Schlagwort-Archive: Botox

ICH BIN SO HÄSSLICH …

Ugly

Manchmal gibt es Geschichten, die fangen ganz harmlos an – und später, viel, viel später, versuchen wir uns zu erinnern, wie das Desaster eigentlich begonnen hat und warum wir es nicht sofort erstickt haben, als würden wir mit der flachen Hand auf eine brennende Kerze schlagen. Sicher, es tut  einen Moment weh – dafür ist es aber wenigstens schnell vorbei.

Diese Geschichte beginnt bei meinem Lieblingsitaliener. Claudine sitzt mir seit anderthalb Stunden gegenüber und redet und redet. Ich weiß im Zeitraffer praktisch alles über die missratenen Online-Dating-Versuche ihrer besten Freundin (kein Wunder, wenn man mich fragt) , die neue Zahnspange ihres schwulen Friseurs (bringt bei den krummen Hauern sowieso nichts) und die Abenteuer einer befreundeten Stewardess, die sich schwerreiche Männer vorzugsweise in den Reihen 1-3 der First Class wegangelt (zweifelsohne die interessanteste Geschichte).

Claudine brabbelt ohne Unterbrechung, wie ein plätschender Niagarafall, und dann stoppt sie, als wäre alles Wasser dieser Erde mit einem Schlag versiegt.  Sie blickt in die Fensterscheibe des Restaurants, legt ihre Stirn in Falten und zerrt mit den Fingerspitzen an ihrer Haut.

„Sag mal …“, zwei Worte nur, in denen sich aber ein Jahrhundete alter Schrecken eingenistet hat.

Sie hält sich ein Milchkännchen aus Chrom vor das Gesicht und starrt mit riesigen Augen in die reflektierende Oberfläche. Es erinnert mich an eine Dokumentation über frei lebende Gorillas, die sich selbst zum ersten Mal in einem Spiegel betrachten.

„Na also … das ist doch … mein Gott … wo kommt das her … das ist … unfassbar“

„Du hast da einen Schokokrümel im Mundwinkel, soll ich den …?“

„Mann, das da oben, das ist eine Falte an meiner Stirn. Wo kommt die her? Die war doch vorhin nicht da. Was soll der Scheiß?“

In dem schummrigen Licht des Restaurants ist eigentlich nicht viel  zu sehen.

„Meinst du diese kleine Falte da, die wie ein Strich aussieht?“

„Aha“, sie knallt das Kännchen auf den Tisch, Milch schwappt auf mein Handy,  sie verengt die Augen zu Schlitzen. „Du siehst es also auch. Die Falte ist wirklich da. Ja?“

An dieser Stelle hätte ich laut rufen müssen, Quatsch, da ist nichts. Unsinn. Stattdessen sage ich, „ist doch nur eine klitzekleine Falte. Ganz klein, wirklich  …“

„Das kann ich nicht akzeptieren. Die war  irgendwann mal nicht da. Ich will so was nicht. Die muss da weg. Irgendwie.“

Zwei Tage und 14 Stunden später öffne ich die Tür zu meiner Wohnung. Claudine hat ein Handtuch um ihre Haare gebunden, ihr Kopf ist knallrot. Die Haut in ihrem Gesicht sieht schuppig aus, als würde der Herbstwind lose Blätter durch Berlins Straßen pusten.

„Und?“, ruft sie mit einer ordentlichen Portion Euphorie in der Stimme.

Auf diese Antwort kommt es an. Ich spüre es. Das leichte Zittern in meinen Händen ignoriere ich. „Ja, ist gut, wirklich …“, und ich verberge meine Ahnungslosigkeit hinter jahrelang antrainierter Heuchelei.

„War ein knallhartes Chemopeeling. Brennt wie die Hölle. Ach was, viel schlimmer noch, aber hier…“ sie hält mir ein Lineal hin, und ich nehme es wie ein Steinzeitmensch in die Hände, dem man gerade ein Tablet herüberreicht.

