SCHWULE SCHUHE

flamingo Schuh

„Also, wenn Sie die nicht nehmen, dann sind Sie selbst schuld.“

Die Verkäuferin in dem Sportgeschäft schiebt mir den Pappkarton über die Ladentheke – und da liegen sie. Ein paar Laufschuhe. Eine Special-Edition. In Pink. Als hätte man einen Flamingo gehäutet, und ihn zum Schuh umgebaut.

„So was kann ich nicht anziehen. Das geht nicht. Das bring ich nicht. Die sind pink. PINK…“

Sie hat das Kreuz eines Bierkutschers, ist einen Kopf größer als ich und wenn man genau hinschaut, sieht man auch noch den Schatten eines Damenbartes, ähnlich dem, den Douglas Fairbanks in seiner Paraderolle als Zorro einst trug. Es ist beängstigend. Mit so einem Menschen legt man sich besser nicht an. Sie beugt sich über den Tisch. Ihre gewaltigen Oberarme wirken wie gespenstische Presswürste. Ihr enganliegendes Sportshirt verrät eine Bauchmuskulatur, in die man gerne hineinboxen möchte, sich aber dennoch nicht traut. Sie spricht mit mir, als würde ein Fünfjähriger vor ihr stehen.

„Jetzt mal gaaaaanz ruhig, ja? Alsoooo, Die Schuhe sind rot. In meiner Liste steht das genau so drin. Rot. Und einem echten Läufer wäre das völlig egal. Sie wollen doch ihre Laufleistung steigern. Da ist die Farbe doch egal.“

Ich starre in den Karton. Pink. Meine Hände zittern. Der Schweißfilm auf meiner Stirn löst sich auf und tropft mir in die Augen, als ich in den Widerstand gehe.

„Die sind totzdem pink. Sie wollen mich doch nur beruhigen.“

„Ach was,  jetzt ziehen Sie die doch mal an. Nur Mut. Einfach mal probieren. Sie werden ihre Meinung gleich ändern. Glauben Sie mir.“

Sie muss es mit Hypnose versucht haben. Ihre Worte kleistern mein Hirn zu. Nur so ist erklärbar, dass ich fünf Minuten später tatsächlich mit diesen Schuhen im Laden stehe. Beim Blick in den Spiegel wird mir kurz übel.

„Mein Gott, mein Gott… pink… „

„Ach was… Gleich werden Sie sich besser fühlen. Jetzt laufen Sie mal vor dem Laden auf und ab. Krempeln Sie Ihre Hose hoch. Ich guck mir mal Ihre Beinstellung an.“

Es ist ein Albtraum. Ich krempel die Hose hoch. Ich taste mich vorsichtig aus dem Laden. Keine Menschen zu sehen. Nur irgendwo da hinten ist eine kleine Gruppe Jugendlicher. Weit entfernt.

„Sie müssen die Hose noch höher krempeln. Bis über die Knie. Ich gucke mir das ganz, ganz genau an.“

Die Reflektion im Fensterglas des Ladens ist erschütternd. Es ist ein völlig idiotisches Bild. Ich trage eine dunkelblaue Anzughose und ein Weißes Hemd. In Kombination mit den pinkfarbenen Schuhen sehe ich aus wie ein größenwahnsinniger Clown.

„Jetzt laufen Sie mal“, muntert sie mich auf.

Ich biege nach links ab, dort wo keine Menschen sind.

„Nein, nein, nein. Nach rechts. Da ist die Strecke länger. Ich brauch da schon ein paar Momente, um sicher zu sein.“

Nach rechts also. In Richtung der Jugendlichen. Natürlich.

Es sind vier  Jungs, die gelangweilt an einem Baum stehen, an Bierdosen nuckeln und die Kippen in ihren Händen hin und herschwenken. Sie nehmen mich sofort ins Visier.

