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WOVOR AUTOREN WIRKLICH ZITTERN – DAS GEHEIMNIS DES GRAUEN GREIFERS

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Tatsächlich hat sich bei mir eine befreundete Autorin über ihr Publikum bei Lesungen beschwert. „Die haben die Aldi-Tüten noch unterm Arm und hängen sich dann bei mir zum Dösen ab. Bei meiner Lesung. Das glaubst du nicht. Und gekauft haben die auch nichts. Und nur blöde Fragen gestellt. Einer hat sogar ’ne Thunfischdose aufgemacht und mit einer Plastikgabel in der Dose rumgestochert.“

Ich mag ja solche Geschichten. In Berlin, und darum geht es hier, ist alles immer ein bisschen anders – und von mir aus darf ein Zuhörer auch mitten in der Lesung sein Bierchen zischen. Stört mich nicht. Ist echt, und muss vielleicht auch so sein. Tatsächlich aber sind mir seit meinen “Federspiel-Lesungen”, so unterhaltsame Charaktere begegnet, dass ich von Berlin über Braunschweig und von Leipzig bis nach Linz ein ganz eigenes Kuriositätenkabinett habe. Anschnallen. Da sind sie: Zuhörer, die Autoren zum Zittern bringen:

Der graue Greifer: Er ist mindestens achtzig, kommt nach der Lesung zu mir und packt beide meiner Hände: “Sie haben zu viele Gedanken da oben drin. (deutet auf meinen Kopf) Da müssen Sie aufpassen.”

Klingt wie eine Drohung. Meine Hände hält er immer noch. Stahlgraue Augen kleben an mir.

“’n guter Freund von mir ist auch so wie Sie. Jetzt hat er Alzheimer.”

“Tut mir leid.”

Er presst meine Hände noch stärker. “Im Rollstuhl sitzt er auch.”

Ich knirsche mit den Zähnen. Meine Finger kriege ich immer noch nicht frei.

“Und er ist inkontinent. Hat so ein Beutelchen am Rollstuhl. Muss er überall mit hinnehmen.” Er lässt meine Hände wie ein ungeliebtes Kuscheltier fallen, knöpft sich seine Weste zu und schreitet zur Tür hinaus. “Schönen Abend wünsche ich Ihnen noch.”

“Danke.”

Er lässt mich zurück. Einfach so. In meinem Kopf trudeln die Bilder von meinem zerfallenen Körper in einem Rollstuhl auf und ab. Keiner will mich schieben. Und ja, natürlich … auch dieses verdammte Beutelchen. Widerlich und prall gefüllt schaukelt es vor meinem inneren Auge herum. Erst nach zwei Stunden in einer Bar verliert die Vorstellung ihre unangenehme Schärfe. Und manchmal, nur noch manchmal … denke ich daran. Immer noch viel zu oft. Der graue Greifer kann überall lauern.

Die tierische Traumtänzerin:  Bücher zu signieren kann Spaß machen. Ich freue mich, wenn jemand irgendeine besondere Auffälligkeit hat, die ich in einer Widmung unterbringen kann. Die Rentnerin mit ihren silberfarbenen Sportschuhen, die sie wie eine pensionierte Astronautin wirken lassen. Oder das Mädchen, das ihre Haare zu einer kunstvollen Bananenfrisur aufgetürmt hat, die ich am liebsten zum Einsturz bringen möchte.

Und dann kommt sie: Eine ernst wirkende Dame, mit dem Hauch einer Oberstudienrätin. Sie beugt sich vor und flüstert: “Können Sie mir bitte in die Widmung eine Eule reinmalen?” Ganz ernst meint sie es. Als ob ich mein ganzes Leben lang nachts in raschelnden Wäldern verbracht hätte, um die Gewohnheiten nächtlicher Raubtiere auszuspitzeln.

“Geht nicht auch eine Ente? Die kriege ich vielleicht noch hin.”

“Also … nein, es muss schon eine Eule sein. Ich lasse mir immer eine Eule reinmalen.”
Wie machen die anderen das denn? Haben die Schablonen? Oder üben sie das Eulen- Malen vorher, weil die Dame in der Szene berüchtigt ist?

Ich male. Ich schwitze. Die Schlange hinter der Dame wird immer länger.

