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WIE MAN SICH SEIN GEKLAUTES FAHRRAD ZURÜCKHOLT …

Fahrrad

„Da.  Genau da stand es.  An dem Baum. Genau da …“

Claudine fuchtelt wie eine Windmühle mit ihrem Armen herum. Die Zähne gefletscht, die Finger verkrampft, stampft sie mit ihren roten Pumps auf dem Bürgersteig herum, als wollte sie ihn persönlich für den gemeinen Diebstahl bestrafen. Jetzt fallen ihr auch noch die Haare vors Gesicht – ein buschiger Theatervorhang in blond. Sie läuft um die Kastanie herum und hält mir einen Fahrradreifen entgegen, der an einem Schloss hängt.

„Das ist alles. Der Rest ist futsch.“
„Du hast das Schloss am Hinterreifen befestigt?“
„Ja, natürlich.“
„Nicht am Rahmen?“
„Nein … na und?“
„Also, mir hat schon mein Großvater erklärt, dass …“
„Mir egal. Ich will jetzt keine Kriegsgeschichten von deinem Opa hören.“ Mit zusammengekniffenen Augen tastet sie die umliegenden Häuserfassaden ab. „Irgendwo hier hockt ein Dieb mit meinem Fahrrad.“ Sie ballt ihre linke Faust und hebt sie an – ähnlich einer Scarlett O’Hara in Vom Winde verweht – und stößt einen Schwur aus: „Wer immer mein Rad hat. Das hat er nicht umsonst gemacht. Das hol ich mir wieder.“ Als sie mein Lächeln sieht, zischelt sie, „das kannst du mir glauben.“

Wer Claudine kennt, weiß, dass das Wort „glauben“ eine mehr als unzureichende Beschreibung ist. Es ist ein Fakt, eingemeißelt als elftes Gebot in allen Steintafeln, die jemals in der christlichen Glaubenslehre verbreitet wurden.

Die Suche nach dem Rad wird zur Hetzjagd: In den nächsten Tagen kontrolliert sie die Kleinanzeigen sämtlicher Berliner Tageszeitungen. Ihre Fingerkuppen zeigen durch das ständige Hoch- und Runterscrollen von Ebay-Angeboten einen deutlichen Hautabrieb, und auch ihre täglichen Rundgänge in Prenzlauer Berg ähneln eher den routinierten Bespitzelungstechniken  eines verdeckten Ermittlers. Nach einer Weile ermüden mich die Versuche, in fremde Treppenhäuser und Hinterhöfe einzudringen, weil das Rad ja vielleicht dort stehen könnte –  aber am Ende fehlt auch nach einer Woche jede Spur – und mir fehlt das Verständnis für den empfundenen Verlustschmerz.

Claudines Fahrrad war ein lila-farbenes Ungetüm mit einem grünen Ledersattel. An den Griffen hingen rote Bändchen wie sie Kleinkinder bevorzugen, die ihre ersten Fahrversuche mit Stützrädern absolvieren. Die Felgen hatten neonfarbene Streifen. Kurzum: Es war das hässlichste Rad, das ich in diesem und aller meiner vorherigen Leben jemals gesehen habe.

Nach einem heißen Sommertag wage ich einen Versuch, geboren aus Mitleid und Wagemut: „Du, pass auf. Wir gehen morgen los, und ich schenke dir ein neues Rad. Wie gefällt dir das?“

Claudine blickt mit dunklen Ringen unter den Augen von ihrem Handy auf. „Ich kann jetzt nicht. Ich simse gerade mit einer anderen Beklauten.“ Sie zeigt mit dem Finger nach Süden. „Die wohnt da hinten zwei Straßen weiter.“ Das blaue Licht des Handys wirft ein gespenstisches Licht auf ihr Gesicht. „Wir organisieren uns. Den kriegen wir noch. Der entgeht uns nicht. Nein, nein … der hat sich mit der Falschen angelegt.“

Na gut. Dann nicht. Ich bin entspannt. In Berlin werden am Tag hunderte Räder geklaut. Die Wahrscheinlichkeit, dass ausgerechnet Claudines lila Rad wieder auftaucht, ist so wahrscheinlich wie von einem Meteoriten während einer Qigong-Massage  getroffen zu werden.

Lächerlich. Absurd. Völlig ausgeschlossen.

Und genau darum muss es auch passieren.

Als wir ein paar Tage später in der Nähe der Kottbusser Brücke ein Eis essen, bemerke ich das Knirschen der Eiswaffel neben mir. Claudine presst ihre Finger so heftig in die Waffel, dass sie zerbröselt. „Ich fass es nicht.“ Und ein wenig leiser mit bedrohlichem Unterton: „Freundchen, das wird dir wehtun.“

Angelehnt an einem Brückengeländer auf der anderen Seite der Straße steht ein vielleicht 1 Meter 90 großer Typ um die dreißig, der ein aromatisiertes Wasser trinkt. Ich erkenne eine lachende Himbeere auf seiner Flasche. Neben ihm stehen drei Fahrräder, die er offenbar zum Verkauf anbietet. Eines davon, das Hässlichste, steht ganz unbeteiligt dazwischen, wie ein alter Bekannter, den man zufällig im Urlaub an einem fernen Ort in der Welt wiedertrifft.

Claudine wirft das Eis auf den Boden. Die Vanillekugel schmaddert auf meine Schuhspitze. Sie setzt sich mit geballten Fäusten in Bewegung. Ich packe sie am Arm.

„Wir brauchen einen Plan.“
„Mein Plan heißt: Ich will mein Rad zurück.“
„Willst du ihn verprügeln?“
Sie wischt sich mit der flachen Hand unter ihrer Nase entlang, wie es Rocky vor seinem Kampf gegen Apollo Creed gemacht hat. „Warum nicht?“

Der Typ auf der anderen Seite der Straße ist nicht nur größer als wir beide. Er ist eine dicke und unförmige Masse. Ein menschlicher Fleischberg. Ein richtiger Brocken. Sein blaues T-Shirt mit dem Aufdruck eines gesenkten Facebook-Daumens und dem Schriftzug Gefällt mir nicht hat mindestens  die Größe XXXXXL. Mindestens.

Bei einer körperlichen Auseinandersetzung müsste man theoretisch  erst einmal mit dem ganzen Körper in seine Fettmassen eintauchen, um an seine Knochen zu gelangen, und erst dann könnte man sie ihm zerbrechen – wenn man es denn wirklich will.  Sein Hals scheint am verletzlichsten zu sein. Ein gezielter Handkantenschlag gegen seinen Adamsapfel  (gesehen in Karate Kid II) könnte durchaus das gewünschte Resultat eines Knock Outs bringen. Aber dann zähle ich an seinem Hals vier Fettringe, die mich an  aufgetürmte Donuts auf einer senkrechten Holzstange erinnern. Der Kerl ist gepanzert bis über beide Ohren. Unbesiegbar. Bevor Claudine einen rachsüchtigen Versuch unternimmt, rufe ich die Polizei an. „Hast du die Gestellnummer?“, flüstere ich ihr  zu.

„Natürlich“, faucht sie zurück.

Schön. Mir ein paar Polizisten wie eine Pizza zu bestellen – das wollte ich immer schon mal machen. Die Beamten versprechen, in zehn Minuten an der Brücke zu sein – bis dahin ist auch die Rahmennummer geprüft. Claudine wird nervös.