„Miss nach. Mach mal. Na, los …“

„Was?“

„Na, die Falte. jetzt mach schon …“

Ich lege das Lineal an ihre Stirn. Ich messe eine Länge von 3,3 Zentimetern. „Also … ich würde mal sagen …“

„Na? Was ? Wieviel, hm?“

„2,9 Zentimeter … vielleicht sogar ein bisschen weniger“, den Frendschaftsbonus habe ich gleich abgezogen.

Sie klatscht so heftig in die Hände, dass ein kleines Meer aus Schuppen aus ihrem Gesicht fällt. „Siehst du? Die krieg ich noch ganz weg. Habe ich es dir nicht gesagt?“

Hat sie.  In den nächsten zwei Tagen ist ihr Ehrgeiz so sehr angeschwollen, dass sie mit aller Gewalt auf einen Zentimeter herunterkommen will. Draußen, in der Sonne, trägt sie eine weiße, schützende Creme. Passend mit der dazugehörigen schwarzen Sonnenbrille erinnert sie mich an ein in Prenzlauer Berg gestrandetes Gothik-Biest. Wenn sie über die Straße geht,  schwenken Mütter ihre Kinderwagen sofort in eine andere Richtung.

Und dann, an einem folgenschweren Donnerstag,  klopft die Ernüchterung an meine Haustür, und ich mache ihr auf.

„Weißt du was passiert ist? Weißt du es? Es sind wieder 3,9  Zentimeter. Ich flipp noch aus. Jetzt mache ich Ernst. Jetzt reicht es.“

Einen Tag später sitze ich mit ihr in einer Praxis. Aus einem albern chinesisch anmutenden Brunnen läuft Wasser über blank polierte Steine. Der Doktor begrüßt Claudine wie eine verloren geglaubte Schwester, nach der man jahrzehntelang gesucht hat.

„Schön, dass Sie da sind. So eine Botox-Injektion ist ja nur eine kleine Sache. Klitzeklitzeklein, kein Grund zur Sorge.“

Ich mag ihn nicht. Seine Haare wirken unnatürlich dicht. An seiner Haarlinie sehe ich viele kleine dunkle Punkte, die auf eine verpfuschte Haartransplantation hindeuten. Sein Gesicht ist so glatt, dass man es selbst als Kinderloser sofort wie einen Babypopo pudern möchte. Er verschwindet mit Claudine im Nebenzimmer. Ich bleibe alleine mit dem nervenden Chinabrunnen zurück. Aus meiner Tasche ziehe ich einen Energydrink. Verschlusslasche weg und ein tiefer Schluck. Ich brauche Kraft.

Die Assistenten des Doktors blickt mich aus entzürnten Augen an.

„Das ist aber nicht gesund, was Sie da trinken.“ Sie ist über vierzig, ebenfalls mit spiegelglattem Gesicht und einer Oberweite, die die Gesetze der Schwerkraft lauthals verhöhnt.

„Aber Schlangengift in der Stirn ist eine echte Therapie, was?“

Sie pustet die Luft wie einen Orkan aus. „Wir helfen den Menschen, die zu uns kommen. Warten Sie mal ab. Ein paar Jahre drauf, da kommen Sie hier vielleicht auch vorbei“, und dann läuft sie um ihren Tresen herum, stützt ihre Händen in die Hüften und betrachtet mich wie unter einem Mikroskop.

„Sie sind ein Schlupflid-Typ. Ihre Augenlider erschlaffen vielleicht bald noch mehr. Das kann nicht mehr lange dauern. Das könnten Sie hier machen lassen. Ist nur ein kleiner Eingriff. Das dauert gerade mal 15 Minuten.“

„Ich habe gute Ohren. Wenn ich weniger sehe, stört mich das nicht.“

„Wenn Sie es schon ansprechen. Ihre Ohren gehen sehr spitz nach oben, die könnte man unten etwas anlegen. Gibt eine bessere Linie.“

„Hat das Vorteile, wenn ich mir einen Pullover über den Kopf ziehe?“

Ihr Schnaufen ist laut und endgültig, als sie wieder hinter ihrem Tresen verschwindet und mich, den Freak, der einfach nicht will, mit verborgenen Blicken mustert.