Der Schnabel meiner Eule ähnelt einem verbogenen Kleiderbügel. Die Krallen hängen wie freudlos fallendes Lametta herab. Das überambitionierte Gekritzel eines Kleinkinds: Eine Eule wie aus dem Labor für besonders abscheuliche Mutationen, geboren aus einem lecken Atommeiler. Aber, bitte – fertig.

Die Dame betrachtet die Zeichnung und lächelt. “Schön.” Sie nimmt das Buch und schlägt die blanken Seiten am Ende auf. “Und hier hinten dann bitte die Ente.”

Kurzum: Ich bin nunmehr in der Lage, auf Befehl Giraffen, Eulen, Nilpferde und Wasserbüffel zu zeichnen. Ganze Zoos, wenn es sein muss. Ich bin da sehr folgsam.

Das gute Gothic-Girl: Sie sitzt in der zweiten Reihe und schluchzt. Ganz leise. Ich höre es trotzdem. Sie ist weiß geschminkt. Ihr Blechschmuck klirrt bei jedem Wort – an Nase, Mund und Ohr. Einmal senkt sie sogar den Kopf und holt ganz tief Luft, dabei wischt sie sich mit der Hand über beide Augen.

Es irritiert mich. Während ich den Text wie ein Sprachroboter weiterlese, rast mein Hirn zurück über die Textpassagen und sucht die Stellen, die theoretisch einen Weinkrampf auslösen können. Ich finde nichts, blinzel aber über meinen Buchrand. Da – ihre Unterlippe zittert. Ganz leicht nur. Aber ich sehe es.

Nach der Lesung kommt sie zu mir und drückt mich. Dabei versenkt sie ihr Gesicht in mein weißes Hemd und schluchzt noch einmal mit Nachdruck.

“Tschuldigung, ich musste immer an meine Schwester denken, als du die Stellen von der Henriette vorgelesen hast. Wir haben uns mal gestritten. Is ’n paar Jahre her. Ich ruf sie vielleicht doch mal an.”

Dann geht sie fort. Klirrend, mit flatterndem schwarzen Haar, und hohen Stiefeln.

Meine alte Freundin Claudine steht neben mir und tippt mir gegen die Brust:

“Guck mal, die hat dir mit ihrer Wimperntusche ein richtiges Kunstwerk ins Hemd geflennt. Sieht aus wie ein Rohrschachmuster.” Sie klopft noch einmal dagegen. “War ja klar, dass du solche Leute anziehst. Passt.”

Passt. Klar. Warum auch nicht?

Selbst nach dreimaliger Reinigung sind die schwarzen Schlieren im Hemd geblieben. Sieht aus, wie der in Heimarbeit entstandene Batik-Druck irgendeines Psychedelic-Freaks.

Aber das ist in Ordnung. Sehr sogar.

Am 2. Februar und am 16. März beginnen die Lesungen für das Hospital. Der zweite Februar in Berlin ist ausverkauft – aber wer mich in Potsdam besuchen möchte: Bitte sehr.

 

Am 16. März lese ich im Maz Media Store bei Krimi Live:

Friedrich-Ebert-Straße 85/86, 14467 Potsdam  – um 19 Uhr geht es los.

Ich bin sehr gespannt, wer diesmal durch die Tür kommt.

Irgendwie passt das schon.

Ganz sicher.

 

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FEDERSPIEL: DER ALBTRAUM EINER HAUSMEISTERIN

„Sie glauben wohl, dass ich ihre persönliche Putzfrau bin, oder was?” Meine Hausmeisterin hat diesen empört verkrampften Zug um ihre Lippen, der ihr den Charme eines stiernackigen Türstehers verpasst. “Bin ich aber nicht. Damit das mal klar ist.”

Ihre Kittelschürze ist komplett durchgeschwitzt. Dunkle Flecken sind vom Rocksaum bis hoch zu ihrem Halsausschnitt gewandert. Das verspielte Blumenmuster im Stoff ist durch die Nässe kaum noch erkennbar. Auf ihren nackten Oberarmen glänzt der Schweiß.  Es tröpfelt. Sie beugt sich vor und stützt den Oberkörper auf ihren Schrubber. “Ständig laufen Sie mit ihren  Energy-Drinks durchs Treppenhaus und verkleistern mir  das ganze  Linoleum.” Sie blickt über den Rand ihrer Brille. “Ständig. Das Zeug pappt wie Teer. Und Sie patschen auch immer noch mit Ihren Pfoten gegen die Glasscheibe an der Haustür. Meinen Sie, ich krieg das nicht mit?”

