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DIE SPLITTERNACKTEN SCHWESTERN

Danger

„Die Ecke da ist doch schön…“

„Ach nö, lieber die da hinten.“

„Und warum nicht hier? Da ist doch viel mehr Sonne.“

Die Drei machen mich verrückt. Claudine, Bernd und Petra wollen schön in der Sonne liegen. Direkt am Schlachtensee. Im feinen alten West-Berlin. Es ist furchtbar. Wir laufen an bierbäuchigen Männern mit äffisch gekringeltem Brusthaar vorbei, die sich rücklings liegend über die schmutzige Erde am Wasser wälzen. Bekleidet nur mit einer Badehose. Ihre Frauen in schlecht sitzenden, ausgeleierten Billig-Bikinis  kreischen in ihre Handys. Sie  übermitteln die aktuellen Wetteraussichten direkt an die Verwandtschaft. Dramatisch hallen ihre Pieps-Stimmen über das Wasser: „Ja, ja… ist sonnig… ja, ja… schön ist es hier“

Nein, ist es nicht. Es ist furchtbar hier. Claudine bemerkt mein verkrampftes Gesicht.

„Passt dir nicht, was? Lieber Sartre lesen im staubigen Ledersessel in der dunklen Wohnung, was?“

Ja, es wäre schöner. Die Vorstellung, sich in dieser Landschaft mit einer Badehose über eine grob karierte und verfusselte Picknickdecke zu rollen, treibt mir einen Angstschauer über den Rücken.

Petra reißt theatralisch im Schatten einer Eiche die Arme hoch.

„Das hier ist es. Das ist der beste Platz. Genau hier.“

Bernd und Claudine nicken. Ich schweige. Es gibt einen Grund.

Der Schock hat meine Stimme verklebt.  Zuerst wirkt es wie eine Täuschung meiner Sinne. Eine besonders derbe Fata Morgana. Eine vertrackte Illusion in der glühenden Sonne, verstärkt durch den Durst in meinem Hals.  Aber es ist tatsächlich wahr. Direkt hinter uns, auf einer Holzbank,  sitzen zwei Seniorinnen, die sich angeregt unterhalten. Sie sind nackt. Komplett. Beide. Hemmungslos breitbeinig schaukeln sie ihre übergewichtigen Körper in der Sonne hin und her und tun so, als sei es völlig normal, während dicke Schweißtropfen die verästelte Faltenlandschaft ihrer Haut erkunden. Wie zwei feiste Nacktschnecken hocken sie in der Sonne. Bleich und teigig. Es ist schrecklich.

„ Jetzt reicht es mir. Das könnt ihr doch nicht schön finden? Seid ihr verrückt geworden?“, brülle ich Petra, Bernd und Claudine (genau in dieser Reihenfolge) an.

Petra beißt in ihr ökologisch korrektes Tofubrötchen. Sie legt die Decke auf den Boden und bedenkt  die 70jährigen Frauen nur mit einem gleichgültigen Schulterzucken.

„ Ach, die. Das sind doch nur die beiden Entblößerschwestern vom Schlachtensee. Die kennt man doch.“

„Die Entblößerschwestern???“

„Siehst du, alles ganz normal“, raunt mir Claudine zu.

Tatsächlich sieht die eine Nackte der anderen auf unheimliche Weise ähnlich. Wie ein Spiegelbild. Zwillingsschwestern.  Als ob das einfache Grauen nicht gereicht hätte. Nein, es muss an diesem strahlenden Sonntag auch noch auf dämonische Weise verdoppelt werden. Mir fehlt die Luft zum Atmen.

Bernd, bekannt für seine diplomatischen Ansätze,  verabreicht mir seine erprobte Medizin „musst ja nicht hingucken. Konzentrier dich doch auf die schöne Natur. Das geht schon. Ich mach es auch so…“, er zwinkert mir verschwörerisch zu.

