DER TOTE VORM SCHREIBTISCH

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Das Haus sieht grau aus. Der Hof und die Mülltonnen starren müde in den Frühling. Und da oben, im ersten Stock des alten Mietshauses habe ich einmal gewohnt. Das ist über zehn Jahre her. Damals war es schick, in Charlottenburg zu wohnen. Direkt in einer Seitenstraße vom Kudamm. Die Adresse klang immer irgendwie besonders. Das chinesische Restaurant im Erdgeschoss und die Bediensteten, die asthmatisch hustend tropfende Fleischklumpen über den Hof zerrten, habe ich grundsätzlich verschwiegen. Auch die Sekte im Seitenflügel, die nach Einbruch der Dunkelheit singend und lachend mit Räucherkerzen vor meinem Schlafzimmerfenster herumturnte, blieb mein Geheimnis.  Meine Wohnung war etwas Besonderes. Außergewöhnlich. Aber als ich einzog, wusste ich es noch nicht.

Ich war damals genau eine Woche hier,  als sich einer meiner Nachbarn vorstellte. Er hieß, glaube ich, Herr Maus. Jedenfalls hatte er den Namen eines kleinen Tieres. Vielleicht auch Otter, oder Hase. Egal. Herr Maus  lief begutachtend durch meine Wohnung und natürlich wollte ich etwas Positives  hören. Schließlich wohnte ich ja jetzt hier.  Ganz neu. Frisch. Unverbraucht eben.  Herr Maus  hatte hier 15 Jahre verbracht. Er war der Experte.  Sein Wort zählte. Er musste es wissen. Er war so ein kleiner Kerl mit misstrauisch zusammengekniffenen Augen, die Ärmel des Hemdes bis zum Ellenbogen hochgerollt.

Wir gingen auf Rundreise.

Er blieb gleich im Flur stehen, guckte zur Decke und senkte betreten den Kopf.

„Puhh… da sind damals ordentlich Wassermassen durchgekommen. Die haben die Wohnung hier ja fast geflutet.“

„Wer?“

„Na, die Nachbarn über Ihnen. Das war so´n Säuferehepaar. Irgendwann ist die Waschmaschine völlig ausgelaufen und alles hier rein in die Wohnung… schimmelt bestimmt immer noch…Puhhhh“

Ich starrte die Decke an. Täuschte ich mich, oder sah sie wirklich etwas gelblich aus?“

Herr Maus nickt betroffen.

„Ja,ja… die Nachbarn… puhhhh“

In meiner Küche legte er nur einen kurzen Zwischenstopp ein. Er streckte den Kopf über die Schwelle und verzog angewidert das Gesicht.

„Möchte man heute gar nicht mehr glauben, dass hier mal ´ne irre Katzenmutter gewohnt hat. Die hielt sich hier sechzehn von den Viechern in der Küche. Das war ein Dreck. Ein ungeheurer Gestank. Die haben die Mieter aber dann hier rausgeekelt. Was für´n Dreck.  Puhhhh…“

Mir stockte der Atem. Er sah es.

„Na, ja ist ja schon drei Jahre her. Aber was für´n Elend. Möchte man gar nicht mehr glauben.“

Nächster Stopp Schlafzimmer. Herr Maus zeigte auf mein Fenster.

„Na, da drüben wohnt immer noch so´n irrer Student aus Ghana. Was meinen Sie, wenn der seine Familie einlädt, dann wackeln hier die Wände. Aber so richtig. Der spielt Bass-Gitarre in ´ner Band. Ich wohne ja zur anderen Seite raus, aber Sie… tja… Pech…“

Ich wartete auf ein erneutes „Puhhhhh“ – aber es kam nicht.  Ich begriff einen Moment später, dass er es sich aufgespart hatte für den Hauptgang.

Wir betraten mein Arbeitszimmer. Üblicherweise steht mein Schreibtisch vor dem Fenster. Immer. Egal, wo ich lebe. Und diesmal stemmte Herr Maus beide Hände in die Hüften. Er verpasste seinem Gesicht einen besonders besorgten Zug. Er nickte dreimal traurig. Und dann noch einmal.

„Ja, und genau hier ist es passiert.“

Ich verstand kein Wort.