“Schon, aber …”

“Aber … aber … Immer dieses Aber. Das ist schon schlimm genug, und jetzt auch noch …”

“Tschuldigung.”  Ich möchte dieses Gespräch im Treppenhaus verkürzen. Mir ist viel zu heiß. Außerdem höre ich hinter den geschlossenen Wohnungstüren dieses verdächtige Rascheln, wie es nur entsteht, wenn ein neugieriger Nachbar sich leidenschaftsvoll mit seinem Körper gegen die Tür presst und durch den Spion linst. Ich bemühe mich um ein möglichst schuldbewusstes Gesicht: Blick senken, Augenbrauen runter ziehen und dabei auch noch die Schultern fallen lassen. Alles nach unten – und fertig.

Dieses schauspielerische Meisterstück hat schon während meiner Schulzeit eine unglaubliche Wirkung entfacht: Etwa, wenn mich meine knallharte Mathelehrerin dabei erwischt hatte, wie ich mit meinem Taschenmesser heiße Liebesschwüre in die Holzbank ritzte – dann einfach umschalten auf Betroffenheit. Die Experten garnieren diese Gestik noch mit einem treudoofen Augenaufschlag und einem angedeuteten Schluchzen. Meist war meine Lehrerin dann so gerührt, dass sie mir auch noch die Hälfte von ihren selbstgeschmierten Teewurst-Stullen angeboten hat. Die Betroffenheits-Nummer klappt immer. Eigentlich.

Meine Hausmeisterin atmet tief aus. Es klingt, wie die entweichende Luft aus einem Schlauchboot. “Jetzt machen Sie hier mal nicht auf unschuldiges Lamm. Können Sie sich sparen, das. Ich weiß doch, wie durchtrieben Sie sind” (Diese ungeheure Beschuldigung lässt sich übrigens  hier  ganz leicht überprüfen.)

Na gut. Dann eben nicht. War einen Versuch wert.

Sie greift in die rechte Tasche ihrer Kittelschürze und wühlt darin herum. Ein Schlüssel klappert. Das Papier eines zerfetzten Kinderriegels wird sichtbar und … drei weiße Federn. “Was ist das hier? Rupfen Sie Hühner in Ihrer Wohnung, oder was?”

Die Federn liegen ausgebreitet in ihrer schwieligen Hand. “Ich hab das Zeugs vor Ihrer Haustür gefunden, unten am Briefkasten, vorm Keller und an den Mülltonnen. Das ist doch nicht normal, so was!”

Natürlich könnte ich ihr jetzt erklären, dass ich einen Trailer für mein Buch “Federspiel” produziert habe. Die Federn sind die letzten Überbleibsel meines Drehs – und sie liegen überall in meiner Wohnung herum, zwischen Büchern, im Kühlschrank, auf dem Sofa – wirklich überall. Manchmal, wenn die Balkontür offen ist, treibt eine laue Sommerbrise die Federn in die Höhe und lässt sie durch die Wohnung fliegen. Aber nein, das behalte ich für mich. Sie würde meine Erklärung  nur als die bemühte Ausrede eines bereits Verurteilten abstempeln. In den Augen meiner Hausmeisterin bin ich ohnehin schon auf das Niveau eines Wilddiebs geschrumpft.

“Hm, muss irgendwas aus meinem Kissen sein.” Ich tippe mit dem Zeigefinger gegen meine Unterlippe. “Ja, das muss vom Kissen sein, ich bin mir sicher.”

“Sie pennen jetzt im Hausflur, oder wie?”

“Nein, natürlich nicht.  Tut mir leid. Aber wenigstens  pappen die Federn ja nicht am Boden.”

„Ach, dann is ja alles prima, was?“  Sie lacht ihr durchgeröstetes Nikotin-Gelächter, heiser im Abgang, mit diesem unverschämt klebrigen Timbre, wie es nur ein echter Raucher zustande bringt.  „Dann versuchen Sie doch mal selbst das Zeugs aufzusammeln.“  Sie streckt die Arme weit von sich und wiegt den Oberkörper hin und her. Sieht aus wie die perfekte Simulation einer Cessna im Landeanflug.  „Wenn ich da ranschrubbe, fliegen die hoch.  Die kann ich alle einzeln aufsammeln.“

Aber ist ja nun alles auch nicht sooo schlimm, oder?