„Und wenn der Typ abhaut?“
„Der steht da doch ganz entspannt.“
„Und wenn er mein Rad verkauft?“
„Unwahrscheinlich.“ Fast hätte ich laut gelacht.
„Ich will wissen, was mein Rad kostet. Nur so …“

Einen Moment später stehen wir neben einem jungen Paar mit Kind, das sich auch für die Räder interessiert. Claudine setzt ihre wölfische Maske auf und lächelt den Dicken an: „Was kostet denn das lila Rad da?“

Dickie überlegt kurz. Seine wulstigen Lider schlappen über die Augen, verschließen sie,  als würde er in der Dunkelheit den Preis erfühlen können. „Hundertfuffzich.“ Er beißt in ein krümeliges Salami-Brötchen.
„Nicht für hundert?“, fragt Claudine.
„Nö. Is gut erhalten“
„Ach so?“
„Naja, hundertvierzich wär auch drinne. „
„Die linke Handbremse geht nicht.“
„Hä?“ Dickie blinzelt blöd.
„Der Fahrradständer hat einen Knick.“
„Wie jetze?
„Und das verdammte Licht ist nicht einmal gegangen, so lange ich das Fahrrad hatte.“

Dafür geht in  Dickies Kopf das Licht an. Er erstarrt. Wie ein Revolver liegt das angekaute Brötchen in seiner Hand.

An diesem Sonntag verstummen die Vögel. Eine leichte Brise umstreicht mein Haar. Hinter mir höre ich Kinder lachen. Es ist ein Tag, an dem Menschen Enten füttern und Wolken zählen – während ich mich auf einen Faustkampf mit einem Zwei bis Drei-Zentner-Mann vorbereite.

Den Polizeiwagen hinter mir sehe ich nicht. Nur Claudines aufgeregtes Winken und den unglaublich behenden Sprung des Dicken auf eines seiner Fahrräder. Selbst in dieser von höchstem Stress geprägten Notsituation verzichtet er auf das lila Rad, das ihm am nächsten ist. Guter Geschmack . Keine Frage.  Und weg ist er.

Die beiden Beamten sind durchgeschwitzt. Der eine trägt einen zackigen Kinnbart wie der Sänger von Unheilig.  Der andere hat dafür diverse Schnittwunden am Kinn.  Während Claudine den Lenker ihres Rades umarmt und den Sattel streichelt, gleichen die Beamten die Rahmennummer mit ihren Notizen  ab und nicken sich zu.

„Wir haben die Nummer gecheckt. Sie sind Frau Wienert, ja?“

Claudine blickt mich aus riesigen glupschigen Augen an. „Also, nein … bin ich nicht… wieso …“

„Kann ich mal Ihren Ausweis sehen?“

Sie braucht vierzig Sekunden, um den Ausweis aus ihrer überfüllten Handtasche zu kramen. Ein Pfefferspray, vier Lippenstifte und ein Deoroller mit dem Konterfei eines irritiert herumflatternden Schmetterlings landen vor meinen Füßen. Weitere dreißig Sekunden später fragt der Beamte: „Wie lange hatten sie das Rad?“

„Na, ein Dreivierteljahr. „

Die Polizisten nicken sich wieder wie in einem geheimnisvollen Aha-Moment zu. „Das Rad ist als gestohlen gemeldet. Seit anderthalb Jahren. Haben Sie es gebraucht gekauft?“

Claudine nickt artig wie ein dressiertes Äffchen.

„Eine Quittung haben Sie nicht?“

Sie schüttelt den Kopf, diesmal ähnelt sie einem traurigen Clown, der das Unvermeidliche ahnt.

„Tut uns leid. Das Rad muss sichergestellt werden. Als Sie es gekauft haben, war es schon gestohlen.“

Und so endet ein sonniger, viel zu heißer Sommertag in Berlin. Es ist eine rührende Szene: Claudine streicht noch einmal über den Lenker des Rades, klopft  einmal auf den giftgrünen Sattel und scheint in den wundersamen Erinnerungen und Momenten zu baden, die sie mit ihrem Rad in Verbindung bringt. Die Polizisten sind fast ein wenig gerührt.  Dann wendet sie sich ab. Jetzt tut sie mir doch ein wenig leid. Nur ein kleines bisschen. Aber immerhin.

„Wo hast du das Rad eigentlich gekauft?“

„Hinter dem Planetarium, auf der Wiese. Für siebzig Euro.“

„Und es kam dir nicht komisch vor?“

„Wieso denn? Es gab da auch Räder für fünfzig Euro“

Es ist die typische Claudine-Logik. Unverbesserlich. Auf ihrem Gesicht liegt ein entschlossener Zug inklusive zusammengekniffener Lippen. „Und weißt du was, gleich morgen gucke ich mal, ob da wieder einer Räder verkauft.“  Sie nickt sich selbst zu. „Gleich morgen.“

Und so geht es mit dieser unheimlichen Berliner Formel weiter:  Kaufen + Klauen = Klaufen. Verlässlicher als jede mathematische Grundsätzlichkeit von Pi.

Über diesen Gedanken kann einem schwindelig werden.

Da hilft nur Enten füttern und Wolken zählen.

 

ZWEI MÜTTER UND IHRE RABENSCHWARZEN GEHEIMNISSE

Dunkel

 

Die Aprilsonne wärmt meine Stirn. Der Kakao ist heiß. Die Beine strecke ich weit von mir. Es ist ein herrlicher Tag hier draußen vor meinem Lieblingscafé in Prenzlauer Berg. Vielleicht zu herrlich. So was darf nicht lange anhalten. Tut es auch nicht.

Von rechts bewegt sich ein Kinderwagen  in meine Sichtachse, bedrohlich wie ein knirschender Ozeandampfer, der die Sonne verdunkelt, wird er direkt vor meinem Tisch geparkt. Am Steuer steht eine Frau mit verkniffenen Lippen. Eine Kapitänsmütze trägt sie nicht –  dafür aber eine kleine fiese, und besonders eckige Brille mit Goldrand, wie ich sie eher von einem Frauenarzt erwarten würde.

Sie ruckelt und zuckelt an dem Kinderwagen herum, rollt ihn über die Schuhspitze meines rechten Fußes, erkennt den Widerstand und ruckelt gleich noch einmal über meinen Fuß – logisch – mein Bein hat ja auf dem Gehweg nichts verloren. Sie wischt sich eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht und lässt sich mit einem Stoßseufzer, der in seiner Dramatik an das Finale einer griechischen Tragödie erinnert, auf dem Klappstuhl am Tisch nebenan nieder und wedelt sich eine Bedienung herbei.

„Ich möchte einen Kräutertee. Den hier …“, sie tippt mit ihrem manikürten Finger auf die Karte, als wolle sie das Papier durchbohren, „aber … da sind keine Pyrrolizidinalkaloide drin, oder?“

Anna, die Studentin aus Palermo, gibt ihr Bestes ,“ich glaube nicht.“

„Ja, was denn nun? Wissen Sie es oder nicht? Pyrrolizidinalkaloide oder nicht? So was müssen Sie doch wissen. Dann fragen Sie doch nach. Und das Anbaugebiet will ich auch wissen.“

Sie meint es ernst. Ich prüfe ihre verengten blauen Augen hinter der Brille. Nein. Keine Regung, die auf  einen humoristischen Hintergrund hindeutet. Sicher möchte sie auch noch den Namen des Teepflückers wissen, seinen Stammbaum auf Absonderlichkeiten prüfen, in jedem Fall aber einen Blick auf sein Gesundheitszeugnis werfen. Es geht ja immerhin um eine Tasse Kräutertee. Ich ging bisher immer davon aus, dass diese Art Tee ohnehin nur von  Seniorinnen getrunken wird, die Kraft tanken , um sich im Spätherbst ihres Lebens noch einmal so richtig aufzubäumen. Gut für die Blase soll er auch sein.