„Wie kann ich die Natur noch genießen, wenn ich mich darauf konzentrieren muss, diese Bilder aus meinem Gehirn zu vertreiben? Das schaff ich nicht.“

Ich zeige mit beidseitig ausgestreckten Zeigefingern (für jede Entblößerschwester einen) auf  die Holzbank .

„Das hier ist ein verdammtes Nudistencamp für Menschen, die den Herbst ihres Lebens feiern. Und wir müssen alle zugucken.“

Es ist ein empörter Blick, den mir Petra zuschießt.

„Ach, aber wenn diese jungen Protest-Dinger von „Femen“ nackt durchs Bild laufen und Politiker beschimpfen, stört es dich nicht.“

Ich starre Claudine an. Ganz sicher wird sie sich mit mir verbünden. Sie kommt aus Bayern. Konservativ erzogen. Das kann ihr nicht gefallen. Ich blicke sie an. Flehend.  Aber sie  lächelt nur verzückt.

„Guckt mal, die eine Entblößerschwester trägt eine Chanel-Kette. Sehr schön. Das ist das Plastron Collier. Also wirklich, schön, sehr schön…“

Was für ein Reinfall.

Bernd scharrt mit den Füßen einen kleinen Sandhaufen vor seinen Schuhen zusammen. Er mag Konflikte nicht. Überhaupt nicht. Er starrt hochkonzentriert die Erde an.

Dieser Disput ist eigentlich nicht friedlich zu lösen. Eigentlich. Ich bin es ja gewohnt. Aber da stehen die beiden Alten auf und wackeln an uns vorbei. Unter der Hornhaut ihrer Füße knirscht die Erde. Ihre erschlafften Gesäße verschwinden zwischen den Bäumen.  Es ist vorbei.

Petra triumphiert.

„Na, ist jetzt alles in Ordnung?“

Ich nicke erschöpft.  Die drei bauen das Lager auf. Es wird an der Decke gezuppelt. Der Picknickkoffer wird auf- und zugeklappt. Claudine öffnet ihre riesige Proseccoflasche. Und fast unbemerkt sitzen auf der Bank  hinter uns plötzlich zwei ältere Herren. Sie sind nackt. Selbstverständlich.  Zwischen ihnen ist ein Schachbrett aufgebaut. Der eine bindet sein graues, langes  Haar mit einem Gummi im Nacken zusammen, der andere fletzt sich mit einer John Wayne-Geste so breitbeinig auf die Bank, dass er uns auch sein letztes, prachtvolles Geheimnis verrät.

Petra stützt die Hände in die Hüften.

„Was fällt denen denn ein? Das geht jetzt wirklich zu weit.“

„Wieso? Die Entblößerschwestern haben dich doch auch nicht gestört? Was haben denn die  beiden Nackt-Opis jetzt falsch gemacht?“,  die Häme in meiner Stimme verberge ich erst gar nicht.

„Ja, aber, das da…  ist mir jetzt doch… “ sie starrt den breitbeinig dasitzenden Greis empört an, „…zu viel… viel zu viel…“

„Muss ja auch nicht sein“, murmelt Bernd opportunistisch.

Und Claudine (nachdem sie die beiden nackten Körper erfolglos auf möglichen Designerschmuck überprüft hat) reißt nur eine Hand vor ihre Augen.

„E… K… E… L… H… A… F… T…“

Zehn Minuten später sitzen wir in dem kleinen Café am Schlachtensee.  Der Picknickkoffer, die Decke und alle Utensilien dieses unvergesslich warmen Tages liegen auf dem Boden, lieblos  unter einem Stuhl verstreut.  Ich blicke in drei mürrische Gesichter, krame aus meiner hinteren Hosentasche einen zerfledderten Sartre-Band heraus und betrachte all die ordentlich bekleideten Menschen um uns herum.

„Schön hier, was?“

Nie war ein Schweigen eisiger.

