BABY, ICH VERMISS DICH SO SEHR…

wand Liebe

„Diese Tage machen mich fertig. Echt fertig. So was von fertig.“

P. lehnt trotz der Kälte an einer Hauswand vor seinem kleinen Obstladen in Prenzlauer Berg. Es ist früh am Nachmittag, und er hat eine Bierflasche in der Hand. Er starrt in den Himmel und ist traurig.

Ich hingegen habe zwei Einkaufstüten im Arm. In der Regel trage ich sie nie an den Schlaufen. Immer im Arm. Es verschafft mir einen strategischen Vorteil. Wenn ich in meinem Kiez die Straße herunterlaufe,  kann ich immer die Tüte geschickt vor meinem Gesicht manövrieren, um von nervigen Nachbarn, gemeinen Hausmeistern oder anstrengenden Prenzlauer Berg Muttis nicht erkannt zu werden. Funktioniert eigentlich immer. Nur diesmal war ich zu langsam, und P. guckt mich aus trieftraurigen Augen  an.

Gefangen.

Eigentlich erstaunlich. So kenne ich P. nicht. Wo ist mein fröhlicher Obstmann mit den derben Scherzchen abgeblieben? Der da kann es nicht sein.
Egal. Jetzt ist es zu spät, abzutauchen.

„Was hast du denn?“

„Ach, ist immer das gleiche in dieser Jahreszeit. Ich vermiss mein Baby einfach.“

Natürlich. Jetzt hat er auch noch etwas so Schwerwiegendes gesagt, dass es mir unmöglich ist, einfach weiterzugehen. Passt mir ganz und gar nicht in den Kram. Überhaupt nicht.
Er nippt an seinem Bier und nickt mir dabei auch noch besonders schwermütig zu.
Wirkt wie einstudiert, die Masche.

Ich kenne P. nun wirklich eine Weile. Aber ich habe keine Ahnung, wer „Baby“ sein könnte. Womöglich ein Kind? Oder seine Freundin? Hat sie ihn verlassen? Sehr wahrscheinlich.  Hat er mir jemals von ihr erzählt?
Es ist mir peinlich,  mich womöglich nicht an ein so privates Detail erinnern zu können.
Vorsichtig nachfragen. So, dass er es nicht merkt. Erscheint mir schlau.

„Also…, warum rufst du dein Baby, denn nicht einfach an?

„Wie denn? Sie ist doch tot.“

Betroffenheit. Schweigen. Stille.

„Willst du auch ´nen Bier?“

„äh… ja…“

Ich trinke kein Bier. Habe ich noch  nie gemocht. Aber die Situation ist so bedrückend, dass ich es nicht ausschlagen möchte. P. kommt zurück und drückt mir die Flasche in die Hand. Die braune Pulle in meinen Fingern erscheint mir ungewohnt. Ich packe sie am Flaschenhals und schwenke sie lässig ein wenig hin und her. P. macht das auch so.

„Weißt du, das ist alles schon drei Jahre her. Aber immer im März kommt das alles zurück, diese Gefühle… und… Wummsss  (er haut mit der flachen Hand auf die Bierflasche) … holt´s mich wieder ein. Ist eine gnadenlose Angelegenheit, verstehste…?“

„Verstehe.“

Ich nicke betont betroffen und denke einen Moment besorgt an den Schwarzwälder Kirsch Eisbecher in meiner Einkaufstüte. Die Tiefkühlkette ist bestimmt schon längst unterbrochen. Das wird ein Fest der Mikroorganismen, und P. redet immer weiter.

„Willst du mal ein Foto von ihr sehen?“

Die Antwort wartet er erst gar nicht ab. Er greift in seine hintere Hosentasche, zerrt das Portemonnaie heraus, klappt es auf und dort, hinter einer durchsichtigen Plastikfolie, sehe ich „Baby“.

Es ist das Bild eines sabbernden Kampfhundes, der sich schwerfällig über ein zottiges Fell rollt. Vor ihm liegt ein brutal zerkautes Gummitier. Die Zunge schlappt zwischen scharfen Zähnen heraus, und die engen, schlitzigen Augen erinnern an die Höllenbestien diverser Horrorfilme der ausklingenden 80´er Jahre.

„War´n ganz besonderes Mädchen. Verstehste mich jetzt?“

„Klar.“

Ich atme erleichtert auf. Es hätte schlimmer, sogar viel schlimmer kommen können.
Ein langer Zug aus der Bierflasche, dann lehne ich mich an die Hauswand und spreche mit trockener Stimme.

„Dieser verdammte März.“

P. nickt.

„Da sagst du was.“

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9 Antworten zu “BABY, ICH VERMISS DICH SO SEHR…

  1. Unglaublich präzise und auf den Punkt gebracht. Kein Wort zu viel. Gefällt mir wirklich wunderbar! 🙂

  2. Das Alltägliche ins Besondere eingefangen. Die Szene ist schön und melancholisch zugleich. Das carpe diem eines verirrten Sonnenstrahls durch das memento mori eines verhangenen Märzhimmels.

    • Vielen Dank, Sebastian. Ich werde es meinem Obsthändler mitteilen. Genau so. Wortwörtlich. Der wird sich riesig freuen – inmitten seiner Bananen und Steckrüben.

  3. … ein Mikro-Organismen-Biotop zwischen Bananen und Steckrüben? … ich glaube das wirkliche Berlin ging bislang an mir vorbei…

    • Mein Talent ist es, wirklich die ekelhaftesten Dinge aufzustöbern. Darin bin ich unschlagbar.

      • …den Eindruck habe ich auch… auch bezüglich des Vorschlages mit dem Katzenfutter… ist aber noch zu toppen: ein Studienkollegen verwendete zu ähnlichem Zweck die angetrockneten Mäuse seiner Hauskatze… wohl bekomms‘!

      • Wenn man zehn davon hat, könnte man sich im Winter Fingerfelle daraus basteln. Gefällt mir, der Gedanke.

  4. ich wohne in der falschen Ecke 😉

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