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WARUM MÄNNER PAPPFIGUREN SIND …

 

Männer aus Pappe

Claudine war einkaufen. In ihrem liebsten schwedischen Möbelhaus. Nun tänzelt sie auf ihren Stilettos  die Stufen zu meiner Wohnung hoch. Ihre Hände sind leer. Das kann nicht sein. Es ist ausgeschlossen. Sie kann kein Geschäft betreten, ohne etwas zu kaufen. Es ist eine verlässliche mathematische Regel. Und erst jetzt sehe ich den Kerl, der sich hinter ihr schwer keuchend die Treppen hochschleppt, mit braunen Pappkartons beladen wie ein treuer Esel. Es ist eine Szene, wie man sie aus vorchristlichen Darstellungen kennt, etwa, wenn die Königin von Saba stolz durch die Lande streift und ihre Gefolgschaft durch Schlamm und Moder watet und ihren gesamten Hausrat auf den Schultern gebuckelt hat.

Da bin ich wieder„, sagt sie strahlend, und das Dickerchen hinter ihr folgt ihr  mit der größtmöglichen Selbstverständlichkeit durch meinen Flur.

„Tach“, raunt er mir zu.

Es ist so ein untersetzter Kerl, der sich aufgrund seiner ausgeprägten Körperfülle sicher von Frauen gerne als Bärchen bezeichnen lässt. Dicke Männer machen so was. Je mehr Körperfülle, desto mehr Bärchen.  Irritierenderweise trägt dieser hier eine gelbe Pannenhelferuniform. Ich versuche, mir die Geschichte zu dieser Szene vorzustellen. Es gelingt mir nicht.

Die Pakete werden in meiner Küche abgeladen. Claudine fetzt mit rasiermesserscharfen Fingernägeln die Kartons auf. Sie hat es jahrelang studiert. Es ist ihr spezielles Talent. Jeder sollte eines haben.

Sie bemerkt mein ratloses Gesicht.

„Nun guck doch nicht so. Wird Zeit, dass sich hier mal was ändert. Überall liegen deine Kippen rum. Da gibt´s jetzt einen schönen Aschenbecher für dich, mit Sonnenblumenmotiven. Der wird dir gefallen. Dann noch ein neues Besteck. Man kann doch nicht mit drei Gabeln und zwei Messern über die Runden kommen, oder?“

Das Bärchen lacht meckernd und anbiedernd mit.

„Nein, das geht doch nicht“, brubbelt er aus seinem unrasierten Gesicht heraus.

„Und neue Handtücher habe ich auch gleich besorgt. Die Lappen in deinem Bad waren ja eine Zumutung.“

Bärchen nickt zustimmend.

Claudine rast ins Bad, um die neuen Handtücher aufzuhängen. Sie sind gelb. Ich hasse diese Farbe. Der Dicke beugt sich etwas zu mir herüber. Darauf hat er die ganze Zeit gewartet.

„Sind sie verheiratet?“, fragt er mit unverschämter Neugierde.

„Nein. Wir sind Freunde.“

„Ach, aber sie sind nicht DER Freund?“

Nein“, ich bemühe mich, möglichst viel Kälte in meine Stimme zu legen und bedauere das Nichtvorhandensein stahlblauer Augen.

Claudine prescht aus dem Bad. Zu ihrem großen Glück gibt es immer noch Kartons, die aufgerissen werden müssen. Sie winkt dem Pannenhelfer-Bärchen zum Abschied zu.

Und es winkt zurück.

„Ich meld mich dann mal bei Gelegenheit“, ruft er ihr fröhlich zu.

„Jahaaa, geht klaaahharr…“, säuselt sie.

Der Bär schiebt seinen wuchtigen Schädel über die Schwelle, zieht die Tür zu und verschwindet.

Endlich.

„Kannst du mir mal sagen, was das war?“

Claudine guckt unwillig von einer funkelnden Brotbox auf, die sie brutal aus der Pappe reißt.

„Na was denn wohl? Ich bin mit meinem Auto am Alex liegengeblieben. Ich war auf dem Weg zum Einkaufen und dann…“

„Der Pannenhelfer-Heini hat dich hingefahren?“

„Ja, klar. Hat er.“

„Wirklich?“

„Ja, und er hat mir auch beim Einkaufen und beim Schleppen geholfen. Du hast ja auf so was keine Lust.“

„Und dann hat er dich zurückgefahren und die Sachen nach oben getragen?“

„Hast du doch gesehen. Hat er. Ja. Ja…“, mittlerweile mit genervtem Unterton.

