DER NACKTE FEIND IM DRITTEN STOCK

Foto

Hinter dieser Tür haust das Unaussprechliche. Ich habe sie fotografiert, als ich absolut sicher war, dass SIE nicht da ist. Ich weiß. Ich weiß. Es sieht wie eine harmlose, rot angestrichene Berliner Altbautür aus. In Wirklichkeit aber ist es eine Pforte, die direkt von dieser Prenzlauer Berg Wohnung  in den siebten Kreis der Hölle führt. Und ich weiß, wovon ich spreche.

Die Bewohnerin traf ich am Freitag vormittag. Frau B.  stand im dritten Stock des Treppenhauses, quetschte ihre Nase gegen das antike Fenster mit dem Mosaikglas und starrte in den Hinterhof. Sie verbarg sich ein wenig hinter dem Vorsprung der Mauer. Das fiel ihr nicht leicht. Ihre graue, turmartige Ma Simpson-Frisur musste sie mit einigem Geschick hin und her balancieren. Sie trug einen schweren dunkelgrauen Rollkragenpullover, darunter kam ihre Kittelschürze zum Vorschein. Ihr Körper war so wuchtig, dass er eine beträchtliche Menge des Sonnenlichtes , das ins Treppenhaus fiel , einfach aufschluckte. Neben ihr stand ein Wischmob und ein Eimer mit dunklem, verlebtem Wasser.

Da war sie nun.

Sie starrte. Sie glotzte. Sie schnaufte empört.

Meine Hausmeisterin war in Lauerstellung.

Als ich die Treppe hochkam, gab sie mir ein Zeichen.

„Pssst. Es geht wieder los da drüben.“

Keine Ahnung, was sie meinen könnte. Sie presste den Kopf so dicht an das Fenster, dass das Plastik ihrer Brille über das Glas schabte.
Ich riskierte auch einen Blick.
Das Haus am anderen Ende des Hofes war vor einer Weile saniert worden. Altbaukrams raus, Galerie-Luxuswohnung rein. Dazu schöne, große, offenherzige Fenster, die uns am Leben der Mieter auf der anderen Seite teilhaben ließen.
Ob wir es wollten oder nicht.

„Da, da ist er ja endlich. Da… jetzt kommt er die Treppen runter…“, flüsterte sie aufgeregt.

Jetzt sah ich es auch. Ein Mann kam die Treppen in der Galeriewohnung herunter. Ganz langsam. Betont langsam. Fast schon provozierend „zeitlupig“.

Er war nackt.

„Der ist vor ein paar Wochen mit seinem schwulen Freund hier eingezogen. Der hat wohl keine Arbeit, neee… der nicht… jeden Tag um elf steht der erst auf, und dann läuft er erst einmal splitternackt durch die Bude. Gibt´s doch nicht, so was…“

Ihre grau-blauen Augen rasterten den Feind auf der anderen Seite mit inbrünstiger Wut.

„Gleich reißt der wieder die Arme nach oben, wenn er unten angekommen ist. Macht der immer.“

Er tat es wirklich.
Meine Hausmeisterin blickte mich mit zusammengekniffenen Augen an.

„Die Show macht der nur für uns. Der will, dass wir das sehen. Wir sollen uns das angucken. Jeden Tag… widerlich…“

„Wieso? Ich hab doch heute das erste Mal geguckt.“

„Ach, psttt… Ruhe… jetzt geht’s weiter. Der hat da hinten so `ne Espresso Maschine. Jetzt dreht er sich gleich um.“

Er tat es, als würde er von Frau B. ferngesteuert werden. Er präsentierte uns nun sein nacktes Hinterteil und hantierte mit einer kleinen Tasse herum.
Dann verließ er den Raum.

Die Bühne war leer. Der Vorhang fiel. Das Publikum blickte sich an.

Meine Hausmeisterin nahm die Brille ab. Sie hing an einer goldenen Kette um ihren Hals, wie sie in den Siebzigern gerne Karstadt-Verkäuferinnen in der Nähwarenabteilung trugen.