LIEBE DEINEN MÜLL

Supermüll

„Ich hab`s gesehen. Glauben Sie mal bloß nicht, dass ich´s nicht gesehn hab. So was entgeht mir nicht.“

Die beiden Mülltüten fallen mir vor Schreck fast aus der Hand . Ich drehe mich um, wie ein Fünfjähriger, der beim Griff in die Bonbondose erwischt wird.

Sie ist es. Meine Hausmeisterin. Wie ein Phantom aus der Nebelwand taucht sie hinter mir auf. Sie bedeckt ihren gewaltigen Körper mit einer gelben Kittelschürze, darauf kindische Sonnenblumenmotive. Ganz sicher der Ausdruck all ihrer gesammelten Frühlingsgefühle. Sie ist eine dicke Biene. Und Bienen können verdammt gefährlich werden. Vor allem die hier.

„Ihr Müll gehört nicht in die Papiertonne,  sondern in die Restmülltonne. Ist das so schwer? Sie können doch lesen, oder habt ihr das im Westen nicht gelernt?“

„Aber die Restmülltonne  ist doch jetzt voll. Da geht nichts mehr rein. Wo soll ich denn hin mit meinem Müll?“

„Dann müssen se eben früher aufstehen, dann sind se auch der Erste an der Tonne. Bis in die Puppen schlafen und sich dann auch noch beschweren, wenn die anderen Mieter schneller sind. Nee, neee. .. so was hab ich gern.“

Sie lacht hoch, schrill und empört. Ein Wind fährt durch den Hinterhof. Ihr grauer, steil hochfrisierter Dutt schaukelt sanft in der Brise wie eine Fichte. So kenne ich sie. Sie wartet auf meinen nächsten Zug.

Ich wähle die Masche Mitleid.

„Soll ich den Müll jetzt da oben in meiner Wohnung horten, bis in drei Tagen die Müllabfuhr kommt?“

„Mir doch egal. Hier packen se den jedenfalls nicht rein. Gesetz ist Gesetz.“

Wie sie da so selbstherrlich steht, mit ihren dicken Zehen, die aus den Gesundheitsschuhen rausquellen, die Arme in die Hüften gestemmt und die Augen zu kleinen Schlitzen zusammen gepresst – sie ist eine moderne Inquisitorin. Sie hat mich auf ihren hausmeisterlichen Scheiterhaufen gebunden und hält das Feuer mit prallen Pustebäckchen schön am Laufen. Und jetzt legt sie gleich noch einen Holzscheit nach.

„Und noch `ne Kleinigkeit. `n guter Rat von mir. Ich an Ihrer Stelle würde hier keine Kontoauszüge in den Müll werfen.“

„Wieso nicht? Ich zerreiß die doch vorher.“

„Ja, aber nur dreimal. Die kann man ganz leicht wieder zusammensetzen. Is überhaupt kein Problem. Gar kein Problem. Ich mein ja nur… „

Natürlich. Nach Einbruch der Dunkelheit puzzelt sie mit ihrem Mann im Lichte einer Kerze meine Kontoauszüge zusammen. Und wenn das Bild fertig ist, schlagen sie jubelnd die Arme über den Kopf zusammen. Wieder  haben sie das Gehalt eines Mieters enttarnt. Eine brauchbare Information mehr, die man auf dem Prenzlauer Berg-Tratschmarkt einsetzen kann. Macht ja auch viel mehr Spaß als historische Gebäude zu puzzeln. Kann man ja verstehen.

Sie beugt sich ein Stück vor.

„Und noch was.  Sie sollten nicht so viel von den Chips essen. Und vor allem weniger von diesen Energie-Drinks. Das is kein guter Lebenswandel. Kann ich nur von  abraten“, sie dreht sich um und watschelt über den Hinterhof fort. Im Gehen wirft sie mir noch einen Blick über die Schulter zu.