Im Zimmer am Ende des Ganges höre ich Claudines Stimme.

„Ah. Oh. Aua… „

Das muss ich mir angucken. Die Tür ist nur halb verschlossen, und da sitzt sie. Auf einem Behandlungsstuhl. Ihre Hände sind um die Lehne verkrampft. Der Doktor hält die Spritze wie ein Messer in der Hand. Immer wieder sticht er zu und versenkt die viel zu lange Nadel in ihrer Stirn, behämmert sie wie ein irrer Hufschmied, der an seinem Meisterstück arbeitet. Es ist grausam. In diesen Sekunden wünsche ich mir gewaltige Schlupflider herbei, die wie eine fleischige Masse über meine Pupillen fallen. Natürlich weiß ich, dass ich die Milde der vergehenden Jahre brauchen werde, um diese Bilder wieder zu vergessen.

In den folgenden Tagen wirkt Claudine höchst zufrieden. Das Lineal verschwindet in der Schublade meines Schreibtisches. Ihre Haut sieht wieder menschlich aus. Als sich die Stirnfalte endlich in ein mickriges Überbleibsel einer kurzzeitigen alterstechnischen Verstimmung verwandelt hat, lädt sie mich zum Essen ein.

Die Kerzen auf dem Tisch des Italieners flackern. Das Tiramisu wird über den Teller gekleckert. Der Rotwein schwappt munter hin und her. Nur für einen kurzen Moment wird die Schönheit des Abends unterbrochen, als Claudine ihre Reflektion im Fensterglas betrachtet.

„Du, sag mal … „

„Ja?“

„Spinne ich, oder ist mein rechtes Augenlid etwas tiefer als mein linkes?“

Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten. Da hat Albert Einstein zweifelsohne Recht gehabt, und diesmal bin ich schlauer.

„Ach was, da ist nichts. So ein Quatsch. Du hast zwei hübsche, symmetrische Augen. Fast schon perfekt. Eigentlich langweilig, aber auch hübsch.“

Sie lächelt zufrieden und versenkt ihre Gabel im Tiramisu. Na bitte, geht doch. Soll doch keiner sagen, dass ich nicht lernfähig bin.

Wobei, wenn ich ganz ehrlich bin … also …  das rechte Augenlid erscheint mir tatsächlich ein ganz kleines bisschen tiefer als das linke … nur ein ganz kleines bisschen …

Advertisements

WIE MAN EINE HÜBSCHE WOHNUNG BEKOMMT …

Leg

Die Schlange vor mir ist mindestens achtzig Meter lang. Alle stehen an:  Das Paar aus Bamberg (sie mit echtem Biberpelz, er mit grünem Filzhut), die zwei Studenten, die sich hastig die Nasenringe aus den Löchern ziehen und die Dame aus Frankfurt, deren Stirn so unnatürlich glatt ist, dass sie wahrscheinlich irgendwo auf ihrem Rücken einen Botox-Tank verbirgt – zum minütlichen Nachsprühen.

So sieht eine ganz normale Wohnungsbesichtigung an einem herbstlichen Tag in Prenzlauer Berg aus. Ein bisschen wie ein Faschingsumzug – nur in Ernst.

Und neben mir steht Claudine in ihren High Heels, aufgetusst, als wolle sie im Blitzlichtgewitter über einen roten Läufer stelzen und dabei Handküsse ins Publikum werfen. Wir erreichen das Treppenhaus. Ich bin genervt.

„Ich habe auf so was keine Lust. Warum muss ich mitkommen, wenn du eine Wohnung suchst.“

„Damit wir als Paar ohne Kinder auftreten können. Double income – no kids. Da weinen die Makler vor Glück, kannst du mir glauben“,  flüstert sie mir zu und guckt dabei über ihre Schulter, „die Studenten hier haben wir damit schon mal ausgeschaltet. Das wird ein harter Fight. Und sei bloß charmant, wenn der Makler kommt, hörst du?“

Missbraucht, gedemütigt und wie ein Tanzbär am Nasenring in die Arena der Wohnungssuchenden gezerrt. Es ist ein Albtraum. Claudine ist meine älteste Freundin, aber als sie auch noch mein Sakko gerade zieht, ihren Finger bespeichelt und mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht zerrt und irgendwo anpappt, spüre ich einen Hauch archaischer Wildheit  in mir aufsteigen. Nur ein Hauch – aber er ist da.