Kid 1: “ Eyyyy, Alder… wo wilst´n du hin?“

Kid 2: (lacht blöd)

Kid 3: „Der trainiert, damit er im Büro schneller zum Kaffeeautomaten kommt. Mehr Saft, Alder… mehr Saft…“

Kid 4: „Und die Müüülch nich vergessen. Hoppa. Hoppa.“

In meinem Kopf entwickeln sich Gewaltfantasien. Sie sind nur schwer beherrschbar. Ich lege meine Energie in die Beine und laufe noch schneller. Zurück zur Verkäuferin. Sie steht nachdenklich vor dem Laden.

„Ich bin mir nicht sicher, ob Sie ein SSP-Typ sind. Ich müsste es noch einmal sehen.“

„Was zur Hölle ist ein SSP-Typ?“

„Na, Senk-, Spreiz-, Plattfuß. Sie müssten schon noch einmal…“

„Nein. Das mache ich nicht. Ich will auch mit dieser SSP-Nummer nichts zu tun haben.“

„Ach kommen Sie, wir wollen es doch wissen. Sie brauchen doch gute Schuhe“, auf einmal ist sie eine gutmütige, besorgte Mutter.
Sie will doch nur mein Bestes.

Ich laufe.

Die Jungs begrüßen mich wie einen alten, heimkehrenden Freund.

Kid 1: „Eyyy Alder, üch weiß ja nich, irgendwie voll krass schwul die Treter.“

Kid 2: (lacht schon wieder blöde, diesmal aber lauter)

Kid 3: „Bischte der Held auf´m Chrischtopher Street Day…“

Kid 4:  „Voll die Mädchenschuhe…“

Ich laufe mit gefletschen Zähnen zurück zur Verkäuferin. Sie jubelt mir zu, als hätte ich gerade erfolgreich einen Marathon hinter mich gebracht.

„Perfekt. Ganz Perfekt. Kein SSP. Sie sind ganz gerade aufgetreten. Die müssen sie nehmen.“

Einen Moment später stehen wir wieder in dem Laden. Die Schuhe liegen in dem geöffneten Karton.  Bösartige Laufmaschinen, die mich durchtrieben anglotzen. Es verunsichert mich. Die Verkäuferin streicht mit der Hand über ihr kurzgeraspeltes Haar als wolle sie sich einen Scheitel legen, den sie gar nicht hat. Sie starrt mir in die Augen.

„Die kosten doch nur 120,- Euro. Es ist eine gute Entscheidung. Wirklich“

Wieder die Hypnose-Masche. Ich bin gewarnt, senke den Blick und nuschel meine Frage aus zusammengepressten Lippen heraus.

„Sind Sie sicher, dass es die nicht in einer anderen Farbe gibt? Ganz sicher?“

Sie schüttelt wie auf Knopfdruck den Kopf.

Aha.

Viel zu schnell. So reagiert nur ein Schwindler. Jetzt starre ich Sie an. Direkt in die grauen Augen.  Die volle Ladung.  Ich erhöhe den Druck. Und da… ein Lidreflex . Ein unangemeldetes Zwinkern. Eindeutiger Indikator einer Lüge.

„Warten Sie mal einen Moment“, ich ziehe mein Handy aus der Tasche.

Der Barcode der Schuhe. Scannen. Sechs Sekunden warten. Die Wahrheit wird auf dem Display ausgeworfen. Die bittere, böse, ungeschönte Wahrheit.

„Also, die Schuhe gibt es auch in Grau und in Schwarz.“

Die Amazone schweigt. Ihr Blut wird schnell durch den Brustkorb gepumpt. Ihre Lider flattern. Ich ramme ihr meine Klinge in das Herz.

„Und die kosten hier bei einem Online Anbieter auch nur 75,- Euro.“

Sie schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch. Mehrmals. Als würde sie das Holz versohlen wollen.