„Und nich vergessen.  Keine krummen Dinger mit dem Müll. Ich seh das.“

 Verzweiflung macht kreativ.

Ich habe bis nach Sonnenuntergang gewartet. Der Schulturm in meiner Straße bimmelt elf mal. 23 Uhr. Von meinem Küchenfenster aus kann ich die Wohnung der Hausmeisterin observieren. Vor einer halben Stunde hat sie das Licht ausgemacht. Alles läuft nach Plan. Die anonymisierende Baseballkappe sitzt. Die Mülltüten liegen locker in der Hand. Ich schleiche durch das Treppenhaus. Ich  kenne hier jede Stufe und weiß darum auch ganz genau, wie ich wo auftreten muss, um knarrende Geräusche zu vermeiden. Der Hinterhof ist still. Kein Mensch zu sehen. Das Licht da oben ist noch immer aus. Sehr gut. Ich werde den Müll gleichmäßig verteilen, dann fällt es nicht so auf. Noch mal ein Blick nach oben, zu ihrem Fenster. Nein. Nichts. Ich stemme die prallen Tüten mit heimlicher Schadenfreude über meine Schulter, will die Müllklappe aufreißen und stelle fest, dass es nicht geht.

Wirklich nicht.

Über den Deckeln ruht eine schwere Eisenstange, die in zwei eingelassenen, metallischen Ringen endet. Abgeschlossen. Verriegelt. Es ist unfassbar. Ich rüttel verzweifelt an der Stange. Es klirrt. Es scheppert. Und fast zeitgleich geht da oben das Licht an. Ein Fenster wird aufgerissen. Einen Moment später stehe ich im Strahl einer Handtaschenlampe. Mir ist übel.

„Müll entleeren zwischen 22 Uhr abends und fünf Uhr morgens ist nicht erlaubt.“

Ich schweige.

„Ich hab´s Ihnen doch gesagt. Keine krummen Dinger. Ich mach den Job nich erst seit gestern. Meine Pappenheimer kenn ich. Können se glauben.“

Ich glaube es. Wie könnte ich es nicht glauben?

„Trinken se nicht so viel von dem Energie-Zeugs, dann können se auch nachts besser schlafen und müssen hier nich im Dunkeln ihre Faxen machen. Und ausgeruhter sind se dann auch, dann können se früher aufstehen und morgens als Erster an die Tonnen gehen.“

Das Fenster knallt wieder zu. Der Strahl der Taschenlampe verlischt.

Die Schlacht  ist verloren.

Am nächsten Morgen begegnet mir eine Nachbarin. Sie blickt sich verschwörerisch um und flüstert mir ins rechte Ohr.

„Ich habe das gestern mitgekriegt.  Ich wollte es auch schon versuchen. Was machen wir denn jetzt bloß mit unserem Müll? Wo hin damit?“,  jammert sie vor sich hin.

Ich zeige auf das gelbe Haus auf der anderen Straßenseite.

„Vielleicht einfach da drüben in die Tonnen packen? Die Tür ist immer offen.“

Meine Nachbarin schlägt hysterisch die Hände vors Gesicht.

„Oh Gott. Bloß nicht. Der Hausmeister hat zwei Dobermänner. Das ist ein ganz harter Kerl.“

Fast hätten wir uns vor Verzweiflung umarmt. Dann trennen sich unsere Wege.

Am Abend betrachte ich in meiner Küche die durchsichtigen Mülltüten. Zwei lästige Verwandte, die einfach nicht gehen wollen. Regelrecht eingenistet haben sie sich. Zerfetzte Chipstüten, leere Dosen und kaputt gebissene Äpfel starren mich sinnentleert durch die Folien an.

Irgendwann ertrage ich es nicht mehr. Ich fülle den Müll in zwei Chanel-Einkaufstaschen um, die meine Mitbewohnerin Claudine hinter einer Tür gehortet hat.

Wenn man schon verliert, sollte man es mit Stil tun.

Wenigstens das.