„Und dann hast du ihm deine Telefonnummer gegeben.“

Nun blickt mich Claudine völlig entgeistert an. Sie stemmt empört die Hände in die Hüften und lächelt wölfisch.

„Quatsch. Das war die Nummer von meiner Mutter. Die ist fast Siebzig. Die freut sich, wenn mal jemand anruft. Was dachtest du denn?“

Gar nichts.

Ich dachte gar nichts mehr und streifte meine Kippe in dem neuen Sonnenblumen-Aschenbecher ab.

Ganz langsam.

Und grübelnd.

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SEX AND FOOD AND HAPPINESS

Gabelmund

„Da biste ja endlich… gut, dass du kommst… Mensch… gut, gut… ein Glück… komm, komm…“

Mein Videothekenmann ist ganz aufgeregt. So habe ich ihn nur einmal erlebt, als ihm jemand auf dem Parkplatz hinter dem Supermarkt die Hinterreifen geklaut hatte. Damals schwenkte er wütend einen Schraubenschlüssel über seinem Kopf. Heute sind seine Hände leer. Kein Werkzeug zu sehen.

„Was hast du denn? Wir sind doch gar nicht verabredet.“

„Ja, aber das is doch immer deine Zeit… jetzt quatsch nicht rum… komm… schnell“

Ich habe keine Ahnung, was meine Zeit ist. Aber offensichtlich habe ich Rituale, die nicht einmal mir selbst bekannt sind.  G. zerrt mich in seine kleine Prenzlberg-Schmuddelvideothek , huscht hinter seinen Tresen, baut sich da auf und lächelt mich glücksselig an. Mirko der Maler steht mit seinem bunt beklecksten Anzug neben der Theke. Er schlürft Bier aus seiner Flasche und hebt sie mir zum Gruß entgegen. Die Videothek ist sowieso mehr wie ein Stammtisch. Kunden gibts hier selten.

G. blickt mich ernst an.

„Fällt dir was auf?“, er sagt es mit ungeheuerlichem Stolz in der Stimme.

„Ich weiß nicht… du siehst irgendwie anders aus… aber ich weiß nicht…“

„Besser?“

„Nur anders.“

„Aber auch besser. Richtig?“

„Na gut, vielleicht ein bisschen…“

Er schlägt lachend die Hände ineiander.

„Ich wusste doch dass das funktioniert… ich hab´s gewusst. Ich hab mir ´n  kleines Podest hinter dem Tresen einbauen lassen. Das ist sieben Zentimeter hoch. Da wirke ich gleich anders, größer … ein bisschen beeindruckender, richtig? Bisschen mehr businessmäßig, oder?“

Ich laufe um die Theke herum. Er hat Recht. Er steht mit seinen kleinen Füßchen auf einem Holzplateau. Zum ersten Mal, seit wir uns kennen, blicken wir uns so richtig Aug in Aug an. Jetzt fällt mir auch sein frisches, weißes Hemd auf.  Und dazu diese dunkelbraunen Mokassins mit Bömmelchen. Das macht mich misstrauisch.

„Was ist da los bei dir?“

Er läuft beschwingt über sein Holztreppchen.

„Tja, hat geklappt mit der Kleinen, neulich. Du weißt schon… „

„Ach, wirklich?“

Es überrascht mich wirklich. Ich hätte es G. nicht zugetraut. Aber ich erinnere mich an eine hübsche, sogar sehr hübsche, blonde Frau mit Kurzhaarschnitt, die er vor ein paar Tagen ausführlich über romantische Komödien aufgeklärt hat. Das ist gar nicht sein Ding. Üblicherweise hält er sich lieber in der Kettensägen-Abteilung auf, um sein unheimliches Videotheken-Fachwissen zu präsentieren. Nun strahlt mich ein völlig neuer G. an.
Nur für einen kurzen Moment wandert ein Schatten über sein Gesicht.

„Ich brauch da mal euren  Rat. Wisst ihr… ich sag´s mal so… es ist gleich am ersten Abend passiert bei uns… also… so richtig… mit allem drum und dran, versteht ihr…?“

Ich nicke mechanisch. Der Maler auch.

