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DIE KLEINE AMERIKANERIN HAT ANGST

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Elf Uhr am Morgen –  Ich wollte schlafen, aber das Handy auf meinem Nachttisch vibriert so laut, dass ich das Gefühl habe, in einem fahrenden Zug nach Moskau zu liegen.  Die Nummer auf dem Display kenne ich nicht. Die Stimme am anderen Ende schon.

„Du musst … schnell kommen, ganz, ganz schnell … pleaaaassseee … die haben …  ach, es ist schrecklich … please …“

Es ist Shirley, die Amerikanerin. Ihre Stimme ist hoch, verheult und irgendwie atemlos. Ich müsste ihr helfen.  Auf der anderen Seite ist mein Bett warm, die Kissen weich und ich bin müde. Ich schließe die Augen wieder. Und wenn jetzt doch was ganz Aufregendes passiert ist? Nachher ärgere ich mich womöglich, dass mir eine tolle Geschichte entgangen ist. Na gut. Kontaktlinsen rein (für besonders klare und voyeuristische Sicht), und auf geht es zum Katastrophentourismus drei Straßen weiter. Ich habe die Wohnung im vierten Stock noch nicht einmal erreicht, das Elend präsentiert sich dennoch in seiner destruktiven Pracht. Nun ist es also doch passiert:

Die Altbautür ist aufgebrochen worden. Holz liegt zersplittert im Treppenhaus herum, und Shirley steht in einem albernen roséfarbenen Nachthemd und einer grauen Strickjacke  im Türrahmen als könne sie sich nicht zwischen einem Laufstegabenteuer bei Victorias Secret und einer Runde Berghüttenromantik entscheiden. Ihr hyperwasserstoffblondes Haar steht aufrecht wie ein Turm in der Höhe.  In der einen Hand hält sie ein Kartoffelmesser. Sie stürzt auf mich zu und umarmt mich heulend.

„Die sind hier … einfach reingekommen … es hat so einen Krach gemacht … bang … look at the door … terrible … „

„Du warst innen in der Wohnung, als sie kamen?“

Sie nickt. „Da waren zwei Männer.“

„Du wolltest sie mit dem Kartoffelmesser vertreiben?“

Sie nickt schon wieder.

„Haben sie was geklaut?“

„Nur mein Handy … und den Staubsauger im Flur.“

„Den Staubsauger?“

Sie nickt. „It´s gone.“

Zwei Männer brechen eine Tür auf. Dann werden sie von einer kartoffelmesserschwingenden 158 Zentimeter großen Deutschlehrerin aus North Dakota vertrieben und können gerade noch ein Handy und einen Staubsauger klauen. Wie groß kann die Verzweiflung unter Kriminellen eigentlich sein? Irgendwie auch würdelos. Ich hatte mir das organisierte Verbrechen ganz anders vorgestellt. Prachtvoller irgendwie. Ich rufe die Polizei an.  Zwei schnaufende Beamte ziehen sich 45 Minuten später am Treppengeländer hoch und gucken sich das Desaster an. Shirley soll die Männer beschreiben.

„Die waren alle groß… big… more like that… smaller … nicht sooo klein… und… dunkelhaarig … aber nicht zu dunkel … eigentlich blond …  aber doch dunkel …“

Ihre größentechnischen Beschreibungen schwanken zwischen einer hobbitähnlichen Kleinwüchsigengang und den Familienmitgliedern des Koloss von Rhodos. Die Beamten geben entnervt auf und verriegeln die Tür provisorisch. Schuld waren sowieso die Nachbarn, die einfach frech in den Urlaub gefahren sind und das Haus halbleer zurückgelassen haben.  So was tut man nicht. Die richtigen Probleme fangen aber erst an.

„Ich kann ja bei dir bleiben … bis morgen, ja ?“, fragt sie ganz direkt.

Jeder hätte jetzt aus Mitleid genickt. Der eine später, der andere noch später. Da steht Shirley nun. Unter ihrem Arm klemmt ihre in Klarsichtfolie eingeschlagene Familienbibel – ihr ständiger Begleiter. In einer Hand trägt sie eine Kulturtasche mit dem Aufdruck lachender Hundeköpfe, in der anderen Hand einen Apfel, in den sie knirschend hineinbeißt. Wir laufen die Straße herunter. Shirley geht ganz vorsichtig. Sie blinzelt in die Morgensonne wie ein Spitzmausmaulwurf.

