BIO, BIO, BIOLAY

Mikro
Benjamin Biolay klopft theatralisch auf sein Herz. Er trinkt Wein, Er pafft. Er singt französisch. Er brüllt. Er ist melancholisch. Er wirkt aber auch übermüdet. Bewegungsfaul. Kleinäugig.
Solche Konzerte sind sowieso nur spannend wegen ihrer Besucher.
Sorry, Benjamin.
Ich habe mich ernsthaft gefragt, wer überhaupt  zu einem Biolay Konzert geht.
Antworten gibt es genug.
Neben mir steht ein hageres, glatzköpfiges Männlein mit Riesenbrille, dafür aber mindestens zwei Meter groß. Er zerrt im Takt der Musik an den Schultern seiner Freundin herum, als würde er einen Brummkreisel in Bewegung halten wollen. Soll er doch.
Weiter vorne steht eine kleine Gruppe weiblicher Wollpulliträgerinnen. Sicher Französischlehrerinnen, die es mal so richtig krachen lassen wollen. Danach steigen sie in ihren rostigen Citroen und fahren beschwingt nach Hause. Die sind so. Garantiert.
Das Exemplar zu meiner rechten aber ist etwas ganz Besonderes. Blonde Kurzhaarfrisur. Grüne Lederjacke. Lilafarbenes Tuch – einfach mal drüber geworfen, für den besonderen Pfiff. Sie reicht mir bis zum Kinn. Eigentlich verhält sie sich ganz still. Hier und da ein Lächeln bei einem langsamen Song. Dann mal ein leichtes Wippen ihrer Hüfte, wenn die Musik etwas härter wird. Und auf dem Höhepunkt, etwa, wenn sich Biolay völlig unerwartet bewegt, zwei schnelle Trippelschritte macht, steckt sie sich beide Hände in den Mund, verzieht das Gesicht wie ein Bierkutscher und pfeift sich die Seele aus dem Leib. Es überrascht mich. Es war ein markerschütterndes Geräusch. Ich kann Pfiffe aus ordinär aufgerissenen Mündern sowieso nicht ausstehen. Beim dritten Mal, wieder sind ihre ausgestreckten Finger im Mund komplett verschwunden, hustet sie plötzlich, reißt den Kopf hin und her und spuckt irgendetwas aus. Was ist da schiefgegangen?
Sie starrt auf ihre rechte Hand. Ein Fingernagel fehlt. Natürlich. Mal eben ins vietnamesische Nagelstudio gehen und sich Hochglanzfingerkuppen auf die durchgeknabberten Nägel setzen lassen. Und dann auch noch erstaunt sein, wenn sie nicht pfifffest sind.
Sie bückt sich. Sie sucht. Sie ist übellaunig. Sie geht.
Sie geht tatsächlich.
Es irritiert mich.
Welchen Wert hat ein Konzert, wenn man es wegen eines abgebrochenen Plastik-Fingernagels verlässt?
Das feine Knacken unter meinem Schuh ignoriere ich.
Sorry, Benjamin.
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7 Antworten zu “BIO, BIO, BIOLAY

  1. Na, zum Glück ist sie gegangen! 🙂

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