Vor Empörung schaukelt  ihr grauer Dutt hin und her,  als würde er kurz vor dem Einsturz stehen.  “Nee, ist nicht schlimm. Klar. Für Sie is alles schön easy, was? Ich sag immer: Wer trübe Fenster hat, für den ist sowieso alles grau. Sie müssen mal Ihre Grundsätze überprüfen, junger Mann.” Sie stampft ihren Wischmopp in den Plastikeimer. Unser philosophischer Disput ist beendet.

Drei Tage später schickt mir der Verlag das erste Exemplar des Vorabdrucks meines Buches. “One of the very rarest things” heißt es in dem Begleitschreiben. Supernett. So ein Buch, das verschenkt man an die besten Freunde, an seine Eltern, an seine Frau, oder an … seine Hausmeisterin. Sie hat es sich irgendwie verdient. Unsere jahrelange Beziehung, all die vielen Höhen und Tiefen – Sie ist eine treue Begleiterin meines staubigen Alltags, und ohne sie hätte ich bedeutend weniger Spaß beim Treppenklettern im Hausflur.

Am Abend presse ich das Buch in ihren Briefkasten.

Die Tage vergehen. Einer. Noch einer. Und da ist die Woche plötzlich komplett, und wieder höre ich das satte Klatschen des Wischmopps im Hausflur. Ich gehe die Treppen hinab. Meine Hausmeisterin setzt ihre Brille auf, die wie üblich an ihrer klirrenden 70er-Jahre-Goldkette hängt.

“Und war es spannend?”, frage ich sie.

“Ja.” Dabei blickt sie mich an, als würden wir uns zum ersten Mal begegnen.

“Haben Ihnen die Figuren gefallen?”

“Ja.”

Ich bin fassungslos.  Das könnte der Beginn eines wundervollen Streitgesprächs sein, und nun versaut sie mir den Spaß. Irgendwie frech. “Und das Ende war auch in Ordnung?”  Komm schon, das kann dir doch nicht alles gefallen haben. Sei ehrlich. Fast möchte ich sie durchschütteln.

“Ja”, sagt sie mit gefestigter Stimme.

Was ist nur los mit ihr? Sicher haben die hohen Temperaturen ihre hausmeisterlichen Sinne ins Trudeln gebracht.

Sie lehnt den Wischmopp gegen die Wand und stemmt die Arme in die Hüften. “War ganz schön viel Sex drin.”  Sie beugt sich vor.  “Und ordentlich Gewalt.” Sie kommt noch ein Stückchen näher. “Aber das sage ich Ihnen: Ich möchte nicht in Ihren Kopf reingucken.” Sie tippt sich gegen die Stirn. Mehrmals sogar. “Da muss ja sonst was los sein, da oben bei Ihnen.” Sie wackelt mit ihren großen Zehen, die über den Rand ihrer Gesundheitsschuhe hervorlugen –  ganz so, als ob sie  meinem einstmals gesunden Geist bei seinem Sturz in den Irrsinn zum Abschied zuwinkt.

“Schön, dass es Ihnen gefallen hat.”

„Mmmm …“ Sie brummt wie ein übellauniger Bär, der aus dem Winterschlaf gerissen wird.  “Aber glauben Sie mal bloß nicht, dass Sie jetzt ’nen Freibrief haben und mir hier weiter mein Haus einsauen können. Klar? Keine Federn mehr.”

“Klar.”

Als ich im Erdgeschoss ankomme, höre ich zwischen dem Platschen des Wischmopps ihre verstreuten Wortfetzen durchs Haus hallen: “Federn … auf was für Ideen Leute kommen … was hier so wohnt … demnächst schmeißt der noch Knochen in den Hausflur … Nee … ein Dreck hier heute …”

Ich öffne die Haustür. Draußen scheint die Sonne. Die Weide auf der Straße wiegt sich sanft im Wind. Vögel zwitschern.  Knochen … blitzblanke Knochen. Gräulich schimmernd .  Herausgerissen aus einem menschlichen Körper. Verstreut im Hausflur.  Hm … klingt irgendwie … richtig gut …  daraus lässt sich doch was machen …

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