Nichts. Ich bin Einzelkind. Ich bin es nicht gewohnt, dass man mir die Nahrung entzieht. Es macht mich fertig. Für Claudine ist die Sache klar.

„Chips? Zu viele Kohlenhydrate. „

„Und meine Salzstangen?“

„Du kannst am Rettich knabbern. Steht auf dem Tisch.“

„Meine Energydrinks? Ich brauch die doch…“

„Quatsch. Brauchst du nicht. Auf 100 Mililiter 50 Kalorien. Geht ja wohl gar nicht. Trink Selter. Oder Leitungswasser.“

Unter der Spüle finde ich am Abend einen alten Schokoladen-Osterhasen. Ich beiße ihm den Kopf ab. Schmeckt widerlich. Hilft aber erst mal. In den leeren Blechdosen ist auch noch der eine oder andere Tropfen Flüssigkeit drin. Ohne Kohlensäure. Scheußlich – aber egal.
So geht das nicht weiter. Ich fasse einen Plan. Geschmiedet in den höchsten Stunden der Verzweiflung. Geboren aus Elend und Hunger. Unterzuckert und erschlafft. Ich muss es tun. Ein heimlicher Anruf bei Peter. Er bestätigt das Schlimmste.

„Die Waage ist o.k.“

„Kannst du das Teil so manipulieren, dass es ein paar Kilo weniger zeigt?“

Am anderen Ende der Leitung knistert und rauscht es. Dann plätschert Empörung durch das Kabel.

„Na, weiß du…“

„Tu es. Bitte… nur ein, zwei Kilochen…“

„Naja, ich kann den Federkörper in der Wägezelle verändern… aber jetzt mal echt…“

„Mach es. Bitte.“

Am gleichen Abend steht die Waage wieder im Bad. Die Stimmung steigt. Claudine ist fröhlich. Als ich in einen Muffin beiße, wird er mir nicht aus der Hand geschlagen. Ich erhöhe sogar noch auf ein Quarkbällchen. Nichts passiert. Alles ist wieder beim Alten.

Nur das schlechte Gefühl ist neu.

Jedes Mal, wenn ich die Waage sehe, fühle ich mich wie ein Verräter, der  seine Seele für ein paar Tüten Chips und eine Packung saurer Weingummis verkauft hat. Es ist bedrückend.

Am nächsten Tag gehen wir an Peters Computer-Bude vorbei. Claudine winkt ihm fröhlich durch die Scheibe zu und hebt den Daumen wie nach einem gewonnen Fußballspiel. Peter wirft mir einen bösen Blick zu.

„Was hat er denn, der alte Murrkopf?“,  fragt sie irritiert.

„Keine Ahnung.“

Ich werde Claudine die Wahrheit sagen müssen. Jetzt gleich. Ich kann es nicht mehr aufschieben. Es muss raus. Sofort. Dann zeigt sie mit ihrem rot lackierten Zeigefinger auf unseren Lieblings-Coffeeshop am Ende der Straße.

„Na, was meinst du? Noch ´nen kleinen New York Cheesecake mit Kakao, hmmm?“

Na gut.

Dann eben Morgen.

Oder am Tag danach.

Eilt ja nicht.

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