„Eine Sache hat mich nur ´n bisschen irritiert… also… gleich danach… ihr wisst schon… da isse  in meine Küche gelaufen, und dann hat sie sich so´n Fertiggericht in die Mikrowelle gehauen, und dann gleich wieder zurück mit der heißen Plastikschale  ins Bett.“

„Und dann?“

Ich rechne mit einer außergewöhnlichen Wendung. Einem Phänomen. Einem modernen Wunder.

G. zuckt die schmalen Schultern

„Wie – und dann? Na,  gegessen hat sie´s dann…“

Nun beugt sich Mirko der Maler ein Stück vor.  Seine wässrig-blauen Augen sind empört und groß wie PingPong-Bälle.

„Wie,  nich mal gekuschelt habt ihr danach … ?“

G. winkt ab.

„Darum geht ´s doch nicht. Jedenfalls war ich gerade im Supermarkt und hab mal für Nachschub gesorgt. Guckt mal hier… da haben wir… Kassler mit Sauerkraut. Lamm mit Kartöffelchen. Und dann noch das hier… was Asiatisches… welches soll ich nehmen, heut Abend? Jetzt sagt mal…“

„Stell ihr doch alle hin“, den beeindruckenden Mangel an Leidenschaft für das Thema versuche ich nicht einmal zu verbergen.

„Neeee, das wirkt doch voll inszeniert… neeee, neee… nur eins.“

„Dann nimm Kassler“, sagt Mirko.

„Ist das nicht zu normal?“, grübelt G.

„Na, dann bleibt dir doch nur das Asiatische“, sage ich mit sachlichem Unterton.

Mirko linst über meine Schulter.

„Aber die Verpackung vom Kassler ist hübscher.“

„Aber dann kann er doch gleich das Lamm nehmen. Da ist ein goldener Schriftzug drauf.“

G. schlägt sich die Hände vor den Kopf.

„Wenn man euch mal braucht. Nix läuft da. Gar nix… Kapiert ihr das denn nicht? Ich will einmal alles richtig machen…“

In dieser Sekunde blickt die Blonde in den Laden rein.

„Kommst du, wir wollten doch los.“

G. drückt hinter der Theke wie auf Knopfdruck sein Kreuz durch, dabei reißt er uns die Fertiggerichte aus den Händen. Er stopft sie in die blickdichte Plastiktüte, huscht durch den Laden  (nun aber wieder sieben Zentimeter kleiner) und schiebt uns durch die Tür.

„Heute mach ich mal früher Schluss. Muss auch mal sein“, zwinkert er uns zu.

Dann läuft er mit der Blonden die Straße runter. Die Tüte schaukelt im Takt seiner sehr kurzen Schritte mit.

Wir bleiben auf dem Kopfsteinpflaster zurück. Mirko grübelt angestrengt.

„Meinst du, der versemmelt das?

„Kann schon sein.“

Er kratzt sich mit seinen farbverschmierten Fingern am Kopf.

„Also, ich hätt Kassler genommen.“

„Ich auch.“

MUTTI SIEHT ALLES

Mother sees it all

Die beiden Mädchen im Café in der Hufelandstraße  kreischen.

Sie albern herum. Sie gackern. Sie nerven.

Ihr strohiges, totgefärbtes und hyperblondes Haar wackelt dabei ganz aufgeregt hin und her.  Die Füße stecken in zerlatschten  Chucks, angeknabberte Kippen liegen auf dem Tisch, und ihre Fingernägel sind im Kollektiv schwarz lackiert. Sie sind beide vielleicht 15 Jahre alt, und Coolness ist für sie nur ein Anzug, den man sich mal einfach so überstülpt.

Muss ja nicht perfekt sitzen. Geht schon irgendwie.

Mit ihren Augen (angemalt wie für den Auftritt in einem Stummfilm)  fixieren sie starr die Oberfläche ihrer Iphones,  unheimlich roboterhaft und synchron – und plötzlich zeichnet sich auf dem einen Gesicht so etwas wie Schrecken ab. Nicht einfach nur so ein plumper, kleiner Schock – schon mehr Entsetzen, garniert mit Unglauben. Und als Sahnehäubchen obendrauf gibt es auch noch eine kleine Welle Wut.

