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TAUSCHE BESTE FREUNDIN GEGEN HAUSTIER

Footlose

Also, hilfst du mir nun?”

Nein

Wieso nicht?

Du weißt, warum.”

“Ach, komm schon.”

Nein, ich komme nicht.

Ich bin doch deine beste Freundin.

„Ich tausch dich aus.

Och, mann …. bittebittebitte”, und dabei klimpert mich Claudine mit ihrern zugekleisterten Wimpern an.

Claudine lebt in Berlin das Leben einer entfesselten, ruhelosen Nachtschwärmerin. Seit der Erfindung des Abakus ist es nicht möglich gewesen, die Anzahl ihre männlichen Freunde mathematisch zu erfassen. Nun haben sich ihre Eltern aus Bayern angekündigt, weil sie sich Sorgen um ihre einzige Tochter machen. Die tanzt auf High Heels mit wehenden blonden Haaren durch die Hauptstadt, und ausgerechnet ich soll ihren Freund spielen und eine monatelange Beziehung vortäuschen – um die Bayern zu beruhigen. Schauspielerisch für mich einfach nicht machbar. Unmöglich.

“Ich helfe dir doch auch immer. Und ich komme auch in einen Horrorfilm mit.”

In der Regel reicht schon der Schädel Godzillas auf einem Filmplakat aus, um Claudine in Schockstarre zu versetzen. “Auch zwei Horrorfilme?”

Mannnnn … ja, auch.”

Ich geh aufs Ganze. “Drei Filme und du trägst alle meine Tüten auf der nächsten Comic-Messe.” In der Regel schleppe ich zentnerschwere Schätze nach Hause, und sie weiß es.

“Also, echt jetzt …” Ihre Finger zucken. Am liebsten würde sie mir ihre Nägel in die Augen bohren. “Ja, in Ordnung. Mach ich.”

Ich hätte in minutenlanges Triumphgeheul ausbrechen können, doch meine Würde erlaubt mir nur ein friedvolles Grinsen. Was für ein Fest. Ein brillanter Deal. Legendentauglich. Und, nein, natürlich habe ich an dieser Stelle nicht damit gerechnet, wie diese Geschichte ausgehen könnte. Warum auch?

MITTWOCH 19.30 Uhr, der Tag der bayerischen Eltern

Wir sitzen in der prallen Sonne des Restaurants. Claudine verhält sich im Angesicht ihrer Eltern wie ein kleines Mädchen. Sie hat sich irgendwelche stylischen Gesundheitsschuhe über die Füße gezogen und den Nagellack von den Nägeln gebürstet.  Dann noch diese biedere Bluse mit mindestens zwanzig Knöpfen. Alle artig verschlossen. Sie kichert, klatscht in die Hände und trinkt alkoholfreies (!!!) Bier. Eine Persiflage gelebter Unschuld. Ihre Mutter beugt sich über den Tisch. Eine ehemalige Zahnärztin aus Frankreich. Sie trägt ein grellgrünes Kleid und mindestens achtundvierzig knallbunte Klimperarmbänder an ihrem Handgelenk. Ständig zwinkert sie mir zu. “Ach, sie passen ja wirklich gut zusammen.” Ihr Blick pendelt zwischen Claudine und mir hin und her. “Darf ich ”Du“ sagen?”

Nein. Ich möchte mit Herr Ménard angesprochen werden und mir am liebsten einen Plasticksack übers Gesicht ziehen. “Natürlich, gerne.”

Claudines Vater schweigt. Er trägt in der Hitze ein geschlossenes Hemd mit Krawatte. Er war Polizist. Sicher sitzt er darum auch mit dem Rücken zur Sonne, während mir in verhörtauglicher Manier die Strahlen in die Augen brennen und ich ständig blinzeln muss.

Claudines Handy brummt. Sie blickt auf das Display.

“Oh, da muss ich mal kurz ran.” Sie springt auf und läuft auf knirschenden Kieselsteinen aus dem Garten des Restaurants.

Ich bin allein. Mit ihren Eltern. Nur ich. Und sie. Ich weiß über die beiden nur, dass sie seit dreißig Jahren dieselbe Zeitung abonniert haben, das Internet verweigern, und dreimal im Jahr nach Sylt fahren. Viel zu wenig Infos, um mich gekonnt in ihre Herzen zu heucheln.

Claudines Mutter ergreift meine Hand. “Und Du möchtest also unsere Tochter glücklich machen, ja?”

Ich betrachte die Altersflecken auf ihrem Handrücken und suche nach einer Antwort. Irgendeine. Aber da kommt nichts.

Da tippt Claudines Vater auf meine Zigarillo-Box. “Sie rauchen”, sagt er in kompromissloser “Du-Verweigerung”.

“Also, ganz selten.” Wären meine kaputt gequalmten Zigarillos Patronen, könnte damit ein südamerikanischer Kleinstaat einen monatelangen Krieg führen. “Eigentlich fast nie. Aber ich war heute ein bisschen aufgeregt …” So was kommt bei Müttern immer an. Ausnahmslos.

Claudines Mutter presst meine Hand noch fester. “Musst du doch nicht. Musst du doch nicht.”

Perfekt.

Claudines Vater greift meine Zigarillo-Box und schüttelt daran.

“Fast leer.”

Entlarvt. Verdammt.

“Sie haben auch schon das dritte Glas Wein.” Seine Stimme hat die Emotionslosigkeit eines FBI-Agenten, der einer Bestie gegenübersitzt.

“Ist ein heißer Tag.”

Claudines Mutter nickt. “Ich schwitze auch wie verrückt.”