„Aber die Beratung bekommen sie da nicht, bei ihrer Online-Bude. Die kriegen sie hier.“

„Stimmt. Na dann, vielen Dank für Ihre Beratung.“

Als ich den Laden verlasse, sehe ich ihr zornrotes Gesicht durch die Scheibe. Und ich sehe meine Beine. Ich habe in meinem Triumphgeheul vergessen, die Hose herunterzukrempeln. Meine neuen Freunde am Baum erinnern mich zum Glück daran.

„Eyyy Alder, machste jetzt auf Hawai…?“

Ja, das mache ich wohl.

Aloha, Jungs.

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52 Antworten zu “SCHWULE SCHUHE

  1. Goettlich! Und mein Beileid fuer die Schmach…

  2. Jetzt verstehe ich auch, warum Du Dich gestern so für Schuhe interessiert hast. SSP steht übrigens auch für Sole Survivor Policy (http://de.wikipedia.org/wiki/Sole_Survivor_Policy) Ob das ein Zufall ist? 😉

  3. Ich glaube, ich hätte die Schuhe gekauft. Aber ich darf das wohl auch 😉

    • DIE gibt es nur für Männer. Irgend so ein Designer im Cannabis Rausch hat die sich an einem verregneten Montag ausgedacht.

      • Also das finde ich jetzt ziemlich fies. Die guten Sachen gibt’s immer nur für andere!

      • In dem Schnaufen, dass ich gerade ausstieß, fanden sich Spuren vom Empörung und Fassungslosigkeit. Ich hoffe, Katharina, sie sind über das Netz spürbar und gelangen ungebremst in deine Hörgänge. Du läufst doch nicht mit solchen Barbie-Latschen durch die Straßen, oder? (aber vielleicht ja doch *grusel*)

      • Nein, leider nicht, denn diese Funkel-Edition gibt es ja nur für Männer. Allerdings habe ich gerne die Auswahl. Ich kann allerdings mit violetten Wanderschuhen glänzen. Meiner Erfahrung nach gibt es nämlich umgekehrt alle Ausrüstungsgegenstände, vom Fußballschuh bis zum Trekking-Rucksack, für Frauen nur in eleganten Türkis- und Violetttönen. Da gibt es gar keine graue oder schwarze Alternative.
        Daher musste ich mich mit violett begnügen. Es ist in Ordnung, zusammen mit meiner neonpinken Regenjacke bin ich beim Wandern noch nie verloren gegangen. Sogar meine Pfadfinderkinder können mich im Wald zwischen Moospolstern und Pilzen finden.

      • Violette Wanderschuhe. Weia. Sprich doch mal mit Rodrigo (irgendwo im Kommentar) – wenn er dir seine mintfarbenen Socken spendiert – das könnte… interessant werden…

      • Sollte ich noch eine passende Regenhose finden, werde ich ein Bild posten 😉

      • Gerne. Ich gucke mir ja in meiner unreflektierten Art alles gerne an.

      • Man muss sich auch schon mit dem Hässlichen konfrontieren.

      • Ein, zwei Blicke aus dem Fenster reichen mir in der Regel.

  4. Im Top-Fussball hat dieser Farbenwahnsinn ja auch einige Ver-Treter gefunden. Die kriegen viel Geld dafür. Jetzt weiss ich auch warum. 🙂

  5. Kindermund tut Wahrheit kund 😉

  6. Pink ist doch chic. Ich hätte gern pink farbene Laufschuhe.

    • Kennst du die Szene, in der ein verzweifelter Charly Chaplin in größtem Hunger seine Schuhe isst? Jetzt stell dir diese Szene bitte einmal mit den pinkfarben Sportschuhen vor.