Blondie 1: „So ein Kack. Jetzt hat die meinen Facebook Eintrag schon wieder kommentiert.“

Blondie 2: „Wer?“

Blondie 1: „Na, meine Mutti.“

Blondie 2: (so entsetzt, als würde sie eine stinkende, durchlöcherte Socke kommentieren)  „Du hast deine Mutter als Freundin bei Facebook?“

Blondie  1: (beschämt und sehr leise) „Ja, hab ich.  Ich hatte doch am Anfang keine Freunde. Sah blöd aus.“

Blondie 2: (viel zu laut) „Und da hast du deine Mutter genommen? Mann, das ist doch wirklich bescheuert.“

Die beiden schweigen. Blondie 1 grübelt. Man kann ihr ansehen, dass sie vor einem schwerwiegenden Geständnis steht, das ihre  gesamte, heile Teenager-Welt zum Einsturz bringen könnte.

Dann lässt sie die Bombe platzen.

Blondie 1: „Meinen Vater hab ich auch drin.“

Blondie 2: (kann es nicht fassen) „Mann, wie blöd bist du denn? Das kannst du doch nicht bringen, so was. Die fummeln dir doch dauernd dazwischen, mit den Typen und so… also echt…“

Blondie 1: „Das Schlimmste ist, meine Eltern haben sich schon in Facebook gestritten. So richtig doll. Total peinlich. Da hab ich meine Mutter aus der Freundesliste gelöscht.“

Blondie 2: „Hätt ich auch gemacht. Warum hast du sie jetzt wieder drin?“

Blondie1: „Na, Mann, die hat mir dann mein Taschengeld gestrichen. Da musste ich sie doch wieder reinnehmen.“

Ich muss lachen. So laut, dass der Kakao vor mir durch meinen Atem in ungestüme Wellenbewegungen versetzt wird –  die Facebook-Mom erheitert mich grenzenlos.  Freunde mal eben kaufen.  Auch – und vor allem- wenn es die eigene Tochter ist. Und spionieren lässt es sich so auch noch ganz vortrefflich. Diese Mutter hat den Dreh wirklich raus. Respekt.

Als die Blondies mit  schlenderndem Gang rausgehen,  wirft mir Nummer Eins noch einen ihrer durchtrainiert- cool-düsteren Blicke zu.

Sie formt mit ihren Lippen zwei Wörter.

Ganz sanft. Und nur für mich.

„Fuck you.“.

Macht nichts.

Das war es wert.

BABY, ICH VERMISS DICH SO SEHR…

wand Liebe

„Diese Tage machen mich fertig. Echt fertig. So was von fertig.“

P. lehnt trotz der Kälte an einer Hauswand vor seinem kleinen Obstladen in Prenzlauer Berg. Es ist früh am Nachmittag, und er hat eine Bierflasche in der Hand. Er starrt in den Himmel und ist traurig.

Ich hingegen habe zwei Einkaufstüten im Arm. In der Regel trage ich sie nie an den Schlaufen. Immer im Arm. Es verschafft mir einen strategischen Vorteil. Wenn ich in meinem Kiez die Straße herunterlaufe,  kann ich immer die Tüte geschickt vor meinem Gesicht manövrieren, um von nervigen Nachbarn, gemeinen Hausmeistern oder anstrengenden Prenzlauer Berg Muttis nicht erkannt zu werden. Funktioniert eigentlich immer. Nur diesmal war ich zu langsam, und P. guckt mich aus trieftraurigen Augen  an.

Gefangen.

Eigentlich erstaunlich. So kenne ich P. nicht. Wo ist mein fröhlicher Obstmann mit den derben Scherzchen abgeblieben? Der da kann es nicht sein.
Egal. Jetzt ist es zu spät, abzutauchen.

„Was hast du denn?“

„Ach, ist immer das gleiche in dieser Jahreszeit. Ich vermiss mein Baby einfach.“

Natürlich. Jetzt hat er auch noch etwas so Schwerwiegendes gesagt, dass es mir unmöglich ist, einfach weiterzugehen. Passt mir ganz und gar nicht in den Kram. Überhaupt nicht.
Er nippt an seinem Bier und nickt mir dabei auch noch besonders schwermütig zu.
Wirkt wie einstudiert, die Masche.

Ich kenne P. nun wirklich eine Weile. Aber ich habe keine Ahnung, wer „Baby“ sein könnte. Womöglich ein Kind? Oder seine Freundin? Hat sie ihn verlassen? Sehr wahrscheinlich.  Hat er mir jemals von ihr erzählt?
Es ist mir peinlich,  mich womöglich nicht an ein so privates Detail erinnern zu können.
Vorsichtig nachfragen. So, dass er es nicht merkt. Erscheint mir schlau.