„Was? Was ist passiert?“

Er guckte mich traurig an.

„Hier. Genau hier, vor Ihrem Schreibtisch. Da haben wir ihn gefunden.“

„Wen denn?“
Am liebsten hätte ich Herrn Maus an der Zunge durch meine Wohnung gezerrt, bis er die Antwort ausspucken würde – aber ich beherrschte mich.

„Na, Opa Krämer. Der ist hier von seinem Liebhaber umgebracht worden. So ´n Kerl vom Bahnhof Zoo, da hinten. Die haben sich gestritten, die beiden. Ging wohl um Gott oder so. Und dann ist der junge Typ los, holt sich vom Hof eine Wäscheleine und erdrosselt Opa Krämer.“

„Mit der Leine?“

„Mit der Leine. Die Nachbarn haben so komische Geräusche gehört. Und da lag er dann.“

„Vor meinem Schreibtisch?“

„Vor Ihrem Schreibtisch.“

„Genau da?“

„Genau da. Puuuuuuuuhhhhhh…“

Ich starrte auf den Boden vor meinem Schreibtisch und stellte mir die Umrisse eines mit Kreide gezogenen Körpers vor. Genau da. Vor meinen Schuhspitzen.

Herr Maus winkte nur ab.  Er verabschiedete sich und zwinkerte mir noch einmal fröhlich zu, „ist schon ´n komisches Haus hier. Im vergangenen Sommer ist die Fotografin aus´m dritten Stock gesprungen…  „

Vielleicht wollte er noch sein „Puhhh“ ranhängen – aber da hatte ich die Tür schon zugezogen. In den darauffolgenden Monaten schrieb ich selbstverständlich jedes unnatürliche Geräusch in der Dunkelheit (und davon gab es viele) den in Geistgestalt heimkehrenden Opa Krämer zu. Als mich eine Freundin besuchte, merkwürdig die Schultern hochzog und flüsterte, „brrrr, irgendwas ist hier komisch“, war der absolute Tiefpunkt erreicht. Aus Protest und Wagemut lebte ich dort sieben Jahre. Das komische Gefühl blieb.

Wäre heute die Haustür  nicht offen gewesen, würde ich hier nicht stehen. Jetzt, wo ich schon hier bin,  laufe ich die Stufen zu meiner alten Wohnung hoch, und da steht die neue Mieterin und unterhält sich mit ihrer Nachbarin.  Wir kommen ins Gespräch.  Sie lächelt. Sie zeigt mir die Wohnung. Die Wände sind bunt. Überall hängen knallige Bilder. Blumenmotive. Alles sehr hippiehaft.  Alles sehr freundlich. Sehr hübsch. Sie ist eine zierliche Person, Anfang dreißig. Kunststudentin.  Unter dem Fenster steht ihr Schreibtisch. Genau dort, wo auch meiner stand.

Und plötzlich hat meine Zunge die komplette Kontrolle übernommen. Das tut sie oft. Ich kann es nicht verhindern. Die Worte fallen  polternd aus meinem Mund:

„Tja , und genau da ist es dann passiert… „

Sie blickt mich ratlos an. Sie verkrampft sich. Um ihre Augen liegt ein sorgenvoller Zug.

„Was? Was ist passiert?“

Ich nicke dreimal betreten mit dem Kopf. Und noch einmal.

„Puhhhh….“

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31 Antworten zu “DER TOTE VORM SCHREIBTISCH