Anna kommt. Keine Pyrrolizidinalkaloide im Tee. Anbaugebiet ist Dimbula irgendwo in Sri Lanka. Am Tisch nebenan wird ein „gut“ geknurrt, der Tee mit zitternden Lippen geschlürft und  der Kinderwagen mit der freien Hand gewippt. Und wenn nicht gewippt wird, dann wird Zucker geplündert. Tatsächlich. Die Nerv-Mum angelt sich rund zehn Zuckertütchen aus der Keramikdose und lässt sie in ihrer Handtasche verschwinden. Alle Tütchen. Döschen leer. Zucker futschifutschi.

Der Kinderwagen vor mir ist eines dieser Luxusfahrzeuge mit Sportfelgen für über eintausend Euro. Das dunkelblaue Kleid  meiner Tischnachbarin lässt auch eher darauf schließen, dass sie in ein paar Minuten ihren Platz als Chefin in einem Mineralölkonzern einnimmt – aber – ein paar Tütchen Zucker zu ergaunern, stellt für sie garantiert ein unvergleichliches  Abenteuer im Hauptstadtdschungel  dar. Sie ist eine moderne Großwildjägerin. Sicher wird sie am Abend ihrem Ehemann die Beute vorführen.“Ach, Schatz. Du tapferes, tapferes, kleines Ding“, wird der ihr zuraunen, zwischen seinen Fingern den Zucker rieseln lassen  und ihren Kopf streicheln. So ist das in Prenzlauer Berg nun mal. Nichts besonderes.

Das erneute Knirschen von rechts nehme ich viel zu spät wahr. Ein zweiter Kinderwagen. Exakt dasselbe Modell. Und wieder eine Mutter. Viel schlimmer noch: Mum zwei kennt Mum eins. Und während ich von Kinderwagen umgeben bin, ganz so, als hätte mich eine teuflische Zeitmaschine mitten in die Siedlerzeit des Wilden Westens mit all ihren Planwagen befördert, klappern nebenan die Kräuterteetassen. Da wird getuschelt und gezischelt.

Mum 1 zu Mum 2: Du, wir haben doch da hinten diese Eigentumswohnung gekauft. Hat 250.000 gekostet. Sind auch nur 70 Quadratmeter. Aber weißt du, was wir jetzt machen?

Mum 2 streckt wie eine begeisterte Giraffe den Kopf über den Tisch.

„Nein, sag mal.“

„Na, wir ziehen da überall neue Wände rein. Da kriegen wir vier Zimmer raus, und die vermieten wir einzeln an Studenten. Du kriegst hier im Viertel  locker 400,- Euro für ein Zimmer. Gut, was?“

Die Euphorie von Mum 2 ist grenzenlos, doch dann zieht sich eine breite Falte über ihre Stirn. „Und wenn euch die Studenten die Wohnung ruinieren? Du weißt doch, wie das mit denen ist.“

Mum 1 schüttelt entschlossen den Kopf. „Ach was. Wir nehmen nur Jura- oder Medizinstudenten. Das geht schon gut. Die haben doch ordentliche Elternhäuser. Das haben wir uns ganz genau durchdacht.“

Die Falte auf der Stirn von Mum 2 löst sich wie ein Zuckerwürfel im Tee auf. „Ach, na dann ist ja gut. Ein Glück …“

Eine 70 Quadratmeter – Wohnung für 1600,- Euro zu vermieten – eine großartige Idee. Einfach nur vier Studenten greifen,  sie wie Hühner in einer  Legebatterie einpferchen – und schon wird abkassiert.  Genialer Plan. Nur in einem Punkt kann ich der Mum-Logik nicht folgen: Jura- und Medizinstudenten sind in Ordnung – während ein Germanistikstudent womöglich die Tapeten herunterreißt, das Parkett mit rostigen Schraubenziehern zerfetzt und aus Langeweile in die Steckdosen uriniert? Man müsste eine Studie über die Grundaggression von Nicht-Jura- und Medizinstudenten in Auftrag geben. Mindestens. Aber während ich noch darüber nachdenke, ist Mum 2 schon längst beim Berliner  Gesundheitswesen gelandet.

„Du, mein Mann ist neulich auf der Straße umgekippt …“

Mum 1 legt beide Hände auf die Wangen und formt mit den Lippen ein  besonders fleischiges „O“.

„Ohhhhh … schlimmmm ….?“

„Der war entkräftet. Ein Schwächeanfall. Viel Arbeit, eben. Aber weißt du, was wirklich ein Unding ist? Da kamen Männer von einem Rettungsdienst, und weißt du was die gemacht haben? Einfach sein Hemd aufgerissen. Das war ein Versace Hemd. Einfach aufgerissen haben die das.  Richtig zerfetzt haben sie´s.“

Mum 1 schlägt die flache Hand auf den Tisch. „Na, sag mal. Aufknöpfen ging wohl nicht?“

„Habe ich auch gesagt. Aber warte mal. Unser Anwalt prüft gerade, ob die das ersetzen müssen. Alles muss man sich ja auch nicht gefallen lassen, oder?“

Die beiden nicken sich in vollendeter Synchronität zu, wie  batteriebetriebene  Stoffhasen.

Sie haben aber auch Recht.  Ein Rettungsteam, das womöglich auf einen röchelnden Patienten mit Herzinfarkt trifft und in der Hetze nicht einmal mit spitzen Fingern die Knöpfe seines Designerhemdes öffnet – so was ist ungeheuerlich. Das gehört bestraft. Unbedingt.

Ich habe genug gehört und gesehen. Der Himmel hat sich etwas zugezogen. Ich prüfe den Wind. Eine leichte Brise von Westen. Perfekt. Meine Zigarillos ruhen in der Brusttasche meines Jacketts. Ich ziehe sie heraus und lege sie wie eine geladene Waffe auf den Tisch.  Als ich mir ein Stäbchen in den Mund schiebe, kommt Leben in den Tisch nebenan.

„Also, wenn der sich jetzt hier eine ansteckt, dann …“

„Der wird doch nicht …“

Doch, wird er. Genau zwanzig Sekunden später zieht eine düstere Wolke aus karzinogenen und neurotoxischen Stoffen zum Nachbartisch herüber, wo sie eine kultivierte Welle aus Empörung und Entsetzen lostritt. Hastig kramen die beiden Damen ihr Kleingeld zusammen und werfen es auf den Tisch. Drei Euro pro Tässchen.  Trinkgeld gibt es nicht. Man muss sein Geld ja in diesen Tagen zusammenhalten –  Eigentumswohnungen kosten nun mal ordentlich. Und schon huschen sie die Straße hinab,  heftig gestikulierend, weil ja die ungeheuerlichen Ereignisse mit dem Typen am Nachbartisch durchgezischelt werden müssen.

Hinter mir höre ich Anna.

„Boah, endlich sind die weg. Willst du nicht reinkommen? Es tröpfelt doch schon.“

Nein. Ich bleibe hier noch sitzen. Ich genieße den Ausblick.

Langsam, ganz langsam werden die Kinderwagen kleiner,  wie Ozeanriesen, die  trotz ihrer Schwerfälligkeit nach ein paar Kilometern nur noch schwarze Punkte am Horizont sind.

Und schließlich sind sie ganz verschwunden.