„Also…, warum rufst du dein Baby, denn nicht einfach an?

„Wie denn? Sie ist doch tot.“

Betroffenheit. Schweigen. Stille.

„Willst du auch ´nen Bier?“

„äh… ja…“

Ich trinke kein Bier. Habe ich noch  nie gemocht. Aber die Situation ist so bedrückend, dass ich es nicht ausschlagen möchte. P. kommt zurück und drückt mir die Flasche in die Hand. Die braune Pulle in meinen Fingern erscheint mir ungewohnt. Ich packe sie am Flaschenhals und schwenke sie lässig ein wenig hin und her. P. macht das auch so.

„Weißt du, das ist alles schon drei Jahre her. Aber immer im März kommt das alles zurück, diese Gefühle… und… Wummsss  (er haut mit der flachen Hand auf die Bierflasche) … holt´s mich wieder ein. Ist eine gnadenlose Angelegenheit, verstehste…?“

„Verstehe.“

Ich nicke betont betroffen und denke einen Moment besorgt an den Schwarzwälder Kirsch Eisbecher in meiner Einkaufstüte. Die Tiefkühlkette ist bestimmt schon längst unterbrochen. Das wird ein Fest der Mikroorganismen, und P. redet immer weiter.

„Willst du mal ein Foto von ihr sehen?“

Die Antwort wartet er erst gar nicht ab. Er greift in seine hintere Hosentasche, zerrt das Portemonnaie heraus, klappt es auf und dort, hinter einer durchsichtigen Plastikfolie, sehe ich „Baby“.

Es ist das Bild eines sabbernden Kampfhundes, der sich schwerfällig über ein zottiges Fell rollt. Vor ihm liegt ein brutal zerkautes Gummitier. Die Zunge schlappt zwischen scharfen Zähnen heraus, und die engen, schlitzigen Augen erinnern an die Höllenbestien diverser Horrorfilme der ausklingenden 80´er Jahre.

„War´n ganz besonderes Mädchen. Verstehste mich jetzt?“

„Klar.“

Ich atme erleichtert auf. Es hätte schlimmer, sogar viel schlimmer kommen können.
Ein langer Zug aus der Bierflasche, dann lehne ich mich an die Hauswand und spreche mit trockener Stimme.

„Dieser verdammte März.“

P. nickt.

„Da sagst du was.“

DAS WEISSE GRAUEN AUS DER TUBE

Zähne 1

Claudine mag Facebook nicht – und keine weichen Eier. Dafür schätzt sie Schuhe, die so spitze Absätze haben, dass man damit  problemlos Vampire pfählen könnte. Sie ist eine fanatische Gummi-Entensammlerin, und sie verlässt niemals das Haus, ohne sich die Lippen blutrot zu schminken.
Das ist Claudine.
Und genau diese Claudine steht vor meinem Badezimmerspiegel. Seit Stunden. Sie bearbeitet ihr Gesicht mit Pinseln und Schminktöpfen. Ich sehe Farben, von denen ich nicht einmal wusste, dass sie existieren. Das muss auch so sein. Wir sind zu einer Party bei alten Freunden eingeladen,  und Claudine gibt wirklich alles. Nach einer ermüdenden Ewigkeit sind die Zähne dran. Sie schrubbt engagiert mit einer Zahnbürste in ihrem Mund herum, und dann kommen die seltsamen Geräusche dazu.

„Mischt… mischt… scheische… scheische…“

Sie starrt in den Spiegel und zerrt ihre Oberlippe bis fast über die Nase.

„Scho ein Scheisch…  gibtsch do nüsch…“

Sie tippt mit dem Zeigefinger auf ihr Zahnfleisch.

„Guck mal. Weia…“

Ihr Zahnfleisch ist ein flammendes Lavameer. Eine brutale Kraterlandschaft. Knallrot und Entzündet. Auf dem Waschbecken liegt eine riesige, weiße Tube.