Ich betrachte die Frankfurterin in ihrem blauen Kostüm. Das wird nicht leicht. „Darf ich mal fragen, wie du das Botox-Biest besiegen willst? Ihre Schuhe sind bestimmt noch ein paar Zentimeter höher als deine.  B.B. ist auch kein Dummerchen.“

Claudine schaut ihre Kontrahentin mit dem Ausdruck höchster Missbilligung an. „Ich bin aber bestimmt fünf Jahre jünger. Mindestens …“ , und dabei gibt sie sich nicht mal die Mühe, leise zu sprechen. Sicher ein psychologischer Trick, um den Gegner zu zermürben.

B.B. dreht sich um und blickt Claudine ins Gesicht. Die beiden mustern sich mit stahlharten Augen. Die Falten zwischen Claudines Augenbrauen vertiefen sich. Sie sieht gefährlich aus. Das Frankfurter Früchtchen möchte vielleicht mitrunzeln, aber es geht ja nicht. Dafür zieht sie einen Lippenstift aus der Tasche  und bepinselt sich mit einem blutigen Rot die Lippen. Claudine zieht nach, aber ihr Lippenstift ist einen Touch heller. Ich würde sagen, unentschieden.

Wir erreichen die Wohnung. In kleinen Gruppen beginnt der Rundgang. Der Makler stellt sich vor. Er ist mir unsympathisch. Es ist so ein Typ, der mal eben zum Spielen eine halbe Stunde lang mit seinen Haifischen durch das Becken planscht. Sein blondiertes, flattriges  Haar hat er sich zum Mittelscheitel frisiert, ein bisschen wie Howard Carpendale – aber der ist entschieden cooler. Seine burgunderrote Krawatte quält sich über das blaue Hemd, und die Schuhe haben den Touch von Ballerinas. Man möchte ihn wie eine mexikanische Boxbirne bearbeiten. Vorbeugend sozusagen. Aber ich darf ja nicht.

B.B. lächelt ihn mit ihren prachtvollen Zähnen an, schüttelt seine Hand, und dabei untermalen ihre zahlreichen klappernden 24 Karat-Goldreifen die außerordentliche Symphonie des Heuchelns. Claudine greift in ihre Handtasche und holt einen Schlüsselbund hervor. Ein Porsche-Enblem baumelt zwischen den silbrig-grauen Schlüsseln.

„Was soll das denn? Du fährst einen zwölf Jahre alten Golf. Wo hast du den Anhänger  überhaupt her?“

„E-Bay. Drei Euro. Stör mich jetzt nicht.“ Sie stakst auf den Makler zu. Fast hätte ich applaudiert: Ihr Auftritt  gleicht in seiner Eleganz  einer Marlene Dietrich garniert mit der rotzfrechen Attitüde einer  Miley Cyrus.  Ich hätte nicht gedacht, dass ein solcher Mix möglich ist – aber da ist er. Direkt vor mir.

Während die anderen Interessenten die Wohnung begutachten, bearbeiten die beiden, B.B. auf der rechten, Claudine auf der linken Seite, den Makler. Es wird gescherzt, gelacht – mit allen Mitteln um die Bude gebuhlt.

Ich muss mich abwenden. Es geht nicht anders.

Bei meinem Rundgang durch die Drei-Zimmerwohnung fällt mir ein riesiger gelber Wasserfleck an der Decke auf. Er erinnert mich in seiner  Form an die Umrisse Italiens.  Die undichten Fenster dürften den mediterranen Touch unterstreichen, und nahezu nahtlos reiht sich das bröcklige Mauerwerk in das naturbelassene Toskana-Feeling ein. Ein Traum für  nur 1400,- Euro warm.