VERRAT AN DER TIEFKÜHLTRUHE

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Ich gebe es zu. Vieles lässt mich kalt:  Beinlose Bettler, wimmernde Waisenkinder, humpelnde Hunde –  damit muss mir keiner kommen. Aber bei alten Leuten in Not zieht sich mir der Magen zusammen. Keine Ahnung, warum. Und ausgerechnet heute begegnet mir diese Greisin in meinem  Supermarkt.

Sie ist klein. So klein, dass sie sich fast an der Tiefkühltruhe vor ihr wie in einer Turnübung hochziehen muss.  Die Brille rutscht ihr immer wieder über die Nase. Und dabei will sie doch nur an die Fischstäbchen ran, von fiesen Supermarktmitarbeitern fein säuberlich in der letzten Reihe aufgestapelt.  Es war sicher eine Anweisung des Chefs. Fischstäbchen für Berliner Rentner? Brauchen die nicht. Die sollen doch trockenes Brot futtern.  Sind das doch aus`m Krieg gewohnt.

Nein, diese Oma hier hat keine Chance. Ihre Muskeln sind sicher vom vielen Rollatorfahren ganz aufgeweicht. Ich muss eingreifen. Die Fischstäbchen geangelt und der alten Dame überreicht. Ihre knochigen Hände zittern, als sie die Packung schnappt und sie sich wie ein Kleinkind gegen die Brust presst.

„Danke, das ist sehr freundlich. Vielen Dank, das hätte ich nie alleine geschafft.“

Erst jetzt fällt mir der violett-rote Stich in ihrem grauen Haar auf, wie sie bösartige Friseure gerne halbblinden Seniorinnen verpassen. Auf ihrem Kopf sieht es aus wie nach einer Malstunde für Erstklässler. Altwerden ist wirklich eine unangenehme Angelegenheit.

Eine Mitarbeiterin des Supermarktes nickt uns zu. Sie rauscht in ihrem roten Kittel vorbei und verschwindet in der Wurstabteilung.

„Sagen Sie mal“, frage ich die Seniorin an meiner Seite, „warum haben Sie die denn nicht um Hilfe gebeten?

Die Alte beugt sich ein Stück vor und kneift die Lippen zusammen. „Die? Ach, die doch nicht. Um Gotteswillen. Die hat zwei Jahre da hinten in der Flaschenannahme gearbeitet. Und wissen Sie, was die gemacht hat?“

Keine Ahnung. Vielleicht hat sie Wasser in die leeren Flaschen gefüllt und mit einem Löffelchen drauf rumgeschlagen. Ich weiß es wirklich nicht. Die Alte beugt sich noch ein Stückchen vor.

„Geklaut hat die, wie ein Rabe. Das Flaschenpfand hat sie sich schön in die eigene Tasche gesteckt. Und dann ist sie immer mit schicken neuen Klamotten hier rumgelaufen, bis es rauskam.“

„Warum ist sie nicht geflogen?“

„Na, weil die Bande hier zusammenhält. Die hat schön auf Mitleid gemacht, von wegen ihrer Kinder, und dann haben sie die in die Wurstabteilung versetzt, weil sie da nichts mit Geld zu tun hat.“

Ich blicke den Gang hinab. Das Gesicht mit der weißen Haube zwischen all den baumelnden Würsten wirkt eigentlich harmlos. Aber das könnte ihr Trick sein. Womöglich ist sie nun von Kleingeld auf Wurstzipfel umgestiegen, die sie sich kurz vor Schichtende in die Taschen ihrer Jeans klemmt. Die Fingerspitzen leckt sie sich bestimmt ab. Man will ja keine Spuren hinterlassen.

„Und die da hinten ist noch schlimmer.“ Die Alte zeigt nach hinten zu Kasse Nummer drei. Eine dickliche Vierzigjährige mit knallroten Lippen sitzt da am Laufband. „Die quatscht die Kerle hier immer an. Die angelt die sich hier richtig weg, und dann sitzt sie mit den Typen nach der Arbeit beim Italiener nebenan. Und ich muss Ihnen ja nicht sagen, was dann danach passiert, oder? Das wissen sie doch,  ja?“ 

Ich ahne es. Bilder von ekstatischen Verkäuferinnen mit zerrissenen roten Supermarktkitteln flimmern durch mein Hirn. Irgendwie muss ich die da wieder rausbekommen,  aber die Zunge der Alten ist wie eine geladene, scharfe Waffe, aus der immer neue Enthüllungen abgefeuert werden.

„Und einmal, da ist die viel zu weit gegangen. Da musste sie abtreiben lassen. Da hat sie hier die den ganzen Tag heulend gesessen. Aber das war die Strafe. So was macht man ja auch nicht, oder?“, und noch einmal mit Nachdruck, „oder?“

Ich schüttel den Kopf fast wie automatisch.  „Warum gehen Sie denn nicht in einen anderen Supermarkt?“

Sie lacht auf, schrill und laut – und gar nicht omahaft. „Na, jetzt wo ich hier meine Pappenheimer kenne? Nee, nee, nee … In seinem Revier muss man sich immer auskennen. Da muss man gewappnet sein. Ist besser so.“ Dann wackelt sie den Gang hinab in Richtung Waschpulver.

Tolle Enthüllungen.

Ich habe mir erst mal Hundert Gramm Salami an der Wursttheke bestellt. Nicht, weil ich Appetit darauf habe, sondern weil ich mir die Flaschenpfand-Gaunerin noch mal genauer anschauen wollte. Es hat einen gewissen Kitzel, etwas aus dem Leben eines Menschen zu wissen, wenn der nicht ahnt,  dass sein schrecklichstes Geheimnis längst in Umlauf ist. Natürlich habe ich auch überprüft, ob sie beim Abwiegen den Finger auf die Waage legt. Nur so. Sicher ist Sicher.

Zum Bezahlen geht es natürlich an Kasse Nummer drei – wo ich schon mal so richtig in Stimmung bin. Vielleicht habe ich es mir eingebildet, aber hat mir die dicke Kassiererin mit ihren zugespitzten Lippen nicht eben zugezwinkert? Hat sie bestimmt. Das bilde ich mir doch nicht ein. So ein Biest.

Als ich meine Tüten einpacke, bemerke ich die Alte noch einmal. Sie steht in der Blumenecke hinter einem Holzgerüst, vertieft in ein Gespräch mit dem kahlköpfigen Händler. Sie besäuselt ihn mit ihren Familiengeschichten und irgendwann sagt der: „Ich habe vorhin schon gedacht, dass das ihr Enkelsohn war, mit dem sie sich da unterhalten haben.“

„Was? Der? Nee, nee … Haben Sie gesehen was der für abgewetzte Schuhe anhatte? So was trägt mein Enkelsohn doch nicht. Und das Hemd war auch zu weit aufgeknöpft. Viel zu weit. Da konnt man ja schon das Brusthaar sehen. So läuft man doch nicht rum.“

„Vielleicht hat er gedacht, dass er Burt Reynolds ist“, lacht der Blumenhändler und legt den Kopf so weit in den Nacken, dass ich vier fleischige Ringe an seinem Hals zählen kann.

Ich blicke auf meine Schuhe hinab. Das ist ein verdammter Vintage-Style, hätte ich am liebsten in die Blumenecke gerufen. Das trägt man heute so.  Und Burt Reynolds, nun … so übel fand ich ihn gar nicht. Gut, der Schnauzer war schon etwas übertrieben und als er sich dann in späteren Jahren auch noch ein rabenschwarzes Toupet auf den Kopf gepappt hat, war es aus mit dem Zauber.