 „Was ist das für ein Zeug? Das ist nicht von mir. Was sind das überhaupt für Zeichen auf dem Teil?“

„Die hab ich mir da hinten (sie wedelt mit einer Hand in Richtung Westen) in so einem Billigladen hinter der Greifswalder gekauft. Nur 99 Cent und das soll die Zähne richtig weiß machen. RICHTIG WEIß, nicht nur so ein bisschen. Strahlend eben, verstehst, du? Das ist ein Superschnäppchen.“

Natürlich verstehe ich. Womöglich ein heimlicher Exportschlager aus Nordkorea, der auf verschlungenen Wegen direkt in meinem Badezimmer gelandet ist. Die Tube hat durchaus etwas Faszinierendes.

„Diese Zeichen…  könnten koreanisch oder  chinesisch sein… oder vielleicht eher kantonesisch… oder…“

Es lohnt nicht, die Sorgenfalte auf Claudines Gesicht detailliert zu beschreiben, aber, sie ist gewaltig, mit vielen kleinen, eleganten Verästelungen.

„Meinst du, das ist keine Zahnpasta? Der Verkäufer hat das doch gesagt.“

 „Das könnte sonst was sein. Der Verschluss ist doch viel zu groß für eine Zahnpastatube. Und überhaupt… die Zeichen hier kann ich nicht mal googlen… könnte auch ein Chromreiniger sein… oder sonst was…“

Claudine ist trotz üppiger Gesichtsbemalung mittlerweile leichenblass.
„Oh Gott, oh gott… was jetzt… tu was… mir ist ganz schlecht“

Der beste Freund tut also was. Der Laden macht um 19 Uhr zu. Sieben Minuten habe ich noch. Eine Hetzjagd durch eisige Straßen, in der rechten Hand die schneeweiß strahlende und womöglich teuflische Tube. Ich schiebe sie dem Dickerchen in dem Laden über den Tisch. Er hat auf mich keine Lust. Da liegt ein angebissenes Cremehörnchen auf dem Tisch, Krümel kleben in seinen Mundwinkeln und eigentlich wollte er gerade die Rollos runterlassen.

Ich: „Was ist das?“
Er: „Na, Zahnpasta.“
Ich: „Steht aber nicht drauf.“
Er: „Wollen se jetzt auch noch nen medizinischen Beipackzettel für ne 99 Cent Zahnpasta?“
Er lacht blöde. Sein Doppelkinn freut sich gleich mit.
Ich: (gereizt) „Ich will wissen, was das hier ist. Jetzt.“

Er wackelt übellaunig  und O-beinig nach hinten in den Laden, holt einen alten Pappordner, prüft, vergleicht und freut sich.

„Das ist wirklich Zahnpasta. Ich hab die Nummern verglichen. Kommt irgendwo aus Asien her. Läuft gut. Ich hab noch keine Beschwerden gehört. (mit anklagender Stimme) Sie sind der Erste, der hier Stunk macht. Was kann ich dafür, wenn Ihre Freundin nich weiß, wie man ne Zahnpasta benutzt? Die hat wohl in der ersten Klasse nicht aufgepasst. Is jedenfalls nicht mein Problem.“

Thema erledigt. Hinter mir knallen die Rollos des Ladens runter. Der Kerl dreht das Licht aus. Wahrscheinlich rammt er jetzt seine Zähne triumphierend in das Kuchenteilchen.

Eine halbe Stunde später laufe ich mit Claudine die Bötzowstraße herunter. Sie wirkt entspannt und auf merkwürdige Weise auch sehr selbstzufrieden.
Es provoziert mich.
Grenzenlos sogar.

Tut´s noch weh? Es muss doch weh tun. Wenigstens ein bisschen.“
Ist ein fieses Kribbeln. Geht aber. Wo hast du eigentlich die Tube gelassen?“
Na, weggeworfen.“
Waaaaas? Mach keinen Quatsch. Wieso denn?“
„Weil es gefährlich ist? Vorhin warst du doch noch panisch.“

Sie lacht hysterisch.

„Mann, 99 Cent. Guck dir doch mal an, wie weiß meine Zähne sind. (Sie reißt theatralisch den Mund auf) Nur 99 Cent!!! P. hat sich für dreihundert Euro die Zähne bleachen lassen, und die sind immer noch verkalkt und gelb. Die wird sich gleich wundern, wenn die das hier sieht. Aber so richtig… das verspreche ich dir… gleich morgen  hole ich mir noch ein paar Tuben von dem Zeugs.“

Wir stapfen schweigend durch die Straße. Ab und zu lächelt sie prüfend in die dunklen, aber dennoch spiegelnden Fensterscheiben und nickt sich selbst zu.