  1. Ich liebe Deine Geschichten. Selbst, wenn sie bißchen schaurig sind. Herzl. Gruß, Lewi

  2. Gemein. – Habe selbst viele Jahre in Berlin gewohnt, meine Erst-Bude lag im Wedding. Total finsteres Eck, heute herrscht da Proll-Gangland pur und da wird auch nie was ‚gentrifiziert‘ (schade eigentlich).
    Unsere Hausfassade besaß noch Einschlaglöcher von Granatsplittern aus WK Zwo, die Stromkabel hingen AUSSEN herab… Im vierten Stock wohnte ein Quartalssäufer, der bisweilen gen Mitternacht die Umwelt mit Rock-and-Roll beschallte. Unter mir die nette Frau R—, welche nur 500 Mark Rente im Monat bekam. Bei ihr gab es tagein, tagaus Kohl.
    Mein Bad war ein Schlauch und nicht beheizt, was im Winter doch eher unangenehm wurde. Die Wohnung war aber generell a****kalt, so dass der Unterschied nicht besonders groß war.
    Das Schicksal verhalf mir nach gut 2 Jahren zu einer anderen Wohnung. Ich hatte bereits gekündigt und war zu einem Kurzurlaub nach Westdeutschland gefahren. Bei der Rückkehr roch es so seltsam im Flur… Dem Mieter über mir war der Waschmaschinenschlauch geplatzt und es lief durch bis ins EG. Er hat dann die Wohnung für mich renoviert 🙂

    • Ach, was. Rückblickend fandest du es sehr schön. Jetzt lebst du wahrscheinlich im schicken Mitte und langweilst dich zu Tode. Richtig?

      • nein, weder rückblickend schön noch Mitte. Der Wedding ist scheiße, muss man einfach mal so sagen.

  3. Ich bin auch in einer Seitenstraße vom Ku-damm groß geworden. In unserem Haus gab es auch eine verrückte Katzenmutter. Das kann doch kein Zufall sein :o)

  4. die ersten zwei sätze sind schon beeindruckend wie soll denn dann der rest noch werden?

  5. Puhhh… Wunderbare Geschichte…

  6. Wieder einmal sehr schön geschrieben 😉

  7. Ach ja. Wasserflecken an der Decke…
    Unserer heißt Hubert.

    …man muss sich mit den Gegebenheiten (und Leichen) arrangieren. 😉

  8. Bleibt mir eigentlich nur noch eines zu sagen….: Puuuhhh…..

  9. Köstlich und gemein; und dabei irgendwie traurig und lustig. Mehr geht nicht …

    und das:
    „Ach ja. Wasserflecken an der Decke…
    Unserer heißt Hubert.“
    ist der krönende Abschluss. 🙂

  10. Schön gruselig… 😉
    Als ich vor nunmehr dreiundzwanzig Jahren in meine Wohnung gezogen bin, wurde ich des Öfteren gefragt, ob es mir nichts ausmachen würde, daß die Vorbesitzerin dort gestorben sei. Friedlich entschlafen in ihrem Bett sei sie. Ich verneinte stets, muss aber gestehen, daß ich auch die erste Zeit über bei jedem nicht auf Anhieb erklärbaren Geräusch ins Grübeln gekommen bin. Obwohl ich lange Jahre sogar in jenem Bett der Verstorbenen geschlafen habe…

    • Sicher hast du auch ihre alte Bettwäsche benutzt? (Das ist jetzt wirklich gruselig)

      • 😆 Nein, ich hatte zum Glück eigene Bettwäsche. Aber wenn ich von neugierigen Nachbarn gefragt worden bin, ob ich die alte Schlafstatt denn entsorgt hätte, entgegnete ich immer voller Stolz/leiser Bosheit: Nein, ich penne nach wie vor darin. 😉 Danach hat man mich wohl in die Schublade „Schrullig und unheimlich“ gesteckt, denn seitdem machen einige alteingesessene Hausbewohner einen Bogen um mich…

      • Ich sehe da nur Vorteile. Sehr schlau geregelt.

  11. :mrgreen: Ja, ich hab so meine guten Momente.

  12. … und der Kreislauf beginnt von vorne …
    Zugegeben, auch wenn’s wirklich schaurig ist, die Geschichten der Vormieter zu hören hat auch sein gutes … zumindest wenn man auszieht.

  13. ach kunstlerinnen können jede menge ab, vorallem so nen keinenopakrämergeist in schach halten, wahrscheinlich trinkt sie jeden abend mit ihm am küchentisch einen tee und er erzählt aus seinem leben und morgens wenn sie ihr büro betritt begrüßt sie ihn mit nem freundlicnen morjen opa krämer,ist das leben noch frisch? wenn du nicht willst dass ich dir jeden morgen in den hintern trete dann lieg nicht vor meinem schreibtisch rum, und beide lachen,. geister sind die wahren musen für uns künstler 🙂

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