Die Einkaufstüten liegen wie Kanonenkugeln in meinen Händen, als ich an der verräterischen Alten vorbeiziehe.  Aber ich bin viel zu beleidigt, um sie abzufeuern. Sie winkt mir noch einmal zu und setzt ihr bestes Greisinnen-Lächeln auf, so, als wolle sie mir hinterherrufen:  Freundchen, ein Supermarkt ist ein Kriegsgebiet – und hier überleben nur die Besten. Ab nach Hause mit dir.

Ich gehe – aber ich werde wiedergekommen. Die Schlacht hat eben erst begonnen.

Als ich draußen auf der Straße bin, schließe ich den obersten Knopf meines Hemdes. Man sollte es seinem Gegner nie zu leicht machen.

Grundsätzlich nicht.

DIE KLEINE AMERIKANERIN HAT ANGST

Flag

Elf Uhr am Morgen –  Ich wollte schlafen, aber das Handy auf meinem Nachttisch vibriert so laut, dass ich das Gefühl habe, in einem fahrenden Zug nach Moskau zu liegen.  Die Nummer auf dem Display kenne ich nicht. Die Stimme am anderen Ende schon.

„Du musst … schnell kommen, ganz, ganz schnell … pleaaaassseee … die haben …  ach, es ist schrecklich … please …“

Es ist Shirley, die Amerikanerin. Ihre Stimme ist hoch, verheult und irgendwie atemlos. Ich müsste ihr helfen.  Auf der anderen Seite ist mein Bett warm, die Kissen weich und ich bin müde. Ich schließe die Augen wieder. Und wenn jetzt doch was ganz Aufregendes passiert ist? Nachher ärgere ich mich womöglich, dass mir eine tolle Geschichte entgangen ist. Na gut. Kontaktlinsen rein (für besonders klare und voyeuristische Sicht), und auf geht es zum Katastrophentourismus drei Straßen weiter. Ich habe die Wohnung im vierten Stock noch nicht einmal erreicht, das Elend präsentiert sich dennoch in seiner destruktiven Pracht. Nun ist es also doch passiert:

Die Altbautür ist aufgebrochen worden. Holz liegt zersplittert im Treppenhaus herum, und Shirley steht in einem albernen roséfarbenen Nachthemd und einer grauen Strickjacke  im Türrahmen als könne sie sich nicht zwischen einem Laufstegabenteuer bei Victorias Secret und einer Runde Berghüttenromantik entscheiden. Ihr hyperwasserstoffblondes Haar steht aufrecht wie ein Turm in der Höhe.  In der einen Hand hält sie ein Kartoffelmesser. Sie stürzt auf mich zu und umarmt mich heulend.

„Die sind hier … einfach reingekommen … es hat so einen Krach gemacht … bang … look at the door … terrible … „

„Du warst innen in der Wohnung, als sie kamen?“

Sie nickt. „Da waren zwei Männer.“

„Du wolltest sie mit dem Kartoffelmesser vertreiben?“

Sie nickt schon wieder.

„Haben sie was geklaut?“

„Nur mein Handy … und den Staubsauger im Flur.“

„Den Staubsauger?“

Sie nickt. „It´s gone.“

Zwei Männer brechen eine Tür auf. Dann werden sie von einer kartoffelmesserschwingenden 158 Zentimeter großen Deutschlehrerin aus North Dakota vertrieben und können gerade noch ein Handy und einen Staubsauger klauen. Wie groß kann die Verzweiflung unter Kriminellen eigentlich sein? Irgendwie auch würdelos. Ich hatte mir das organisierte Verbrechen ganz anders vorgestellt. Prachtvoller irgendwie. Ich rufe die Polizei an.  Zwei schnaufende Beamte ziehen sich 45 Minuten später am Treppengeländer hoch und gucken sich das Desaster an. Shirley soll die Männer beschreiben.

„Die waren alle groß… big… more like that… smaller … nicht sooo klein… und… dunkelhaarig … aber nicht zu dunkel … eigentlich blond …  aber doch dunkel …“

Ihre größentechnischen Beschreibungen schwanken zwischen einer hobbitähnlichen Kleinwüchsigengang und den Familienmitgliedern des Koloss von Rhodos. Die Beamten geben entnervt auf und verriegeln die Tür provisorisch. Schuld waren sowieso die Nachbarn, die einfach frech in den Urlaub gefahren sind und das Haus halbleer zurückgelassen haben.  So was tut man nicht. Die richtigen Probleme fangen aber erst an.

„Ich kann ja bei dir bleiben … bis morgen, ja ?“, fragt sie ganz direkt.

Jeder hätte jetzt aus Mitleid genickt. Der eine später, der andere noch später. Da steht Shirley nun. Unter ihrem Arm klemmt ihre in Klarsichtfolie eingeschlagene Familienbibel – ihr ständiger Begleiter. In einer Hand trägt sie eine Kulturtasche mit dem Aufdruck lachender Hundeköpfe, in der anderen Hand einen Apfel, in den sie knirschend hineinbeißt. Wir laufen die Straße herunter. Shirley geht ganz vorsichtig. Sie blinzelt in die Morgensonne wie ein Spitzmausmaulwurf.

„Sag mal, wo ist eigentlich deine Brille?“

Sie linst mich von der Seite an. „Ich bin am Herrmannplatz U-Bahn gefahren… nachts…  und da kam so ein Mann und hat mir … my glasses… die hat er mir von der Nase gerissen.“

„Geklaut? Und dann ist er weggelaufen?“

„No, no, no …  Der hat mich nur angestarrt und gegrinst.  Dann hat er gesagt, für zehn Euro krieg ich die Brille zurück.  Ich sollte die ihm abkaufen, you know?“

Ich würde von Deals am U-Bahnhof Herrmannplatz um Mitternacht grundsätzlich Abstand nehmen. Eigentlich auch tagsüber. Immer sozusagen. Lauf Shirley, lauf, lauf …  Diese Lektion hätte sie nach über zwei Monaten in Berlin eigentlich lernen müssen. Hat sie aber nicht.

„Und wo ist die Brille jetzt?“

„Der Mann hat mir die Börse aus der Hand gerissen, und dann ist er an der nächsten Station abgehauen.  Und die Brille hat er auch mitgenommen.  Ist eine Sauerei bei euch in Deutschland , so was“

„So ein Quatsch. Was fährst du denn da nachts U-Bahn? Das ist so, als ob ich nachts mit Goldbarren durch den Central Park laufe oder mir in der Dunkelheit die brennenden Mülltonnen in Harlem angucke  –  und dann beschwere ich mich auch noch, wenn ich überfallen werde.“

„Aber die Brille hat mir noch keiner geklaut. Nur hier.“

„Aber überfallen wurdest du schon?“

„Dreimal. Zuhause in Dakota.“

„Echt?“

„Ja. Aber nicht die Brille. Das ist nur hier passiert“, sagt sie wütend und stampft einmal mit ihrem kleinen Fuß auf den Asphalt.

Das Opfer seiner Sehkraft berauben, es verhöhnen, es wie beim Blinde-Kuh-Spiel schön um die eigene Achse drehen und hilflos für den nächsten Überfall zurücklassen. Es war sicher ein kriminelles Pilotprojekt, dass man gerne an amerikanischen Touristen ausprobiert. Hat vorzüglich geklappt, Jungs. Respekt.

Einen Moment später läuft Shirley missmutig durch meine Wohnung. Im Schlafzimmer bleibt sie stehen und betrachtet mein Bett.