“Da kann man auch Wasser trinken.”

Jetzt bloß kein falsches Wort. Claudine telefoniert noch immer. Sie lacht, latscht auf ihren Schuhen im Kreis herum und scheint sich bestens zu amüsieren.

“Sie arbeiten beim Fernsehen”, brummt ihr Vater.

Ich nicke.

“Haben mich immer genervt die Presseheinis. Haben immer Ermittlungen behindert. Wissen immer alles besser.”

“Ich bin aber meist in einem Büro.”

Er macht eine wegwerfende Handbewegung, die drei summende Fliegen über dem Brotkorb vertreibt. “Machts auch nicht besser.” Eine Schweißperle kullert über seine Stirn, als er den Kopf vorbeugt. “Hab mir mal eines von Ihren Büchern angeschaut.”

Mein Gott. Ich bin erledigt. Das ganze Blut und die Abartigkeiten. Was jetzt?

Der Missfallen ganzer Generationen umspielt seine Mundwinkel. “Da muss man schon eine ganz besondere Veranlagung habe.”

“Das ist doch alles fiktiv.”

“Ich mein ja auch nur …” Er kneift die Augen zusammen, dem stahlgrauen Glanz nimmt das nichts von seiner Intensität.

Claudines Mutter fixiert die Rillen des Holztischs.

Die entstandene Stille wird nur durch ein bremsendes Auto und ein weinendes Kind durchbrochen. Ich spiele an einer Rose herum, die aus der Hecke hängt.

Claudine kehrt zurück. Wir trinken aus und verabschieden uns. Während die Umarmung ihrer Mutter dem Sinnbild vornehmer Herzlichkeit entspricht, schüttelt ihr Vater meine Hand aus der Distanz, als sei sie ein radioaktiv verstrahltes Ästchen. Dafür aber so kräftig, dass sich das Weiße zwischen meinen Knöcheln zeigt. An diesem Abend werde ich Probleme haben, mein Zigarillo zu halten.

Ich laufe mit Claudine durch die Straße zum Park. Erledigt. Ausgebrannt. Nur noch fertig.

Sie aber strahlt über das ganze Gesicht. “Lief doch super.”

“Bist du irre? Das mache ich nicht noch mal. Kannst du komplett vergessen. Das war das schrecklichste Erlbenis dieses Jahres. Dein Vater hasst mich.”

“Ach was, das meint er doch nicht so.”

Sicher sitzt der Alte jetzt in seinem Hotelzimmer, poliert seine Patronen und überlegt sich, wie er mich nachts mit einer Spezialeinheit aus dem Bett zerren und verschwinden lässt.

Claudine bleibt stehen. “Du, ich muss dir was sagen.” Ihr Gesicht strahlt mit der Intenität einer 5000 Watt Lampe. Irgendwie unheimlich. “Ich bin schwanger.”

Die Kälte in meinen Fußspitzen bewegt sich über meine Oberschenkel ins Rückenmark und klopft an mein Hirn an. Und gleich noch einmal. Niemand zuhause.

Natürlich, ich weiß: Das ist ein Moment, in dem gute Freunde jubeln und den Flug der Champagnerkorken bis zum Saturn beklatschen. “Aber, das heißt doch, dass deine Eltern jetzt denken, dass ich …”

Sie winkt ab. “Ach was, ach was. Du, das regelt sich schon …”

“Wer ist der Vater?”

“Na hör mal. Du klingst ja wie ein italienischer Bruder. Wie so’n Rocco.”

“Wo ist er?”

“Na, in Kanada.” Sie sagt es mit einer Selbstverständlichkeit, als ob wir nur um die Ecke gehen müssten, um ihn zu seinem Vaterglück zu gratulieren. Sicher wieder so ein One-Night-stand, der ihrem einstigen Stewardessenalltag entsprungen ist. “Aber der kommt doch wieder, oder?”

Sie überlegt. Einen Moment zu lang. Viel zu lang, sogar.

“Also, kommt der nun wieder, oder nicht?”

“Ist eine schwierige Angelegenheit.” Sie winkt ab und deutet auf die Eisdiele auf der anderen Seite der Straße. “Nun freu dich doch mal. Komm, ich spendiere uns ein Eis.”

Als ob das den faden Geschmack auf meiner Zunge ausradieren könnte. Ich sehe mich einen knirschenden Kinderwagen schieben und Windeln wechseln, weil wir die unheimliche Maskerade für Claudines Eltern womöglich jahrelang aufrecht erhalten müssen. Mir ist übel.

Vier Minuten später halte ich mein Vanilleis mit einem Mini-Marshmellow-Topping in den Händen und starre auf den schmutzigen Asphalt vor der Eisdiele.

“Mann, nun guck doch nicht so traurig”, ruft sie euphorisch.

“Ich will aber traurig gucken.”

Sie löffelt eine Erdbeere aus ihrem Becher. “Na, also …” Mit der Zungenspitze leckt sie das Eis von ihrem Plastiklöffelchen. “Diese Sache mit den Horrorfilmen. Ich weiß nicht, ob das so gut ist, jetzt, wo ich ja praktisch in anderen Umständen bin. Und deine schweren Tüten auf der Messe … na, mal sehen …”

Ja. Mal sehen.

Claudines Rock flattert in der Sommerbrise, ihre Schuhe klatschen auf die Straße, einem Trommelwirbel während einer nordkoreanischen Militärparade nicht unähnlich. Der Wind pustet die bunten Marshmellows von meinem Eis, treibt sie über den Asphalt. Sie kullern und kullern, bis ich sie nicht mehr sehen kann – so, als ob sie niemals da gewesen wären …

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