Und die Claudine in der Scheibe lächelt strahlend zurück.

DER FRAUENSAUGER IN DER STRASSENBAHN

M2

„Mann, hörst du mal auf, mich so dämlich anzuglotzen? Hey… hallo? Ja, ich mein dich…“

Die rothaarige Frau mit dem erschütternd kurzen Rock ist sauer.
Nicht so ein normales Sauer – mehr stinkesauer oder auch sauersauer.
Richtig sauer eben.
Die gut gefüllte Straßenbahn ruckelt Richtung Alexanderplatz und da, auf dem Sitz ihr gegenüber, hockt ein Mann im dunkelbraunen Anzug mit Goldrandbrille, so ein schüchterner Ingenieurstyp mit schmalen Lippen, der vorsichtig über seine Zeitung linst und starrt.
Er fixiert.
Er saugt die Bilder der fremden Frau in sich hinein.
Er kriegt nicht genug.
Kostet ja auch nichts. Nimmt man gerne mit.

„Ey, Typ, du willst mich nicht verstehen, oder was?“, die Rothaarige beugt sich provozierend nach vorne.

Ertappt und mit einem Anflug von Beschämung hebt das dürre Männlein die Zeitung ein Stück höher bis seine Augen hinter dem Papier verschwinden.
Und dann linst er schon wieder. Nur ein kleines Blickchen. Klitzeklein nur.

Die Rothaarige springt auf (ich bewundere ihren raspelkurz rasierten Nacken und die eintätowierte grüne Fee hinter ihrem rechten Ohr), haut im Vorbeigehen mit der flachen Hand auf die Zeitung des Männchens, zischelt ein boshaftes „Arschloch“ in seine Richtung und steigt an der nächsten Haltestelle aus.
Stille.
Die Gemeinschaft der Straßenbahn M2 schweigt betreten. Nur einer nicht. Der dicke Kerl mit dem Maleranzug und der schweren Lederjacke ein paar Sitze weiter erbarmt sich und erlöst uns.

„Mann, was bist´n du für´n Trottel. Ich hab auch geguckt, aber doch nicht so direkt. Voll frontal war das, was de da eben abgezogen hast. Hier, so, von der Seite kannste gucken… (er wirft verschlagene Seitenblicke um sich) … aber nicht so direkt. Kapierste?“

Der Mann im dunkelbraunen Anzug guckt ihn fassungslos an. Für einen Moment sieht es so aus, als würde er etwas Bedeutsames sagen wollen. Dann aber doch nicht. Er zerknüllt stattdessen lieber seine Zeitung, presst sie in seine kleine Aktentasche und hechtet aus der noch wartenden Straßenbahn.

„Boah, was für´n Trottel“, kommt es laut aus dem Mund des Malers – und hier und da kassiert er ein fröhlich bejahendes Kopfnicken der anderen Fahrgäste.

Schön. Die M2 ist irgendwie meine ganz eigene Disneyland-Bimmelbahn. Immer was los hier. Als sich die Tram wieder ruckelnd in Bewegung setzt, sehe ich den Kerl im dunkelbraunen Anzug noch einmal. Er wartet, verborgen hinter einem Wartehäuschen, auf die nächste Bahn.

Was für ein Trottel.

ISS ODER STIRB – ODER AM BESTEN BEIDES

Wurst 1

Nachmittags in der kleinen Bäckerei in Prenzlauer Berg.

Die Salamibrötchen gucken übermüdet aus dem Glaskasten. Auch altersschwach. Man erkennt es an dem dunklen, ausgetrockneten Rand. Dem Käse, der sich eine Reihe weiter unten aufhält und sich verzweifelt an die Butter klammert, geht es auch nicht besser.
Es ist nicht wirklich mein Fall.
Eigentlich sogar ganz und gar nicht.
Die Bedienung mit dem dunkelbraunen, raspelkurzen Haar beäugt mich so kritisch wie ich ihre Brötchen.

Ich: „Die liegen hier schon ein Weilchen, was?“
Sie: „Seit achte.“
Ich: „So wirken die auch auf mich.“
Sie: „Iss doch wurscht. Im Magen sehen die doch sowie wieder ganz anders aus.“

Ich habe großen Respekt vor der Berliner Logik.

Einfach einmalig und immer folgerichtig.