„Ach, kann ich hier schlafen?“

„Nein, du schläfst in Claudines Zimmer. Die ist erst am Wochenende wieder da.“

Shirley inspiziert den Raum. Claudines High Heels, ihre Dessous und die abstruse Sammlung verkleckerter Nagellacke, die einmal quer durch den Raum verteilt sind,  geben ihr den Rest.  Für ein aufrichtiges Mädchen aus Dakota präsentiert sich hier die Vorhölle in den schillernsten Farben.

Shirley legt die abgenagte Apfelkitsche auf den Nachttisch, setzt sich auf die Bettkante und umklammert ihre Bibel wie einen Rettungsanker.

„Das wird schon wieder“, heuchel ich ihr frech ins Gesicht und ziehe die Tür zu. Dann prüfe ich die Adressen aller Tischlereien in Berlin. Die Wohnungstür muss repariert werden. Egal, wie. Egal, wie teuer. Schnell muss es gehen. Das ist die Hauptsache.

Als ich mir ein Zigarillo anstecke, höre ich einen Moment später das anklagende Husten drei Räume weiter.  Ich drücke meine Partagas aus. Auf meinem Weg in die Küche lausche ich an Shirleys Tür. Da ist etwas … merkwürdiges. Ein Flüstern. Ganz ernst und energisch. Es klingt, als würde sich Shirley selbst Passagen aus der Bibel vorlesen. Vielleicht will sie aber auch nur die bösen Geister aus Claudines Zimmer vertreiben. Ein Exorzismus womöglich.

Aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein.

Es kann nur so sein.

DIE GROSSEN SORGEN DER KLEINEN AMERIKANERIN

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Sie reicht mir  bis zum Kinn. Und das auch nur, weil sich ihre hochtoupierten, wasserstoffblonden Haare wie eine wundersame Schlingpflanze nach oben strecken und meine Mundwinkel kitzeln. Sie hat den Körperbau eines Pandabären und die erschrockenen Augen einer Meerkatze.

So sieht er aus, der Besuch aus Amerika.

Ich darf ihn in Empfang nehmen. Und das nur, weil eine Freundin, Carla,  für ein Jahr ihre Wohnung untervermietet hat und bei der Gelegenheit gleich abgetaucht ist. Kein Wunder.  Sie ahnte wohl, wer da kommt.

Sie heißt Shirley, ein Direktimport aus North Dakota. Sie ist Deutschlehrerin. Das erste Mal in Europa. Eigentlich verwunderlich für eine Deutschlehrerin. Sie schiebt ihren mannshohen  Koffer durch den Flur der Wohnung. Vor einer eidottergelb gestrichenen Wand bleibt sie stehen.

„Oh… nice… it´s so nice, so very, very nice…“

Eine knallgelb gestrichene Wand. Mehr nicht. Sie tastet sie mit den Fingerspitzen vorsichtig wie ein Neugeborenes ab.

„Beautiful… „

Natürlich könnte Farbe in den USA rationiert sein. Vielleicht darf ein US-Bürger nur einen Liter Malerfarbe im Jahr für private Spielereien verbrauchen. Oder die Farbe Gelb ist einfach grundsätzlich nicht erlaubt. Es ist mir neu. Aber wer weiß?

Wir gehen ins Schlafzimmer. Ich öffne ein Fenster. Sie blickt heraus. Ihre Riesenaugen sind noch größer.  Fast fallen sie aus den Höhlen. Sie schaut in den Hof. Dann hoch zum Dach. Voller Sorge dreht sie sich zu mir um.

„Ist… das hier safe… sicher?“

Ich verstehe die Frage nicht. Wir sind im vierten Stock eines Altbauhauses. Was könnte hier nicht sicher sein?

„Kann… man hier einbrechen… nachts…?“, sie blickt wieder hoch zum Dach. Ich auch.

Ich sehe osteuropäische Banden, die sich mit ihren Enterhaken von der Dachrinne abseilen, in ihren Händen die schweren Stemmeisen. Böse, unrasierte Gesichter werfen sich Kommandos in einer Sprache zu, die hinter dem Kaukasus üblich ist. Sie sind hier, um Shirley, die Deutschlehrerin aus Dakota auszuplündern. Absurd.

„Bei uns in Dakota… sind die Fenster besser gesichert… „

Sie nickt sich selbst zu. Ich will sie beruhigen, aber sie hat schon wieder etwas Neues entdeckt. Das Bett. Ich sehe ihre Turmfrisur knapp über dem Boden. Auf den Knien robbt sie vor der Matratze herum. Sie inspiziert die Oberfläche so konzentriert wie ein Chemiker vor seinem entscheidenden Experiment.  Ihre feingliedrige Brille rückt sie gerade und kneift die Augen zusammen.

„Ich checke nur wegen bedbugs… noch einen Moment…“

Bettwanzen. Kein Scherz. Die Legenden sind wahr. In den USA soll es ja sogar Selbsthilfeverbände für Bettwanzengeschädigte geben. Diese 4 Milimeter-Monster sind aber auch teuflisch. Am Kopfende entdeckt Shirley einen schwarzen Punkt. Sie holt ganz tief Luft und streckt ihren Finger anklagend aus.

„Da… was ist das??? Ist das ….?“

Ich betrachte den Punkt. Es ist ein Kekskrümel. Meine Freundin Carla ist ja bekannt dafür, dass sie sich gerne bis zur Besinnungslosigkeit in den Schlaf futtert. Ich schnipse den Krümel mit dem Finger weg. Die Angst in Shirleys Gesicht will dennoch nicht weichen.

„Nachher… koche ich die Laken, just to be sure…“, wieder nickt sie sich selbst zu.

Die kleine Amerikanerin wackelt weiter durch die Wohnung, bleibt vor einer Schwarz-Weiß-Fotografie stehen, die eine nackte Frau zeigt und wendet sich hastig mit zusammengekniffenen Lippen ab.  Als ich mir ein Zigarillo anstecken will, kommentiert sie es mit nacktem Ensetzen.

„Bitte nicht. No way… please…“

„Ach, das habe ich in zwei Minuten weggepafft, wirklich…“

Ich halte das Zigarillo hoch. Sie weicht davor zurück, als halte ich glühenden, atomaren Abfall in der Hand. Vorsichtshalber hüstelt sie noch ein bisschen.

„Bei uns in Dakota ist das nicht erlaubt… no smoking, pleeeeeeasssse…“

Na gut. Dann eben nicht. Im Sinne der internationalen Völkerverständigung muss man diplomatisch vorgehen. Wir sitzen einen Moment später in der Küche und schweigen uns hochkonzentriert an. Ich habe keine Ahnung, worüber ich mich mit Shirley unterhalten könnte. Wetter? Filme? Politik? Besser nicht. Viel zu riskant. Aus Langeweile öffne ich eine Flasche Weißwein. Vielleicht wird sie lockerer, wenn sie ein Gläschen getrunken hat. Sie nimmt mir die Flasche aus der Hand und prüft das Etikett.

„Ist… das deutscher Wein…?“

„Der kommt aus Hessen. Ja.“

Sie wirkt beruhigt. Erst mal. Sie sitzt in dem braunen Ledersessel. Ihre kurzen Beine berühren den Boden kaum. Hartnäckig inspiziert sie das Etikett.

„Weißt du, ob die Leute, die die Trauben pflücken… ich meine, weißt du…“

Nein. Weiß ich nicht. Was meint sie? Ich kann mir die Frage einfach nicht vorstellen. In meinem Kopf rattern tausend Möglichkeiten für die Vollendung ihres Satzes durch mein Großhirn. Ich komme einfach nicht drauf. Keine Ahnung. Shirley löst es auf.