„Ich mag so `ne Schamlosigkeit nicht. Gab´s hier früher im Osten auch nicht. Können wir nicht gebrauchen, so was, oder?“

Ich nickte schnell und gleich noch einmal, um meine West-Vergangenheit zu vertuschen.
Sie musterte mich und grunzte zufrieden.
Für einen Moment war ich euphorisch. Sie hatte mich an ihrem Geheimnis teilhaben lassen. Ein Verbündeter, das war ich ab heute für sie, fast schon so was wie ein Treppenhaus-Buddie.
Konnte nicht schaden.
Mit einem Hausmeister auf der Seite ist das Leben leichter.
Weiß man ja.
Ich wollte mich umdrehen und die Treppe hinab huschen, da hörte ich noch einmal ihre Stimme. Sie war unerwartet anklagend.

„Ach…, und noch was, wenn ich Sie jetzt schon mal hier hab. Da sind Klinken dran, unten an der Haustür. Ist Ihnen noch nicht aufgefallen, was?“

Der Blick, den ich ihr über meine Schulter zuwarf, war sicher nicht besonders geistvoll.

„Natürlich weiß ich das.“

„Ach nee, und warum patschen Sie dann immer mit ihren Fingern auf das Glas, wenn Sie die Tür aufstoßen? Ich putz die Scheiben nicht zum Spaß.“  

Und als wolle sie die Ernsthaftigkeit ihrer Frage untermauern, klatschte sie den Wischmob mit einer überraschend schnellen Bewegung in ihren Eimer. Sie hielt das tropfende Ungetüm wie eine geladene Waffe drohend in meine Richtung.

„Aber vielleicht war ich das doch gar nicht.“

Natürlich war ich es. Aber warum sollte ich es zugeben?

„Ich weiß, dass das ihre Handabdrücke sind. Und Sie wissen es auch. Verkaufen Sie mich nicht für doof. Klinke greifen…“, sie machte mit ihren wurstigen Fingern eine hebelnde Bewegung, „… und runterdrücken, klar?“

„Ja, klar.“

Da wurde unsere neue Freundschaft nun mit einer solchen Kleinigkeit gleich so schwerwiegend belastet. Im Heruntergehen beschloss ich, das Glas nur noch mit Handschuhen anzufassen.

Ich würde mir gleich ein neues, unbeflecktes Paar kaufen.

Und am besten zwei Nummern größer.

Sicher ist sicher.

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11 Antworten zu “DER NACKTE FEIND IM DRITTEN STOCK

  1. diese Treppenhausgeschichten vermiss ich, …………na gut, dafür hat man dann, wenn man ein Häuschen hat „Geschichten übern Gartenzaun“ nicht minder „höllisch“ 🙂
    Mag deinen Blog sehr, mehr bitte, täglich bitte!
    Gruß Conny

    • Ich würde diese Treppenhausgeschichten nicht vermissen. Heute war Montag. Da geht Frau B. immer besonders gern auf Patrouille. Selbst wenn man hinter der Tür steht, kann man ihren schweren Gang spüren. Es ist gespenstisch.

  2. Schön erzählt, ich amüsiere mich immer über deine so bitteren aber wahren Geschichten!

  3. also wenn ich das nächstemal in berlin bin kommen susanne und ich vorbei,
    möchte gern das ungeheuer kennenlernen und der nackte gibt vielleicht inspiration :-)))) …..ich hatte direkt bei mir auf dem gang so ein ungeheuer, ich erst 23 jahre alt, die woche über strohwitwe und 2 kleine kinder…..ständig klopfte sie und hielt mir ihren wischmopp unter die nase : HAUSWOCHE FRÄULEIN !!!!!!….aber irgendwie fühlte ich mich auch sicher…einbrecher, selbst vertreter hatten keine chance:-)

  4. Großartig! Ganz toll geschrieben! Fesselnd! Wie konnte mir diese Seite nur bislang entgehen! 17,5 Punkte von 15!

  5. Wegen dieser Treppenhausgeschichten wohne ich so gern in der „Platte“ Einer richtig großen mit vielen Stockwerken und 150 Mietparteien. Nur im Fahrstuhl und im Waschhaus, da kann ich denen nicht entgehen. Aber wenn ich erst weiß, wer wann wäscht oder Fahrstuhl fährt, kann ich versuchen, dem Grauen zu entgehen

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