  7. meineschreibblockadeundich

    *gg* Hier bei uns steht seit Neuestem ein Paar in lachsrosa (lachsrot?). Ich fürchte, du hast dich da dem aktuellen Trend in der Herren-Laufschuhmode entzogen …

  8. OMG. Diese Spezies der Verkäuferdominatrix gibt es öfter als ich dachte…
    Bei mir waren es Socken. Meine unmissverständliche Anfrage nach schwarzen Socken (ohne auch nur Kompromisbereitschaft in Richtung Anthrazit anzudeuten), wurde gnadenlos mit einem Angebot an Socken mit schwarzer Grundfarbe und „kecken“ Farbsprenklern in Türkis / Mint oder Pink beantwortet. Bei einem „Herrenausstatter“ wohlgemerkt, und nicht bei irgendeinem CSD-OutletCenter…
    Chapeau im übrigen für deinen konsequent-dedizierten Abgang. Wo kämen wir hin, wenn wir uns zum Zwangskonsum verdonnern ließen…

    • Wobei… du in frischfröhlichen Mint-Söckchen, oben drauf noch ein paar Herrensandalen… und kurze Hosen… der Gedanke hat viel Reizvolles… ;-)))

  9. Richtig so, pinke Laufschuhe… wer will schon pinke Laufschuhe? Ist genauso schrecklich wie lachsfarbende Leggings.

    • Wenn ich dich nur mit einer pinken Haarschleife erwische, dann kannst du was erleben… aber so richtig…;-)))

      • Zum Glück besitze ich keine pinke Haarschleife, solche Ansagen wecken immer meine rebellische Ader, da würd‘ ich mir glatt bei Nachbarstochter eine leihen, auch wenn ich Pink total fürchterlich finde. 😉

  10. Aber ein Foto hättest schon mal machen können? 😉

  11. Warum Laufschuhe immer aussehen müssen wie ein Hawaiihemd von Jürgen von der Lippe wird mir immer ein Rätsel bleiben.

    • Kapier ich auch nicht. Aber Dicke haben den Vorteil, dass sie aufgrund ihres Bauchvolumens das Elend an den Füßen erst gar nicht sehen müssen. Ein unschlagbarer Vorteil.

  12. Je nun. Pink leuchtet wenigstens schön. Wenn du dich mal verlaufen hättest, hätte man dich im Handumdrehen finden können. 😉

  13. Uff … pink … da dreht sich auch mir der Magen. Allein schon das leidige Thema Schuhe zu kaufen. Immerhin, letzten Endes bist du noch mal gut davon gekommen. Die Schuhe sind dort geblieben. Aloha.

  14. Es kommt auf den Träger der Schuhe an, ein Läufer mit Läuferfigur, ganz in schwarz gekleidet rennt an dir im „affenzahn“ vorbei und trägt die pinkfarbenden Schuhe,,,, ich glaube, da sieht es super aus 🙂 🙂 🙂
    ……

    • „Rennt an mir im Affenzahn“ vorbei? Niemals. Ich würde alles, wirklich alles tun, um das zu verhindern – inkl. Beine von hinten wegziehen. Fies. Aber bei genauem Nachdenken auch irgendwie fair.

  15. Einfach nur grandios! Nicht dass ich schadenfroh oder in irgendeiner fiesen Art und Weise boshaft wäre, doch ich hoffe Du hast noch viele von diesen bittersüßen Begegnungen und lässt Deine Leserschaft daran teilhaben.

    • Nein, nein. Du bist nicht schadenfroh. Und boshaft auch nicht. Natürlich nicht. Hier kannst du ruhig ehrlich sein. Ich verspreche, dir mit der größten Nachsicht zu begegnen…;-)

  16. Genial! Nun hab ich mit meinem lauten Gelächter wohl den halben Bus unterhalten 😀

    • Irgendwann einmal… vielleicht nicht heute oder morgen… wirst auch du neue Sportschuhe brauchen. Du wirst dich an diese Geschichte erinnern, wenn sie dir gallengelbe Schuhe über die Füße stülpen. Ganz sicher.

  17. Wirklich gut geschrieben. Als ob ich selbst im dabei gewesen wäre. Bitte mehr!

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