„Weißt du, ob die bei der Arbeit Handschuhe tragen? Also… wenn die die Trauben pflücken? Mit Handschuhen,  ja… ?

Ich bin perplex. Sie meint es wirklich ernst.

„Na, also einige werden sicher Handschuhe tragen. Andere aber wohl nicht.“

Sie verzieht das Gesicht zu einem gewaltigen Iiiieeeehhhhhh. Der Wein in dem Glas hat sich gerade eben vor ihr in eine stinkende Jauchebrühe verwandelt. Trauben, die von den schmutzigen Fingern gebeugter, altersschwacher Arbeiter berührt werden. Ekelerregend.  Einem ersten animalischen und besonders gemeinen Instinkt folgend,  hätte ich Lust, ihr auch noch von behaarten Beinen und schwieligen Füßen zu berichten, die die Trauben zerstampfen. Es ist wie ein böser Drang in mir. Aber ich lasse es. Für Shirley ist die erste Stunde in Prenzlauer Berg ohnehin  zu einer Geisterbahnfahrt geworden. Warum sollten wir den ganzen Spaß schon jetzt aufbrauchen?

Als sie mich zur Tür bringt, wirkt sie angespannt. Ich reiche ihr zum Abschied die Hand. In ihrer Innenfläche spüre ich den feinen Schweißfilm. Wir verabschieden uns. Sachlich. Unterkühlt.

Die Tür fällt zu. Nur einen Moment später höre ich die dumpfen Geräusche. Knirschend und rumpelnd.  Natürlich. Wahrscheinlich verbarrikadiert sie jetzt die Tür von innen mit der Wohnungseinrichtung. Tische, Stühle und ihr gewaltiger Monster-Koffer werden zur Barrikade. Sicher ist sicher. Wer kann es ihr verdenken? Sie lebt  ja jetzt schließlich unter Wilden.

Das werden spannende zwölf Monate. Irgendwie freue ich mich darauf. Ehrlich.

Welcome in good old Europe.

Welcome, Shirley.

MEIN FEIND DIE WAAGE

waage

„Das… gibt es nicht… dieses Mistding…  Jetzt ist schluss… Schluss… ist jetzt“

Schon bevor ich meine Wohnungstür aufschließe, höre ich die aufgebrachte Stimme im Innern. Ein wütendes Schnaufen. Ein anklagendes Röcheln. Claudine ist aufgeregt. Das ist sie oft. Aber wenn ich ganz genau hinhöre, kann ich in ihrer Stimme einen Hauch von Verzweiflung wahrnehmen. Das ist eher selten. Es muss ernst sein. Sehr, sehr ernst. Weil Lauschen Spaß macht, lege ich das Ohr auf das faserige Holz der Altbautür.

„Dreck. Dreck. Dreck. Totaler Riesendreck…“, tönt es da.

Aufschließen. Eintreten. Staunen.

Ein Blick in die Küche bietet ein absonderliches Bild. Claudine steht in einer gepunkteten Unterhose und dem dazu passenden BH vor meinem Küchentisch. Mit einem riesigen Schraubenzieher stochert sie in meiner Waage herum.

„Ach, da bist du ja endlich. Mir reicht es jetzt mit diesem Drecksding hier. Die Batterie ist völlig runter. Die Waage zeigt mir zwei Kilo zu viel an.“

Meine alte Freundin  hält mir anklagend eine Knopfzelle hin. Mit gekräuselter Nase und angewidertem Gesichtsausdruck schwenkt sie die Batterie wie eine tote Maus vor mir hin und her. Ich grübel. Leider zu laut.

„Echt? Müsste eine leere Batterie nicht eher weniger anzeigen? Ich mein ja nur… also, rein physikalisch betrachtet…“

Ihre Augen sind riesengroß. Wie Teller.  Dafür ist ihr Mund klein und zornig zugespitzt. Ein Orkan der Wut wirbelt aus ihm heraus.

„Waaaas? Spinnst du jetzt total?  Guck mich mal genau an.“

Ich gucke.

„Na? Und?  Ist irgendwas anders?“,  diese Frage lässt für einen Menschen, der am Leben hängt, nur eine Antwort zu.  

„Nein.“

„Aha. Siehst du. Alles so wie immer. Aber dieses elektrische Lügendings zeigt trotzdem zwei Kilo zuviel an. Das lasse ich mir nicht bieten. Jetzt ist Schluss. Wirst schon sehen.“

Genau zwölf Minuten später stehen wir in Peters Werkstatt. So eine kleine, dunkle Bude in unserer Straße, in der eigentlich nur Computer repariert werden. Es riecht nach Formaldehyd. Schrauben kullern vor meinen Schuhen herum. Ich stolper über Kabel, die kreuz und quer durch den Raum gezogen sind. Peter sitzt wie ein wuchtiger Höhlentroll in seiner Computerburg und betrachtet uns geduldig. Die Waage liegt auf seinem Holztischchen. Bedeutsam wie eine Steintafel aus der prähistorischen Zeit. Nach einer Weile streicht er die Falten auf seinem Black Sabbath T-Shirt gerade und schüttelt seine langen, verfledderten Haare  hin und her.

„Na gut. Ich kann ja mal die Batterie checken“, brummelt er unaufgeregt.

„Ja, das machen wir“, zischt Claudine.

Er dreht. Er wendet. Er prüft. Weil die  blonde Furie vor seinem Schreibtisch seine Ruhe empfindlich stört, will er es richtig machen. Ärger passt ihm nicht in den Kram.

„Also… für mich…“, er braucht für jedes Wort mindestens zehn Sekunden.

„Jaaaaaa?“, Claudine drückt das Rückgrat durch und schiebt lauernd das Unterkinn vor.

„… sieht es wirklich so aus als ob….“

„Na? Raus damit“, faucht sie über den Tisch.

„Also, die Batterie ist in Ordnung.“

Claudine verschränkt entschlossen die Arme vor ihrer Brust.

„Aha. Na, dann ist wohl die Waage kaputt. Klar. Kann nur so sein. Dann müssen wir die eben reparieren. Ganz klarer Fall.“

Peter kratzt nachdenklich mit den Fingerspitzen über sein Stoppelkinn. Immer wieder. Ich mag dieses Geräusch ebensowenig wie das Quitschen von Messern auf Esstellern.  Er wartet wohl auf meinen Einwand für dieses unsinnige Anliegen. Ich enttäusche ihn.

„Guck dir die Waage doch einfach mal an. Ich komme in drei  Tagen noch mal vorbei, und dann haben wir den Fehler ja vielleicht“, heuchel ich frech-fröhlich.

Drei Tage.  72 Stunden in der Hölle.  Claudine muss reagieren. Als erstes verschwinden alle Western-Chipstüten aus meiner Wohnung.  Entsorgt. Vernichtet. Claudine entgeht nichts. Ich bin süchig nach Chips.  Ich gebe es zu. Mit zitternden Händen und rot geäderten Augen durchsuche ich den letzten Winkel meiner Wohnung. Nichts. Ich bin Einzelkind. Ich bin es nicht gewohnt, dass man mir die Nahrung entzieht. Es macht mich fertig. Für Claudine ist die Sache klar.