Da drüben, in der Maklerecke,  bahnt sich wohl auch eine Entscheidung an. Claudines enttäuschte Züge entgehen mir nicht, während B.B. strahlt. Es ist ein sattes, selbstzufriedenes Lächeln, wie es nur der Sieger nach einem Boxkampf zustande bringen würde. Claudine tritt neben mir in den Türrahmen.

„Stell dir mal vor, die will sechs Monatskautionen bezahlen und auch noch die gesamte Instandsetzung . Und noch was drauf auf die Maklerprovision. Mist.“

„Und dann noch die höheren High Heels“, fast hätte ich laut gelacht.

„Der Kerl hat mir auch noch seine Karte mit  so einem dreckigen Vielleicht-sieht-man-sich mal-Zwinkern gegeben.“

Die Rostbraune Karte mit den verschnörkelten Buchstaben liegt in ihrer ausgestreckten Hand. Sie betrachtet sie und für einen Moment habe ich das Gefühl, dass jemand in ihrem Kopf eine Lampe anschaltet.

„Moment mal“, flüstert sie und kramt aus ihrer Tasche das Handy hervor und prüft etwas – und zehn Sekunden später „Aha.“

Sie marschiert auf den Makler zu, diesmal aber eher im militärischen Stechschritt. Bye bye, Marlene, Ciao Miley.  Ich höre aus der Entfernung nur ein, „darf ich Sie noch mal kurz persönlich sprechen?“, dann verschwindet sie im Nebenraum mit dem Herrn.

Nach fünf Minuten geht die Tür wieder auf.

Claudine ist euphorisch. Im Hintergrund steht der Makler mit knallrotem Kopf. Die Krawatte baumelt unlustig über seinem Bauch. Mit herrisch ausgestrecktem Kinn läuft Claudine am Botox-Biest vorbei und wirft ihr von der Seite ihren jahrelang erprobten Blick fürs Fußvolk zu.

„So, das hätten wir geklärt.“

Als wir im Treppenhaus stehen,  platze ich fast vor Neugierde. „Was denn? Na, sag schon. Ich will es wissen. Raus damit. Los, los ….“

„Der Typ ist kein echter Makler. Der tut nur so. Dem gehört die Wohnung. Der wollte nur die Maklerprovision einstreichen. Das ist in Deutschland strafbar.“

Sie steht drei Stufen über mir und blickt auf mich wie ein Winzwürmchen herab. „Habe ich vor zwei Tagen recherchiert. Ich versuch doch immer direkt an den Eigentümer ranzukommen. Warum soll ich ein paar Tausend Euro Provision dafür bezahlen, dass mir jemand nur die Tür aufschließt?  Und der Name und die Telefonnummer auf der Karte sind identisch . Nein, nein … so nicht… Soooo nicht …“

„Und nun?“

„Der ruft mich nächste Woche an.“

„Du willst die Wohnung? Und diesen blassen Molch als Vermieter?“

„Neihhheeeinnn. Will ich nicht.“ Sie tritt ganz nah an mich heran. Ich spüre ihren Atem in meinem Gesicht. „Aber diese Tussi aus Frankfurt darf die Wohnung auch nicht bekommen. Auf gar keinen Fall. Verstehst du? Darum geht es doch.“

Das habe ich verstanden. Während sich Männer bei Meinungsverschiedenheiten in ehrliche Kneipenprügeleien begeben und sich die Fäuste ins Gesicht schlagen, wird hier ein ausgebufftes Netz der Intrige gesponnen, um den weiblichen Gegner hinterrücks zu erlegen. Erstaunlich.

Als wir vor das Haus treten, atmet Claudine ganz tief ein.

„Ist ein schöner Herbsttag, was?“

Sie stakst durch die Straßen und spießt mit ihren Absätzen die harmlosen gold-gelben Blätter auf dem Kopfsteinpflaster auf – und der Oktoberwind umsäuselt voller Ehrfurcht ihr wehendes Haar.