„Sag mal, wo ist eigentlich deine Brille?“

Sie linst mich von der Seite an. „Ich bin am Herrmannplatz U-Bahn gefahren… nachts…  und da kam so ein Mann und hat mir … my glasses… die hat er mir von der Nase gerissen.“

„Geklaut? Und dann ist er weggelaufen?“

„No, no, no …  Der hat mich nur angestarrt und gegrinst.  Dann hat er gesagt, für zehn Euro krieg ich die Brille zurück.  Ich sollte die ihm abkaufen, you know?“

Ich würde von Deals am U-Bahnhof Herrmannplatz um Mitternacht grundsätzlich Abstand nehmen. Eigentlich auch tagsüber. Immer sozusagen. Lauf Shirley, lauf, lauf …  Diese Lektion hätte sie nach über zwei Monaten in Berlin eigentlich lernen müssen. Hat sie aber nicht.

„Und wo ist die Brille jetzt?“

„Der Mann hat mir die Börse aus der Hand gerissen, und dann ist er an der nächsten Station abgehauen.  Und die Brille hat er auch mitgenommen.  Ist eine Sauerei bei euch in Deutschland , so was“

„So ein Quatsch. Was fährst du denn da nachts U-Bahn? Das ist so, als ob ich nachts mit Goldbarren durch den Central Park laufe oder mir in der Dunkelheit die brennenden Mülltonnen in Harlem angucke  –  und dann beschwere ich mich auch noch, wenn ich überfallen werde.“

„Aber die Brille hat mir noch keiner geklaut. Nur hier.“

„Aber überfallen wurdest du schon?“

„Dreimal. Zuhause in Dakota.“

„Echt?“

„Ja. Aber nicht die Brille. Das ist nur hier passiert“, sagt sie wütend und stampft einmal mit ihrem kleinen Fuß auf den Asphalt.

Das Opfer seiner Sehkraft berauben, es verhöhnen, es wie beim Blinde-Kuh-Spiel schön um die eigene Achse drehen und hilflos für den nächsten Überfall zurücklassen. Es war sicher ein kriminelles Pilotprojekt, dass man gerne an amerikanischen Touristen ausprobiert. Hat vorzüglich geklappt, Jungs. Respekt.

Einen Moment später läuft Shirley missmutig durch meine Wohnung. Im Schlafzimmer bleibt sie stehen und betrachtet mein Bett.

„Ach, kann ich hier schlafen?“

„Nein, du schläfst in Claudines Zimmer. Die ist erst am Wochenende wieder da.“

Shirley inspiziert den Raum. Claudines High Heels, ihre Dessous und die abstruse Sammlung verkleckerter Nagellacke, die einmal quer durch den Raum verteilt sind,  geben ihr den Rest.  Für ein aufrichtiges Mädchen aus Dakota präsentiert sich hier die Vorhölle in den schillernsten Farben.

Shirley legt die abgenagte Apfelkitsche auf den Nachttisch, setzt sich auf die Bettkante und umklammert ihre Bibel wie einen Rettungsanker.

„Das wird schon wieder“, heuchel ich ihr frech ins Gesicht und ziehe die Tür zu. Dann prüfe ich die Adressen aller Tischlereien in Berlin. Die Wohnungstür muss repariert werden. Egal, wie. Egal, wie teuer. Schnell muss es gehen. Das ist die Hauptsache.

Als ich mir ein Zigarillo anstecke, höre ich einen Moment später das anklagende Husten drei Räume weiter.  Ich drücke meine Partagas aus. Auf meinem Weg in die Küche lausche ich an Shirleys Tür. Da ist etwas … merkwürdiges. Ein Flüstern. Ganz ernst und energisch. Es klingt, als würde sich Shirley selbst Passagen aus der Bibel vorlesen. Vielleicht will sie aber auch nur die bösen Geister aus Claudines Zimmer vertreiben. Ein Exorzismus womöglich.

Aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein.

Es kann nur so sein.

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