„Chips? Zu viele Kohlenhydrate. „

„Und meine Salzstangen?“

„Du kannst am Rettich knabbern. Steht auf dem Tisch.“

„Meine Energydrinks? Ich brauch die doch…“

„Quatsch. Brauchst du nicht. Auf 100 Mililiter 50 Kalorien. Geht ja wohl gar nicht. Trink Selter. Oder Leitungswasser.“

Unter der Spüle finde ich am Abend einen alten Schokoladen-Osterhasen. Ich beiße ihm den Kopf ab. Schmeckt widerlich. Hilft aber erst mal. In den leeren Blechdosen ist auch noch der eine oder andere Tropfen Flüssigkeit drin. Ohne Kohlensäure. Scheußlich – aber egal.
So geht das nicht weiter. Ich fasse einen Plan. Geschmiedet in den höchsten Stunden der Verzweiflung. Geboren aus Elend und Hunger. Unterzuckert und erschlafft. Ich muss es tun. Ein heimlicher Anruf bei Peter. Er bestätigt das Schlimmste.

„Die Waage ist o.k.“

„Kannst du das Teil so manipulieren, dass es ein paar Kilo weniger zeigt?“

Am anderen Ende der Leitung knistert und rauscht es. Dann plätschert Empörung durch das Kabel.

„Na, weiß du…“

„Tu es. Bitte… nur ein, zwei Kilochen…“

„Naja, ich kann den Federkörper in der Wägezelle verändern… aber jetzt mal echt…“

„Mach es. Bitte.“

Am gleichen Abend steht die Waage wieder im Bad. Die Stimmung steigt. Claudine ist fröhlich. Als ich in einen Muffin beiße, wird er mir nicht aus der Hand geschlagen. Ich erhöhe sogar noch auf ein Quarkbällchen. Nichts passiert. Alles ist wieder beim Alten.

Nur das schlechte Gefühl ist neu.

Jedes Mal, wenn ich die Waage sehe, fühle ich mich wie ein Verräter, der  seine Seele für ein paar Tüten Chips und eine Packung saurer Weingummis verkauft hat. Es ist bedrückend.

Am nächsten Tag gehen wir an Peters Computer-Bude vorbei. Claudine winkt ihm fröhlich durch die Scheibe zu und hebt den Daumen wie nach einem gewonnen Fußballspiel. Peter wirft mir einen bösen Blick zu.

„Was hat er denn, der alte Murrkopf?“,  fragt sie irritiert.

„Keine Ahnung.“

Ich werde Claudine die Wahrheit sagen müssen. Jetzt gleich. Ich kann es nicht mehr aufschieben. Es muss raus. Sofort. Dann zeigt sie mit ihrem rot lackierten Zeigefinger auf unseren Lieblings-Coffeeshop am Ende der Straße.

„Na, was meinst du? Noch ´nen kleinen New York Cheesecake mit Kakao, hmmm?“

Na gut.

Dann eben Morgen.

Oder am Tag danach.

Eilt ja nicht.

WARUM MÄNNER PAPPFIGUREN SIND …

 

Männer aus Pappe

Claudine war einkaufen. In ihrem liebsten schwedischen Möbelhaus. Nun tänzelt sie auf ihren Stilettos  die Stufen zu meiner Wohnung hoch. Ihre Hände sind leer. Das kann nicht sein. Es ist ausgeschlossen. Sie kann kein Geschäft betreten, ohne etwas zu kaufen. Es ist eine verlässliche mathematische Regel. Und erst jetzt sehe ich den Kerl, der sich hinter ihr schwer keuchend die Treppen hochschleppt, mit braunen Pappkartons beladen wie ein treuer Esel. Es ist eine Szene, wie man sie aus vorchristlichen Darstellungen kennt, etwa, wenn die Königin von Saba stolz durch die Lande streift und ihre Gefolgschaft durch Schlamm und Moder watet und ihren gesamten Hausrat auf den Schultern gebuckelt hat.

Da bin ich wieder„, sagt sie strahlend, und das Dickerchen hinter ihr folgt ihr  mit der größtmöglichen Selbstverständlichkeit durch meinen Flur.

„Tach“, raunt er mir zu.

Es ist so ein untersetzter Kerl, der sich aufgrund seiner ausgeprägten Körperfülle sicher von Frauen gerne als Bärchen bezeichnen lässt. Dicke Männer machen so was. Je mehr Körperfülle, desto mehr Bärchen.  Irritierenderweise trägt dieser hier eine gelbe Pannenhelferuniform. Ich versuche, mir die Geschichte zu dieser Szene vorzustellen. Es gelingt mir nicht.

Die Pakete werden in meiner Küche abgeladen. Claudine fetzt mit rasiermesserscharfen Fingernägeln die Kartons auf. Sie hat es jahrelang studiert. Es ist ihr spezielles Talent. Jeder sollte eines haben.

Sie bemerkt mein ratloses Gesicht.

„Nun guck doch nicht so. Wird Zeit, dass sich hier mal was ändert. Überall liegen deine Kippen rum. Da gibt´s jetzt einen schönen Aschenbecher für dich, mit Sonnenblumenmotiven. Der wird dir gefallen. Dann noch ein neues Besteck. Man kann doch nicht mit drei Gabeln und zwei Messern über die Runden kommen, oder?“

Das Bärchen lacht meckernd und anbiedernd mit.

„Nein, das geht doch nicht“, brubbelt er aus seinem unrasierten Gesicht heraus.

„Und neue Handtücher habe ich auch gleich besorgt. Die Lappen in deinem Bad waren ja eine Zumutung.“

Bärchen nickt zustimmend.

Claudine rast ins Bad, um die neuen Handtücher aufzuhängen. Sie sind gelb. Ich hasse diese Farbe. Der Dicke beugt sich etwas zu mir herüber. Darauf hat er die ganze Zeit gewartet.

„Sind sie verheiratet?“, fragt er mit unverschämter Neugierde.

„Nein. Wir sind Freunde.“

„Ach, aber sie sind nicht DER Freund?“

Nein“, ich bemühe mich, möglichst viel Kälte in meine Stimme zu legen und bedauere das Nichtvorhandensein stahlblauer Augen.

Claudine prescht aus dem Bad. Zu ihrem großen Glück gibt es immer noch Kartons, die aufgerissen werden müssen. Sie winkt dem Pannenhelfer-Bärchen zum Abschied zu.

Und es winkt zurück.

„Ich meld mich dann mal bei Gelegenheit“, ruft er ihr fröhlich zu.

„Jahaaa, geht klaaahharr…“, säuselt sie.

Der Bär schiebt seinen wuchtigen Schädel über die Schwelle, zieht die Tür zu und verschwindet.

Endlich.

„Kannst du mir mal sagen, was das war?“

Claudine guckt unwillig von einer funkelnden Brotbox auf, die sie brutal aus der Pappe reißt.

„Na was denn wohl? Ich bin mit meinem Auto am Alex liegengeblieben. Ich war auf dem Weg zum Einkaufen und dann…“

„Der Pannenhelfer-Heini hat dich hingefahren?“

„Ja, klar. Hat er.“

„Wirklich?“

„Ja, und er hat mir auch beim Einkaufen und beim Schleppen geholfen. Du hast ja auf so was keine Lust.“

„Und dann hat er dich zurückgefahren und die Sachen nach oben getragen?“

„Hast du doch gesehen. Hat er. Ja. Ja…“, mittlerweile mit genervtem Unterton.

„Und dann hast du ihm deine Telefonnummer gegeben.“

Nun blickt mich Claudine völlig entgeistert an. Sie stemmt empört die Hände in die Hüften und lächelt wölfisch.

„Quatsch. Das war die Nummer von meiner Mutter. Die ist fast Siebzig. Die freut sich, wenn mal jemand anruft. Was dachtest du denn?“

Gar nichts.

Ich dachte gar nichts mehr und streifte meine Kippe in dem neuen Sonnenblumen-Aschenbecher ab.

Ganz langsam.

Und grübelnd.